Klima & Erde

Klimarassismus

Klimarassismus einfach erklärt: zwei Bedeutungen, was IPCC und UN-Bericht belegen und wie er sich von Klimakolonialismus und Umweltrassismus unterscheidet.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 17.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Ungleich verteilte Klimafolgen entlang rassistischer und kolonialer Machtverhältnisse
Zweite Verwendung
Rechte Klimapolitik, die diese Ungleichheit verdeckt (Quent, Richter, Salheiser 2022)
Beleglage
Ungleichheit nach Region und Einkommen gut belegt, der Beitrag von Rassismus laut IPCC weniger gut
Datenlücke
Für trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen fanden sich keine gesonderten Daten

Einfach erklärt

Klimarassismus ist ein Begriff mit zwei Verwendungen, die sich überschneiden. Erstens beschreibt er, dass die Folgen der Klimakrise entlang rassistischer und kolonialer Machtverhältnisse ungleich verteilt sind: Wer historisch am wenigsten zu den Emissionen beigetragen hat, trägt oft die schwersten Folgen. Zweitens benennt er bei Quent, Richter und Salheiser (2022) eine politische Strategie: Rechte Parteien und Netzwerke blockieren Klimaschutz und leugnen die Erderhitzung, um diese Ungleichheit zu verdecken.

Der Begriff stammt aus Aktivismus, Publizistik und kritischer Forschung und ist kein feststehender Messbegriff. Belegt sind vor allem Teilaussagen: wie Emissionen verteilt sind, welche Regionen und Gruppen verwundbar sind und wo in den USA und Europa Klimafolgen entlang rassistischer Einordnung ungleich ausfallen.

Merke

Klimarassismus beschreibt Strukturen, keine persönlichen Absichten. Klimafolgen können entlang historisch gewachsener Ungleichheiten fallen, ohne dass jemand es so beabsichtigt.


Ausführlich erklärt

Wer Emissionen verursacht und wer sie trägt

Der IPCC beziffert die Unterschiede in seinem Bericht zur Minderung (IPCC (2022), Zusammenfassung Teil 3). Die am wenigsten entwickelten Länder trugen weniger als 0,4 % der historischen fossilen CO2-Emissionen von 1850 bis 2019 bei, die kleinen Inselentwicklungsländer 0,5 %. Pro Kopf lagen die Emissionen der am wenigsten entwickelten Länder 2019 bei 1,7 Tonnen CO2-Äquivalent, der Weltdurchschnitt bei 6,9 Tonnen (jeweils ohne Landnutzung). Auch innerhalb von Ländern ist die Last ungleich: Die 10 % der Haushalte mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen verursachen 34 bis 45 % der konsumbasierten Haushaltsemissionen, die untere Hälfte nur 13 bis 15 %.

Diese Zahlen messen Länder und Haushalte, nicht Hautfarben. Sie belegen Ungleichheit nach Region und Einkommen. Wer von Klimarassismus spricht, verbindet sie mit der Geschichte des Kolonialismus und mit der Frage, wessen Leben als schützenswert gilt.

Was der IPCC zur Verwundbarkeit sagt

Laut IPCC (2022), Zusammenfassung Teil 2 leben etwa 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen in Kontexten, die hoch verwundbar gegenüber dem Klimawandel sind. Als Treiber nennt der Bericht unter anderem Ungleichheit, Marginalisierung und historisch gewachsene Ungleichheitsmuster wie Kolonialismus. Zwischen 2010 und 2020 war die Sterblichkeit durch Fluten, Dürren und Stürme in hoch verwundbaren Regionen 15-mal höher als in Regionen mit sehr geringer Verwundbarkeit. Die Verwundbarkeit verschärfen Ungleichheit und Marginalisierung entlang von Geschlecht, Ethnizität und Einkommen oder deren Kombination, besonders für viele indigene Völker und lokale Gemeinschaften.

0,4 %der historischen fossilen CO2-Emissionen stammen von den am wenigsten entwickelten Ländern (1850 bis 2019)
3,3 bis 3,6 Mrd.Menschen leben laut IPCC in hoch verwundbaren Kontexten
15-malhöher war die Sterblichkeit durch Fluten, Dürren und Stürme in hoch verwundbaren Regionen (2010 bis 2020)

Zur Rolle von Rassismus ist der IPCC zurückhaltender. IPCC (2022), Kapitel 8 nennt „robuste Belege“ dafür, dass Klimaschäden auch eine Folge sozialer und politischer Prozesse und struktureller Ungleichheit sind, und zählt unter anderem Indigene, Communities of Colour, städtisch Arme und sozial Ausgegrenzte zu den ungleich Betroffenen. Den Zusammenhang zwischen Klimawandel, strukturellem Rassismus und Entwicklung stuft das Kapitel als weniger gut etabliert ein und betont, dass Diskriminierung nicht auf strukturellen Rassismus beschränkt ist, sondern auch Geschlecht und Kaste umfasst.

Klima-Apartheid, Klimakolonialismus, Umweltrassismus: was gemeint ist

Die Begriffe liegen nah beieinander und meinen Unterschiedliches.

Klima-Apartheid. Der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, Philip Alston, warnte 2019 in einem Bericht an den Menschenrechtsrat vor einem „Klima-Apartheid-Szenario“ (Alston (2019), Absatz 51): Wohlhabende zahlen, um Hitze, Hunger und Konflikten zu entkommen, während der Rest der Welt leidet. Der Absatz behandelt die Privatisierung von Grundversorgung und Sozialschutz, die Trennlinie verläuft dort zwischen Wohlhabenden und allen anderen. Laut dem Bericht tragen Entwicklungsländer geschätzt 75 bis 80 % der Kosten des Klimawandels, und Menschen in armen Ländern starben seit 2000 siebenmal häufiger an Katastrophen als in wohlhabenden Ländern. Alston warnt außerdem, wachsende Ungleichheit und Fluchtbewegungen könnten nationalistische, fremdenfeindliche und rassistische Reaktionen begünstigen. Mehr zu den Folgen für Fliehende steht im Eintrag zu Klimamigration.

Klimakolonialismus. Dieser Begriff betont fortwirkende koloniale Abhängigkeiten, etwa beim Rohstoffabbau für die Energiewende. Er steht im Eintrag zu Klimakolonialismus. Klimarassismus fragt dagegen, entlang welcher rassistischen Einordnungen Klimafolgen ungleich ausfallen.

Umweltrassismus. Der Begriff kommt aus der US-Umweltgerechtigkeitsbewegung. Die Proteste gegen eine PCB-Deponie im Warren County in North Carolina führten laut United Church of Christ (2007) zu mehr als 500 Festnahmen und brachten „environmental racism“ in die öffentliche Debatte. Die Studie der United Church of Christ von 1987 fand, dass „race“ die stärkste Variable bei der Standortwahl von Giftmüllanlagen war, stärker als Haushaltseinkommen. Umweltrassismus betrifft Schadstoffe und Anlagen, Klimarassismus die Folgen der Erderhitzung. Beides greift ineinander, wie der Eintrag zu Environmental Justice und der Blogartikel Umweltrassismus in Deutschland zeigen.

Klimagerechtigkeit. Das ist der Zielbegriff: eine Klimapolitik, die Verursachung, Betroffenheit und Verantwortung gerecht verteilt, zum Beispiel über Loss and Damage oder eine Just Transition. Klimarassismus benennt das Problem, Klimagerechtigkeit die Richtung der Lösung.

Wen es trifft: was Studien belegen

Schwarze Menschen und People of Color. In den USA zeigen mehrere Studien Unterschiede. Hsu et al. (2021) fanden, dass die durchschnittliche Person of Color in allen bis auf 6 der 175 größten Stadtgebiete in einem Viertel mit höherer städtischer Hitzeinsel-Intensität lebt als nicht-hispanische Weiße. Madrigano et al. (2015) stellten für New York City (2000 bis 2011) fest, dass Todesfälle während Hitzewellen häufiger Schwarze (nicht-hispanische) Menschen betrafen als andere Gruppen (Odds Ratio 1,08), und Davies et al. (2018) fanden für Gebiete mit mehrheitlich Schwarzer, hispanischer oder indigener Bevölkerung eine etwa 50 % höhere Waldbrand-Verwundbarkeit. Das sind US-Daten. Für Deutschland erfasst die Statistik Rassismuserfahrung nicht, die Studien nähern sich nur über Geburtsland und Staatsangehörigkeit (Ituen und Tatu Hey (2021)). Die Autorinnen sehen erste Hinweise, etwa bei Hitzebelastung in dicht bebauten Berliner Vierteln, halten aber weitere Forschung für nötig. Der Eintrag zu Anti-Schwarzem Rassismus ordnet die Grundlagen ein, der zu Colorismus die Abstufung nach Hautton.

Rom*nja. Der Bericht von Heidegger und Wiese (2020) wertete 32 Fälle in Mittel- und Osteuropa aus. Roma-Gemeinschaften leben demnach häufig in der Nähe von Müllhalden und Industrieanlagen und sind zusätzlich Fluten ausgesetzt. Bei der Flut im Juni 2014 im Stadtteil Asparuhovo in Varna starben 14 Menschen, nach Darstellung des Berichts die meisten davon Roma. Niemand habe die Bewohner*innen zuvor vor dem Risiko gewarnt, später habe die Stadt ihnen die Schuld gegeben. Mehr zu den Hintergründen steht im Eintrag zu Antiziganismus.

Indigene Völker. Laut IPCC (2022), Zusammenfassung Teil 2 hat Mangelernährung durch Extremwetter besonders indigene Völker, Kleinbäuer*innen und einkommensarme Haushalte getroffen. Der IPCC verknüpft ihre Verwundbarkeit ausdrücklich mit Kolonialismus und fortdauernden Ungleichheitsmustern.

Frauen, queere und trans Personen. Der IPCC nennt Geschlecht und sexuelle Orientierung unter den Gründen, aus denen strukturell benachteiligte Menschen stärker von Klimagefahren betroffen sind (IPCC (2022), Kapitel 8). IPCC (2022), Kapitel 7 berichtet, dass Frauen, Mädchen und LGBTQI-Personen während und nach Extremwetter einem höheren Risiko für häusliche Gewalt, Belästigung, sexualisierte Gewalt und Menschenhandel ausgesetzt sind, bei hoher Übereinstimmung und mittlerer Beleglage. Gesonderte Daten für trans Männer, trans Frauen oder nichtbinäre Personen fanden sich in den herangezogenen Kapiteln nicht. Wie sich Mehrfachbetroffenheit auswirkt, beschreibt der Eintrag zu Intersektionalität. Aussagen über einzelne Gruppen innerhalb dieser Spanne wären derzeit Spekulation.

Die Klimakrise verteilt ihre Folgen entlang bestehender Ungleichheiten, und viele davon sind historisch rassistisch und kolonial gewachsen.

Kerngedanke

Klimarassismus als rechte Strategie

Die zweite Bedeutung stammt aus dem Buch von Quent, Richter und Salheiser (2022). Der Verlagstext fasst die These so zusammen: Rechte Parteien und Netzwerke blockieren weltweit wirksamen Klimaschutz, weil die Hauptverantwortung beim reichen globalen Norden liege und die Folgen vor allem ohnehin benachteiligte Menschen träfen. Um diesen Klimarassismus zu kaschieren, leugneten sie, dass die Erderhitzung ein Problem sei. Das Buch beschreibt dafür Netzwerke und Argumentationsweisen. Zur Leugnung selbst steht mehr im Eintrag zu Klimaleugnung. Hier gilt: Es ist eine These der Autoren, die den Begriff politisch zuspitzt, und kein Messwert wie die Emissionszahlen des IPCC.

Was der Begriff nicht sagt

Nicht jede ungleiche Klimafolge ist rassistisch begründet: Der IPCC nennt auch Armut, schwache Staaten, Konflikte und klimaabhängige Lebensgrundlagen als Treiber der Verwundbarkeit. Der Begriff behauptet keine persönliche Schuld einzelner Menschen. Er fragt, wie sich Strukturen auswirken und wer Schutz bekommt.

Quellen: Alston (2019), UN-Dok. A/HRC/41/39 / IPCC (2022), WGII SPM / IPCC (2022), WGII Kap. 8 / IPCC (2022), WGII Kap. 7 / IPCC (2022), WGIII SPM / Hsu et al. (2021), Nature Communications 12 / Madrigano et al. (2015), Environmental Health Perspectives 123 / Davies et al. (2018), PLOS ONE 13 / Heidegger und Wiese (2020), Europäisches Umweltbüro / Ituen und Tatu Hey (2021), Heinrich-Böll-Stiftung / United Church of Christ (2007) / Quent, Richter und Salheiser (2022), Piper


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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