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Antiziganismus

Antiziganismus ist Rassismus gegen Sinti und Roma. Begriff, Geschichte bis zum NS-Völkermord, Folgen nach 1945 und Zahlen 2025.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Rassismus gegen Sinti und Roma und gegen Menschen, die pauschal als solche behandelt werden
Auch betroffen
Gruppen wie Jenische oder Pavee, die von der Mehrheit pauschal mitgemeint werden
Alternativbegriff
Rassismus gegen Sinti und Roma
Historischer Tiefpunkt
NS-Völkermord, von der Bundesregierung 1982 anerkannt
Heute
2.076 dokumentierte Vorfälle im Jahr 2025
Stand
19. Oktober 2026

Einfach erklärt

Antiziganismus ist Rassismus gegen Sinti und Roma. Das Wort bezeichnet auch die Abwertung von Menschen, die von der Mehrheit pauschal als Sinti und Roma behandelt werden, unabhängig davon, wie sie sich selbst sehen. Der Kern liegt im Blick der Mehrheitsgesellschaft: Sie macht Gruppen zu Fremden (Othering) und schreibt ihnen feste Eigenschaften zu.

Sinti und Roma sind die Selbstbezeichnungen. Das früher übliche deutsche Z-Wort ist eine Fremdbezeichnung mit gewaltvoller Geschichte und wird hier nur zur Begriffsklärung genannt.

Antiziganismus zeigt sich in Stereotypen über Kriminalität und Unstetigkeit, aber auch in romantisierenden Bildern, in Ausgrenzung in Schule, Wohnen und Behörden und in Gewalt. Er ist kein Problem der Vergangenheit: Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) dokumentierte für 2025 bundesweit 2.076 Vorfälle. Die Ausgrenzung ist eine Form der Marginalisierung, die über Generationen wirkt.

Merke

Antiziganismus beschreibt, wie die Mehrheit auf Sinti und Roma blickt und sie behandelt. Ob Menschen tatsächlich so leben, wie die Vorurteile behaupten, spielt dafür keine Rolle.


Ausführlich erklärt

Begriffe: Selbstbezeichnung, Fremdbezeichnung, Antiziganismus

Sinti leben nach dem Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (UKA) seit Anfang des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Der Bericht schreibt Sinti_ze und Rom_nja, die Bürgerrechtsbewegung fordert seit Ende der 1970er Jahre, die Eigenbezeichnung Sinti und Roma zu verwenden. Seit den 1990er Jahren steht sie auch in offiziellen Texten.

Seit dem Spätmittelalter gab es laut UKA viele Fremdbezeichnungen, darunter „Tataren“, „Heiden“ und „Ägypter“. Im Deutschen setzte sich das Z-Wort („Zigeuner“) durch. Die Kommission beschreibt es als Täterkategorie: Verfolgung und Mord wurden von Anfang an unter diesem Begriff organisiert, in Auschwitz-Birkenau wurde ein „Z“ auf die Körper der Häftlinge tätowiert. Im Romanes gibt es das Wort nicht. Wenn einzelne Menschen oder Gruppen es für sich verwenden, ist das nach der UKA meist eine Übersetzung für die Mehrheit oder eine Aneignung aus unterschiedlichen Gründen. Als Regel für andere gilt deshalb: nicht verwenden.

Das Wort Antiziganismus entstand nach der UKA in den späten 1920er Jahren in der Sowjetunion, wo Selbstorganisationen von Roma es für den Kampf gegen Diskriminierung nutzten. In Deutschland setzte es sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren durch, oft in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Bürgerrechtsbewegung.

Begriffsstreit

Der Begriff ist umstritten. Kritisiert wird, dass er die Fremdbezeichnung im Wortstamm trägt und Sinti und Roma zum Gegenstand einer Sonderforschung machen kann. Manche bevorzugen deshalb Rassismus gegen Sinti und Roma, der unmittelbar verständlich ist, aber als schwerfällige Wortgruppe gilt. Die UKA verwendet beide Begriffe nebeneinander.

Antiziganismus ist außerdem keine Xenophobie gegenüber Zugewanderten, die sich mit Integration lösen ließe. Er trifft auch Sinti und Roma, deren Familien seit Jahrhunderten in Deutschland leben. Mit der Unterzeichnung eines Rahmenübereinkommens durch die Bundesregierung 1997 wurden deutsche Sinti und Roma laut UKA als Minderheit anerkannt, die seit Jahrhunderten in Deutschland beheimatet ist.

Geschichte bis 1933

Die UKA versteht Antiziganismus als strukturelles Phänomen der europäischen Moderne, dessen Erscheinungsformen sich über Jahrhunderte überlagerten. In den Gebieten des heutigen Rumänien waren Roma spätestens seit dem frühen 15. Jahrhundert bis in die 1860er Jahre versklavt. Im Alten Reich beschlossen Reichstage und Landesherren Vertreibungen und Betretungsverbote und stellten das Töten straffrei. Diese Vogelfreiheit galt nach dem Bericht formal bis 1806.

Parallel entstand im 19. Jahrhundert ein romantisierendes Bild, das bis heute vermarktet wird. Die EU-Kommission zählt solche exotisierenden Stereotype ausdrücklich zum Antiziganismus. Mit der sogenannten Rassenforschung des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Zuschreibung ausdrücklich biologistisch.

Der NS-Völkermord

Inhaltshinweis

Dieser Abschnitt behandelt Massenmord, Zwangssterilisation und Deportationen.

Ab 1933 radikalisierte sich die Verfolgung. Mit den Nürnberger Gesetzen 1935 wurden Sinti und Roma als „Fremdrasse“ markiert und schrittweise aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Ab Mai 1940 folgten Deportationen, ab März 1943 nach Auschwitz-Birkenau. Von den im Deutschen Reich (ohne Österreich) lebenden Sinti und Roma, geschätzt auf etwa 20.000 Personen, wurden nach der UKA etwa 70 Prozent ermordet, rund 2.000 wurden zwangssterilisiert. In Mittel-, Ost- und Südosteuropa fiel der größte Teil der Roma Erschießungskommandos von SS, Polizei und Wehrmacht zum Opfer.

Die Gesamtzahl ist nicht genau bekannt. Das US-Holocaust-Museum schätzt mindestens 250.000 Ermordete, möglicherweise bis zu 500.000. Die Stiftung Denkmal nennt Schätzungen bis zu 500.000.

Für den Mord gibt es mehrere Begriffe. Karola Fings (RomArchive) hält Völkermord für den entscheidenden. Der Begriff Porajmos wurde in den 1990er Jahren von Ian Hancock verbreitet und wird kritisiert, weil das zugrunde liegende Verb im Romanes auch unangemessene Nebenbedeutungen hat. Der Linguist Marcel Courthiade plädiert für Samudaripen, den die International Romani Union inzwischen verwendet.

Nach 1945: Zweite Verfolgung

Nach 1945 blieb die Ausgrenzung bestehen. Laut UKA wurden die Täter juristisch nicht zur Verantwortung gezogen. Frühere Fachleute der Polizei bauten in München eine Zentrale auf, die unter der Bezeichnung „Landfahrer“ weiter Daten sammelte. Auch nachdem die Sonderdateien offiziell aufgelöst wurden, ging die Erfassung unter Kürzeln weiter. Der Bundesgerichtshof erkannte in einem Urteil vom 7. Januar 1956 eine rassische Verfolgung erst ab Dezember 1942 und korrigierte das 1963. Seine Präsidentin entschuldigte sich 2015 für diese Rechtsprechung.

Weil der Völkermord nach 1945 lange nicht anerkannt wurde, konnten Stigmatisierung und Ausgrenzung ohne Bruch weiterlaufen.

Kerngedanke

Die Anerkennung erkämpften Sinti und Roma selbst. Im Februar 1982 gründete sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Am 17. März 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord an. Das Denkmal in Berlin wurde 1992 beschlossen und am 24. Oktober 2012 eingeweiht. Diese späte Erinnerungskultur hat auch mit Bagatellisierung und Leugnung zu tun, die nach der UKA bis heute vorkommen, siehe Geschichtsrevisionismus.

250.000 bis 500.000geschätzte Zahl der von Deutschland und seinen Verbündeten ermordeten Roma und Sinti
1982erkennt die Bundesregierung den Völkermord an
2.076von MIA für 2025 dokumentierte antiziganistische Vorfälle

Heute: Zahlen und Strukturen

Die Meldestelle MIA dokumentierte 621 Vorfälle für 2022, 1.233 für 2023, 1.678 für 2024 und 2.076 für 2025. Ein Teil des frühen Anstiegs geht nach MIA auf die wachsende Bekanntheit der Stelle zurück, und die Organisation betont, dass die Dunkelziffer groß bleibt. 2025 geschah mehr als jeder fünfte Vorfall im Kontakt mit Behörden (428 Fälle), bei 29 Prozent davon waren Polizeikräfte beteiligt. Die Polizei erfasste für 2025 so viele antiziganistische Straftaten wie nie zuvor: 240, nach 195 im Jahr 2024. MIA konnte für 2025 erstmals 480 eigene Vorfälle Straftatbeständen zuordnen und hält die Polizeizahlen für unvollständig.

Zu Einstellungen: Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024 ergab laut Mediendienst Integration, dass 45 Prozent Probleme damit hätten, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Umgebung aufhielten, und 49 Prozent die Aussage teilten, sie neigten zur Kriminalität. Die Mitte-Studie 2024/25 kam bei der Kriminalitätsaussage auf 15,4 Prozent Zustimmung, 2022/23 waren es 28 Prozent. Die Unterschiede können an der Methodik liegen. Beide Studien zeigen, dass die Vorurteile verbreitet sind.

Politisch forderte die UKA 2021 unter anderem einen Beauftragten der Bundesregierung, eine ständige Bund-Länder-Kommission, eine Aufarbeitungskommission und feste Beteiligungsstrukturen für Sinti und Roma. Mehmet Daimagüler trat im Mai 2022 das Amt des Beauftragten der Bundesregierung an. Im Vorwort des MIA-Berichts für 2025 kündigte der Beauftragte Michael Brand an, die Aufarbeitungskommission zeitnah per Kabinettsbeschluss einzusetzen. Ob das inzwischen geschehen ist, wurde hier nicht geprüft.

Was im Alltag hilft: das Z-Wort meiden, Vorurteile über Kriminalität und ein angeblich freies Leben hinterfragen, Vorfälle bei MIA melden und den Selbstorganisationen von Sinti und Roma zuhören.

Hinweis zur Quellenlage: Die meisten Angaben stammen aus dem Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (2021) und aus den Jahresberichten der Meldestelle MIA. Die Studien zu Einstellungen wurden nicht im Original eingesehen, sondern über die Auswertung des Mediendienst Integration. MIA-Zahlen erfassen gemeldete Vorfälle und sind keine repräsentative Messung. Stand 19. Oktober 2026.

Quellen: Unabhängige Kommission Antiziganismus (2021): Bericht, Bundestagsdrucksache 19/30310 / MIA (2026): 4. Jahresbericht, Vorfälle 2025 / MIA (2025): 3. Jahresbericht, Vorfälle 2024 / MIA: Pressemitteilung vom 12. Juni 2026 zur PMK-Statistik 2025 / Karola Fings: Völkermord, Holocaust, Porajmos, Samudaripen, RomArchive / United States Holocaust Memorial Museum: Genocide of European Roma 1939 bis 1945 / Stiftung Denkmal: Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas / Mediendienst Integration: Antiziganistische Einstellungen, Stand 4. März 2026


Wie Ausgrenzung auch in der Umweltbelastung sichtbar wird: Umweltrassismus in Deutschland: Wenn Deponien und Industrieanlagen immer neben denselben Vierteln entstehen.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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