Queeres ABC

Ökofeminismus

Ökofeminismus einfach erklärt: Herkunft, Strömungen, Studienlage zu Katastrophen und wie trans und nichtbinäre Personen mitgedacht werden.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Denkrichtung, die Herrschaft über Natur und Herrschaft über Frauen und andere abgewertete Gruppen als zusammenhängend untersucht
Begriff
Françoise d’Eaubonne prägt „écoféminisme“ 1974 in „Le féminisme ou la mort“
Wichtige Stimmen
Karen Warren, Val Plumwood, Maria Mies, Vandana Shiva, Bina Agarwal, Greta Gaard
Streitpunkt
Ob eine besondere Nähe von Frauen zur Natur behauptet wird oder soziale Ursachen im Mittelpunkt stehen
Nicht gemeint
Dass Frauen von Natur aus umweltbewusster wären

Einfach erklärt

Ökofeminismus ist eine Denkrichtung und Bewegung, die untersucht, wie die Ausbeutung der Natur und die Unterdrückung von Frauen und anderen abgewerteten Gruppen miteinander zusammenhängen. Die Grundidee: Dieselben Denkmuster, die Herrschaft über andere Menschen rechtfertigen, rechtfertigen auch den rücksichtslosen Umgang mit der Natur. Natur und Frauen gelten dann als Ressource, die verfügbar sein soll, während Verstand, Kultur und Männlichkeit als überlegen gelten.

Das Wort stammt von der französischen Feministin Françoise d’Eaubonne, die 1974 in „Le féminisme ou la mort“ („Der Feminismus oder der Tod“) von „l’éco-féminisme“ sprach. Seitdem hat sich ein breites Feld entwickelt, das von Philosophie über Entwicklungsforschung bis zu Protestbewegungen reicht.

Ein Beispiel: Wenn Dürren, Überschwemmungen oder Stürme Menschen treffen, sind nicht alle gleich verletzbar. Wer wenig Geld, wenig Land und wenig Mitsprache hat, trägt das größte Risiko. Die Studienlage dazu steht weiter unten. Besonders stark spielen solche Unterschiede in Regionen, die bis heute unter den Folgen des Kolonialismus und wirtschaftlicher Ungleichheit leiden.

Merke

Ökofeminismus behauptet nicht, Frauen seien „von Natur aus“ friedlicher oder grüner. Der überzeugendste Teil der Debatte fragt nach Herrschaftslogiken, Arbeit und Besitz, nicht nach angeblichen weiblichen Wesenszügen.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Françoise d’Eaubonne wollte 1974 Frauenbewegung und Ökologie zusammenführen. Ihr Slogan „Der Feminismus oder der Tod“ war laut der Philosophin Trish Glazebrook ein Kampfruf und eine Warnung zugleich. Laut Glazebrook führte d’Eaubonne zwei Gefahren auf eine männlich geprägte Ordnung zurück: Überbevölkerung und die Erschöpfung natürlicher Ressourcen. Ihr Argument, die Ausbeutung weiblicher Fortpflanzungskraft treibe die Bevölkerungszahl, ist eine Position von 1974 und nicht der heutige Stand der Debatte.

Vorläufer gab es. Laut Glazebrook hatte schon Simone de Beauvoir darauf hingewiesen, dass in der Logik des Patriarchats sowohl Frauen als auch Natur als das „Andere“ erscheinen.

Strömungen und Streit

Ökofeminismus ist kein einheitliches Theoriegebäude. Die Literatur sortiert die Positionen unterschiedlich, drei Linien lassen sich aber gut unterscheiden.

Herrschaftslogik. Karen Warren beschrieb 1990 eine „Logik der Herrschaft“ („logic of domination“). Nach der Zusammenfassung des Aufsatzes stützt sich die Umweltkrise auf dualistische Denkschemata, die unbelebte Natur, Tiere, Frauen und andere in einen niedrigeren Rang stellen und Gegensatzpaare hierarchisch werten. Val Plumwood (1939 bis 2008) führte diesen Gedanken 1993 in „Feminism and the Mastery of Nature“ weiter. Sie kritisierte einen „Standpunkt der Herrschaft“, der Verstand (als männlich gedacht) und Kultur gegen Gefühl (als weiblich gedacht) und Natur ausspielt. Zugleich lehnte sie ab, Fürsorge oder Einfühlung einfach Frauen zuzuschreiben und Rationalität als „männlich“ zu verwerfen. Das eigentliche Problem sei eine einseitige Vorstellung von Vernunft und ein menschenzentrierter Blick.

Materielle Verhältnisse. Bina Agarwal stellte 1992 der US-amerikanischen und einer indischen Spielart der Debatte entgegen, dass das Verhältnis von Frauen und Männern zur Natur in ihrer materiellen Wirklichkeit wurzele, also in Arbeitsteilung, Besitz und Zugang zu Ressourcen. Frauen in armen ländlichen Haushalten Indiens seien von Umweltzerstörung auf besondere Weise betroffen. Das liege an ihrer sozialen Lage, nicht an einer besonderen Natur.

Ökonomie und Subsistenz. Maria Mies beschrieb die unbezahlte Arbeit von Frauen im Haushalt, die Arbeit von Subsistenzproduzentinnen und Subsistenzproduzenten und die Arbeit der Natur als verborgenen Unterbau der kapitalistischen Weltwirtschaft. Ihr Bild dafür ist eine Eisberg-Ökonomie. Gemeinsam mit Vandana Shiva veröffentlichte sie 1993 das Buch „Ecofeminism“. Alternativen zur Wachstumslogik behandelt der Eintrag zu Postwachstum.

1974prägt Françoise d’Eaubonne den Begriff „l’éco-féminisme“
bis zu 141Länder wertet die Studie von Neumayer und Plümper für 1981 bis 2002 aus
2004erhält Wangari Maathai den Friedensnobelpreis

Was Studien zu Katastrophen zeigen

Einen belegbaren Zusammenhang liefert die Katastrophenforschung. Eric Neumayer und Thomas Plümper werteten 2007 Daten aus bis zu 141 Ländern für die Jahre 1981 bis 2002 aus. Ergebnis: Naturkatastrophen senken die Lebenserwartung von Frauen im Schnitt stärker als die von Männern. Anders gesagt, sie töten im Durchschnitt mehr Frauen als Männer oder Frauen in jüngerem Alter. Je stärker die Katastrophe, desto deutlicher der Effekt. Je höher der sozioökonomische Status von Frauen in einem Land, desto schwächer wirkt er. Körperliche Unterschiede erklärten die Lücken laut den Autoren kaum, entscheidend sei die alltägliche soziale Stellung.

Wichtig ist die Grenze dieser Aussage: Die Studie misst Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Durchschnitt über viele Länder. Sie vergleicht die Lebenserwartung von Frauen und Männern. Aussagen darüber, wie sich Katastrophen auf nichtbinäre Personen, trans Männer oder intergeschlechtliche Menschen auswirken, lassen sich daraus nicht ableiten. Dafür braucht es eigene Forschung. Mehr zum Zusammenhang steht in den Einträgen zur Klimakrise und zu Klimagerechtigkeit.

Ein praktisches Beispiel für die Verbindung von Umwelt und Frauenrechten nennt das Nobelkomitee: Es würdigte 2004 Wangari Maathai für ihren Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, Demokratie und Frieden. Sie gründete die Green Belt Movement, die laut Pressemitteilung fast dreißig Jahre lang arme Frauen mobilisierte, 30 Millionen Bäume zu pflanzen. Ob das als ökofeministisch gilt, hängt davon ab, wie weit der Begriff gefasst wird.

Ökofeminismus fragt nicht, ob Frauen die besseren Umweltschützerinnen sind, sondern wer von der Ausbeutung der Natur profitiert und wer ihre Folgen trägt.

Kerngedanke

Kritik und Weiterentwicklung

Der sogenannte kulturelle Ökofeminismus, der eine besondere Verbindung von Frauen und Natur behauptet, ist umstritten. Kritik lautet, er könne Rollenbilder festschreiben, die Frauen auf Fürsorge und Mutterschaft reduzieren. Plumwood wandte sich laut Zusammenfassung ausdrücklich gegen essentialistische Vorstellungen von männlichen und weiblichen „Wesen“.

Daraus ergibt sich eine Konsequenz für Geschlechtervielfalt. Wenn „Frau“ und „Natur“ zusammengedacht und Geschlecht als natürlich-binär vorausgesetzt wird, geraten trans Männer, nichtbinäre und intergeschlechtliche Personen aus dem Blick, und trans Frauen stehen in Gefahr, nicht als Frauen zu zählen. Kuura Irni argumentiert 2023, Ökofeminismus müsse seine ausschließenden Genealogien prüfen, die Naturalisierung eines binären Geschlechtermodells aufgeben und geschlechtliche Selbstbestimmung unterstützen. Darin liegt eine trans-inklusive Weiterentwicklung. Greta Gaard forderte schon 1997 einen queeren Ökofeminismus. Sie untersucht, wie das „Natürliche“ gesellschaftlich konstruiert wird, und wie Christentum und die Rhetorik des Kolonialismus als Herrschaftslogik dienen. Das schließt an die Kritik an Heteronormativität an, ebenso an die Queere Ökologie.

Was der Begriff nicht sagt

Ökofeminismus ist kein geschlossenes Programm und keine naturwissenschaftliche Theorie, sondern ein Feld philosophischer, politischer und sozialwissenschaftlicher Ansätze. Die Positionen widersprechen sich teilweise. Weitere Achsen wie Klasse, Kolonialgeschichte oder Behinderung bringt die Intersektionalität ein, etwa beim Thema Klimarassismus.

Was du tun kannst

  1. Frage bei Umweltthemen, wer die Folgen trägt, und achte darauf, ob Frauen, trans, nichtbinäre und intergeschlechtliche Personen in Daten und Entscheidungen vorkommen.
  2. Prüfe Aussagen wie „Frauen sind naturverbundener“ auf Verallgemeinerungen, die Rollenbilder festschreiben.
  3. Unterstütze Initiativen, in denen die Menschen vor Ort über Land, Wasser und Wälder mitentscheiden.

Quellen: Glazebrook, T. (2002): Karen Warren’s Ecofeminism. Ethics and the Environment 7 (2) (Zusammenfassung zu d’Eaubonne 1974 geprüft über OpenAlex, 15.10.2026) / Warren, K. J. (1990): The Power and the Promise of Ecological Feminism. Environmental Ethics 12 (2), S. 125 bis 146 (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Plumwood, V. (1993): Feminism and the Mastery of Nature. Routledge (Verlagszusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Plumwood, V. (2019): Feminism and the Mastery of Nature (Auszug in einer Routledge-Sammlung mit Einordnung ihrer Position; Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Agarwal, B. (1992): The Gender and Environment Debate: Lessons from India. Feminist Studies 18 (1), S. 119 bis 158 (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Mies, M. (2007): Patriarchy and accumulation on a world scale revisited. International Journal of Green Economics 1 (3/4) (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Neumayer, E. und Plümper, T. (2007): The Gendered Nature of Natural Disasters. Annals of the Association of American Geographers 97 (3), S. 551 bis 566 (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Gaard, G. (1997): Toward a Queer Ecofeminism. Hypatia 12 (1), S. 114 bis 137 (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Irni, K. (2023): Revisiting Ecofeminist Genealogies: towards Intersectional and Trans-Inclusive Ecofeminism. Brill (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex) / Norwegisches Nobelkomitee (2004): Pressemitteilung zum Friedensnobelpreis an Wangari Maathai (Volltext gelesen, abgerufen 15.10.2026)

Wie Geschlecht und Klimakrise sich konkret verschränken, zeigt der Blogartikel Doppelt betroffen: Warum die Klimakrise queere Menschen härter trifft.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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