- Bedeutung
- Wanderung, die ganz oder teilweise mit Klimafolgen zusammenhängt, freiwillig oder erzwungen
- Meist
- Im eigenen Land, oft vom Land in die Stadt
- Formen
- Dauerhaft, saisonal, zirkulär, geplante Umsiedlung
- Gegenstück
- Immobilität: Menschen, die bleiben, weil sie nicht gehen können
- Rechtlich
- Kein eigener Rechtsstatus, die IOM-Definition ist eine Arbeitsdefinition
Einfach erklärt
Klimamigration meint Wanderung von Menschen, die ganz oder teilweise mit den Folgen des Klimawandels zusammenhängt. Dazu gehört die Bauernfamilie, die in der Trockenzeit in der Stadt arbeitet, ebenso wie die Gemeinde, die ihr Dorf aus der Küstenzone verlegt. Wer dabei freiwillig geht und wer gehen muss, lässt sich oft kaum trennen.
Anders als das Bild vom Flüchtlingsstrom nahelegt, findet die meiste Klimamigration im eigenen Land statt. Und sie ist nicht nur Notlage: Wanderung kann auch eine Strategie sein, mit Klimafolgen umzugehen. Wer nicht wandern kann, ist dagegen oft besonders gefährdet. Die Frage, ob und wie solche Menschen rechtlich geschützt sind, behandeln die Einträge zu Klimaflüchtlingen und zu Klimafluchtursachen. Hier geht es um Wanderung als Anpassung, um Daten und um die Menschen, die bleiben.
Merke
Klimamigration ist weder automatisch Katastrophe noch automatisch Lösung. Entscheidend ist, ob Menschen wählen können: gehen, bleiben oder pendeln.
Ausführlich erklärt
Was der Begriff meint
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) definiert Klimamigration als Bewegung von Personen, die überwiegend wegen plötzlicher oder fortschreitender Umweltveränderungen infolge des Klimawandels gezwungen sind, ihren gewohnten Wohnort zu verlassen, oder sich dafür entscheiden, vorübergehend oder dauerhaft, innerhalb eines Staates oder über Grenzen. Die IOM nennt das ausdrücklich eine Arbeitsdefinition ohne rechtlichen Wert. Im Glossar steht auch, Wanderung könne mit größerer Verwundbarkeit einhergehen, besonders wenn sie erzwungen ist, könne aber ebenso eine Anpassung an Umweltveränderungen sein, die Resilienz stärkt.
Wanderung als Anpassung
Der Weltklimarat IPCC führt Wanderung unter den Anpassungsoptionen auf, mit der Einschränkung: Wenn sie freiwillig, sicher und geordnet ist, verringert sie Risiken durch klimatische und nichtklimatische Belastungen. Je mehr Anpassungsfähigkeit vorhanden ist, desto größer ist laut IPCC der Grad an Wahlfreiheit, unter dem Menschen entscheiden (hohe Sicherheit).
Wie das konkret aussieht, zeigt der Foresight-Bericht der britischen Regierung von 2011. Danach ist Wanderung oft eine Entscheidung auf Haushaltsebene, um Einkommen zu streuen. In Kenia nutzten Haushalte mit schlechten Böden und sinkenden Erträgen Wanderung zur Einkommensdiversifizierung. In Burkina Faso war kurzzeitige Wanderung zwischen ländlichen Gebieten in den 1970er Jahren eine verbreitete frühe Reaktion auf Dürre. Auf der Insel Hatia in Bangladesch nutzten 22 Prozent der befragten Haushalte nach Sturmfluten Wanderung in die Stadt als Bewältigungsstrategie, nach Flussufererosion 16 Prozent.
Das Bild ist nicht einseitig: In Mali konnten sich Menschen, die 1983 bis 1985 von Dürre betroffen waren, die Wanderung in die Städte laut demselben Bericht weniger leisten.
Meist im eigenen Land
Der Groundswell-Bericht der Weltbank von 2021 modelliert ausschließlich Binnenwanderung, weil die große Mehrheit der Migrierenden keine Grenzen überquert. Er rechnet für sechs Weltbank-Regionen: Subsahara-Afrika, Ostasien und Pazifik, Südasien, Nordafrika, Lateinamerika sowie Osteuropa und Zentralasien.
Seine Ergebnisse folgen einem Muster: Schon ab 2030 entstehen Hotspots, in die Menschen ziehen, und Hotspots, aus denen sie wegziehen. Wegzugsgebiete sind laut Bericht oft Wirtschafts- und Bevölkerungszentren, die weiter viele Menschen tragen, etwa das Mekong-Delta in Vietnam. Zuzugsgebiete können selbst gefährdet sein: Marokkos Tingitana-Halbinsel zieht wegen besserer Wasserverfügbarkeit Menschen an, ist aber von Meeresspiegelanstieg und Sturmflut bedroht. Der Foresight-Bericht hält aus anderem Blickwinkel fest, dass etwa so viele Menschen in Risikogebiete ziehen könnten wie daraus weg.
Wie viele? Daten und ihre Grenzen
Die meistzitierte Zahl stammt aus Groundswell: Bis 2050 könnten bis zu 216 Millionen Menschen in den sechs Regionen innerhalb ihrer Länder klimabedingt wandern. Das ist der obere Rand des pessimistischen Szenarios und knapp 3 Prozent der Bevölkerung dieser Regionen. Auf Subsahara-Afrika entfallen bis zu 85,7 Millionen, auf Ostasien und Pazifik 48,4 Millionen, auf Südasien 40,5 Millionen, auf Nordafrika 19,3 Millionen (9,0 Prozent der Bevölkerung, der höchste Anteil), auf Lateinamerika 17,1 Millionen und auf Osteuropa und Zentralasien 5,1 Millionen.
Die Spanne gehört zur Aussage. Mit starkem Klimaschutz läge die Zahl bei 44 Millionen, mit inklusiver Entwicklung bei 91 Millionen, bis zu 60 Prozent weniger. Der Bericht sagt selbst, dass die Zahlen nicht in Stein gemeißelt sind. Zugleich nennt er sie wahrscheinlich konservativ, weil sie nur langfristige Wanderung durch schleichende Folgen erfassen (Wasser, Ernteerträge, Meeresspiegel mit Sturmflut) und die meisten Hocheinkommensländer nicht abdecken. Nicht enthalten sind Extremereignisse, Wanderung über Grenzen, Umsiedlung, saisonale Wanderung und Immobilität.
Für Vertreibung durch Katastrophen liefert das IDMC jährliche Daten: 29,9 Millionen Bewegungen 2025, Ende 2025 lebten fast 13,6 Millionen Menschen nach Katastrophen in Binnenvertreibung. Das IDMC zählt Bewegungen, nicht Personen, und schließt auch Erdbeben ein. Es hält außerdem fest, dass eine vorübergehende Evakuierung mit guter Vorsorge Menschen schützen kann.
Saisonal und zirkulär
Klimamigration ist nicht immer ein Abschied. Zirkuläre Migration bedeutet laut IOM, dass Menschen wiederholt zwischen zwei oder mehr Orten pendeln. Das Glossar nennt sie ausdrücklich auch eine Bewältigungsstrategie bei Klimawandel und Umweltzerstörung: Programme können lokale Einkommen ergänzen und Gemeinschaften widerstandsfähiger machen. Richtig gesteuert, so die IOM, hilft zeitweilige Wanderung, Leben und Besitz zu schützen, und Rücküberweisungen oder neues Wissen stützen später die Erholung.
Groundswell weist darauf hin, dass saisonale Wanderung für die Armutsbekämpfung wichtig ist und dass sie in den Prognosen fehlt. Für den Pazifik beschreibt der Bericht Mobilität als alt: Pazifische Gemeinschaften waren dort schon vor der Kolonialzeit für Handel und Kultur sehr mobil, in einem „Meer von Inseln“. Wanderung ist dort also kein neues Phänomen.
Wer nicht gehen kann: Immobilität
Der Foresight-Bericht stellte schon 2011 fest, dass Millionen Menschen nicht von Orten wegkommen könnten, an denen sie extrem verwundbar sind. Er sah diese „gefangenen“ Bevölkerungen als ebenso wichtiges politisches Thema wie die Wandernden. Wer wenig Vermögen und soziale Netzwerke hat, kann seltener wandern.
Groundswell greift das auf und trennt freiwillige und unfreiwillige Immobilität: Bleiben kann eine Wahl sein, aber oft sitzen gerade die Verwundbarsten fest. Der Bericht verweist auf Studien, nach denen Frauen und Menschen in einkommensschwachen Ländern besonders häufig festsitzen und nach denen Wassermangel bei extremer Armut eher festhält als zur Wanderung bringt. Mehr zu den Ursachen im Eintrag zur Wasserknappheit.
Geplante Umsiedlung
Wenn Anpassung vor Ort nicht mehr reicht, kommt geplante Umsiedlung infrage. Die IOM versteht darunter einen geplanten Prozess, bei dem Menschen oder Gruppen bei der Umsiedlung unterstützt und in einem neuen Ort mit den Bedingungen für den Wiederaufbau ihres Lebens versorgt werden. Sie gilt als letztes Mittel, und laut Groundswell sollen die Betroffenen daran beteiligt werden.
Ein Beispiel ist das Dorf Vunidogoloa auf Vanua Levu in Fidschi, laut Regierung die erste umgesiedelte Gemeinde des Landes. Rund 130 Menschen zogen 2014 landeinwärts, auf Land innerhalb der traditionellen Gemeindegrenzen. Die Diskussion hatte sieben Jahre vorher begonnen, die Umsiedlung war für die Dorfbewohner laut einer zitierten Studie dennoch „harrowing“, also zermürbend, weil sie ihr angestammtes Land verließen. Fidschi hat 2018 Leitlinien zur geplanten Umsiedlung (Planned Relocation Guidelines) und einen Treuhandfonds dafür aufgelegt. Vanuatu verabschiedete 2018 eine nationale Politik zu klima- und katastrophenbedingter Vertreibung.
Kiribati zeigt die Gegenseite: Das Land hatte früher eine Politik der „Migration in Würde“, setzt laut Groundswell inzwischen aber vor allem auf Anpassung vor Ort, damit die Menschen bleiben können. Seit dem Cancún-Rahmenwerk von 2010 steht Wanderung, Vertreibung und geplante Umsiedlung auch in den UN-Klimaverhandlungen. Um Entschädigung für Schäden, die sich nicht mehr vermeiden lassen, geht es bei Loss and Damage.
Nicht die Bewegung ist das Problem, sondern fehlende Wahl: Wer gehen, bleiben oder pendeln kann, passt sich an. Wer nichts davon kann, trägt die Klimafolgen ohne Ausweg.
Kerngedanke
Was dieser Begriff nicht sagt
Der Begriff behauptet keine Massenwanderung nach Europa: Die große Mehrheit der Migrierenden überquert laut Weltbank keine Grenze. Er macht auch nicht jede Wanderung zur Klimafolge, denn Klima wirkt meist neben Armut, Arbeitsmarkt und Politik. Und er sagt nichts darüber, ob jemand rechtlich als Flüchtling gilt.
Was du tun kannst
- Frage bei jeder Zahl: Welche Region, welcher Zeitraum, welches Szenario, nur Binnenwanderung oder auch Grenzübertritte?
- Trenne in Berichten zwischen Wandernden, Vertriebenen und Menschen, die nicht gehen können, statt alle als „Klimaflüchtlinge“ zusammenzufassen.
- Frage bei Umsiedlungsplänen: Wer entscheidet, wer bezahlt, und werden Betroffene wirklich beteiligt?
Quellen: Weltbank (2021): Groundswell Part II, Acting on Internal Climate Migration / IOM (2019): Glossary on Migration, International Migration Law No. 34 / Foresight (2011): Migration and Global Environmental Change, Executive Summary, UK Government Office for Science / IPCC (2022): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe II, Summary for Policymakers / IDMC (Mai 2026): Global Report on Internal Displacement 2026 (abgerufen 16.10.2026)
Wer schon heute besonders unter der Klimakrise leidet: Hitze trifft nicht alle gleich: Warum chronisch Kranke, Ältere und Menschen in Armut besonders leiden.
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