- Bedeutung
- Englischer Begriff für Umweltgerechtigkeit: faire Verteilung von Umweltlasten und gleiche Mitsprache
- Herkunft
- Proteste in Warren County, North Carolina, 1982
- Drei Forderungen
- Verteilung, Anerkennung und Beteiligung (Schlosberg, 2004)
- Heute
- Weltweite Bewegung, auch gegen Konflikte um Rohstoffe, Abfall und Land
- Verwandt
- Klimagerechtigkeit und Klimarassismus
Einfach erklärt
Environmental Justice ist der englische Begriff für das, was auf Deutsch Umweltgerechtigkeit heißt: Umweltbelastungen sollen fair verteilt sein, und alle Betroffenen sollen mitentscheiden können. Belastungen sind zum Beispiel Giftmüll, Industrieabgase oder Verkehrslärm. Der Begriff kommt aus der US-Bürgerrechtsbewegung und wird heute weltweit für Kämpfe um Land, Wasser und saubere Luft verwendet.
Dieser Eintrag erklärt den Begriff aus der internationalen Perspektive. Wie die Debatte in Deutschland geführt wird und was Studien zu deutschen Städten zeigen, steht im Eintrag zu Umweltgerechtigkeit.
Merke
Environmental Justice fragt nicht nur, wie die Umwelt geschützt wird, sondern auch, wer die Lasten trägt, wer anerkannt wird und wer mitentscheidet.
Ausführlich erklärt
Herkunft: von Warren County zum Gipfel 1991
1982 lösten im Warren County in North Carolina eine Deponie für PCB, giftige Industriechemikalien, Proteste mit mehr als 500 Festnahmen aus. Die Proteste konnten die Deponie nicht verhindern. Laut der United Church of Christ (UCC) setzten sie aber den Begriff „environmental racism“ auf die Landkarte und starteten die nationale Bewegung. Daraus ging 1987 die UCC-Studie „Toxic Wastes and Race“ hervor, die erste landesweite Untersuchung, die Standorte von Abfallanlagen mit der Zusammensetzung der Bevölkerung verglich.
Auch die Wissenschaft untersuchte solche Standorte. Der Soziologe Robert D. Bullard analysierte 1983 die Müllanlagen in Houston, Texas. Nach der Zusammenfassung seines Aufsatzes lagen sie nicht zufällig verteilt, sondern überwiegend in Schwarzen Vierteln. Als Gründe nennt er Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, fehlende Regeln zur Flächennutzung und Entscheidungen öffentlicher Stellen über fünfzig Jahre.
Die Commission for Racial Justice der UCC unter Benjamin Chavis gab den Anstoß zum First National People of Color Environmental Leadership Summit, der vom 24. bis 27. Oktober 1991 in Washington stattfand. Laut UCC weitete der Gipfel die Bewegung über den Kampf gegen Giftstoffe hinaus aus: auf Gesundheit, Arbeitsschutz, Flächennutzung, Verkehr, Wohnen und die Stärkung von Gemeinschaften. Die Delegierten verabschiedeten 17 Prinzipien der Environmental Justice. Die Präambel verbindet die Zerstörung von Land und Gemeinschaften mit mehr als 500 Jahren Kolonisierung und Unterdrückung. Prinzip 5 fordert Selbstbestimmung für alle Völker, Prinzip 9 Entschädigung und gute Gesundheitsversorgung für Betroffene.
Drei Forderungen: Verteilung, Anerkennung, Beteiligung
Der Politikwissenschaftler David Schlosberg zeigte 2004, dass die Gerechtigkeit, die Bewegungen fordern, dreifach ist: gerechte Verteilung von Umweltrisiken, Anerkennung der Vielfalt der Beteiligten und Erfahrungen in den betroffenen Gemeinschaften sowie Beteiligung an den politischen Prozessen, die Umweltpolitik gestalten. Viele Akteure forderten also mehr als nur Verteilung. 2013 beschrieb er, wie sich der Begriff ausgeweitet hat: auf mehr Themen, auf globale Ungerechtigkeiten und auf das Verhältnis des Menschen zur nichtmenschlichen Welt.
Environmental Justice verlangt mehr als eine gerechtere Verteilung: Es geht auch darum, wer anerkannt wird und wer mitentscheidet.
Kerngedanke
Einen einheitlichen Kanon gibt es nicht. Das Umweltbundesamt versteht Umweltgerechtigkeit 2015 als Leitbild, das auf den Abbau der sozialräumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen und auf gerechten Zugang zu Umweltressourcen zielt. Eine allgemein verbindliche Definition stehe in Deutschland noch aus.
Eine weltweite Bewegung
Martinez-Alier und weitere Forschende beschrieben 2016, dass die Bewegung seit den 1980er und 1990er Jahren eigene Begriffe entwickelt hat, darunter environmental racism, Umweltbewegungen der Armen und der Indigenen, ökologische Schuld, Klimagerechtigkeit, Ernährungssouveränität, Landraub (land grabbing) und Wassergerechtigkeit. Sie entstanden im Aktivismus und wurden teils von der Wissenschaft aufgegriffen.
Ein Werkzeug dieser Bewegung ist der Environmental Justice Atlas (EJAtlas), eine Karte ökologischer Verteilungskonflikte, die Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam aufbauen (Temper und Shmelev, 2015). Eine Auswertung von 2.743 Fällen daraus (Scheidel und weitere Forschende, 2020) zeigt: Die Betroffenen gehören oft verletzlichen Gruppen an und protestieren überwiegend gewaltfrei. In 11 % der Fälle trugen sie dazu bei, zerstörerische Projekte zu stoppen. Wer vorbeugend mobilisiert, Protestformen verbindet und klagt, erreicht bis zu 27 %. Zugleich erlebten sie in 20 % der Fälle Kriminalisierung, in 18 % körperliche Gewalt und in 13 % Morde. Die Raten stiegen, wenn Indigene beteiligt waren.
Wie gefährlich der Einsatz bleibt, dokumentiert die Organisation Global Witness. Im September 2026 meldete sie mindestens 124 getötete Land- und Umweltverteidigende für 2025, insgesamt 2.375 Getötete und Verschwundene seit 2012. 85 % der Tötungen geschahen in Lateinamerika, allein in Kolumbien waren es 39. Mehr als drei Viertel der Getöteten waren Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, Indigene oder Menschen afrikanischer Abstammung, und über die Hälfte der Tötungen hing mit Landkonflikten zusammen.
Politik und Recht seit 2022
Am 28. Juli 2022 erklärte die UN-Generalversammlung den Zugang zu einer sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt mit 161 Stimmen bei 8 Enthaltungen zu einem universellen Menschenrecht.
In den USA ging der Trend zuletzt in die andere Richtung. Die Executive Order 12898 von 1994, die Bundesbehörden zur Beachtung von Environmental Justice verpflichtete, wurde am 21. Januar 2025 durch die Executive Order 14173 widerrufen. Einen Tag zuvor hob die Executive Order 14154 auch die Executive Order 14096 von 2023 auf, die diesen Auftrag erneuert hatte. Die Umweltbehörde EPA definierte Environmental Justice im Archivstand vom 5. Februar 2025 als gerechte Behandlung und sinnvolle Beteiligung aller Menschen, unabhängig von Einkommen, Hautfarbe, nationaler Herkunft, Stammeszugehörigkeit oder Behinderung. Unter dieser Adresse meldete die Seite beim Abruf am 19. Oktober 2026 einen Fehler (404).
Was dieser Eintrag nicht zeigt
Die Zahlen zu Konflikten und Tötungen stammen aus dokumentierten Fällen und sagen nichts über alle Konflikte weltweit. Zur Lage in Deutschland, zu Studien und zur Frage von Ursache und Wirkung bei Standortentscheidungen steht mehr im Eintrag zu Umweltgerechtigkeit.
Verwandte Begriffe abgrenzen
Klimagerechtigkeit betrachtet speziell die ungleiche Verantwortung für die Klimakrise und ihre Folgen. Klimarassismus beschreibt, wie Klimafolgen entlang rassistischer und kolonialer Machtverhältnisse ungleich verteilt sind. Für Deutschland erläutert der Blogartikel Umweltrassismus in Deutschland, was Studien dazu belegen und wo Daten fehlen. Klimagerechtigkeit und environmental racism zählen laut Martinez-Alier und weiteren Forschenden zu den Begriffen der Environmental-Justice-Bewegung. Wie sich Diskriminierungen überlagern, erklärt die Intersektionalität.
Quellen: United Church of Christ (2007): Toxic Wastes and Race at Twenty, 1987 bis 2007, Einleitung / Bullard, R. D. (1983): Solid Waste Sites and the Black Houston Community. Sociological Inquiry 53 (2-3), Zusammenfassung / Principles of Environmental Justice, First National People of Color Environmental Leadership Summit, 24. bis 27. Oktober 1991 / Schlosberg, D. (2004): Reconceiving Environmental Justice: Global Movements and Political Theories. Environmental Politics 13 (3) / Schlosberg, D. (2013): Theorising environmental justice: the expanding sphere of a discourse. Environmental Politics 22 (1) / Böhme, C. et al. (2015): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum. Umwelt & Gesundheit 01/2015, Umweltbundesamt / Martinez-Alier, J. et al. (2016): Is there a global environmental justice movement? The Journal of Peasant Studies 43 (3) / Temper, L.; Shmelev, S. (2015): Mapping the frontiers and front lines of global environmental justice: the EJAtlas. Journal of Political Ecology 22 (1) / Scheidel, A. et al. (2020): Environmental conflicts and defenders: A global overview. Global Environmental Change 63 / Global Witness (16. September 2026): At least 124 land and environmental defenders killed globally in 2025 / UN News (28. Juli 2022): UN General Assembly declares access to clean and healthy environment a universal human right / Executive Order 14173 vom 21. Januar 2025, Abschnitt 3 (a) (i), Federal Register / Executive Order 14154 vom 20. Januar 2025, Abschnitt 4 (a) (xii), Federal Register / U.S. EPA: Learn About Environmental Justice, Archivstand vom 5. Februar 2025
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