Kompakt erklärt
Environmental Justice – auf Deutsch: Umweltgerechtigkeit – bezeichnet das Prinzip, dass alle Menschen unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Hautfarbe gleichwohl vor Umweltbelastungen geschützt sein und an umweltpolitischen Entscheidungen beteiligt werden sollten. Der Begriff entstand in den frühen 1980er Jahren in den USA aus der Bürgerrechtsbewegung: Aktivist*innen beobachteten, dass Industrieanlagen, Deponien und andere Umweltrisiken überproportional häufig in armen Stadtteilen und Gemeinden errichtet wurden, in denen überwiegend Schwarze Menschen oder People of Color (PoC) – eine politische Selbstbezeichnung für Menschen mit Rassismuserfahrungen – lebten.
Environmental Justice fragt also nicht nur: „Wie schützen wir die Umwelt?” – sondern auch: „Wer wird von Umweltschäden getroffen, und wer darf mitentscheiden?” Diese doppelte Frage macht es zu einem Konzept, das Ökologie, soziale Gerechtigkeit und Antidiskriminierung verbindet. Drei Dimensionen prägen das Konzept: Verteilungsgerechtigkeit (wer trägt Umweltlasten?), Verfahrensgerechtigkeit (wer darf mitentscheiden?) und Anerkennungsgerechtigkeit (wessen Perspektiven werden überhaupt gehört?).
Für Neugierige
Environmental Justice ist ein Begriff aus der US-amerikanischen Bürgerrechts- und Umweltbewegung – er entstand nicht in akademischen Kreisen, sondern in konkreten Protesten. Ein Schlüsselereignis war Warren County, North Carolina (1982): Bewohnerinnen – mehrheitlich Schwarze – protestierten gegen eine PCB-Deponie in ihrer Gemeinde. Kurz darauf belegte der Soziologe Robert D. Bullard in einer wegweisenden Studie für Houston, Texas, dass sechs von acht Hochöfen und 15 von 17 Deponien in unmittelbarer Nähe von überwiegend Schwarzen Stadtteilen lagen, obwohl diese nur 28 % der Gesamtbevölkerung ausmachten (Bullard, 1983, Sociological Inquiry*).
Die US-Umweltbehörde EPA definiert Environmental Justice heute als die faire Behandlung und sinnvolle Beteiligung aller Menschen unabhängig von Rasse, Hautfarbe, nationaler Herkunft oder Einkommen in der Umweltpolitik. Global ist das Prinzip längst über die USA hinausgewachsen: Laut dem Environmental Justice Atlas (EJAtlas), betrieben vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Barcelona (ICTA-UAB), sind weltweit über 4.000 aktive soziale Konflikte dokumentiert, die auf Umweltungerechtigkeiten zurückgehen (Stand: 2024).
Environmental Justice ist kein abstraktes Ideal – er benennt Fragen, die auch in Deutschland akut sind: Wer wohnt an der Hauptstraße? Wer hat Zugang zu Parks und Grünflächen? Und wer wird in Planungsprozessen tatsächlich gehört?
Quellen: Bullard, R.D. (1983), Sociological Inquiry 53(2–3); U.S. EPA – Environmental Justice Definition (epa.gov/environmentaljustice); EJAtlas, ICTA-UAB Barcelona (ejatlas.org, Stand 2024).
Verwandte Begriffe: Klimagerechtigkeit · Klimarassismus · Intersektionalität · Ökofeminismus · Loss and Damage



