- Gemeint
- Szenario, in dem Wohlhabende sich vor Klimafolgen schützen und andere schutzlos bleiben
- Art des Begriffs
- Politisch und wissenschaftlich genutztes Schlagwort, kein Rechtsbegriff
- Vorläufer
- „Adaptation apartheid“, Desmond Tutu, 2007
- Bekannt durch
- Philip Alston, UN-Bericht A/HRC/41/39, 2019
- Umstritten
- Der Vergleich mit dem südafrikanischen Apartheidsystem
- Stand
- 19. Oktober 2026
Einfach erklärt
Klima-Apartheid ist ein Schlagwort für eine Gefahr: Wer Geld hat, schützt sich vor Hitze, Überschwemmungen und Hunger, wer keins hat, bleibt den Folgen der Klimakrise ausgesetzt. Der Begriff stammt aus Aktivismus und Wissenschaft und ist kein Rechtsbegriff. Bekannt wurde er durch einen UN-Bericht von 2019. Der damalige UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, Philip Alston, warnte darin: Verlässt sich die Politik zu stark auf private Anbieter, könne ein Klima-Apartheid-Szenario entstehen, in dem die Wohlhabenden sich freikaufen und der Rest der Welt leidet.
Ein Beispiel aus dem Bericht: Als der Hurrikan Sandy 2012 New York traf, blieben Menschen mit geringem Einkommen ohne Strom und Gesundheitsversorgung. Der Hauptsitz der Bank Goldman Sachs war laut Bericht durch eigene Sandsäcke und einen eigenen Generator geschützt. Das Wort Apartheid verweist auf das System der rassistischen Trennung und Herrschaft in Südafrika. Das macht den Begriff eindringlich und zugleich umstritten.
Ausführlich erklärt
Herkunft: von Desmond Tutu zu Philip Alston
Der Gedanke ist älter als der Bericht von 2019. Im Entwicklungsbericht 2007/2008 des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) schrieb der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, die Welt steuere auf eine „adaptation apartheid“ zu, eine Apartheid der Anpassung. Anpassung an den Klimawandel werde zum Euphemismus für soziale Ungerechtigkeit im globalen Maßstab: Die reiche Welt sei geschützt, die Armen und Hungrigen erlebten die Folgen im Alltag. Der Bericht selbst zeigt den Gegensatz an Beispielen. Wohlhabende Länder bauen Flutschutz und schwimmende Häuser, am Horn von Afrika laufen Frauen und Mädchen weiter, um Wasser zu holen, und im Mekongdelta lernen Frauen und Kinder schwimmen.
Philip Alston legte seinen Bericht „Climate change and poverty“ (A/HRC/41/39) 2019 dem UN-Menschenrechtsrat vor. Der Begriff fällt darin nur einmal, in Absatz 51, im Abschnitt über Privatisierung. Alston schreibt, die Privatisierung von Grundversorgung und Sozialschutz könne eine Fehlanpassung (maladaptation) sein. Als weiteres Beispiel nennt der Bericht private Feuerwehrfirmen, die bei Waldbränden die Villen zahlungskräftiger Versicherungskunden schützen. Der Begriff steht damit in einer Linie, die Lemanski, Culwick Fatti und Anciano (2026) von Tutu über Alston bis in die heutige Fachliteratur nachzeichnen. Alston wird deshalb oft als Urheber genannt, ist es nach dieser Quellenlage aber nicht allein.
Was der Alston-Bericht an Zahlen nennt
Der Bericht stützt sich dabei auf Studien Dritter, vor allem der Weltbank und von Oxfam:
- Ohne sofortiges Handeln könnte der Klimawandel laut Weltbank bis 2030 weitere 120 Millionen Menschen in Armut stürzen. Der Bericht nennt das wahrscheinlich eine Unterschätzung.
- Entwicklungsländer tragen laut Bericht schätzungsweise 75 bis 80 Prozent der Kosten des Klimawandels.
- Seit 2000 sind Menschen in armen Ländern bei Katastrophen siebenmal häufiger gestorben als in reichen Ländern.
- Behörden hätten eine Geschichte darin, wohlhabendere Gegenden zuerst zu schützen.
- Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, 3,5 Milliarden Menschen, verursacht laut einer Oxfam-Auswertung von 2015 nur 10 Prozent der Kohlenstoffemissionen, die reichsten 10 Prozent dagegen die Hälfte (50 Prozent).
Was der Weltklimarat dazu sagt
Der Weltklimarat IPCC verwendet den Begriff Klima-Apartheid nicht. Seine Aussagen zur ungleichen Betroffenheit sind aber deutlich. Im Sechsten Sachstandsbericht (2022) hält er mit hoher Sicherheit fest, dass die besonders verletzlichen Menschen und Systeme in allen Sektoren und Regionen überproportional betroffen sind. Etwa 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen leben in Kontexten, die sehr verletzlich gegenüber dem Klimawandel sind. Zwischen 2010 und 2020 lag die Sterblichkeit durch Fluten, Dürren und Stürme in hochverletzlichen Regionen 15-mal höher als in Regionen mit sehr geringer Verletzlichkeit. Als Ursachen nennt der Bericht unter anderem Armut, Ungleichheit, Marginalisierung und historische sowie andauernde Muster der Ungleichheit wie Kolonialismus.
Zur Verantwortung liefert der Teilbericht zur Eindämmung: Die am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries, so die Bezeichnung des IPCC) verursachten zwischen 1850 und 2019 weniger als 0,4 Prozent der kumulierten CO₂-Emissionen aus fossilen Quellen und Industrie. Die 10 Prozent der Haushalte mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen tragen 34 bis 45 Prozent der verbrauchsbasierten Haushaltsemissionen bei, die untere Hälfte 13 bis 15 Prozent. Das stützt den Kern des Begriffs, die ungleiche Verteilung von Verursachung und Schutz, aber nicht jede Zuspitzung, die mit ihm verbunden wird. Zum Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit und Klimarassismus siehe die jeweiligen Einträge.
Politische Risiken, die der Bericht benennt
Alston warnt nicht nur vor ungleichem Schutz, sondern auch vor politischen Folgen. Demokratie, Rechtsstaat und bürgerliche Rechte seien durch die Klimakrise ebenso gefährdet wie die Rechte auf Leben, Wasser und Nahrung. Staaten könnten auf Klimafolgen mit mehr Regierungsmacht und eingeschränkten Rechten reagieren. Unsicherheit, große Fluchtbewegungen im Inland und über Grenzen sowie wachsende Ungleichheit könnten nach dem Bericht nationalistische, fremdenfeindliche und rassistische Reaktionen begünstigen. Zu den Menschen, die dann besonders betroffen wären, gehören Klimaflüchtlinge. Der Bericht nennt dies ein Risiko, keinen Befund.
Kritik am Begriff
Der Vergleich mit Apartheid ist nicht unumstritten. Die Kritik hat mehrere Ebenen.
Erstens meint Apartheid ein konkretes historisches System: Die Nationale Partei Südafrikas nutzte das Wort ab 1948 für ihre Herrschaft der rassistischen Unterdrückung, die bis 1994 dauerte. Auch das Völkerstrafrecht fasst den Begriff eng. Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (Art. 7 Abs. 2 Buchst. h) setzt für das Verbrechen der Apartheid ein institutionalisiertes Regime systematischer Unterdrückung und Herrschaft einer rassischen Gruppe über eine andere voraus. Hinzu kommt die Absicht, dieses Regime aufrechtzuerhalten. Klima-Apartheid in Alstons Sinn beschreibt dagegen ein Risiko ungleichen Schutzes, nicht einen solchen Tatbestand.
Zweitens ist der Begriff dort wenig beliebt, wo er herkommt. Lemanski, Culwick Fatti und Anciano (2026) halten fest, dass „climate apartheid“ in Südafrika selten verwendet wird, wahrscheinlich wegen des Widerstands gegen jede Übertragung von Apartheid über den rassistischen und politischen Ursprungskontext hinaus. Sie sprechen von emotionalen und politischen Spannungen. Neuere Forschung löse den Begriff zugleich von staatlich getragenem institutionalisiertem Rassismus.
Drittens kann der Begriff zu grob sein. Die Studie von 2026 untersucht, wie wohlhabende Haushalte in Südafrika sich mit Solaranlagen vor den planmäßigen Stromabschaltungen (loadshedding) schützen und dabei Steueranreize nutzen, die ärmeren Haushalten nicht offenstehen, während diese vom unzuverlässigen Netz abhängig bleiben. Der Begriff mache diese Kluft deutlich. Er laufe aber Gefahr, individuell rationale Entscheidungen zu verurteilen und deren Beitrag zur Energiewende zu übersehen. Die Autorinnen schlagen deshalb den Rahmen „justice trade-offs“ vor, also Zielkonflikte der Gerechtigkeit.
Einordnung
Klima-Apartheid ist ein Warn- und Deutungsbegriff und keine Tatsachenbehauptung über ein bestehendes System. Belegt sind ungleiche Betroffenheit und ungleiche Verursachung, etwa im IPCC-Bericht. Ob das Wort Apartheid dafür passt, ist in der Forschung umstritten. Wer den Begriff nutzt, sollte seine Herkunft aus Südafrika nennen und begründen, was er gegenüber den Begriffen Klimagerechtigkeit und Just Transition leistet.
Wessen Perspektive kommt vor?
Die hier genannten Quellen stammen überwiegend von UN-Gremien und aus Forschung in Europa, Nordamerika und Südafrika. Der Begriff selbst geht auf Desmond Tutu zurück, einen Erzbischof aus dem Globalen Süden (einer Sammelbezeichnung für Länder, die oft kolonial geprägt und wirtschaftlich benachteiligt sind). Nach der Studie von 2026 gewinnt das Konzept in globalen Kreisen der Wissenschaft an Fahrt, während es im Ursprungsland selten genutzt wird. Betroffene Gemeinschaften im Globalen Süden kommen in den genannten Quellen vor allem als Beispiele vor, nicht als Sprechende. Wer mehr wissen will, findet hier nur einen Teil der Debatte.
Quellen: Alston (2019): Climate change and poverty, A/HRC/41/39, Abs. 10 bis 14, 51, 66, 67 / UNDP (2007): Human Development Report 2007/2008, S. 13 und Tutu-Beitrag S. 166 / IPCC AR6 WGII (2022), Summary for Policymakers, B.1 und B.2 / IPCC AR6 WGIII (2022), Summary for Policymakers, B.3.2 und B.3.4 / Lemanski, Culwick Fatti und Anciano (2026): Climate justice or climate apartheid?, Political Geography / Römisches Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, Art. 7 Abs. 2 Buchst. h
Hinweis zur Quellenlage: Stand 19. Oktober 2026. Die Zahlen aus dem Alston-Bericht stammen aus dem Bericht selbst, der sich auf Weltbank, Oxfam und weitere Studien stützt. Diese Primärstudien wurden nicht einzeln geprüft. Die Pressemitteilung des UN-Menschenrechtsbüros zum Bericht war nicht abrufbar. Stimmen aus Südafrika und dem Globalen Süden sind hier überwiegend über Fachliteratur vermittelt.
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