- Bedeutung
- Anspruch, Verantwortung, Lasten und Mitsprache in der Klimakrise gerecht zu verteilen
- Herkunft
- geprägt von der Umweltgerechtigkeitsbewegung, früh formuliert in den Bali Principles (2002)
- IPCC-Definition
- Gerechtigkeit, die Entwicklung und Menschenrechte verbindet und Lasten wie Vorteile fair teilt
- Paris-Abkommen
- Präambel nennt den Begriff „für einige“ wichtig
- Nicht gemeint
- Ein einheitlich festgelegtes Rechtskonzept
Einfach erklärt
Klimagerechtigkeit bezeichnet den Anspruch, den Klimawandel nicht nur als Umweltproblem zu behandeln, sondern als Frage der Gerechtigkeit. Denn die Klimakrise wird nicht von allen gleich verursacht, und sie trifft nicht alle gleich. Er fragt: Wer hat sie verursacht, wer trägt die Folgen, wer zahlt, wer entscheidet mit?
Der Weltklimarat IPCC hält fest, dass verletzliche Gemeinschaften, die historisch am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, unverhältnismäßig stark betroffen sind (hohe Konfidenz). Ein Vergleich: Niger stieß 2024 rund 0,12 Tonnen CO₂ pro Kopf aus, Deutschland 6,8 Tonnen, der Weltdurchschnitt lag bei 4,7 Tonnen (Global Carbon Budget 2025, nur CO₂ aus fossilen Quellen und Industrie).
Zwei Sammelbegriffe brauchen eine Einordnung. Globaler Norden und Globaler Süden sind politisch-ökonomische Bezeichnungen für wirtschaftlich stärkere und wirtschaftlich benachteiligte, oft kolonial geprägte Länder, keine Himmelsrichtungen. Sie fassen sehr verschiedene Staaten zusammen: Ostasien verursachte 2019 pro Kopf rund 11 Tonnen Treibhausgase, Südasien 2,6 Tonnen (IPCC). Wo es genauer geht, nennt dieser Eintrag deshalb die UN-Gruppen der am wenigsten entwickelten Länder (LDCs) und der kleinen Inselentwicklungsländer (SIDS).
Merke
Klimagerechtigkeit fragt nicht nur, wie viel Treibhausgas ausgestoßen wird, sondern von wem, mit welchen Folgen für wen und wer darüber mitentscheidet.
Ausführlich erklärt
Herkunft des Begriffs
Der Begriff wurde stark von der Bewegung für Umweltgerechtigkeit geprägt. Schlosberg und Collins beschreiben 2014, wie Basisbewegungen deren Grundsätze auf die Klimakrise übertrugen: lokale Auswirkungen, ungleiche Verwundbarkeit, die Stimme der Gemeinschaften und ihre Selbstbestimmung.
Ein frühes Grundsatzdokument sind die Bali Principles of Climate Justice vom 29. August 2002. Ein internationales Netzwerk legte sie rund um den Erdgipfel in Johannesburg vor, darunter CorpWatch, Friends of the Earth International, Third World Network, das Indigenous Environmental Network und OilWatch Africa. Als Vorlage dienten die Grundsätze der Umweltgerechtigkeit von 1991. Die Prinzipien verlangen eine führende Rolle betroffener Gemeinschaften bei Klimaentscheidungen, fordern die Anerkennung einer „ökologischen Schuld“ der Industrieländer und Konzerne und verlangen volle Entschädigung für Verluste von Land und Lebensgrundlagen.
Das Pariser Abkommen erwähnt den Begriff 2015 nur in der Präambel und zurückhaltend: Es hält fest, wie wichtig „für einige“ das Konzept der Klimagerechtigkeit sei. Artikel 2 verlangt, das Abkommen so umzusetzen, dass es Gleichheit und den Grundsatz der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten widerspiegelt.
Was der IPCC zur Verteilung sagt
Das Glossar des IPCC definiert Klimagerechtigkeit als Gerechtigkeit, die Entwicklung und Menschenrechte verbindet. Sie soll den Klimawandel menschenzentriert angehen, die Rechte der verletzlichsten Menschen schützen und Lasten wie Vorteile fair verteilen. Die Zahlen dazu liefert der Bericht der Arbeitsgruppe III von 2022. Die am wenigsten entwickelten Länder verursachten zwischen 1850 und 2019 weniger als 0,4 % der historischen CO₂-Emissionen aus fossilen Quellen und Industrie, die kleinen Inselentwicklungsländer 0,5 %. Pro Kopf lagen sie 2019 bei 1,7 und 4,6 Tonnen CO₂-Äquivalent, der globale Durchschnitt bei 6,9 Tonnen (ohne Landnutzung).
Auch innerhalb von Ländern sind die Emissionen ungleich verteilt: Die 10 % der Haushalte mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen verursachen 34 bis 45 % der konsumbasierten Haushaltsemissionen, die untere Hälfte 13 bis 15 %. Mehr dazu im Blogartikel Wessen Planet brennt?.
Auf der Seite der Folgen zählt der IPCC etwa 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen, die in hoch verwundbaren Verhältnissen leben. Zwischen 2010 und 2020 war die Sterblichkeit durch Überschwemmungen, Dürren und Stürme in hoch verwundbaren Regionen 15-mal höher als in Regionen mit sehr geringer Verwundbarkeit (hohe Konfidenz). Hotspots hoher Verwundbarkeit liegen laut IPCC unter anderem in West-, Zentral- und Ostafrika, Südasien, bei den kleinen Inselentwicklungsländern und in der Arktis. Niger liegt in Westafrika. Ungleichheit und Marginalisierung nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und niedrigem Einkommen verstärken die Verwundbarkeit, besonders für viele Indigene und lokale Gemeinschaften.
Dimensionen von Gerechtigkeit
Schlosberg unterscheidet 2004 für die Umweltgerechtigkeit drei Dimensionen: Verteilung von Risiken und Lasten, Anerkennung der Vielfalt der Betroffenen und ihrer Erfahrungen sowie Beteiligung an den politischen Prozessen. Der IPCC nennt in seinem Glossar außerdem Gerechtigkeit zwischen den Generationen und den Geschlechtern. Verteilung betrifft auch, wer wie viel emittieren darf (CO₂-Budget).
Wer zahlt: Klimafinanzierung und Loss and Damage
Artikel 9 des Pariser Abkommens verpflichtet die Industrieländer, Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung finanziell zu unterstützen. Auf der Klimakonferenz in Baku (November 2024) wurde ein neues Ziel beschlossen: mindestens 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2035, mit den Industrieländern in der Führungsrolle, dazu der Aufruf, die Finanzierung aus allen Quellen auf mindestens 1,3 Billionen US-Dollar zu steigern (mehr im Eintrag Klimafinanzierung). Der Bedarf für Anpassung allein liegt laut UNEP bei 310 bis 365 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2035. Die internationale öffentliche Anpassungsfinanzierung sank dagegen von 28 Milliarden US-Dollar (2022) auf 26 Milliarden (2023).
Für Schäden, die sich nicht mehr verhindern lassen (Loss and Damage), beschloss die COP27 2022 einen Fonds, die COP28 setzte ihn im Dezember 2023 in Gang. Der Beschluss hält fest, dass die Finanzierungsvereinbarungen auf Zusammenarbeit beruhen und keine Haftung oder Entschädigung beinhalten. Das bleibt hinter der Forderung der Bali Principles nach voller Entschädigung zurück. Zugesagt waren laut Fondsseite zuletzt 822,06 Millionen US-Dollar von 27 Partnern (Stand 15. März 2026). Für die ersten Förderjahre 2025 und 2026 sind 342 Millionen US-Dollar vorgesehen. Bis zum Ende der Antragsfrist im Juni 2026 gingen 176 Anträge aus 119 Ländern über zusammen rund 2,8 Milliarden US-Dollar ein (Stand 29. Juni 2026). Das ist gut das Achtfache der vorgesehenen 342 Millionen (eigene Rechnung).
Auch rechtlich ist die Frage in Bewegung: Der Internationale Gerichtshof gab am 23. Juli 2025 auf Anfrage der UN-Generalversammlung ein Gutachten zu den Pflichten von Staaten beim Klimawandel ab, unter anderem mit Beteiligung von Vanuatu, Tuvalu und Samoa. Den Inhalt wertet dieser Eintrag nicht aus.
Maßnahmen, die Gleichheit, Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und Inklusion in den Mittelpunkt stellen, führen laut IPCC zu nachhaltigeren Ergebnissen.
Kerngedanke
Wer spricht, und wer fehlt
MAPA steht für Most Affected People and Areas und ist ein Begriff der Bewegung Fridays for Future. Laut deren Newsletter umfasst er alle Gebiete des Globalen Südens sowie marginalisierte Gemeinschaften, die überall leben können, zum Beispiel BIPOC (Schwarze, indigene und andere Menschen of Color), Frauen und LGBTQIA+-Personen. Die Bewegung versteht Intersektionalität als Grundlage: Wer mehrfach benachteiligt ist, ist oft auch stärker betroffen. Wie das in Deutschland aussieht, zeigt der Blogartikel Hitze trifft nicht alle gleich.
Die Zahlen stammen überwiegend von UN-Gremien und dem IPCC, also von internationalen Institutionen. Stimmen aus Bewegungen und betroffenen Regionen kommen hier nur über deren eigene Texte vor, etwa die Bali Principles und Fridays for Future MAPA. Queere Menschen nennen die ausgewerteten IPCC-Berichte nicht ausdrücklich, Fridays for Future MAPA schon.
Was der Begriff nicht sagt
Klimagerechtigkeit ist kein einheitlich festgelegtes Rechtskonzept, und sie ist nicht gleichbedeutend mit einem Nord-Süd-Gegensatz. Reiche Haushalte gibt es überall, ebenso Verwundbarkeit in reichen Ländern. Der Begriff begründet auch keinen automatischen Entschädigungsanspruch: Die Beschlüsse zum Fonds schließen Haftung ausdrücklich aus, während Bewegungen sie fordern.
Was du tun kannst
- Achte bei Emissionsstatistiken darauf, ob Pro-Kopf-Werte oder Gesamtmengen genannt werden und ob produktions- oder konsumbasiert gerechnet wurde.
- Lies Texte von Organisationen aus betroffenen Regionen selbst, etwa die Bali Principles.
- Frage in deiner Kommune nach, ob Hitzeschutz und Klimaanpassung ältere, kranke und arme Menschen ausdrücklich mitdenken.
Quellen: IPCC (2023): AR6 Synthesebericht, Longer Report / IPCC (2022): AR6 Arbeitsgruppe III, Zusammenfassung, B.3 / IPCC (2022): AR6 Arbeitsgruppe III, Glossar / Paris-Abkommen (2015): Präambel, Artikel 2, 8 und 9 / UNFCCC (2023): Beschluss 5/CMA.5, Fonds für Verluste und Schäden / UNFCCC (2024): Beschluss 1/CMA.6, neues Klimafinanzierungsziel / FRLD: Funding (abgerufen 20.10.2026) / FRLD: Barbados Implementation Modalities (abgerufen 20.10.2026) / UNEP (2025): Adaptation Gap Report 2025, Pressestatement / Global Carbon Budget 2025 über Our World in Data (CO₂ pro Kopf 2024) / International Climate Justice Network (2002): Bali Principles of Climate Justice, über CorpWatch / Schlosberg und Collins (2014): From environmental to climate justice, WIREs Climate Change / Schlosberg (2004): Reconceiving Environmental Justice, Environmental Politics / Fridays For Future: What is MAPA? (Newsletter) / Internationaler Gerichtshof: Obligations of States in respect of Climate Change (Fallseite)
Die Sicht des Deutschen Ethikrats: Wer den Preis der Klimakrise zahlt: Der Ethikrat gibt eine klare Antwort.
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