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- Umweltrassismus heißt: Umweltbelastungen treffen Menschen, die Rassismus erfahren, häufiger. In den USA ist das seit 1987 landesweit untersucht, in Deutschland nannten Forscherinnen das Feld 2021 „fast gänzlich unerforscht“.
- Für Deutschland gibt es Fallberichte zu Sinti*zze und Rom*nja sowie Studien aus Hamburg und Kassel. Neuere Haushaltsdaten zeigen höhere Luftbelastung für Zugewanderte, die Datenlage bleibt aber dünn.
- Einkommen allein erklärt die Verteilung nicht: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt und eine historisch gewachsene Wohnsegregation spielen mit.
1985 beschrieb Romani Rose vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, wie Sinti*zze und Rom*nja in Darmstadt durch die Wohnungspolitik an den Stadtrand verdrängt wurden, in Zelte neben Müllkippe, Kläranlage und Autobahnzubringer.[1] Umweltrassismus war in Deutschland damit schon vor rund 40 Jahren ein Thema. Erforscht ist er bis heute kaum: Die Autorinnen Imeh Ituen und Lisa Tatu Hey nannten das Feld 2021 in einer Kurzstudie der Heinrich-Böll-Stiftung „fast gänzlich unerforscht“.[1]
Dieser Artikel ordnet ein, was Studien für Deutschland belegen, wo die Daten Lücken haben und was sich daraus ableiten lässt.
Umweltrassismus: Woher der Begriff kommt
Umweltrassismus beschreibt, dass Umweltbelastungen wie Giftmüll, Luftverschmutzung oder Industrieanlagen nicht zufällig verteilt sind, sondern überproportional dort landen, wo Menschen leben, die Rassismus erfahren. Das Lexikon erklärt das Feld unter Umweltgerechtigkeit. Der Begriff stammt aus der US-amerikanischen Umweltgerechtigkeitsbewegung der 1980er-Jahre. Als Startpunkt gilt Warren County in North Carolina: 1982 entschied der Bundesstaat, mit gesundheitsgefährdenden PCB-Chemikalien verseuchte Erde in der Kleinstadt Afton zu lagern, in einem der damals ärmsten Landkreise des Staates mit einem Schwarzen Bevölkerungsanteil von 65 Prozent. Eine Bürgerinitiative im weißen Teil der Stadt konnte die Deponie in ihrer Gegend abwenden. Die Schwarze Bevölkerung kämpfte mehr als drei Jahre dagegen, vergeblich.[1] Bei den Protesten gab es mehr als 500 Festnahmen.[2]
1987 untersuchte die United Church of Christ erstmals landesweit, wo gewerbliche Giftmüllanlagen stehen. Die „race“-Zugehörigkeit der Bewohner*innen, also ihre rassistische Einordnung, war die stärkste Variable, stärker als Haushaltseinkommen, Hauswerte und die Menge an Giftmüll, die die Industrie erzeugt. Eine Neuauswertung mit Zensusdaten von 1990 ergab 1994: People of Color leben mit einer um 47 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit nahe einer Giftmüllanlage als weiße Menschen.[2]
Umweltrassismus in Deutschland: Was belegt ist
Für Sinti*zze und Rom*nja nennt die Böll-Studie zwei Fälle aus dem Jahr 2004. In Heidelberg wurde Sinti*zze ein Grundstück gegeben, dessen Boden und Grundwasser durch die Produktion eines großen Reinigungsmittelherstellers stark verunreinigt waren. In Hamburg stellte die Stadt Sinti*zze und Rom*nja als Teil der Wiedergutmachung ein Grundstück zur Verfügung, ohne zu informieren, dass es eine ehemalige Mülldeponie war, auch dort sind Boden und Grundwasser mit toxischen Substanzen belastet. Die Studie stützt sich dabei auf Einträge im Environmental Justice Atlas, einer Datenbank für Umweltkonflikte.[1]
Aus Bad Hersfeld berichtet Herbert Heuß, heute wissenschaftlicher Leiter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, gegenüber der taz: Als er Anfang der 1980er-Jahre dorthin kam, habe die Sinti-Siedlung am Fuß einer nicht abgedichteten Müllhalde gelegen, die Bewohner*innen hätten deshalb verschiedene Krankheiten gehabt.[3] Das ist ein Zeitzeugenbericht, keine Messung. Heuß sagt auch, die Lage habe sich seitdem verbessert, die Minderheit lebe aber oft noch außerhalb der Städte.[3]
Für Zugewanderte und ihre Nachkommen sind die Befunde breiter. In Hamburg liegen Anlagen, die giftige Chemikalien freisetzen, überproportional in Vierteln mit einem höheren Anteil an Personen, die statistisch als Ausländer*innen gelten, und an von Armut betroffenen Personen. Die Autor*innen Liv Raddatz und Jeremy Mennis vermuten ähnliche Ursachen wie in US-Städten: Marginalisierte Gruppen, die auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt diskriminiert werden, suchen Arbeit in Industriegebieten, wohlhabendere Deutsche ziehen in sauberere Gegenden.[4] Für Kassel deuten zwei Studien von 2005 und 2008 darauf hin, dass Haushalte mit niedrigerem sozialem und wirtschaftlichem Status und mit Migrationshintergrund überproportional von Luftverschmutzung betroffen sind, so fasst es die Böll-Studie zusammen.[1]
Neuer und genauer sind Haushaltsdaten: Eine Studie in Social Forces von 2025 verknüpft Daten des Sozio-oekonomischen Panels mit Schätzungen zu Stickstoffdioxid, Feinstaub (PM2,5) und Schwefeldioxid am Wohnort. Zugewanderte Minderheiten sind in Deutschland höheren Schadstoffwerten ausgesetzt, der Nachteil ist aber nur etwa ein Drittel so groß wie in England. Zu den am stärksten Benachteiligten zählen in Deutschland Zugewanderte aus der Türkei. Zudem zahlen Zugewanderte beim Umziehen einen Preis: Hätten Haushalte ohne Einwanderungsgeschichte in denselben Vierteln angefangen, würden sie stärker von einem Umzug profitieren. Sozioökonomische Faktoren erklären diese Unterschiede nicht.[5]
Europäische Vergleichsstudien zeigen allerdings kein einheitliches Bild. In England und den Niederlanden lagen die Werte für Feinstaub (PM10) und Stickstoffdioxid in Vierteln mit mehr als 20 Prozent nicht-weißer Bevölkerung höher, in den Niederlanden um 1,1 beziehungsweise 4,5 Mikrogramm pro Kubikmeter, nach Anpassung für Verstädterung und weitere Faktoren.[6] Ein Überblick über 31 Studien aus der WHO-Region Europa fand dagegen gemischte Ergebnisse: Je nach Minderheit war die Belastung mal höher, mal niedriger.[7]
Was die Daten nicht zeigen
Die Böll-Studie weist darauf hin, dass sich in der Regel nur über Geburtsland und Staatsangehörigkeit annähern lässt, wer Rassismus erlebt. Die Studien arbeiten deshalb mit Näherungswerten wie dem Migrationshintergrund, der zudem uneinheitlich definiert ist. Für Schwarze Menschen und People of Color führt sie für Deutschland keine eigenen Messungen an, sondern stützt sich vor allem auf US-Studien.
Belastung am Wohnort ist außerdem nicht dasselbe wie gesundheitlicher Schaden. Die hier genannten Studien messen, wo Belastungen liegen und wer dort wohnt, nicht, wie viele Personen dadurch erkranken.
Warum Einkommen allein nicht reicht
Die Böll-Studie liest die europäischen Untersuchungen so: Migrationshintergrund oder Staatsbürgerschaft hängen dort stärker mit der Nähe zu Umweltrisiken zusammen als das Einkommen. Gemeint ist nicht, dass Rassismus und Klassismus, also Diskriminierung wegen eines zugeschriebenen niedrigen sozialen Status, konkurrieren. Beide überschneiden sich und verstärken die ungleiche Verteilung für Menschen, die mehrfach marginalisiert sind, eine Perspektive, die die Intersektionalität beschreibt.[1]
Ein Grund ist die Wohnsegregation, also die räumliche Trennung von Bevölkerungsgruppen. Eine repräsentative Telefonumfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter 1.041 deutschsprachigen Personen (Oktober und November 2019) zeigt: 15 Prozent der Befragten, die in den letzten zehn Jahren eine Wohnung gesucht hatten, berichteten von rassistischer Diskriminierung wegen ethnischer Zugehörigkeit oder Herkunft. 41 Prozent aller Befragten hätten Bedenken, eine eigene Wohnung an eine eingewanderte Person zu vermieten.[8]
Dazu kommt die Geschichte. Wer in den 1960er-Jahren zum Arbeiten oder Studieren nach Deutschland kam, konnte den Wohnort oft nicht frei wählen, weil Arbeits- und Ausbildungsstätten Unterkünfte stellen mussten. Später fanden viele nur Wohnungen in unsanierten Altbauten der Arbeiterviertel, aus denen weiße Deutsche in großer Zahl wegzogen. Die Böll-Studie nennt Wohnsegregation deshalb auch eine historisch gewachsene Folge rassistischer Wohnungspolitik, nicht nur privater Vorurteile. Und wer wenig verdient, kann belastete Gegenden oft nicht verlassen.[1]
Wer wo wohnt, ist nicht nur eine Frage des Einkommens, sondern auch der Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt und der Wohnungspolitik.
Kerngedanke
Hitze verstärkt bestehende Ungleichheiten
Die Klimakrise verschärft, wo Belastungen ohnehin ungleich verteilt sind. Für die USA zeigt eine Auswertung von 175 großen Ballungsräumen: In allen bis auf 6 lebt die durchschnittliche Person of Color in einem Stadtviertel mit höherer städtischer Hitzeinsel-Intensität als eine nicht-hispanische weiße Person. Ein ähnliches Muster gibt es bei Haushalten unter der Armutsgrenze.[9] Warum Städte sich überhaupt stärker aufheizen, erklärt der Eintrag zum Hitzeinsel-Effekt.
Für Deutschland gibt es bislang nur erste Hinweise. Die Böll-Studie verweist auf Berlin: Die Wärmebelastung ist laut dem Umweltgerechtigkeitsatlas des Senats in dichten Innenstadtgebieten wie Nord-Neukölln, Wedding/Gesundbrunnen, Moabit und Kreuzberg Nord besonders hoch. Menschen mit Migrationshintergrund sind in Neukölln (47 Prozent) und Wedding/Gesundbrunnen (54 Prozent) überrepräsentiert.[1] Das ist eine räumliche Überschneidung, kein Kausalbeweis. Die Autorinnen gehen aber davon aus, dass sich die Effekte von Umweltrassismus mit der Klimakrise auch hierzulande verstärken.[1]
Ein europäisches Muster bei Roma-Gemeinschaften
Dass Deutschland kein Einzelfall ist, zeigt ein Bericht des European Environmental Bureau von 2020. Er analysierte 32 Fälle in Mittel- und Osteuropa, von denen etwa 154.000 Menschen in Roma-Gemeinschaften direkt betroffen sind. Die meisten Fälle betreffen fehlenden Zugang zu Wasser und Abfallentsorgung, kleinere Zahlen Konflikte um Industriestandorte, um Land und um Tourismus- oder Naturschutzprojekte.[10] Ein Beispiel: Rund 1.500 Bewohner*innen, überwiegend Roma, leben in vier informellen Siedlungen um die Deponie Pata Rât bei Cluj-Napoca in Rumänien.[10] Nur 6 Prozent der Fälle gelten als Erfolg für Umweltgerechtigkeit.[10] Der Bericht sieht darin eine Form von Antiziganismus, also von rassistischer Diskriminierung gegen Roma.[10]
Was Politik und Planung ändern könnten
Wo Daten fehlen, lässt sich Umweltrassismus weder messen noch bekämpfen. Die Böll-Studie sieht in der Aarhus-Konvention einen möglichen rechtlichen Hebel: Der völkerrechtliche Vertrag sichert Öffentlichkeitsbeteiligung im Umweltschutz, Zugang zu Gerichten in Umweltangelegenheiten und Zugang zu Umweltinformationen, etwa über öffentliche Datenbanken. Deutschland unterzeichnete ihn am 21. Dezember 1998 und ratifizierte ihn am 15. Januar 2007.[11] Zusätzlich verbietet Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes, Menschen unter anderem wegen ihrer Abstammung, ihrer Sprache sowie ihrer Heimat und Herkunft zu benachteiligen.[12]
Was fehlt, sind laut den Autorinnen Daten, die die Lebensrealität besonders belasteter Gruppen abbilden, und eine Umwelt- und Klimapolitik, die soziale Gerechtigkeit nicht ausblendet. Umweltorganisationen und politische Entscheider*innen sollen die Bedarfe von Menschen, die Rassismus erfahren, in Programmen, Kampagnen und Studien berücksichtigen.[1]
Was daraus folgt
Umweltrassismus ist in Deutschland schlechter vermessen als in den USA, aber nicht unsichtbar. Fallberichte zu Sinti*zze und Rom*nja, Studien aus Hamburg und Kassel und neuere Haushaltsdaten zeigen, dass Belastung und Ausgrenzung räumlich zusammenfallen können. Was fehlt, sind systematische Daten und der Wille, sie auszuwerten. Das ist ein politisches Versäumnis, kein Naturgesetz, und es wiegt schwerer, je häufiger Hitze und andere Klimafolgen werden.
Was du tun kannst
- Die Kurzstudie lesen. „Der Elefant im Raum“ ist frei als PDF verfügbar und umfasst 23 Seiten.
- Nach Daten fragen. Frag im Umweltamt deiner Stadt, welche Daten zu Lärm, Luft und Hitze nach Stadtteilen vorliegen und ob sie mit Sozialdaten zusammen betrachtet werden. Das Umweltinformationsgesetz gibt jeder Person Anspruch auf freien Zugang zu Umweltinformationen, ohne ein rechtliches Interesse darlegen zu müssen (§ 3 UIG für Bundesstellen, für Länder und Kommunen gelten Landesgesetze wie das UIG NRW).[13] Berlin hat 2019 einen Basisbericht Umweltgerechtigkeit zur sozialräumlichen Umweltpolitik veröffentlicht, der als Anschauungsbeispiel taugt.[1]
- Betroffene Gruppen hören. Die Böll-Studie nennt BIPoC-Gruppen wie Klima del Sol, Mavun, Bloque Latinamericano und Black Earth, die Umwelt- und Klimakrise zusammen mit Kolonialität und Rassismus betrachten.[1]
- In Klima- und Umweltgruppen nachfragen. Fragen, ob Rassismus und soziale Gerechtigkeit in Kampagnen mitgedacht werden, denn die Autorinnen halten einen Fokus auf Umweltschutz ohne diese Fragen für unzureichend.[1]
Quellen
[1] Ituen, Imeh; Tatu Hey, Lisa (November 2021): Der Elefant im Raum, Umweltrassismus in Deutschland. Kurzstudie, Heinrich-Böll-Stiftung. boell.de (PDF)
[2] United Church of Christ (2007): Toxic Wastes and Race at Twenty, 1987 bis 2007, Einleitung. ucc.org (PDF)
[3] Andert, Mareike (10.01.2022): Umweltrassismus in Deutschland, Sinti-Siedlung neben Müllhalde. taz. taz.de
[4] Raddatz, Liv; Mennis, Jeremy (2013): Environmental Justice in Hamburg, Germany. The Professional Geographer 65(3). doi.org
[5] Rüttenauer, Tobias; Bader, Felix; Ehler, Ingmar; Best, Henning (2025): Breathing unequal air, environmental disadvantage and residential sorting of immigrant minorities in England and Germany. Social Forces 104(2). doi.org
[6] Fecht, Daniela et al. (2015): Associations between air pollution and socioeconomic characteristics, ethnicity and age profile of neighbourhoods in England and the Netherlands. Environmental Pollution 198. doi.org
[7] Fairburn, Jonathan et al. (2019): Social inequalities in exposure to ambient air pollution, a systematic review in the WHO European region. International Journal of Environmental Research and Public Health 16(17). doi.org
[8] Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2020): Rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. antidiskriminierungsstelle.de (PDF)
[9] Hsu, Angel; Sheriff, Glenn; Chakraborty, Tirthankar; Manya, Diego (2021): Disproportionate exposure to urban heat island intensity across major US cities. Nature Communications 12, 2721. doi.org
[10] Heidegger, Patrizia; Wiese, Katy (2020): Pushed to the wastelands, environmental racism against Roma communities in Central and Eastern Europe. European Environmental Bureau. eeb.org (PDF)
[11] United Nations Treaty Collection: Convention on Access to Information, Public Participation in Decision-making and Access to Justice in Environmental Matters (Aarhus-Konvention), Status. treaties.un.org
[12] Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 3. gesetze-im-internet.de
[13] Umweltinformationsgesetz (UIG), § 3 Anspruch auf Zugang zu Umweltinformationen; Umweltinformationsgesetz Nordrhein-Westfalen (UIG NRW). gesetze-im-internet.de



