- Bedeutung
- Vielfalt des Lebens auf drei Ebenen: innerhalb von Arten, zwischen Arten und bei Ökosystemen
- Definition
- Übereinkommen über die biologische Vielfalt (1992), Artikel 2
- Bedroht
- Laut IPBES (2019) rund 1 Million von geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten
- Haupttreiber
- Land- und Meeresnutzung, direkte Entnahme, Klimawandel, Verschmutzung, invasive Arten
- Politischer Rahmen
- Kunming-Montreal-Abkommen (2022) mit 23 Zielen bis 2030
Einfach erklärt
Biodiversität, kurz für biologische Vielfalt, beschreibt den Reichtum des Lebens auf der Erde: die Vielfalt der Arten, ihrer Gene und der Lebensräume, in denen sie zusammenleben. Ein Regenwald zeigt das eindrücklich: Tausende Pflanzen-, Tier- und Pilzarten leben dort zusammen, jede mit einer eigenen Rolle. Fällt eine Art aus, kann das ganze Gefüge ins Wanken geraten.
Gemeint ist also nicht nur eine bunte Artenvielfalt, sondern ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten. Dieses Netz liefert sauberes Wasser, fruchtbaren Boden, bestäubte Nutzpflanzen und ein stabiles Klima. Heute ist es vielerorts brüchig: Laut dem Weltbiodiversitätsrat IPBES sind rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, und menschliche Handlungen bedrohen mehr Arten als je zuvor.
Merke
Biodiversität ist keine Kulisse, sondern eine Grundlage: Sie ist die Voraussetzung für Nahrung, Wasser und ein bewohnbares Klima.
Ausführlich erklärt
Was der Begriff genau umfasst
Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt von 1992 definiert in Artikel 2 biologische Vielfalt als „die Variabilität unter lebenden Organismen jeder Herkunft“, einschließlich der Land-, Meeres- und anderen aquatischen Ökosysteme und der ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören. Das umfasse die Vielfalt innerhalb der Arten, zwischen den Arten und die der Ökosysteme (eigene Übersetzung des englischen Wortlauts). Daraus ergeben sich drei Ebenen:
- Genetische Vielfalt innerhalb einer Art: Sie entscheidet, wie gut eine Population auf Krankheiten oder Klimaänderungen reagieren kann.
- Artenvielfalt in einem Lebensraum: Wie viele Arten leben zusammen und in welchen Mengen.
- Ökosystemvielfalt: Wälder, Moore, Meere, Flüsse, Grasland und die Wechselwirkungen zwischen ihnen. Mehr dazu im Eintrag zum Ökosystem.
Die genetische Ebene betrifft auch Nutzpflanzen und Nutztiere. Der IPBES-Bericht von 2019 hält fest, dass immer weniger Sorten und Rassen angebaut und gehalten werden. Bis 2016 waren 559 von 6.190 für Ernährung und Landwirtschaft genutzten Säugetierrassen ausgestorben, das sind über 9 Prozent, und mindestens 1.000 weitere gelten als bedroht.
Was verloren geht: die Zahlen des IPBES
Der IPBES ist ein zwischenstaatliches Gremium, das den Wissensstand zur Biodiversität bewertet. Die Zusammenfassung seines Globalen Berichts von 2019 nennt:
- 75 Prozent der Landoberfläche sind erheblich verändert, 66 Prozent der Meeresfläche stehen unter zunehmender Belastung, und über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verloren.
- Natürliche Ökosysteme haben im Durchschnitt 47 Prozent ihrer Ausdehnung und Qualität gegenüber dem frühesten geschätzten Zustand eingebüßt.
- Die durchschnittliche Häufigkeit einheimischer Arten in den meisten großen Landlebensräumen ist um mindestens 20 Prozent gesunken, vor allem seit 1900.
- Bei mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, fast einem Drittel der riffbildenden Korallen und über einem Drittel der Meeressäuger besteht Gefährdung.
- Von geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten, davon 75 Prozent Insekten, sind rund 1 Million vom Aussterben bedroht. Die Aussterberate liegt mindestens zehn- bis hundertfach über dem Durchschnitt der vergangenen 10 Millionen Jahre.
Für Insekten nennt der IPBES eine vorsichtige Schätzung von 10 Prozent bedrohter Arten, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass der globale Trend nicht bekannt ist. Für Deutschland liegt eine konkrete Messung vor: Ein Forschungsteam um Caspar Hallmann ermittelte 2017 mit standardisierten Fallen in 63 Schutzgebieten über 27 Jahre einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um durchschnittlich 76 Prozent über die Saison, im Hochsommer um 82 Prozent. Wetter, Landnutzung und Lebensraum erklärten den Rückgang in der Studie nicht. Die Ursachen blieben dort offen.
Warum der Verlust alle betrifft
Der IPBES rechnet vor, was am Verlust hängt. Über 75 Prozent der weltweiten Nahrungspflanzenarten, darunter Obst, Gemüse, Kaffee, Kakao und Mandeln, sind auf tierische Bestäubung angewiesen. Der jährliche Ernteertrag im Wert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar ist durch den Verlust von Bestäubern gefährdet (Preisbasis 2015). Weitere Wildbienen-Befunde stehen im Blogartikel Wildbienen und die Bestäuberkrise. Landdegradation hat die Produktivität auf 23 Prozent der globalen Landfläche verringert. Von 18 untersuchten Kategorien der Leistungen der Natur für den Menschen haben 14 abgenommen.
Die fünf Treiber
Der IPBES nennt fünf direkte Treiber, geordnet nach ihrem bisherigen Gewicht:
1. Änderungen der Land- und Meeresnutzung
2. direkte Entnahme von Organismen, etwa durch Fischerei und Jagd
3. Klimawandel
4. Verschmutzung, zum Beispiel durch Pestizide und Mikroplastik
5. invasive gebietsfremde Arten
Die ersten beiden machen weltweit jeweils mehr als 50 Prozent der Wirkung an Land, im Süßwasser und im Meer aus. Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten wirkten bisher schwächer, nehmen aber zu. Hinter den direkten Treibern stehen laut IPBES Werte und Verhaltensweisen, darunter Produktions- und Konsummuster, Bevölkerungsentwicklung, Handel, Technik und Governance. Deshalb ist der Verlust mit der Frage nach der Wirtschaftsweise verknüpft, wie sie auch Postwachstum und Systemwandel behandeln. Wo ökologische Grenzen insgesamt verlaufen, zeigen die planetaren Grenzen.
Der Verlust biologischer Vielfalt ist keine Naturlaune, sondern folgt aus Entscheidungen über Land, Nahrung und Wirtschaft.
Kerngedanke
Wer die Last trägt und wer schützt
Die Folgen verteilen sich ungleich. Zu den Befunden des IPBES gehört, dass mindestens ein Viertel der globalen Landfläche traditionell von indigenen Völkern verwaltet, besessen, genutzt oder bewohnt wird. Diese Flächen umfassen etwa 35 Prozent der förmlich geschützten Gebiete. Gemeinschaftsbasierter Naturschutz war laut Bericht beim Verhindern von Lebensraumverlust mitunter wirksamer als förmlich eingerichtete Schutzgebiete. Zugleich zeigen 72 Prozent der lokalen Indikatoren indigener Völker und lokaler Gemeinschaften negative Trends. Der Zusammenhang von Umweltzerstörung und sozialer Ungleichheit steht im Eintrag zur Umweltgerechtigkeit.
Politische Antworten
Im Dezember 2022 beschloss die 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention in Montreal das Kunming-Montreal-Rahmenwerk (Entscheidung 15/4) mit vier langfristigen Zielen für 2050 und 23 Zielen bis 2030. Zwei davon sind besonders bekannt: Ziel 3 verlangt, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam zu schützen und zu verwalten, und zwar unter Anerkennung indigener Gebiete und der Rechte indigener Völker. Ziel 2 verlangt, mindestens 30 Prozent der geschädigten Ökosystemflächen in wirksame Wiederherstellung zu bringen. Ziel 18 sieht vor, schädliche Subventionen bis 2030 um mindestens 500 Milliarden US-Dollar jährlich zu senken. Das Rahmenwerk beziffert die Finanzierungslücke selbst auf 700 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Für die Meere ergänzt das UN-Hochseeabkommen den Rahmen.
Im Dezember 2024 nahm die Vollversammlung des IPBES im namibischen Windhoek (10. bis 16. Dezember) den Bericht „Transformative Change Assessment“ an und billigte seine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Er beruht laut IPBES auf der Arbeit von 101 Fachleuten aus 42 Ländern und über 7.000 Quellen und untersucht die zugrunde liegenden Ursachen des Verlusts und Wege zur Vision für 2050.
Was der Begriff nicht sagt
Biodiversität ist kein Maß für „schöne“ Natur: Auch unscheinbare Arten, Pilze, Bodenlebewesen und Insekten gehören dazu. Er sagt auch nicht, dass Schutzgebiete allein den Verlust aufhalten. Die Zahlen des IPBES sind Schätzungen mit eigener Unsicherheit, und die Ziele von Montreal sind politische Selbstverpflichtungen, deren Umsetzung offen ist. Wie Naturschutz und Marketing zusammenspielen, zeigt das Stichwort Greenwashing.
Was du tun kannst
- Nahe Natur fördern: Balkon oder Garten mit heimischen, ungefüllten Blühpflanzen bepflanzen und Teile ungemäht lassen.
- Beim Einkauf auf Herkunft und Anbauweise achten und Pestizideinsatz meiden, wo es möglich ist.
- Ziele der eigenen Kommune zu Flächen, Grünpflege und Pestiziden erfragen und Beteiligungsangebote nutzen.
Quellen: Übereinkommen über die biologische Vielfalt (1992), Artikel 2 „Use of Terms“ (Wortlaut der Definition gelesen) / IPBES (2019): Summary for Policymakers of the Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services (Volltext gelesen, Aussagen A1 bis A6 und B) / Hallmann, C. A. u. a. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12 (10), e0185809 (Abstract gelesen) / Konferenz der Vertragsparteien der CBD (19.12.2022): Entscheidung 15/4, Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (Volltext gelesen, Ziele 2, 3, 18, 19, 22, 23) / IPBES (2024): Transformative Change Assessment, Seite des Sekretariats (Angaben zu Windhoek, Annahme und Zahl der Fachleute gelesen; Volltext der Zusammenfassung war nicht abrufbar, Zenodo sperrt automatische Abrufe)
Wie unsichtbares Bodenleben mit dem Klima zusammenhängt, erklärt der Blogartikel Lebendiger Boden und Klima.
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