- Die Bestäuberkrise ist belegt, aber Zahlen aus Studien betreffen oft Insekten insgesamt oder Funddaten, nicht gezählte Wildbienenbestände.
- Städte können wichtige Rückzugsorte sein: In vier britischen Städten waren Gärten und Kleingärten Hotspots für Bestäuber.
- Erholung ist möglich, wo Druck nachlässt: durch Blühstreifen, weniger Gift und Schutzrecht. Belegt ist sie bisher nur punktuell.
Die Bestäuberkrise ist ein belegtes Phänomen. Das Bild, das Forschende heute zeichnen, ist aber genauer und in Teilen hoffnungsvoller als viele Schlagzeilen. Dieser Artikel ordnet ein, was Studien über Wildbienen wirklich zeigen: wie groß der Rückgang ist und was er misst, welche Ursachen belegt sind, wo Städte helfen und welche Maßnahmen und Gesetze Wirkung versprechen.
Wildbienen sind viel mehr als Honigbienen
Wenn von Bienen die Rede ist, denken die meisten an die Honigbiene. In Deutschland sind aber 604 Wildbienenarten nachgewiesen, aktuell oder ehemals einheimisch und ohne die Honigbiene gerechnet. Die Zahl stammt aus der Checkliste vom September 2023. In der Roten Liste von 2011 standen noch 561 Arten. Ein Grund für den Anstieg kann die Zuwanderung wärmeliebender Arten infolge des Klimawandels sein.[1] Das Spektrum reicht von der Winzigen Schmalbiene bis zur großen Blauschwarzen Holzbiene.[2]
Diese Artenvielfalt ist ökologisch bedeutsam, weil sich die Arten ergänzen. Manche fliegen im Frühjahr, andere erst im Hochsommer. Etwa 30 Prozent der Wildbienenarten ernähren sich oligolektisch, also von nur einer Pflanzenart oder -gattung, und können nicht ausweichen, wenn diese Pflanze fehlt.[3] Mehr als zwei Drittel der Wildbienen nisten im Boden, der WWF nennt 75 Prozent. Sie brauchen offene Erde statt Bienenstock.[4][5]
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES nennt in seinem Global Assessment von 2019, dass mehr als 75 Prozent der globalen Nahrungspflanzenarten auf Tierbestäubung angewiesen sind. Er beziffert den jährlichen Erntewert, der durch den Verlust von Bestäubern gefährdet ist, auf 235 bis 577 Milliarden US-Dollar.[6] Dabei lohnt ein genauer Blick: Eine Auswertung von 2007 zeigt, dass 87 der führenden 115 Nahrungspflanzen von Tierbestäubung abhängen, gemessen an der Erntemenge aber nur 35 Prozent der weltweiten Produktion von solchen Pflanzen stammen, 60 Prozent dagegen von Pflanzen ohne Bestäuberabhängigkeit.[7]
Was aktuelle Studien wirklich zeigen
Den Ausgangspunkt vieler Debatten bildet die Krefelder Studie. Hallmann und Kolleg*innen maßen 27 Jahre lang mit Insektenfallen in 63 Naturschutzgebieten in Deutschland und schätzen den saisonalen Rückgang der Fluginsektenbiomasse auf 76 Prozent, im Hochsommer auf 82 Prozent. Der Rückgang zeigte sich unabhängig vom Lebensraumtyp. Die Studie zählt allerdings Gewicht aller Fluginsekten, nicht Wildbienen. Mit den erfassten Wetter-, Landnutzungs- und Habitatdaten ließ sich der Rückgang nicht erklären.[8]
Für Bienen allein gibt es eine globale Auswertung von Funddaten: Zattara und Aizen fanden, dass nach den 1980er Jahren die Zahl der gemeldeten Bienenarten steil sinkt. Im Zeitraum 2006 bis 2015 wurden rund 25 Prozent weniger Arten gemeldet als vor den 1990er Jahren.[9] Das ist ein Warnsignal, aber kein Bestandsmonitoring: Es misst gemeldete Funde aus Sammlungs- und Beobachtungsdatenbanken. Wie viele Wildbienen es in Deutschland tatsächlich gibt, lässt sich bisher nur eingeschränkt sagen. Das Thünen-Institut baut deshalb seit 2019 ein bundesweites Wildbienen-Monitoring in Agrarlandschaften auf, weil bundesweit eine solide Datengrundlage über Wildbienenvorkommen bisher fehlte.[10]
Städte als Refugien
Baldock und Kolleg*innen untersuchten 360 Standorte in vier britischen Städten. Wohngärten und Kleingärten erwiesen sich als Hotspots für Bestäuber: Wohngärten wegen ihrer großen Fläche, Kleingärten wegen der hohen Vielfalt.[11] Das gilt für britische Städte. Übertragbar ist es nicht ohne Weiteres auf jede Stadt, schon gar nicht auf versiegelte Innenstädte.
Erholung durch Blühstreifen
Eine Synthese von Albrecht und Kolleg*innen wertete 17 Studien zur Bestäubung aus. Blühstreifen verbesserten die Bestäubung im angrenzenden Feld, die Wirkung nahm aber mit der Entfernung zum Streifen exponentiell ab, und die Effekte auf Bestäubung und Ertrag waren insgesamt variabel. Mehrjährige und ältere Blühstreifen mit hoher Pflanzenvielfalt wirkten besser. Die positive Wirkung wächst also mit der Zeit. Hecken verbesserten die Schädlingskontrolle nicht, Blühstreifen dagegen im Mittel um 16 Prozent.[12]
Pestizide
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA stellte 2018 fest, dass die meisten Anwendungen der drei Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam ein Risiko für Wildbienen und Honigbienen darstellen. Erstmals bewertete sie dabei Hummeln und Solitärbienen mit.[13] Die EU-Kommission verbot daraufhin alle Freilandanwendungen der drei Stoffe. Nur im Dauergewächshaus bleiben sie möglich.[14] Zu Pestiziden insgesamt gehören aber weitere Stoffe, die nicht pauschal verboten sind.
Einordnung
Der Rückgang ist belegt, aber unterschiedlich gut gemessen. Die Krefelder Studie zeigt eine Abnahme der Fluginsektenmasse, die Funddatenstudie eine Abnahme gemeldeter Bienenarten. Beides stützt die Sorge um Bestäuber, ersetzt aber keine Bestandszählung bei Wildbienen. Für Erholung gibt es klare Hinweise bei Blühstreifen und Gärten, aber keinen bundesweiten Nachweis.
Die Bestäuberkrise ist auch eine Landnutzungsfrage
Die Auswertung von 2007 kam zu dem Schluss, dass die Intensivierung der Landwirtschaft Wildbienengemeinschaften und damit ihre stabilisierende Wirkung auf die Bestäubung gefährdet.[7] In Deutschland zeigt der Grünland-Report des Bundesamts für Naturschutz, wie schnell Lebensraum verschwinden kann: Von 2009 bis 2013 ging das Grünland mit hohem Naturwert um 7,4 Prozent zurück, das sind 82.000 Hektar, durch Intensivierung oder Umbruch.[15] Mit solchen Flächen fehlt Nahrung, und es fehlen Nistplätze, vor allem für Arten, die offenen Boden brauchen.
Mehr zu Konkurrenz durch Honigbienen, Nisthilfen und Lebensraum steht im Artikel über Wildbienen statt Honigbienen.
Wo Veränderung bereits passiert
In Bayern änderte der Landtag nach dem Volksbegehren zur Artenvielfalt von 2019 das Naturschutzgesetz. Es schreibt heute vor, den Biotopverbund auf mindestens 10 Prozent des Offenlands bis 2023, 13 Prozent bis 2027 und 15 Prozent bis 2030 auszubauen. Auf Dauergrünland sind seit 2022 flächenhafte Pflanzenschutzmittel verboten, und in Naturschutzgebieten, gesetzlich geschützten Landschaftsbestandteilen und geschützten Biotopen außerhalb intensiv genutzter Flächen ist die Anwendung von Pestiziden grundsätzlich untersagt, mit Ausnahmemöglichkeit der Naturschutzbehörde.[16]
Auf EU-Ebene ist seit dem 18. August 2024 die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur in Kraft. Sie verlangt, den Rückgang der Bestäuberpopulationen bis 2030 umzukehren und danach einen steigenden Trend zu erreichen, mit einer Methode für regelmäßiges Monitoring der Bestäuber.[17] Ob die Ziele erreicht werden, hängt von der Umsetzung in den Mitgliedstaaten ab.
Auch Bürger*innen tragen bei: Im Wildbienen-Monitoring des Thünen-Instituts sind mehr als 300 Ehrenamtliche aktiv, als Nisthilfe-Patinnen und Nisthilfe-Paten oder im Hummel-Monitoring.[10]
Was du tun kannst
Wildbienen brauchen keine perfekten Bedingungen, sondern genug davon.
Balkon oder Garten: ungefüllte, heimische Blüten pflanzen, die nacheinander von Frühjahr bis Herbst blühen. Bei Insektensterben und Verlust von Lebensraum zählt jede blühende Lücke.
Nistplätze: offene sandig-lehmige Stellen und dürre Stängel stehen lassen, denn die meisten Wildbienen nisten im Boden.[4]
Mitmachen: Wer wissen will, welche Arten in der Region leben, kann sich über das Wildbienen-Monitoring des Thünen-Instituts informieren und den Newsletter abonnieren.[10]
Politik vor Ort: bei kommunalen Pflegeplänen nachfragen, ob Mahd gestaffelt und auf Gift verzichtet wird.
Fazit
Die Bestäuberkrise ist real, aber sie ist keine Einbahnstraße. Dort, wo Blühangebot, Nistplätze und Giftverzicht zusammenkommen, gibt es Hinweise auf Erholung.
Wildbienen lassen sich nicht mit Einzelmaßnahmen retten, sondern mit vielfältigen Landschaften.
Kerngedanke
Quellen
[1] Rote-Liste-Zentrum: Neue Checkliste für deutsche Wildbienen erschienen, Artenzahl jetzt über 600 (604 aktuell oder ehemals einheimische Arten ohne Honigbiene, Checkliste vom September 2023). rote-liste-zentrum.de
[2] BUND: Wildbienen-Arten in Deutschland (Beispielarten Blauschwarze Holzbiene und Winzige Schmalbiene). bund.net
[3] NABU Berlin: Tipps für einen insektenfreundlichen Balkon (etwa 30 Prozent der Wildbienenarten ernähren sich oligolektisch). berlin.nabu.de
[4] NABU Baden-Württemberg (04.04.2024): Kinderstuben für summende Nachbarinnen, Tipps für Wildbienen-Nisthilfen (mehr als zwei Drittel der Wildbienen nisten im Boden). baden-wuerttemberg.nabu.de
[5] WWF Deutschland: Wildbienen sind stark gefährdet (nach WWF nisten 75 Prozent der Wildbienenarten im Boden). wwf.de
[6] IPBES (2019): Media Release zum Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services (mehr als 75 Prozent der globalen Nahrungspflanzenarten hängen von Tierbestäubung ab, Erntewert in Gefahr: 235 bis 577 Milliarden US-Dollar jährlich). ipbes.net
[7] Klein et al. (2007): Importance of pollinators in changing landscapes for world crops. Proceedings of the Royal Society B 274, 303-313. doi.org/10.1098/rspb.2006.3721
[8] Hallmann et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12(10): e0185809. doi.org/10.1371/journal.pone.0185809
[9] Zattara und Aizen (2021): Worldwide occurrence records suggest a global decline in bee species richness. One Earth 4, 114-123. doi.org/10.1016/j.oneear.2020.12.005
[10] Thünen-Institut: Wildbienen-Monitoring (bundesweit, seit 2019, über 300 Ehrenamtliche in Citizen-Science-Projekten). wildbienen.thuenen.de
[11] Baldock et al. (2019): A systems approach reveals urban pollinator hotspots and conservation opportunities. Nature Ecology and Evolution 3, 363-373. doi.org/10.1038/s41559-018-0769-y
[12] Albrecht et al. (2020): The effectiveness of flower strips and hedgerows on pest control, pollination services and crop yield: a quantitative synthesis. Ecology Letters 23, 1488-1498. doi.org/10.1111/ele.13576
[13] EFSA (28.02.2018): Neonicotinoids: risks to bees confirmed. efsa.europa.eu
[14] Europäische Kommission: Neonicotinoids (Verbot aller Freilandanwendungen von Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam, Verordnungen im Amtsblatt vom 30.05.2018). food.ec.europa.eu
[15] Bundesamt für Naturschutz (2014): Grünland-Report (Verlust von Grünland mit hohem Naturwert 2009 bis 2013: 7,4 Prozent beziehungsweise 82.000 Hektar). bfn.de
[16] Bayerisches Naturschutzgesetz (BayNatSchG), Art. 1a, 3, 19 und 23a, in der geltenden Fassung. gesetze-bayern.de
[17] Europäische Kommission: Nature Restoration Law (Verordnung in Kraft seit 18.08.2024, Ziel: Rückgang der Bestäuberpopulationen bis 2030 umkehren, regelmäßiges Monitoring). environment.ec.europa.eu



