Klima & Erde

Artenvielfalt

Artenvielfalt umfasst Arten, Gene und Ökosysteme. Definition, Zahlen des Weltbiodiversitätsrats, Ursachen des Rückgangs und globale Ziele bis 2030.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Definition
Die Vielfalt des Lebens innerhalb von Arten, zwischen Arten und von Ökosystemen (Biodiversitätskonvention, Artikel 2)
Drei Ebenen
Gene, Arten, Ökosysteme
Bedroht
Rund 1 Million von geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten (IPBES 2019)
Größte Treiber
Veränderte Land- und Meeresnutzung sowie direkte Ausbeutung
Globales Ziel
Mindestens 30 % der Land- und Meeresflächen bis 2030 wirksam geschützt (Kunming-Montreal-Rahmen)

Einfach erklärt

Artenvielfalt bezeichnet den Reichtum an Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sowie Mikroorganismen. Im Alltag wird der Begriff oft mit Biodiversität gleichgesetzt. Die Biodiversitätskonvention von 1992 fasst den Begriff weiter: Biologische Vielfalt ist demnach die Variabilität unter lebenden Organismen aller Herkunft, einschließlich der Vielfalt innerhalb von Arten, zwischen Arten und von Ökosystemen. Artenvielfalt im engen Sinn meint also die mittlere der drei Ebenen: wie viele Arten es gibt und wie häufig sie sind.

Diese Vielfalt ist keine Zierde. Sie ist die Grundlage dafür, dass Ökosysteme Leistungen erbringen, auf die Menschen angewiesen sind: Bestäubung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Klimaregulierung. Nach der Zusammenfassung des Weltbiodiversitätsrats IPBES von 2019 sind mehr als 75 % der globalen Nahrungspflanzenarten auf tierische Bestäubung angewiesen, darunter Obst, Gemüse und wichtige Handelspflanzen wie Kaffee, Kakao und Mandeln. Zugleich nimmt der Druck auf diese Vielfalt seit Jahrzehnten zu: Der IPBES schätzt, dass rund 1 Million Arten vom Aussterben bedroht sind.

Merke

Artenvielfalt und Biodiversität sind nicht deckungsgleich. Die Zahl der Arten ist nur eine von drei Ebenen. Auch eine Wiese mit vielen Arten kann verarmt sein, wenn die genetische Vielfalt der einzelnen Arten oder die Vielfalt der Lebensräume fehlt.


Ausführlich erklärt

Drei Ebenen biologischer Vielfalt

Die Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity, CBD) definiert in Artikel 2 biologische Vielfalt als die Variabilität unter lebenden Organismen aus allen Quellen, einschließlich der Land-, Meeres- und anderen aquatischen Ökosysteme und der ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören. Daraus ergeben sich drei Ebenen:

  • Genetische Vielfalt meint die Unterschiede innerhalb einer Art. Sie entscheidet darüber, ob sich Populationen an neue Bedingungen wie Hitze oder Krankheitserreger anpassen können.
  • Artenvielfalt meint Zahl und Häufigkeit der Arten in einem Gebiet oder auf der Erde.
  • Ökosystemvielfalt meint die Vielfalt der Lebensräume und ihrer Wechselwirkungen, vom Moor über den Wald bis zum Korallenriff.

Die Ebenen hängen zusammen. Verschwindet ein Lebensraum, gehen mit ihm Arten und die genetische Vielfalt ihrer Populationen verloren.

Wie viele Arten gibt es, und wie viele sind bedroht?

Der IPBES geht in seinem Globalen Bericht von 2019 von geschätzt 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten aus, von denen 75 % Insekten sind. Rund 1 Million Arten sind demnach vom Aussterben bedroht, viele davon innerhalb von Jahrzehnten, wenn sich die Treiber des Verlusts nicht abschwächen. Im Durchschnitt gelten etwa 25 % der Arten in den untersuchten Tier- und Pflanzengruppen als bedroht. Der IPBES stuft die Schätzung als gesichert, aber lückenhaft ein.

Die Aussterberate liegt laut IPBES bereits mindestens zehn- bis hundertmal höher als im Mittel der vergangenen 10 Millionen Jahre. Mindestens 680 Wirbeltierarten sind seit dem Jahr 1500 durch menschliches Handeln ausgestorben. Der Begriff „sechstes Massenaussterben“ taucht in der Zusammenfassung des IPBES nicht auf. Belegt ist die stark beschleunigte Aussterberate. Der IPBES betont zugleich, dass sich mit rechtzeitigem Handeln Aussterben verhindern lässt, und nennt Erfolge von Schutzmaßnahmen.

Auch bei Individuenzahlen zeigt sich ein Rückgang. Die Häufigkeit heimischer Arten ist in den meisten großen Landlebensräumen im Mittel um mindestens 20 % gesunken, das meiste davon seit 1900. Der Living Planet Index, den der IPBES zitiert, verzeichnet für Wirbeltierbestände seit 1970 Rückgänge von 40 % bei Landarten, 84 % bei Süßwasserarten und 35 % bei Meeresarten.

1 MillionArten sind laut IPBES (2019) vom Aussterben bedroht, bei geschätzt 8 Millionen Arten insgesamt
75 %der führenden globalen Nahrungspflanzenarten sind auf tierische Bestäubung angewiesen (IPBES)
76 %weniger Fluginsekten-Biomasse in 27 Jahren in deutschen Schutzgebieten (Hallmann et al. 2017)

Warum Vielfalt Ökosysteme stabil hält

Dass artenreiche Ökosysteme leistungsfähiger sind, ist keine Binsenweisheit, sondern ein Forschungsergebnis. Eine Auswertung von 17 Biodiversitätsexperimenten in Grünland untersuchte 147 Pflanzenarten. 84 % dieser Arten förderten mindestens einmal die Leistung des Ökosystems (Isbell et al. 2011). Entscheidend ist der Nachsatz: Verschiedene Arten waren in verschiedenen Jahren, an verschiedenen Orten und für verschiedene Funktionen wichtig. Eine Art, die unter einer Bedingung überflüssig wirkt, kann unter anderen Bedingungen unverzichtbar sein. Deshalb brauchen Ökosysteme mehr Arten, als eine einzelne Messung vermuten lässt.

Ein Beispiel dafür ist die Bestäubung. Laut dem IPBES-Bericht zu Bestäubern von 2016 profitieren mehr als 75 % der führenden Nahrungspflanzenarten bei Ertrag oder Qualität von tierischer Bestäubung, ebenso nahezu 90 % der wild wachsenden Blütenpflanzen. Das heißt nicht, dass drei Viertel der Ernte fehlen würden: Bestäuberabhängige Kulturen machen 35 % des Erntevolumens aus. 60 % der Erntemenge stammen von Kulturen, die nicht auf Tiere angewiesen sind, etwa Getreide und Wurzelfrüchte. Geschätzt 5 bis 8 % der globalen Ernte mit einem Jahreswert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar (Preise von 2015) gehen direkt auf tierische Bestäubung zurück. „75 % der Nutzpflanzen“ sind also nicht „75 % der Nahrung“. Von den wilden Bestäubern sind 16,5 % der Wirbeltierarten weltweit bedroht, bei Inselarten sogar 30 %. Für Insekten fehlt eine globale Rote Liste, doch in Europa sind 9 % der Bienen- und Schmetterlingsarten bedroht (ohne Arten mit unzureichender Datenlage). Mehr dazu im Artikel zum Insektensterben.

Was zeigt der Rückgang in Deutschland?

Hallmann und weitere Forschende werteten Malaise-Fallen aus, mit denen über 27 Jahre in 63 Schutzgebieten in Deutschland die gesamte Biomasse fliegender Insekten erfasst wurde. Die Biomasse sank saisonal um 76 %, im Hochsommer um 82 %. Der Rückgang zeigte sich unabhängig vom Lebensraumtyp. Veränderungen von Wetter, Landnutzung und Habitateigenschaften erklärten ihn nicht. Das ist wichtig, weil Biomasse für Nahrungsnetze eine größere Rolle spielt als einzelne Arten: Vögel, Fledermäuse und viele andere Tiere leben von Insekten. Zugleich sagt der IPBES offen, dass globale Insektentrends nicht bekannt sind, auch wenn rasche Rückgänge an einzelnen Orten gut belegt sind. Die Studie gilt für deutsche Schutzgebiete, nicht für die ganze Welt.

Was die Vielfalt am stärksten bedroht

Der IPBES nennt fünf direkte Treiber: Veränderungen der Land- und Meeresnutzung, direkte Ausbeutung von Organismen (etwa Jagd und Fischerei), Klimawandel, Verschmutzung und invasive gebietsfremde Arten. Land- und Meeresnutzung sowie direkte Ausbeutung machen zusammen mehr als 50 % der globalen Wirkung an Land, im Süßwasser und im Meer aus. Die Zahlen zeigen, wie weit der Umbau reicht: 75 % der Landoberfläche sind deutlich verändert, 66 % der Meeresfläche erleben zunehmende kumulative Belastungen, und über 85 % der Feuchtgebietsfläche sind verloren. Die Treiber wirken nicht getrennt. Hinter ihnen stehen laut IPBES Konsummuster, Handel, Bevölkerungsentwicklung, Technik und Politik. Vielfalt gehört deshalb zu den planetaren Grenzen.

Was beschlossen wurde: der Kunming-Montreal-Rahmen

Auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (COP 15) wurde der Globale Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal verabschiedet. Er enthält vier Langzeitziele für 2050 und 23 Ziele für 2030. Ziel 3 verlangt, dass bis 2030 mindestens 30 % der Land-, Binnengewässer-, Küsten- und Meeresflächen wirksam geschützt und gemanagt werden, mit Anerkennung der Gebiete indigener Völker und lokaler Gemeinschaften. Ziel 2 verlangt, dass bis 2030 mindestens 30 % der geschädigten Ökosysteme unter wirksamer Wiederherstellung stehen, mehr zur Renaturierung. Das Langzeitziel A sieht vor, die Aussterberate und das Aussterberisiko aller Arten bis 2050 auf ein Zehntel zu senken.

Dass ausgerechnet indigene Gebiete im Text stehen, hat einen Grund: Nach dem IPBES wird mindestens ein Viertel der globalen Landfläche traditionell von indigenen Völkern verwaltet, besessen, genutzt oder bewohnt. Diese Flächen überlappen mit etwa 35 % der formell geschützten Gebiete und etwa 35 % der verbleibenden, kaum vom Menschen veränderten Landflächen. Gemeinschaftsbasierte Schutzformen waren laut IPBES teils sogar wirksamer als formell eingerichtete Schutzgebiete, wenn es darum ging, Lebensraumverlust zu verhindern. Schutz gelingt also eher gemeinsam mit den Menschen vor Ort.

Artenvielfalt ist kein Luxus für gute Zeiten, sondern die Versicherung, die Ökosysteme in schlechten Zeiten tragfähig hält.

Kerngedanke

Einordnung: Grenzen der Zahlen

Die Angaben dieses Artikels stammen überwiegend aus internationalen Gremien und der Forschung in Europa und Nordamerika. Viele Gruppen, etwa Insekten, Pilze, Mikroorganismen und Tiefseearten, sind kaum erfasst. Der IPBES nennt Datenlücken bei Insekten, Pilzen, Mikroben und Parasiten ausdrücklich. Die Zahl von 8 Millionen Arten ist eine Schätzung.

Quellen: IPBES (2019): Summary for Policymakers of the Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services / IPBES (2016): Summary for Policymakers of the Assessment Report on Pollinators, Pollination and Food Production / Convention on Biological Diversity, Artikel 2: Use of Terms / CBD: Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework / Hallmann et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas, PLOS ONE / Isbell et al. (2011): High plant diversity is needed to maintain ecosystem services, Nature


Was neue Studien über die Bestäuberkrise zeigen: Bienenvolk im Wandel: Was neue Studien über Wildbienen und Bestäuberkrise sagen.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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