- Bedeutung
- Die verfügbare Süßwassermenge reicht nicht, um den Bedarf von Menschen, Landwirtschaft, Wirtschaft und Ökosystemen zu decken
- Arten
- Physische Knappheit (zu wenig Wasser) und wirtschaftliche Knappheit (Wasser da, aber nicht zugänglich)
- Betroffen
- Rund 2,1 Milliarden Menschen ohne sicher verwaltetes Trinkwasser (2024)
- Treiber
- Klimawandel, Landwirtschaft, Eingriffe in den Wasserhaushalt, fehlende Infrastruktur
- Rechtsrahmen
- UN-Resolution 64/292 von 2010: Recht auf Wasser und Sanitärversorgung
Einfach erklärt
Wasserknappheit beschreibt einen Zustand, in dem die verfügbare Süßwassermenge nicht ausreicht, um den Bedarf von Menschen, Landwirtschaft, Wirtschaft und Ökosystemen zu decken. Das heißt nicht, dass ein Land oder ein Gebiet überall und dauerhaft trocken ist. Oft fehlt das Wasser nur in bestimmten Monaten, an bestimmten Orten oder für bestimmte Gruppen.
Wie groß das Problem ist, hängt vom Maßstab ab. Nach dem Bericht von WHO und UNICEF aus dem Jahr 2025 haben rund 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicher verwaltetem Trinkwasser. Das Institut World Resources Institute (WRI) zählt rund 4 Milliarden Menschen, die mindestens einen Monat im Jahr unter hohem Wasserstress leben. Beide Zahlen messen Verschiedenes: Die eine beschreibt die Versorgung im Haushalt, die andere die Belastung der Wasservorräte einer Region.
Zu den Ursachen zählen der Klimawandel, der Niederschläge verschiebt und Gletscher schmelzen lässt, die Landwirtschaft als größte Wassernutzerin und Eingriffe in den natürlichen Wasserhaushalt. Wasserknappheit trifft Menschen ungleich: Wer arm ist, abgelegen lebt oder in einer Krisenregion wohnt, hat oft keine Wahl. Damit ist sie auch eine Frage der Klimagerechtigkeit.
Merke
Wasserknappheit ist nicht nur eine Frage der Menge, sondern auch der Verteilung, der Infrastruktur und des Geldes. Wo Wasser fehlt, entscheiden oft Armut und Macht darüber, wer trotzdem welches bekommt.
Ausführlich erklärt
Was der Begriff genau misst
Fachleute unterscheiden mehrere Formen. Physische Wasserknappheit liegt vor, wenn die natürlichen Vorräte nicht reichen. Wirtschaftliche Wasserknappheit liegt vor, wenn Wasser vorhanden wäre, aber Leitungen, Brunnen, Kläranlagen oder Institutionen fehlen. Ein dritter Begriff ist Wasserstress: Er setzt die jährliche Entnahme ins Verhältnis zum erneuerbaren Wasservorrat. Das WRI spricht von „extrem hohem“ Wasserstress, wenn ein Land mehr als 80 Prozent seines erneuerbaren Wassers nutzt. Das trifft nach Berechnungen mit dem Werkzeug Aqueduct 4.0 auf 25 Länder zu, in denen ein Viertel der Weltbevölkerung lebt.
Die Wissenschaft betrachtet außerdem Monate statt Jahresmittel. Eine Studie von Mekonnen und Hoekstra (2016) kam auf 4,0 Milliarden Menschen, die mindestens einen Monat im Jahr unter schwerer Wasserknappheit leben, und auf eine halbe Milliarde, die ganzjährig davon betroffen ist. Der Weltklimarat IPCC hält im sechsten Sachstandsbericht (2022) fest, dass etwa die Hälfte der Weltbevölkerung zumindest zeitweise im Jahr schwere Wasserknappheit erlebt, mit mittlerer Sicherheit der Aussage.
Woran es liegt
Die Landwirtschaft nutzt nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO 72 Prozent der Süßwasserentnahmen, vor allem für Bewässerung. Die FAO nennt außerdem 1,2 Milliarden Menschen, die in Agrargebieten mit starken Wasserengpässen leben. Sinkende Grundwasserstände können laut Umweltbundesamt außerdem Moore und Feuchtgebiete austrocknen lassen, die Wasser speichern.
Der Klimawandel verschärft die Lage. Der IPCC projiziert für etwa 2 Grad globaler Erwärmung, dass die Schneeschmelze für die Bewässerung in manchen Flusseinzugsgebieten um bis zu 20 Prozent abnimmt. Der globale Gletschermasseverlust von 18 ± 13 Prozent verringert die Wasserverfügbarkeit für Landwirtschaft, Wasserkraft und Siedlungen; diese Änderungen verdoppeln sich bei 4 Grad. Auch Hochwasser und Dürre können am selben Ort zunehmen. Auf kleinen Inselstaaten ist nach dem IPCC außerdem das Grundwasser bedroht. Mehr dazu in den Einträgen zur Klimakrise, zum IPCC und zum Meeresspiegel.
Der gesamte Süßwasserkreislauf ist belastet. Die Aktualisierung der Planetaren Grenzen von 2023 zeigt, dass beide Teilgrenzen für Süßwasser überschritten sind: Auf 18,2 Prozent der eisfreien Landfläche weicht der Abfluss von Flüssen und Grundwasser vom vorindustriellen Zustand ab, die Grenze liegt bei 10,2 Prozent. Beim pflanzenverfügbaren Bodenwasser sind es 15,8 Prozent bei einer Grenze von 11,1 Prozent.
Wer besonders betroffen ist
Wasserknappheit verteilt sich ungleich. Nach Daten des WRI sind im Nahen Osten und in Nordafrika 83 Prozent der Bevölkerung von extrem hohem Wasserstress betroffen, in Südasien 74 Prozent. Bis 2050 kommen laut WRI selbst im optimistischen Klimaszenario eine Milliarde Menschen mit extrem hohem Wasserstress hinzu.
Im Alltag zahlen oft Frauen und Mädchen den Preis. Der UN-Weltwasserbericht 2026 beziffert den Zeitaufwand von Frauen und Mädchen für das Wasserholen auf geschätzt 250 Millionen Stunden pro Tag. Der Bericht stellt Gleichstellung und soziale Teilhabe in den Mittelpunkt und zeigt, wie ungleicher Zugang Gesundheit, Bildung, Einkommen und Sicherheit beeinflusst. Die veröffentlichte Zusammenfassung nennt Frauen und Mädchen; Angaben zu trans, nichtbinären und intergeschlechtlichen Menschen enthält sie nicht. Das ist eine Datenlücke, kein Beleg dafür, dass diese Gruppen nicht betroffen sind. Wie sich Umweltlasten entlang sozialer Linien verteilen, behandelt der Eintrag zur Umweltgerechtigkeit. Verbunden ist das auch mit Klimamigration und dem Thema Loss and Damage.
Wasserknappheit ist selten nur ein Naturereignis, sondern fast immer auch eine Frage, wer Zugang, Geld und Mitsprache hat.
Kerngedanke
Das Menschenrecht auf Wasser
Am 28. Juli 2010 erkannte die UN-Generalversammlung in der Resolution 64/292 das Recht auf sicheres und sauberes Trinkwasser und auf Sanitärversorgung als Menschenrecht an, das für den vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte wesentlich ist. Die Resolution nannte damals rund 884 Millionen Menschen ohne sicheres Trinkwasser und mehr als 2,6 Milliarden ohne grundlegende Sanitärversorgung. Die Zahlen von 2010 und 2024 stammen aus unterschiedlichen Messverfahren und lassen sich nicht einfach vergleichen. Seit der Resolution 70/169 vom 17. Dezember 2015 werden beide Rechte, Trinkwasser und Sanitärversorgung, als eigenständige Menschenrechte benannt.
Der aktuelle Stand zeigt, wie weit die Umsetzung entfernt ist. Der WHO/UNICEF-Bericht von 2025 nennt neben den 2,1 Milliarden ohne sicher verwaltetes Trinkwasser auch 106 Millionen Menschen, die Wasser unmittelbar aus unbehandelten Oberflächengewässern schöpfen. 3,4 Milliarden Menschen haben keine sicher verwaltete Sanitärversorgung, 354 Millionen verrichten ihre Notdurft im Freien. Immerhin stieg die Abdeckung mit sicher verwaltetem Trinkwasser von 2015 bis 2024 von 50 auf 60 Prozent.
Und in Deutschland?
Nach den Daten des Umweltbundesamts liegt der Wassernutzungs-Index in Deutschland bei 10,1 Prozent (2022). Entnommen wurden 17,9 Milliarden Kubikmeter, das erneuerbare Dargebot beträgt 176 Milliarden Kubikmeter. Als Schwelle zum Wasserstress gelten 20 Prozent. Ein großer Teil der Entnahmen dient der Kühlung und fließt zurück in die Gewässer.
Das heißt nicht, dass das Land von Knappheit verschont bleibt. Eine Auswertung von Satellitendaten ergab, dass Deutschland von 2002 bis 2022 im Mittel 760 Millionen Tonnen Wasser pro Jahr verloren hat, durch Bodenfeuchte, Grundwasser, Gletscher und Wasserstände. Die Forschenden betonen jedoch, der Zeitraum sei zu kurz und von Extremen geprägt, um einen verlässlichen Trend abzuleiten. Regional und in Dürresommern kommt es dennoch zu Engpässen. Das Bundeskabinett beschloss deshalb am 15. März 2023 die Nationale Wasserstrategie mit 78 Maßnahmen, die schrittweise bis 2030 umgesetzt werden sollen; 38 davon haben Bund und Länder als vorrangig eingestuft.
Was die Zahlen nicht sagen
Die Zahlen sind Modellrechnungen oder Schätzungen und hängen vom Maßstab ab: ob Jahresmittel oder Monatswerte, ob Haushaltsversorgung oder Wasserstress. Sie lassen sich nicht addieren.
Was du tun kannst
- Wasserverbrauch im Alltag prüfen, besonders versteckten Verbrauch in Kleidung, Nahrung und Elektronik.
- Auf lokale Hitze- und Dürrewarnungen achten und den Garten mit Regenwasser statt Trinkwasser gießen.
- Organisationen und Kommunalpolitik unterstützen, die sich für Wasserinfrastruktur, Gewässerschutz und das Menschenrecht auf Wasser einsetzen.
Quellen: WHO und UNICEF (26.08.2025): Pressemitteilung zum JMP-Bericht „Progress on household drinking water, sanitation and hygiene 2000-2024“ / WHO/UNICEF Joint Monitoring Programme (August 2025): Zusammenfassung des Berichts / World Resources Institute (16.08.2023): 25 Countries Face Extremely High Water Stress (Aqueduct 4.0) / Mekonnen, M. M. und Hoekstra, A. Y. (2016): Four billion people facing severe water scarcity. Science Advances 2 (2), e1500323 / IPCC (2022): AR6 Working Group II, Summary for Policymakers, Aussagen B.1 und B.4.2 / Richardson, K. et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances 9 (37), eadh2458 / FAO: Water management (Seite zur Wassernutzung der Landwirtschaft, abgerufen 15.10.2026) / UN-Water und UNESCO (19.03.2026): UN World Water Development Report 2026, „Water for All People: Equal Rights and Opportunities“ / UN-Generalversammlung (28.07.2010): Resolution A/RES/64/292, The human right to water and sanitation / UN-Generalversammlung (17.12.2015): Resolution A/RES/70/169, The human rights to safe drinking water and sanitation / Umweltbundesamt: Nationale Wasserstrategie (78 Maßnahmen, 10 strategische Themen) / Nationale Wasserstrategie, Kabinettsbeschluss vom 15. März 2023 (Umweltpakt Bayern, Publikationshinweis) / Umweltbundesamt: Indikator Nutzung der Wasserressourcen (Wassernutzungs-Index 2022) / Güntner, A. et al. (2023): Veränderungen der Wasserspeicherung in Deutschland seit 2002 aus Beobachtungen der Satellitengravimetrie. Hydrologie und Wasserbewirtschaftung 67 (2), S. 74 bis 89 (Pressemitteilung Universität Bonn, 05.04.2023)
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