- Bedeutung
- Veränderung der Nutzung von Land durch Menschen, etwa von Wald zu Acker oder von Acker zu Siedlung
- Ausmaß
- Rund 32 Prozent der Landfläche zwischen 1960 und 2019 betroffen (Winkler u. a. 2021)
- Größter Treiber
- Landwirtschaft: über ein Drittel der Landfläche dient Ackerbau und Tierhaltung (IPBES 2019)
- Wirkung
- Größter relativer Einfluss auf Natur an Land und im Süßwasser seit 1970 (IPBES 2019)
- Politischer Rahmen
- Kunming-Montreal-Rahmenwerk (2022), Ziel 1
Einfach erklärt
Landnutzungswandel bezeichnet, wie Menschen die Nutzung von Flächen verändern: Wald wird zu Ackerland, Grasland zu Viehweide, Moor zu Acker, Acker zu Siedlung oder Straße.
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES kommt in seinem Globalen Bericht von 2019 zu einem klaren Ergebnis: Für Lebensräume an Land und im Süßwasser hatte der Landnutzungswandel seit 1970 den größten relativen negativen Einfluss auf die Natur. Er liegt damit vor der direkten Entnahme von Organismen, etwa durch Jagd und Holzeinschlag, und vor dem Klimawandel. Im Meer ist die Reihenfolge umgekehrt.
Das hat Folgen für die Artenvielfalt, aber auch für Boden, Klima und Gesundheit.
Merke
Landnutzungswandel ist kein Naturereignis, sondern eine Folge von Entscheidungen darüber, wofür Land gebraucht wird: für Nahrung, Futter, Holz, Wohnen und Verkehr.
Ausführlich erklärt
Wie groß der Wandel ist
Eine Studie in „Nature Communications“ (Winkler u. a. 2021) wertete Fernerkundung, Rekonstruktionen und Statistiken zusammen aus. Danach war fast ein Drittel (32 Prozent) der globalen Landfläche zwischen 1960 und 2019 von Landnutzungswandel betroffen, etwa viermal so viel, wie frühere Bewertungen ergeben hatten. Die Studie fand zugleich gegenläufige Entwicklungen: Aufforstung und aufgegebenes Ackerland im Globalen Norden, Entwaldung und Ausweitung der Landwirtschaft im Globalen Süden.
Der IPBES stuft 75 Prozent der Landoberfläche als erheblich verändert ein. Nur etwa 25 Prozent sind nach seiner Einschätzung noch so unbeeinträchtigt, dass ökologische Prozesse mit minimalem menschlichem Eingriff ablaufen. Beides sind Schätzungen mit Unsicherheiten, aber die Richtung ist eindeutig.
Was ihn antreibt
Der IPBES nennt Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Verstädterung als Hauptantriebe. Die Ausweitung der Landwirtschaft ist die verbreitetste Form: Über ein Drittel der Landoberfläche und knapp drei Viertel der verfügbaren Süßwasserressourcen dienen dem Anbau von Pflanzen oder der Tierhaltung. Der Ackerbau belegt rund 12 Prozent der eisfreien Landfläche, die Beweidung etwa 25 Prozent. Die städtischen Flächen haben sich seit 1992 mehr als verdoppelt. Das ging laut IPBES überwiegend zulasten von Wäldern, vor allem tropischen Primärwäldern, von Feuchtgebieten und von Grasland.
Ein Beispiel liefert der Bericht für die Tropen: Dort gingen von 1980 bis 2000 rund 100 Millionen Hektar Wald verloren, vor allem durch Rinderweiden in Lateinamerika (etwa 42 Millionen Hektar) und Plantagen in Südostasien (etwa 7,5 Millionen Hektar, davon 80 Prozent Ölpalmen). Wie sich das Bild seitdem entwickelt hat und welche Rolle Kleinbauern und Konzerne spielen, steht im Eintrag zur Entwaldung.
Folgen für Arten und Lebensräume
Nach den IPBES-Schätzungen leben auf der Erde rund 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten, von denen etwa 1 Million vom Aussterben bedroht ist. Von geschätzt 5,9 Millionen Landarten haben nach einer Rechnung des Berichts etwa 9 Prozent, also mehr als 500.000, nicht genug Lebensraum für ein langfristiges Überleben. Viele davon sind binnen Jahrzehnten zum Aussterben verurteilt, wenn ihre Lebensräume nicht wiederhergestellt werden. Das ist eine Modellrechnung, keine Zählung. Mehr dazu im Eintrag zum Artensterben und zur Biodiversität.
Auch innerhalb der EU ist die Lage angespannt. Das Europäische Parlament nennt unter Berufung auf die Europäische Umweltagentur: Zwei Drittel der geschützten Arten und drei Viertel der bewerteten Lebensräume sind in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Der EU-Bericht dahinter bezieht sich auf die Jahre 2013 bis 2018, sein Volltext war nicht abrufbar. Zum Insektenrückgang siehe das Insektensterben.
Folgen für Boden, Klima und Gesundheit
Landdegradation, also die Verschlechterung der Böden, hat laut IPBES die Produktivität auf 23 Prozent der globalen Landfläche verringert. Etwa 25 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen stammen aus Landrodung, Pflanzenbau und Düngung, wobei tierische Lebensmittel 75 Prozent davon ausmachen. Beim Umbruch von Moorflächen werden laut Bundesamt für Naturschutz zudem beträchtliche Mengen Treibhausgase frei.
Auch die Gesundheit hängt an der Fläche. Gibb und weitere Forschende werteten 2020 in „Nature“ 6.801 ökologische Gemeinschaften und 376 Wirtsarten weltweit aus. Wildtiere, die Erreger mit Menschen teilen, machten in stark genutzten Flächen einen größeren Anteil der lokalen Artenvielfalt aus (18 bis 72 Prozent höher) als in nahegelegenen unberührten Lebensräumen, vor allem Nagetiere, Fledertiere und Singvögel. Die Studie sieht darin wachsende Berührungsflächen zwischen Menschen, Nutztieren und Wildtieren. Das passt zum Konzept Planetary Health. Eine früher an dieser Stelle genannte Zahl, mehr als 30 Prozent neuer Infektionskrankheiten seit 1960 gingen auf Landnutzung zurück, ließ sich an der Primärquelle nicht prüfen und wurde entfernt.
Beispiel Deutschland
In Deutschland wächst die Fläche für Siedlung und Verkehr seit Jahrzehnten. Nach dem Statistischen Bundesamt, zitiert vom Umweltbundesamt, dehnte sie sich von 1992 bis 2024 von 40.305 auf 52.266 Quadratkilometer aus, ein Plus von 29,7 Prozent. Der Zuwachs ging in weiten Teilen zulasten der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Das Tempo sinkt: Von 1997 bis 2000 kamen im Schnitt 129 Hektar pro Tag hinzu, von 2021 bis 2024 noch 50. Das Ziel für 2030 liegt laut Nachhaltigkeitsstrategie bei unter 30 Hektar pro Tag. Flächenverbrauch ist dabei nicht dasselbe wie Bodenversiegelung.
Auf dem Land zeigt das Bundesamt für Naturschutz einen zweiten Wandel: Seit 2003 ist der Anteil des Dauergrünlands an der landwirtschaftlichen Fläche um etwa 5 Prozent gesunken, vor allem durch Umwandlung in Ackerland. Mehr als die Hälfte der heimischen Pflanzenarten ist auf Grünland angewiesen, und 44 Prozent aller dort vorkommenden Arten sind gefährdet oder verschollen.
Wer profitiert, wer trägt die Folgen?
Landnutzungswandel hat eine globale Gerechtigkeitsseite. Winkler u. a. erklären die Phasen schneller und langsamerer Landveränderung mit den Effekten des Welthandels auf die Agrarproduktion. Zugleich liefern laut IPBES kleine Betriebe unter zwei Hektar etwa 30 Prozent der weltweiten Pflanzenproduktion und der Kalorienversorgung, auf rund einem Viertel der Agrarfläche. Wer „die Landwirtschaft“ pauschal verantwortlich macht, übersieht diese Unterschiede. Solche Zusammenhänge behandeln die Einträge zur Umweltgerechtigkeit, zur Klimagerechtigkeit und zum Kolonialismus.
Politische Antworten
Das Kunming-Montreal-Rahmenwerk von 2022 greift Landnutzungswandel gleich in seinem ersten Ziel auf: Bis 2030 sollen alle Flächen unter einer beteiligungsorientierten, biodiversitätsfreundlichen Raumplanung oder Bewirtschaftung stehen, damit der Verlust von Gebieten mit hoher Bedeutung für die Vielfalt nahe null sinkt, unter Achtung der Rechte indigener Völker. Ziel 2 verlangt, bis 2030 mindestens 30 Prozent der geschädigten Ökosystemflächen in wirksame Wiederherstellung zu bringen, Ziel 3 den wirksamen Schutz von mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen, Ziel 10 eine nachhaltige Bewirtschaftung von Land-, Forst- und Fischereiflächen. Mehr zu Wiederherstellung im Eintrag zur Renaturierung.
Was der Begriff nicht sagt
Nicht jeder Wandel bedeutet Verlust: Winkler u. a. beobachten im Globalen Norden auch Aufforstung und aufgegebenes Ackerland. Ob dadurch Lebensräume zurückkehren, hängt von Art und Ort ab. Der Begriff sagt auch nichts darüber, wer die Verantwortung trägt. Die Zahlen des IPBES sind Schätzungen, und die Ziele von Montreal sind politische Selbstverpflichtungen, deren Umsetzung offen ist.
Wo Land genutzt wird, entscheidet sich, wie viel Natur bleibt: Der Schutz der Vielfalt beginnt bei der Frage, wofür Flächen gebraucht werden.
Kerngedanke
Was du tun kannst
- Achte beim Einkauf auf Herkunft und Anbau von Produkten mit Rind, Soja, Palmöl, Kakao und Holz und wähle, wo möglich, Regionales und weniger Tierisches.
- Frage in deiner Kommune nach Flächennutzungsplänen, Flächensparzielen und Beteiligungsangeboten, bevor neue Baugebiete beschlossen werden.
- Unterstütze den Erhalt von Grünland, Mooren und Auen vor Ort, etwa über Naturschutzvereine oder Pflegeeinsätze.
Quellen: IPBES (2019): Summary for Policymakers of the Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services (Volltext gelesen) / Winkler, K. u. a. (2021): Global land use changes are four times greater than previously estimated. Nature Communications 12, 2501 (Abstract gelesen) / Gibb, R. u. a. (2020): Zoonotic host diversity increases in human-dominated ecosystems. Nature 584, S. 398 bis 402 (Abstract gelesen) / Umweltbundesamt: Siedlungs- und Verkehrsfläche (Stand 25.02.2026, abgerufen 15.10.2026) / Bundesamt für Naturschutz: Naturschutz in der Landwirtschaft (abgerufen 15.10.2026) / Konferenz der Vertragsparteien der CBD (19.12.2022): Entscheidung 15/4, Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (Volltext gelesen) / Europäisches Parlament: Verlust der Biodiversität, Ursachen und Auswirkungen (Stand 26.02.2025, abgerufen 15.10.2026) / Europäische Umweltagentur: State of nature in the EU 2020 (Berichtsseite, Volltext nicht abrufbar)
Wie intakte Moore Kohlenstoff speichern, zeigt der Blogartikel Moore retten: Warum Torfböden mehr CO₂ speichern als alle Wälder zusammen.
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