Queeres ABC

Demisexuell

Demisexuell: Sexuelle Anziehung entsteht erst nach einer engen emotionalen Bindung. Bedeutung, Herkunft des Begriffs und Abgrenzung zu Asexualität.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 28.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Sexuelle Anziehung entsteht erst, nachdem eine enge emotionale Bindung besteht
Spektrum
Asexuelles Spektrum, zwischen asexuell und allosexuell
Herkunft
Forumsbeitrag von sonofzeal im AVEN-Forum (Asexual Visibility and Education Network), 8. Februar 2006
Aktionswoche
Ace Week, 2026 vom 25. bis 31. Oktober

Einfach erklärt

Demisexuell beschreibt Personen, die sexuelle Anziehung erst empfinden, nachdem eine enge emotionale Bindung zu einer anderen Person entstanden ist. Das zugehörige Substantiv lautet Demisexualität. Bei vielen anderen Personen kann sexuelle Anziehung schon bei der ersten Begegnung entstehen, etwa durch Aussehen, Stimme oder Ausstrahlung. Bei demisexuellen Personen fehlt dieser schnelle Auslöser.

Demisexualität gehört zum asexuellen Spektrum. Asexuell ist nach der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wer keine oder nur eine sehr geringe sexuelle Anziehung zu anderen Personen verspürt. Als allosexuell bezeichnen sich Personen, die sexuelle Anziehung ohne besondere Vorbedingung erleben. Demisexuelle Personen liegen dazwischen: Sie erleben sexuelle Anziehung, aber nur in einem engen Rahmen. Manche verstehen sich zusätzlich als asexuell, andere nicht.

Ein Beispiel: Zwei Personen lernen sich über eine Dating-App kennen und treffen sich zum ersten Mal. Eine allosexuelle Person kann bereits an diesem Abend sexuelle Anziehung spüren. Eine demisexuelle Person empfindet womöglich Sympathie und Interesse, aber keine sexuelle Anziehung. Diese kann sich erst entwickeln, wenn Vertrauen und Nähe gewachsen sind, und auch dann nicht zwingend.

Demisexuell sagt nichts darüber, zu wem sich eine Person hingezogen fühlt. Der Begriff beschreibt die Bedingung der Anziehung, nicht deren Ziel. Er ist relevant, weil er genauer benennt, was die Wörter asexuell und allosexuell allein nicht treffen, und weil er aus der Community selbst stammt: Er entstand 2006 in einem Forum asexueller Personen.


Ausführlich erklärt

Der Begriff entstand 2006 im Forum der asexuellen Community

Das Asexual Visibility and Education Network (AVEN) wurde nach eigenen Angaben 2001 gegründet. Es verfolgte zwei Ziele: öffentliche Akzeptanz und Debatte über Asexualität sowie das Wachstum einer asexuellen Gemeinschaft. In seinem Forum schlug das Mitglied sonofzeal am 8. Februar 2006 in einem Strang mit dem Titel „Asexual sex“ das Wort „demisexuals“ vor.

Der Beitrag unterscheidet zwei Formen sexueller Anziehung: Die primäre beruht überwiegend auf körperlichen Merkmalen und entsteht auf den ersten Blick, die sekundäre entwickelt sich erst, nachdem zuvor emotionale Anziehung gewachsen ist. Stehe „sexuell“ für beide Formen und „asexuell“ für keine, brauche es womöglich ein neues Wort für Personen, die nur eine der beiden Formen erleben. Als Beispiel nennt der Beitrag die eigene Erfahrung: sekundäre Anziehung, aber kaum primäre.

Die Vorsilbe „demi“ bedeutet „halb“ und verweist auf die Mitte zwischen asexuell und allosexuell. Zwei Jahre später, 2008, popularisierte laut Ace Week das Forumsmitglied OwlSaint den Begriff. Ace Week ist eine Aktionswoche der asexuellen Community. Die Unterscheidung in primäre und sekundäre Anziehung taucht noch in manchen deutschsprachigen Erklärtexten auf, gilt laut Ace Week aber inzwischen als überholt, weil sie die Erfahrungen nicht genau erfasst.

Der Begriff hat damit einen aktivistischen Ursprung: Er stammt aus einem Forumsbeitrag der Community und nicht aus einer wissenschaftlichen Studie. Spätere Studien greifen ihn als Selbstbezeichnung auf.

Demisexualität beschreibt die Bedingung der Anziehung, nicht deren Ziel

Nach Copulsky und Hammack (2021) erleben demisexuelle Personen sexuelle Anziehung erst, nachdem sie eine emotionale Verbindung zu jemandem aufgebaut haben. Kennzeichnend sei der begrenzte Rahmen, in dem überhaupt sexuelle Anziehung auftritt.

Merke

Bei Demisexualität ist die emotionale Bindung die Voraussetzung für sexuelle Anziehung, aber keine Garantie dafür.

Das Wort sagt nichts über das Geschlecht der Person, zu der Anziehung besteht. Es lässt sich mit jeder Orientierung verbinden, 100% MENSCH nennt Beispiele wie demi-hetero, demi-homo, demi-bi und demi-pan. In der Befragung, die Copulsky und Hammack auswerteten, gaben demisexuelle Personen zusätzlich an, mit welchem Label für die Richtung ihrer Anziehung sie sich am ehesten beschreiben: 22,4 Prozent wählten „straight“, 24,1 Prozent „bisexual“ und 20,7 Prozent „pansexual“. Pansexualität beschreibt, zu wem Anziehung besteht, nämlich unabhängig vom Geschlecht. Ob sie schnell oder erst nach einer Bindung entsteht, lässt dieser Begriff offen. Eine Person kann daher demisexuell und pansexuell zugleich sein.

Sexuelle und romantische Anziehung betrachten viele in der Community als getrennte Achsen, das Modell erklärt der Artikel Aromantisch. Zu Demisexualität gibt es eine romantische Entsprechung: Demiromantisch heißt, dass romantische Anziehung ebenfalls erst nach dem Aufbau einer emotionalen Verbindung entsteht. In der Befragung von 2018 bezeichneten sich 32,2 Prozent der demisexuellen Personen als demiromantisch, 4,5 Prozent gaben an, keine romantische Anziehung zu erleben. Die Forschenden halten romantische Anziehung für wahrscheinlich verwandt mit der emotionalen Verbindung, die für Demisexualität zentral ist, betonen aber, dass manche demisexuelle Personen keine romantische Anziehung erleben.

Zwischen Asexualität und Allosexualität: Wo Demisexualität im Spektrum liegt

Asexuell wird manchmal als Oberbegriff für alle genutzt, die wenig oder keine sexuelle Anziehung erleben. Die Bezeichnungen graysexuell und demisexuell erlauben nach Copulsky und Hammack (2021) genauere Beschreibungen. Graysexuelle Personen liegen in der Grauzone zwischen asexuell und allosexuell. Demisexuelle Identität zeichnet sich dagegen vor allem durch den engen Rahmen aus, in dem sexuelle Anziehung überhaupt auftritt.

Die Studie verglich 9.476 asexuelle, 1.698 graysexuelle und 1.442 demisexuelle Befragte, die genannten Unterschiede waren zwischen allen drei Gruppen statistisch signifikant. Bei diesen Maßen gaben asexuelle Befragte die niedrigsten Werte an, demisexuelle die höchsten. Beim Sexualtrieb auf einer Skala von 0 bis 4 lagen die Mittelwerte bei 1,3 (asexuell), 1,8 (graysexuell) und 1,9 (demisexuell). In einer engen Beziehung, die weder sexuell noch romantisch sein muss, lebten 44,1 Prozent der demisexuellen, 32,3 Prozent der graysexuellen und 18,5 Prozent der asexuellen Befragten. Schon einmal Sex gehabt zu haben, gaben 55,0 Prozent der demisexuellen und 19,9 Prozent der asexuellen Befragten an. Was als Sex zählt, definierte die Befragung nicht.

Im Ace Community Survey 2024 waren 56,5 Prozent der demisexuellen Befragten Single, 26,7 Prozent lebten in einer Partnerschaft oder intimen Beziehung. 15,3 Prozent suchten aktiv nach einer solchen Beziehung, 51,6 Prozent suchten nicht aktiv, waren aber offen dafür. Die Zahlen beschreiben Gruppen, nicht einzelne Personen. Die Forschenden betonen zudem, dass die drei Gruppen viel gemeinsam haben: Verlangen, Anziehung und Verhalten fallen bei allen insgesamt eher niedrig aus. Eine allosexuelle Vergleichsgruppe enthielt die Studie nicht.

Bewusstes Warten, Asexualität und Demiromantik sind etwas anderes

  • Bewusstes Warten: Allosexuelle Personen können sich dafür entscheiden, nur innerhalb einer emotional engen Beziehung Sex zu haben. Sexuelle Anziehung erleben sie nach Copulsky und Hammack (2021) aber in der Regel auch gegenüber Fremden oder flüchtig Bekannten. Bei demisexuellen Personen entsteht sie überhaupt erst nach dem Aufbau der Bindung.
  • Asexualität: Asexuelle Personen erleben nach der bpb keine oder nur eine sehr geringe sexuelle Anziehung. Was Asexualität von Zölibat und von einer Störung des sexuellen Verlangens unterscheidet, steht im Artikel Asexualität.
  • Demiromantik: Sie betrifft die romantische Anziehung. Beide Begriffe können zusammentreffen, müssen es aber nicht, wie der Anteil von 32,2 Prozent oben zeigt.

Die Forschung ist jung, und die Zahlen stammen aus Befragungen der Community

Zu Unterschieden zwischen asexuellen, graysexuellen und demisexuellen Personen gibt es nach Copulsky und Hammack (2021) bisher wenig empirische Forschung. Weil sich manche, aber nicht alle graysexuellen und demisexuellen Personen auch als asexuell bezeichnen, werden sie in Studien über Asexualität wahrscheinlich nur teilweise erfasst. Die Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte hat laut der Studie pathologisierende Modelle zunehmend verworfen, die im 20. Jahrhundert vorherrschten. Demisexualität ist eine Selbstbeschreibung und keine Diagnose.

Die Daten der Studie stammen aus dem Ace Community Survey 2018, einer jährlichen Befragung, die Freiwillige aus der asexuellen Community organisieren. Teilnehmende wurden über asexuelle Websites und Foren sowie im Schneeballverfahren gewonnen, die Befragung gab es nur auf Englisch. Von 15.177 Teilnehmenden gingen 12.616 in die Auswertung ein, darunter 1.442 demisexuelle Personen, das sind 11,4 Prozent. 84,0 Prozent der Stichprobe bezeichneten sich als weiß oder europäischer Herkunft, 58,1 Prozent lebten in den USA.

Am Ace Community Survey 2024 nahmen Personen aus 96 Ländern teil, 8.185 von ihnen ordneten sich dem asexuellen Spektrum zu. 18,2 Prozent dieser Personen wählten das Label „Demisexual“. Mehrfachnennungen waren 2024 möglich, 2018 war ein bevorzugtes Label anzugeben, deshalb lassen sich die Anteile nicht vergleichen. Der Bericht weist selbst darauf hin, dass die Stichprobe nicht repräsentativ ist, weil Personen mit Kontakt zu englischsprachigen Online-Communities häufiger teilnahmen.

2006schlägt sonofzeal im AVEN-Forum das Wort „demisexuals“ vor
18,2 %der Befragten auf dem asexuellen Spektrum wählten 2024 das Label „Demisexual“
1.442demisexuelle Befragte in der Studie von Copulsky und Hammack (2021)

Eine belastbare Zahl dazu, wie viele Personen in der Gesamtbevölkerung demisexuell sind, liefern die geprüften Quellen nicht. Die Anteile beschreiben, wie sich Befragte innerhalb dieser Online-Stichproben bezeichnen, nicht die Häufigkeit in Deutschland oder weltweit.

Demisexuell beschreibt nicht, wen eine Person anzieht, sondern unter welcher Bedingung sexuelle Anziehung entsteht.

Kerngedanke

Quelle: AVEN-Forum (2006): Beitrag von sonofzeal im Strang „Asexual sex“ (abgerufen 28.10.2026) / AVEN: About AVEN (abgerufen 28.10.2026) / Copulsky und Hammack (2021), The Journal of Sex Research 60: Asexuality, Graysexuality, and Demisexuality / Ace Community Survey Team (2025): 2024 Summary Report / Ace Week: 5 Defining Moments in Gray-Asexual History (abgerufen 28.10.2026) / bpb (Sauer 2018): LSBTIQ-Lexikon, Asexualität / Projekt 100% MENSCH: Demisexualität (abgerufen 28.10.2026)

Wer über die eigene Orientierung sprechen möchte, findet im Blog Hinweise dazu, was Coming out von Outing unterscheidet: Deine Geschichte, dein Tempo: Was Coming out von Outing unterscheidet.


Das könnte dich auch interessieren

  • Asexualität: das Spektrum, in dem Demisexualität liegt
  • Aromantisch: die romantische Orientierung, getrennt von der sexuellen Anziehung
  • Pansexualität: Anziehung unabhängig vom Geschlecht, kombinierbar mit Demisexualität
  • LGBTQIA+: das Akronym, das asexuelle Personen einschließt
  • Queer: der Oberbegriff, unter dem sich viele Personen mit abweichender Orientierung verorten
  • Queerfeindlichkeit: Ablehnung und Abwertung queerer Personen
  • Geschlechtsidentität: ein Konzept, das unabhängig von der sexuellen Orientierung besteht
  • Lesbisch: die Richtung der Anziehung, kombinierbar mit Demisexualität

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Front Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Front Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Zipper

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen