Queeres ABC

Allyship

Allyship einfach erklärt: Was aktive Solidarität bedeutet, was Studien zu Wirkung und Kritik zeigen und woran sich performatives Allyship zeigt.

6 Min. LesezeitAktualisiert am 16.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Aktive Solidarität von Menschen mit gesellschaftlichen Vorteilen gegenüber benachteiligten Gruppen
Herkunft
Englisch ally, auf Deutsch Verbündete
Kernidee
Allyship ist eine Praxis, keine Eigenschaft und kein Titel
Kritik
Performatives Allyship, Selbstbezeichnung als Ally, Zentrierung der Verbündeten

Einfach erklärt

Allyship bezeichnet die aktive Solidarität von Menschen mit gesellschaftlichen Vorteilen gegenüber benachteiligten Gruppen. Wer Allyship praktiziert, nutzt den eigenen Vorteil, um anderen Zugang, Sichtbarkeit oder Schutz zu verschaffen, auch ohne selbst betroffen zu sein.

Konkret kann das heißen: Eine weiße Person spricht rassistische Aussagen in ihrem Umfeld an. Eine cis-Person unterstützt trans Personen in Räumen, in denen Anfeindungen möglich sind. Eine nicht behinderte Person setzt sich für barrierefreie Veranstaltungen ein.

Merke

Allyship ist keine Eigenschaft, sondern ein Verhalten. Es geht nicht darum, sich als Verbündete zu bezeichnen, sondern so zu handeln.


Ausführlich erklärt

Was die Forschung unter Allyship versteht

Eine einheitliche Definition gibt es nicht. De Souza und Schmader (2024) sprechen von „konzeptueller Unklarheit“ und beschreiben Allyship als Praxis. Sie unterscheiden reaktive Handlungen, die Vorurteile ansprechen, wenn sie auftreten, von proaktiven, die Zugehörigkeit, Respekt und Handlungsfähigkeit fördern. Beide können sich auf die eigene Person, einzelne andere oder Institutionen richten. Erskine und Bilimoria (2019) verstehen White Allyship als „kontinuierliche, reflexive Praxis“, die Weißsein aus intersektionaler Perspektive hinterfragt und Macht und Privilegien nutzt, um den Status quo zu stören.

Warum beteiligen sich solche Menschen überhaupt? Radke et al. (2020) unterscheiden vier Motive: den Status der benachteiligten Gruppe zu verbessern, den Status der eigenen Gruppe dabei zu erhalten, eigene persönliche Bedürfnisse zu erfüllen und moralische Überzeugungen zu leben. Spannungen um die Beteiligung Bevorrechtigter lassen sich laut den Autorinnen und Autoren teilweise mit diesen Motiven erklären.

4Motive für Engagement Bevorrechtigter unterscheiden Radke et al. (2020)
80People of Color wurden in Studie 1 von Brown und Ostrove (2013) befragt
20Interviews mit Social-Media-Influencern wertete Wellman (2022) aus

Wann Kontakt hilft und wann er schadet

Droogendyk et al. (2016) halten die Beiträge Bevorrechtigter für wertvoll, fragen aber, wann Kontakt mit Verbündeten Widerstandsbewegungen eher schadet als nützt. Ihre Empfehlungen: Unterstützung für sozialen Wandel klar kommunizieren, die Folgen der eigenen Privilegien verstehen, Unterstützung anbieten, die die Autonomie der Betroffenen achtet, und das eigene Zugehörigkeitsgefühl nicht dadurch zu steigern, dass marginalisierte Identitäten übernommen werden. Der Aufsatz ist ein theoretischer Überblick, keine Messung.

Selvanathan et al. (2020) bauen darauf ein Rahmenmodell: Bevorrechtigte brauchen demnach Anerkennung als moralisch handelnde Personen, Benachteiligte brauchen Empowerment und Respekt. Allies riskieren, wirkungslos oder sogar schädlich zu sein, wenn diese Bedürfnisse kollidieren. Die Aussagen sind als Hypothesen formuliert, nicht als gesicherte Befunde. Das Ziel, dem Allyship dienen soll, ist Empowerment.

Was Betroffene von Allies erwarten

Wie wird Allyship eigentlich von denen wahrgenommen, die unterstützt werden sollen? Brown und Ostrove (2013) fragten in drei Studien People of Color statt Verbündete selbst. Die Inhaltsanalyse von 80 Befragten ergab acht Themen. In Studie 2 und 3 (182 und 195 Befragte) zeigten sich zwei Skalen: informiertes Handeln und Bestätigung. Weiße Allies wurden dabei als deutlich weniger bereit eingeschätzt, sich mit rassistischen Themen auseinanderzusetzen, als Allies of Color. Das beschreibt Wahrnehmungen von Befragten, nicht das tatsächliche Verhalten. Zum Hintergrund siehe auch Rassismus.

Ob jemand ein Ally ist, entscheiden nicht die Absicht und nicht das Etikett, sondern Handeln im Sinn derer, die unterstützt werden sollen.

Kerngedanke

Kritik: performatives Allyship und das Ally-Label

Kalina (2020) beschreibt performatives Allyship als öffentlich bekundete Unterstützung, die nicht hilfreich und womöglich schädlich ist, weil die Person eine Belohnung sucht. In sozialen Medien sei das die Anerkennung als „gute Person“. Wellman (2022) untersuchte in 20 Interviews mit Influencern den Instagram-Trend der schwarzen Quadrate im Juni 2020. Ihr Argument: Für viele diente das Posten dazu, Glaubwürdigkeit bei den Followern aufzubauen, ohne dass substanzielle Fortschritte folgten. Das ist eine Deutung von Interviewdaten, keine Messung. Verwandt ist Tokenismus, die symbolische Beteiligung ohne echte Teilhabe.

Auch die Selbstbezeichnung wird kritisiert. Indigenous Action Media (2014) schreiben, Menschen träten mit der Haltung „Ich bin hier, um euch zu unterstützen“ auf, die sie wie ein Abzeichen tragen, und sammelten „Ally-Punkte“. Der Essay, ein Beitrag aus der indigenen Bewegung in den USA vom 4. Mai 2014, spricht von einem „Ally Industrial Complex“ und setzt „Komplizen“ (accomplices) dagegen, die im Kampf Risiken mittragen. Es ist ein Meinungsbeitrag, keine Studie. Er erklärt aber, warum die Selbstbezeichnung in vielen aktivistischen Kontexten als Warnsignal gilt: Vertrauen entsteht durch konsistentes Handeln über Zeit, das Betroffene bewerten, nicht durch eigene Zuschreibung.

Was der Begriff nicht sagt

Allyship ist kein Dauerzustand und kein Verdienstabzeichen. Ein Ally zu sein, schließt Fehler nicht aus, und niemand ist es für alle Gruppen zugleich. Studien beschreiben Wahrnehmungen und Zusammenhänge, keine Garantie, dass bestimmte Handlungen wirken.

Allyship, Geschlechtervielfalt und Intersektionalität

Bevorrechtigung ist selten eindeutig. Ein trans Mann kann in manchen Situationen als Mann Vorteile haben und zugleich als trans Person angefeindet werden, eine nichtbinäre Person kann weiß sein und Rassismus nicht erleben. Intersektionalität heißt deshalb: Wer in einer Dimension Ally ist, kann in einer anderen selbst betroffen sein. Das ist eine Folgerung aus dem Konzept, keine Befundaussage der zitierten Studien.

Zu Allyship gegenüber trans Personen gibt es erste Forschung. Fletcher und Marvell (2022) fanden in einem Szenario, dass bei nicht trans Beschäftigten eine ausgeprägte Ausrichtung auf soziale Hierarchien mit geringerer Bereitschaft zu Allyship einherging, ein positiv wahrgenommenes Klima für Vielfalt und Inklusion diesen Zusammenhang aber abschwächte. In einer Befragung trans Beschäftigter hing wahrgenommenes Allyship mit psychologischer Sicherheit und Authentizität zusammen. Das sind Zusammenhänge, keine nachgewiesenen Ursachen. Ob trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen sich dabei unterscheiden, geht aus dem Abstract nicht hervor.

Was im Alltag folgt

Aus den Befunden ergeben sich Anhaltspunkte, die nicht systematisch auf Wirksamkeit geprüft sind: zuhören und fragen, was benötigt wird, statt zu entscheiden, Entscheidungsmacht bei Betroffenen lassen, bei Vorfällen eingreifen (reaktives Allyship), Strukturen verändern (proaktives Allyship) und sich nicht selbst ins Zentrum stellen. Zivilcourage ist ein Teil davon.

Quellen: Radke et al. (2020), Personality and Social Psychology Review 24 / Droogendyk et al. (2016), Journal of Social Issues 72 / Brown und Ostrove (2013), Journal of Applied Social Psychology 43 / Selvanathan et al. (2020), European Journal of Social Psychology 50 / De Souza und Schmader (2024), Personality and Social Psychology Review / Erskine und Bilimoria (2019), Journal of Leadership and Organizational Studies 26 / Fletcher und Marvell (2022), International Journal of Human Resource Management / Wellman (2022), Social Media + Society 8 / Kalina (2020), Technium Social Sciences Journal 11 / Indigenous Action Media (2014): Accomplices Not Allies

Wie mehrfache Diskriminierung sich in der Klimakrise konkret zeigt: Doppelt betroffen: Warum die Klimakrise queere Menschen härter trifft.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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