Doppelt betroffen: Warum die Klimakrise queere Menschen härter trifft

Ein Hitzesommer in einer europäischen Großstadt. Temperaturen über 40 Grad, tagelang. Wer eine Wohnung hat, zieht die Vorhänge zu. Wer keine hat, verbringt die Nacht auf der Straße – und das in einem Land, in dem queere Jugendliche weit überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen sind. In den USA schätzt das Williams Institute, dass sie rund 40 Prozent der wohnungslosen Jugend ausmachen, obwohl sie nur etwa 7 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen[¹]. Diese Verbindung ist kein Zufall – sie hat einen Namen: Intersektionalität.

Klimakrise und queere Lebensrealitäten klingen zunächst nach zwei verschiedenen Themen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Sie sind enger verknüpft als es auf den ersten Blick erscheint. Nicht weil queere Menschen irgendwie „empfindlicher” wären, sondern weil strukturelle Diskriminierung Menschen in Lebenslagen bringt, in denen die Folgen der Klimakrise schwerer wiegen. Dieser Artikel zeigt, wie das zusammenhängt – und wer bereits Antworten darauf gibt.

Was Intersektionalität damit zu tun hat

Intersektionalität beschreibt, wie verschiedene Formen von Diskriminierung sich nicht einfach addieren, sondern gegenseitig verstärken. Wer als queere Person gleichzeitig arm ist, eine Behinderung hat oder einen Migrationshintergrund, erlebt nicht die Summe einzelner Benachteiligungen – sondern etwas Komplexeres, oft Härteres. Schwarze queere Menschen, queere Menschen mit Behinderung oder mit geringem Einkommen stehen dabei oft vor noch einmal anderen, härteren Realitäten. Die queere Community ist alles andere als homogen.

Auf die Klimakrise übertragen bedeutet das: Die sozialen Ungleichheiten, die queere Menschen in vielen Lebensbereichen stärker belasten, machen sie auch verletzlicher gegenüber Klimafolgen. Das ist keine Behauptung von Aktivist*innen allein. Der IPCC – das wissenschaftliche Gremium der Vereinten Nationen zur Klimaforschung – hält in seinem sechsten Sachstandsbericht (2022) fest, dass sozial marginalisierte Gruppen von den Folgen des Klimawandels überproportional betroffen sind[²]. Queere Menschen werden darin nicht explizit genannt, aber die strukturellen Faktoren, die sie vulnerabel machen, decken sich genau mit denen, die der IPCC benennt: Armut, Wohnunsicherheit, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Wohnunsicherheit und Klimaextreme

Ein zentrales Beispiel ist die Wohnungssituation. Queere Jugendliche, die zuhause nicht akzeptiert werden, erleben Wohnungslosigkeit deutlich häufiger als ihre nicht-queeren Peers. In den USA belegen Studien des Williams Institute diese Überrepräsentation mit konkreten Zahlen[¹]. Für Deutschland fehlen vergleichbare systematische Erhebungen – das ist selbst eine Forschungslücke, die zeigt, wie wenig queere Lebensrealitäten in sozialpolitischen Daten sichtbar gemacht werden. Beratungsstellen wie Jugendnotdienste berichten aber regelmäßig, dass Coming-out-bedingte Konflikte ein häufiger Auslöser für Wohnungslosigkeit bei jungen Menschen sind.

Wohnungslosigkeit und Klimaextreme treffen sich brutal. Hitzewellen töten in Deutschland jedes Jahr Tausende Menschen, und wer keine kühle Wohnung hat, ist am stärksten gefährdet[³]. Überflutungen, Sturmereignisse, Kälteperioden – all das trifft Menschen ohne stabiles Zuhause mit einer Wucht, die für andere kaum vorstellbar ist.

Wenn Flucht keine Option ist: Queere Klimaflüchtlinge

Klimafolgen zwingen weltweit immer mehr Menschen zur Migration. Doch wer fliehen muss, kann nicht einfach irgendwo hingehen – schon gar nicht, wenn die eigene Identität in vielen Ländern kriminalisiert wird. Laut ILGA World (2023) ist gleichgeschlechtliche Liebe in über 60 Staaten strafrechtlich verboten, in einigen droht die Todesstrafe[⁶]. Für queere Menschen, die klimabedingt ihre Heimat verlieren, verengt sich die Welt auf eine doppelte Weise: Der Klimawandel zerstört den Ort, an dem sie leben – und Feindseligkeit und Verfolgung versperren ihnen den Weg in viele andere Länder.

Das bedeutet: Queere Klimaflüchtlinge stehen nicht nur vor den gleichen humanitären Herausforderungen wie alle anderen. Sie müssen bei der Wahl eines Ziellandes abwägen, ob sie dort überhaupt sicher existieren können. Diese Einschränkung ist keine persönliche Entscheidung – sie ist das Ergebnis einer globalen Ungleichheit, die Klimagerechtigkeit und queere Rechte unlösbar miteinander verbindet.

Gesundheitsversorgung als Schutzfaktor – der für viele fehlt

Klimafolgen schlagen sich auf die Gesundheit nieder: Atemwegserkrankungen durch Hitze und Luftverschmutzung, psychische Belastungen durch Extremereignisse, neue Infektionskrankheiten durch veränderte Ökosysteme. Wer in diesen Momenten guten Zugang zu medizinischer Versorgung hat, ist geschützt.

Für viele queere Menschen – insbesondere trans* Personen – ist dieser Zugang eingeschränkt. Diskriminierung in medizinischen Einrichtungen ist keine Randerscheinung. Die Grundrechteagentur der EU (FRA) zeigt in ihrem LGBTI-Survey II (2020): Erhebliche Anteile der befragten trans* Personen in Europa haben Behandlungen aufgeschoben oder ganz vermieden – aus Angst vor Diskriminierung[⁴]. Wer dem Gesundheitssystem aus Erfahrung misstraut, ist in Krisenzeiten schlechter geschützt.

Queerer Klimaaktivismus als Antwort

Und doch: Queere Communities sind nicht nur Betroffene – sie sind auch Gestalter*innen. Weltweit verbinden Gruppen wie „Queers for Climate” klimapolitische Forderungen mit queeren Perspektiven. Die Einsicht, die dabei wächst: Klimagerechtigkeit ist nicht möglich ohne soziale Gerechtigkeit.

In Deutschland setzen sich queere Umweltgruppen dafür ein, dass Klimapolitik die Lebensrealitäten marginalisierter Gruppen mitdenkt – und das mit Ansätzen, die so divers sind wie die Community selbst: von queeren Repair-Cafés bis zu LGBTQ+-geführten urbanen Gartenprojekten. Das ist keine Nischenpolitik. Es ist ein Modell für eine Klimabewegung, die niemanden zurücklässt.

Berichte wie der des UN-Menschenrechtsbüros (2023) beginnen, queere Perspektiven in Klimafragen explizit anzusprechen[⁵] – ein Zeichen, dass diese Verknüpfung auch auf institutioneller Ebene ankommt.

Was sich bereits verändert – und warum das Mut macht

Queere politische Tradition hat immer wieder bewiesen, dass strukturelle Probleme strukturelle Antworten brauchen. Dieser Blick – systemisch, solidarisch, intersektional – ist genau das, was die Klimabewegung heute braucht. Und er wird gehört.

Klimaorganisationen werden sichtbar inklusiver. Lokale Initiativen zeigen, dass nachhaltiges Leben und queere Lebensweise keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bereichern. Der Weg ist noch lang. Aber er wird gegangen – und queere Menschen sind dabei nicht nur Betroffene, sondern treibende Kraft.


Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest: Das Konzept der Intersektionalität lohnt sich, genauer zu verstehen – es verändert den Blick auf viele gesellschaftliche Fragen. Und wenn du queere Perspektiven in der Klimadebatte stärken willst, ist Sichtbarkeit ein erster Schritt.


Quellen

[¹] Williams Institute, UCLA School of Law (2019): „LGBTQ Youth Homelessness in the United States”
[²] IPCC (2022): Sixth Assessment Report – Impacts, Adaptation and Vulnerability, Kapitel 8
[³] Robert Koch-Institut (2023): Gesundheitliche Folgen von Hitzeextremen in Deutschland
[⁴] FRA – Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (2020): LGBTI Survey II
[⁵] UN Office of the High Commissioner for Human Rights (2023): Report on Sexual Orientation, Gender Identity and Climate Change
[⁶] ILGA World (2023): State-Sponsored Homophobia Report


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