Klima & Erde

Doppelt betroffen: Warum die Klimakrise queere Menschen härter trifft

Wie die Klimakrise queere Menschen härter trifft: Daten zu Wohnen, Gesundheit, Flucht und Klimapolitik, und wer queeren Klimaschutz vorantreibt.

10 Min. Lesezeit24. April 2026
Regenbogen über einem Feld mit drei Windrädern vor dunklem Himmel
Das Wichtigste in Kürze
  • Queere Menschen sind nicht von Natur aus verwundbarer. Diskriminierung bei Wohnen, Gesundheit und Schutz im Katastrophenfall macht Klimafolgen für viele härter.
  • Die Belege stammen vor allem aus den USA und der EU: Gleichgeschlechtliche Paare leben häufiger in Gebieten mit höherem Klimarisiko, trans Männer und trans Frauen verzichten häufiger auf Behandlung.
  • In nationalen Klimaplänen kommen queere Menschen kaum vor: Nur 8,2 Prozent der Staaten des Paris-Abkommens nennen sie.

Stell dir einen Hitzesommer in einer deutschen Großstadt vor, mitten in der Klimakrise. Wer eine kühle Wohnung hat, zieht die Vorhänge zu. Wer keine hat, sucht Schatten, einen Notschlafplatz oder eine Unterkunft, in der noch ein Bett frei ist. Wie ernst Hitze ist, zeigt das Robert Koch-Institut: Für den Sommer 2026 schätzt es bis Mitte September rund 16.000 hitzebedingte Sterbefälle, etwa 9.600 davon in der Hitzewoche Ende Juni. Den größten Anteil machen Menschen ab 75 Jahren aus.[1]

Diese Schätzung unterscheidet nach Alter und Geschlecht, nicht nach sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität.[1] Ob queere Personen in Deutschland häufiger an Hitze sterben, lässt sich deshalb nicht sagen. Wohl aber lässt sich zeigen, wo Klimafolgen auf Benachteiligungen treffen, die queere Menschen häufiger erleben: beim Wohnen, bei der Gesundheitsversorgung, beim Schutz im Katastrophenfall und in der Klimapolitik selbst. Dieser Artikel sortiert, was belegt ist, wo die Daten dünn sind und wer bereits Antworten gibt.

Was Intersektionalität damit zu tun hat

Intersektionalität beschreibt, wie sich verschiedene Formen von Diskriminierung nicht einfach addieren, sondern gegenseitig verstärken. Wer queer ist und zugleich wenig Geld hat, eine Behinderung hat oder rassistisch diskriminiert wird, erlebt keine Summe einzelner Nachteile, sondern etwas Eigenes. Die queere Community ist alles andere als einheitlich.

Der Weltklimarat IPCC hält das in seinem sechsten Sachstandsbericht (2022) ausdrücklich fest: Menschen, die wegen Geschlecht, Alter, ethnischer Herkunft, Klasse, Sprache, Fähigkeiten und/oder sexueller Orientierung strukturell benachteiligt sind, sind den Folgen von Klimagefahren überproportional ausgesetzt. Die sexuelle Orientierung wird dort also genannt, in Kapitel 8 (Abschnitt 8.2.2.2). Außerdem betont der Bericht, dass sich die Folgen in Städten auf wirtschaftlich und sozial ausgegrenzte Bewohner*innen konzentrieren, etwa in informellen Siedlungen.[2]

Verwundbarkeit steckt nicht in der Identität, sondern in den Strukturen, die sie benachteiligen.

Kerngedanke

Das betont auch die jüngste Auswertung des Williams Institute von 2026: Verwundbarkeit ist demnach nicht in Identitäten wie sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität angelegt, sondern wird von sozialen, politischen und rechtlichen Systemen erzeugt und aufrechterhalten.[3] Das klingt nach einer Feinheit, verändert aber die Richtung der Lösung: Nicht queere Menschen müssen „robuster“ werden, sondern die Strukturen gerechter.

Was Daten aus den USA zeigen

Die bisher genaueste quantitative Analyse kommt aus den USA. Das Williams Institute verknüpfte 2024 Zensusdaten zu gleichgeschlechtlichen Paaren mit Klimarisikodaten der NASA und der Katastrophenschutzbehörde FEMA. Von den 15 Landkreisen (Countys) mit dem höchsten Anteil gleichgeschlechtlicher Paare liegen alle an der Küste oder in Städten. Steigt dieser Anteil in einem County um einen Prozentpunkt, liegt der NASA-Risikowert für Wetterextreme wie Hitzewellen, Starkregen und Trockenheit im Schnitt um 17,17 Prozentränge höher, der FEMA-Wert für Überflutung, Waldbrand und Tornados um 6,13. Als Grund nennt die Studie schlechtere Infrastruktur und weniger Ressourcen in den Wohngegenden.[4]

Auch bei der Vertreibung zeigt sich ein Unterschied. Nach der Haushaltsumfrage Household Pulse des US-Zensus mussten rund 4 Prozent der schwulen und lesbischen Befragten wegen einer Naturkatastrophe ihr Zuhause verlassen, bei heterosexuellen Befragten waren es 1,2 Prozent.[5]

Was diese Zahlen nicht sagen

Beide Befunde stammen aus den USA und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Die Studie von 2024 betrachtet zudem nur gleichgeschlechtliche Paare, nicht alle queeren Menschen. Für Deutschland liegt nach Recherche im Oktober 2026 keine vergleichbare Auswertung vor.

Wohnen, Hitze und Notunterkünfte

Wer kein sicheres Zuhause hat, ist Hitze, Kälte und Unwettern am stärksten ausgesetzt. Für Europa liefert die große EU-Umfrage der Grundrechteagentur FRA (2023, 98.272 Befragte) Zahlen: 1 Prozent der queeren Befragten mussten schon einmal in der Öffentlichkeit schlafen, in der Allgemeinbevölkerung sind es 0,2 Prozent. 13 Prozent kamen zeitweise bei Freund*innen oder Verwandten unter, bei nicht-binären und gender-diversen Personen 18 Prozent, bei trans Frauen 17 Prozent, in der Allgemeinbevölkerung 3 Prozent. In unangemessenen Unterkünften lebten 6,6 Prozent der trans Frauen und 4,3 Prozent der trans Männer.[6]

Ein wichtiger Auslöser ist die Ablehnung durch die Herkunftsfamilie. In den USA machen queere Jugendliche nach Auswertung zahlreicher Studien 20 bis 45 Prozent der wohnungslosen Jugendlichen aus, obwohl nur etwa 6 bis 11 Prozent aller Jugendlichen queer sind.[7] Für Deutschland galt lange, dass solche Erhebungen fehlen. Eine erste Berliner Grundlagenstudie von 2024 kommt zu einem ähnlichen Bild: Queere Menschen, besonders trans*, inter* und nicht-binäre, sind überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen und nehmen Hilfsangebote wegen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen zu selten in Anspruch.[8]

Genau dort liegt das Problem der Notunterkünfte. In den USA sind sie oft nach Geschlecht getrennt, und trans Personen werden teils nach dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht untergebracht. Viele bleiben deshalb ohne Dach.[7] Aus Katastrophengebieten berichtet die Williams-Studie von 2026 Ähnliches: In Vanuatu meiden queere Personen bei Zyklonen Evakuierungszentren aus Angst vor Übergriffen. In Tonga, wo kirchliche Träger die meisten Zentren betreiben, blieb eine Gruppe lieber in ihrem eingestürzten Haus, weil das Zentrum unsicherer schien.[3] Das ist weit weg von Deutschland, zeigt aber, wie Schutzräume ausschließen können, wenn niemand an queere Menschen denkt.

Gesundheit: Wenn Misstrauen zum Risiko wird

Hitze, Luftverschmutzung und Extremereignisse belasten die Gesundheit. Wer dann guten Zugang zur Versorgung hat, ist besser geschützt. Genau hier haben viele trans Personen schlechte Erfahrungen. Laut FRA verzichteten 5 Prozent aller Befragten aus Angst vor Diskriminierung auf nötige Behandlung, darunter 17 Prozent der trans Männer und 18 Prozent der trans Frauen. 6 Prozent meiden die Gesundheitsversorgung ganz, bei trans Männern sind es 22 Prozent, bei trans Frauen 16 Prozent. Eine Behandlung verweigert wurde 10 Prozent der trans Männer und 13 Prozent der trans Frauen.[6] In Deutschland fühlten sich 16 Prozent der LGBTIQ-Befragten im Gesundheitswesen diskriminiert.[9]

5 %aller Befragten in der EU verzichteten aus Angst vor Diskriminierung auf nötige Behandlung
17 %der trans Männer, bei trans Frauen 18 Prozent
22 %der trans Männer meiden die Gesundheitsversorgung ganz

Hinzu kommen Lücken in der Katastrophenhilfe. Nach den Hurrikans Irma und Maria schlossen in Puerto Rico viele Apotheken, was die HIV-Versorgung gefährdete. Nach dem Hurrikan Dorian gab es im wichtigsten staatlichen Notquartier auf New Providence nur einen offenen Beratungstisch ohne Privatsphäre, kaum geeignet bei stigmatisierten Gesundheitsfragen.[3] Wer dem System ohnehin misstraut, sucht im Ernstfall später Hilfe.

Wenn Flucht keine Option ist

Klimafolgen zwingen weltweit Menschen zur Flucht. Für queere Klimaflüchtlinge verengt sich der Weg doppelt. Nach den aktuellen Daten von ILGA World kriminalisieren 65 UN-Mitgliedstaaten einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen, in 7 Staaten ist die Todesstrafe vorgesehen, in 5 weiteren ist die Rechtslage unklar.[10] Wer ein Ziel wählt, muss also abwägen, ob dort ein sicheres Leben möglich ist.

Dazu kommt eine rechtliche Lücke. Verfolgung wegen sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität kann ein Asylgrund sein. Das Flüchtlingsrecht schließt nach Einschätzung des UN-Hochkommissars für Menschenrechte aber die meisten aus, die allein wegen des Klimawandels Grenzen überqueren, wie die Williams-Studie festhält. Trans Personen trifft es zusätzlich, wenn das Zielland ihr Geschlecht nicht anerkennt.[3] Dass Klimakrise und Klimagerechtigkeit untrennbar mit queeren Rechten verbunden sind, zeigt sich hier besonders deutlich.

Unsichtbar in der Klimapolitik

Ein Grund für fehlende Hilfen: Queere Menschen werden in Klimaplänen kaum erwähnt. Das Williams Institute wertete 2026 die nationalen Klimabeiträge (NDCs) der Staaten des Paris-Abkommens aus. 165 von 195 Staaten, also 84,6 Prozent, nennen verwundbare Gruppen. LGBT-Personen nennen nur 16 Staaten, das sind 8,2 Prozent. In Lateinamerika und der Karibik sind es 24,2 Prozent, in Osteuropa kein einziger Staat.[3]

Das hat praktische Folgen. Gruppen, die nicht genannt werden, tauchen seltener in Risikoanalysen auf und haben nach Einschätzung der Studie größere Mühe, Anpassungsmaßnahmen und Klimafinanzierung zu erreichen. Hinzu kommt ein binäres Geschlechterbild: Eine Auswertung des UN-Klimasekretariats von 2024 fand in 166 Eingaben der Staaten, dass „Gender“ fast durchgehend als Frau oder Mann verstanden wurde. Der Gender-Aktionsplan der Climate Investment Funds lässt laut Williams-Studie sogar schwule, bisexuelle und trans Männer außen vor.[3]

Queerer Klimaaktivismus als Antwort

Queere Gemeinschaften sind nicht nur Betroffene, sondern Gestalter*innen. Queers X Climate ist eine internationale, queer geführte Initiative, die Gruppen für Klimagerechtigkeit vernetzt.[11] Mit „OUT for Sustainability“ erhielt laut einem deutschsprachigen Briefing von 2024 erstmals eine LGBTIQ-Organisation Beobachterstatus bei der UN-Klimarahmenkonvention.[12] In Deutschland versteht sich Queermany als queerfeministische Protest- und Kampagnenbewegung mit Ortsgruppen, entstanden aus der Klimagerechtigkeitsbewegung.[13]

Dass queere Netzwerke auch Krisenhilfe leisten, belegt die Williams-Studie an Beispielen: Als nach dem Vulkanausbruch und Tsunami 2022 das Büro der Tonga Leitis Association überflutet wurde, nahm deren Präsidentin queere Menschen bei sich auf. Der Verband bietet seither bei Naturkatastrophen Notunterkünfte an. Zudem sind auf Fidschi laut Rainbow Pride Foundation viele Klimaaktivist*innen queer, auch wenn ihre Arbeit nicht ausdrücklich an queere Organisationen gebunden ist.[3] Mehr zur Verbindung beider Themen beschreibt das Lexikon unter Queere Ökologie.

Was du tun kannst

Die Verantwortung liegt bei Politik und Verwaltung, nicht bei Einzelnen. Trotzdem gibt es Hebel:

  1. Frag bei Hitzeaktions- oder Klimaanpassungsplänen deiner Stadt nach, ob queere Beratungsstellen und diskriminierungsfreie Unterkünfte mitgedacht werden.
  2. Unterstütze queere Klimagruppen wie Queermany oder Queers X Climate mit Zeit, Reichweite oder Spenden.
  3. Achte bei Veranstaltungen und Notunterkünften auf Schutzkonzepte und geschlechtsneutrale Sanitäranlagen. Das nützt auch trans Männern, trans Frauen und nicht-binären Personen.
  4. Nimm in eigenen Umfragen und Projekten Fragen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität auf, damit queere Menschen in Daten sichtbar werden. Auch das empfiehlt die Williams-Studie.

Fazit

Die Klimakrise trifft queere Menschen nicht, weil sie queer sind, sondern weil Ausgrenzung sie häufiger an die Ränder von Wohnungsmarkt, Gesundheitssystem und Katastrophenhilfe drängt. Die Datenlage ist in Deutschland noch dünn, die Richtung der Befunde aber eindeutig. Wer soziale Gerechtigkeit und Queerfeindlichkeit beim Klimaschutz mitdenkt, schützt am Ende alle.


Quellen13

  • [1] Robert Koch-Institut (Stand 24.09.2026): Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, Kalenderwoche 37/2026. rki.de
  • [2] IPCC (2022): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe II, Kapitel 8, Abschnitt 8.2.2.2, sowie Zusammenfassung für Entscheidungsträger B.1.5. ipcc.ch
  • [3] Madrigal-Borloz, V. (April 2026): Sexual Orientation and Gender Identity in the Global Climate Change Architecture. Williams Institute, UCLA School of Law. williamsinstitute.law.ucla.edu
  • [4] Mahowald, L. und Shaw, A. (April 2024): Climate Change Risk for LGBT People in the United States. Williams Institute, UCLA School of Law. williamsinstitute.law.ucla.edu
  • [5] Mann, S., McKay, T. und Gonzales, G. (2024): Climate change-related disasters and the health of LGBTQ+ populations. Journal of Climate Change and Health 18, 100304. doi.org
  • [6] Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, FRA (2024): LGBTIQ equality at a crossroads, EU LGBTIQ Survey III (Befragung 2023). fra.europa.eu
  • [7] Romero, A. P., Goldberg, S. K. und Vasquez, L. A. (April 2020): LGBT People and Housing Affordability, Discrimination, and Homelessness. Williams Institute. williamsinstitute.law.ucla.edu
  • [8] Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung Berlin (11.12.2024): Pressemitteilung zur ersten Studie zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit von LSBTIQ+ Personen. berlin.de
  • [9] FRA (2024): EU LGBTIQ Survey III, Länderdatenblatt Deutschland. fra.europa.eu (PDF)
  • [10] ILGA World (01.06.2026): Pride Month, new ILGA World data and maps on laws affecting LGBTI people globally. ilga.org
  • [11] Queers X Climate: About. queersxclimate.org
  • [12] LIFE e.V. (2024): Klimagerechtigkeit, Gender und LGBTIQ (Briefing). life-online.de (PDF)
  • [13] Queermany: Selbstdarstellung auf Open Collective (abgerufen im Oktober 2026). opencollective.com

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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