Queeres ABC

Empowerment

Empowerment heißt, mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen: Herkunft des Begriffs, WHO-Definition, Frauenrechte, Grenzen und Kritik.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 17.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Prozess, in dem Menschen oder Gruppen mehr Kontrolle über Entscheidungen und Handlungen gewinnen, die ihr Leben betreffen
Zwei Ebenen
individuell (eigene Entscheidungen) und gemeinschaftlich (gemeinsamer Einfluss)
Fachliche Wurzeln
Soziale Arbeit und Gemeindepsychologie (1970er und 1980er Jahre), Gesundheitsförderung (WHO)
Streitfrage
Wie viel hängt an der einzelnen Person, wie viel an den Verhältnissen?

Einfach erklärt

Empowerment (englisch, übersetzt etwa Ermächtigung oder Befähigung) beschreibt Prozesse, in denen Menschen oder Gruppen mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben gewinnen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestimmt den Begriff für die Gesundheitsförderung so: Es ist ein Prozess, durch den Menschen mehr Kontrolle über Entscheidungen und Handlungen gewinnen, die ihre Gesundheit betreffen. Gemeint sind Fähigkeiten, aber auch Zugänge: zu Wissen, zu Geld, zu Entscheidungen.

Die WHO trennt zwei Ebenen. Individuelles Empowerment betrifft die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und selbst Kontrolle über persönliche Belange zu haben. Gemeinschaftliches Empowerment (Community Empowerment) meint, dass Menschen gemeinsam handeln, um mehr Einfluss auf die Bedingungen in ihrem Umfeld zu gewinnen. Beide Ebenen hängen laut WHO zusammen: Gestärkte Einzelne schaffen gestärkte Gemeinschaften und umgekehrt.

Dabei ist Empowerment kein Geschenk von oben. Fachkräfte oder Verbündete können Zugänge öffnen, Wissen teilen und Unterstützung anbieten. Die WHO nennt das „Enabling“ (Befähigen) und betont die Partnerschaft. Die Kontrolle gewinnen aber die Menschen selbst.

Merke

Empowerment bedeutet nicht, dass andere Macht verleihen. Hindernisse werden abgebaut, damit Menschen selbst mehr Kontrolle gewinnen.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Der Gedanke ist älter als das Wort. Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire beschrieb in „Pedagogy of the Oppressed“ (englisch 1970) einen Lernprozess, den er conscientização nannte. Die Übersetzerin erklärt den Begriff in einer Anmerkung so: Es geht darum, soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche wahrzunehmen und gegen die unterdrückenden Teile der Wirklichkeit zu handeln. Das Wort Empowerment kommt im Haupttext der englischen Jubiläumsausgabe von 2005 nach einer Volltextsuche des Digitalisats nicht vor. Freire ist also ein Vorläufer des Gedankens, nicht der Erfinder des Begriffs.

Als Fachbegriff taucht Empowerment in den Quellen dieses Eintrags ab den 1970er Jahren auf. Barbara Bryant Solomon veröffentlichte 1976 bei Columbia University Press das Buch „Black Empowerment: Social Work in Oppressed Communities“. Schon der Titel verbindet Black Empowerment mit Sozialer Arbeit in unterdrückten Gemeinschaften. 1981 plädierte Julian Rappaport im American Journal of Community Psychology in einem Aufsatz für eine „Sozialpolitik des Empowerment statt der Prävention“ (so sinngemäß der Titel). Wo genau und bei wem der Begriff zuerst benutzt wurde, lässt sich aus diesen Quellen nicht sagen.

Gesundheit: Gemeinschaften stärken

In der Gesundheitsförderung wurde Empowerment früh zum Grundsatz. Die Ottawa-Charta der WHO von 1986 beschreibt unter der Überschrift „Gemeinschaftsaktionen stärken“ das Empowerment von Gemeinschaften, also ihr Eigentum an und ihre Kontrolle über ihre eigenen Vorhaben und ihr Schicksal, als Herz dieses Prozesses. Die Bangkok-Charta von 2005 geht weiter: Gut organisierte und gestärkte Gemeinschaften könnten sehr wirksam über ihre eigene Gesundheit bestimmen und Regierungen sowie Unternehmen für die gesundheitlichen Folgen ihrer Politik zur Rechenschaft ziehen.

Das Glossar von 2021 verweist außerdem darauf, dass Gesundheitsförderung nicht nur Fähigkeiten Einzelner stärken soll. Sie soll auch die Bedingungen beeinflussen, die Gesundheit bestimmen. So steige die Chance, dass eigene Anstrengungen und Ergebnisse zusammenhängen. Wer etwa chronisch krank ist und trotz aller Mühe keinen Facharzttermin bekommt, erlebt diesen Zusammenhang nicht, so gut er, sie oder dey auch informiert ist. Das ist eine Veranschaulichung, keine Aussage der Quelle.

Frauenrechte und Entwicklung

Auch in der internationalen Politik wurde Empowerment zum Schlüsselwort. 1995 einigten sich Vertreterinnen und Vertreter von 189 Regierungen auf der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking auf eine Erklärung und eine Aktionsplattform. UN Women bezeichnet sie im Vorwort zur Neuauflage als visionäre Agenda für das Empowerment von Frauen.

Naila Kabeer legte 1999 eine viel genutzte Begriffsklärung vor. Frauen-Empowerment ist für sie der Prozess, in dem Menschen, denen die Fähigkeit zu strategischen Lebensentscheidungen verwehrt war, diese Fähigkeit erwerben. Die Entscheidungsfähigkeit besteht nach Kabeer aus drei miteinander verbundenen Dimensionen: Ressourcen (Zugang und künftige Ansprüche), Handlungsmacht (Entscheidungsprozesse, aber auch Verhandeln oder Täuschen) und Ergebnisse (Wohlergehen). Alle drei zusammen entscheiden darüber, was ein Indikator überhaupt aussagt.

1976erschien Solomons Buch „Black Empowerment“ über Soziale Arbeit in unterdrückten Gemeinschaften
1986stellt die Ottawa-Charta der WHO das Empowerment von Gemeinschaften ins Herz der Gemeindearbeit
189Regierungen einigten sich 1995 in Peking auf Erklärung und Aktionsplattform für Frauen

Empowerment lässt sich nicht für alle gleich messen

Marc A. Zimmerman unterscheidet 1995 zwischen Empowerment-Prozessen und Ergebnissen. Er hält ein universelles Maß für psychologisches Empowerment für womöglich weder machbar noch sinnvoll, denn Empowerment unterscheide sich zwischen Personen, Kontexten und Zeiten. Kabeer hält ebenfalls fest, dass zwischen dem Verständnis als Prozess und der Messung in Förderprogrammen eine große Lücke klafft.

Grenzen und Kritik

Aus diesen Quellen folgt eine Warnung. Wenn Empowerment nur als persönliche Aufgabe verstanden wird, rücken die Bedingungen aus dem Blick. Kabeer will deshalb ausdrücklich die strukturellen Rahmenbedingungen individueller Entscheidungen in die Analyse einbeziehen, und die WHO verlangt von der Gesundheitsförderung, auch die zugrunde liegenden Bedingungen zu verändern. Wer Rassismus, Ableismus oder Armut erlebt, kann sich nicht allein aus dieser Lage herausarbeiten.

Einordnung

Der Begriff wird auch in Werbung, Führungsseminaren und Ratgebern genutzt. Dort besteht die Gefahr, dass nur noch die Einzelnen als zuständig erscheinen. Das ist eine Einschätzung auf Grundlage der zitierten Fachliteratur, keine Messung. Ob ein konkretes Angebot echtes Empowerment ist, zeigt sich an der Frage, ob es Zugänge, Mitsprache und Ressourcen verändert.

Empowerment fängt bei den Menschen an, kann die Verhältnisse aber nicht ersetzen.

Kerngedanke

Empowerment in Deutschland

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) will Benachteiligungen aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern oder beseitigen (§ 1; im Gesetzestext steht noch das Wort „Rasse“). § 5 erlaubt ausdrücklich unterschiedliche Behandlung, wenn dadurch bestehende Nachteile aus diesen Gründen verhindert oder ausgeglichen werden sollen, sofern die Maßnahmen geeignet und angemessen sind. Das Gesetz spricht dabei nicht von Empowerment, und ob ein bestimmtes Angebot darunter fällt, hängt vom Einzelfall ab. Das ist keine Rechtsberatung.

In der Praxis zeigt sich Empowerment oft in Selbstorganisation und geschützten Räumen, etwa in Gruppen von und für Menschen, die dieselbe Diskriminierung erleben. Solche Angebote richten sich je nach Thema an Frauen, trans, inter und nichtbinäre Personen, Schwarze Menschen und People of Color, Menschen mit Behinderung oder andere Gruppen. Zum Verhältnis von Schutzräumen und Offenheit: Safe Space. Wie sich Gruppen dauerhaft aufstellen: Sich organisieren. Auch gegenseitige Hilfe ohne Hierarchie, Mutual Aid, versteht sich als Weg zu mehr Handlungsmacht. Die Frauenbewegung gehört ebenfalls hierher, mehr dazu unter Feminismus. Menschen, die nicht selbst betroffen sind, können als Allyship Zugänge öffnen, ohne zu bestimmen, was Betroffene brauchen. Wer mehrere Diskriminierungen zugleich erlebt, ist auf Intersektionalität angewiesen, damit Empowerment nicht eine Gruppe vergisst.

Was du tun kannst

  1. Frage Betroffene, was sie brauchen, bevor ein Angebot geplant wird.
  2. Biete Zugänge an: Wissen, Räume, Geld, Kontakte, Zeit.
  3. Gib Entscheidungen und Verantwortung ab, statt nur zu informieren.
  4. Prüfe, ob ein Angebot Bedingungen verändert und nicht nur Einzelne zum Durchhalten auffordert.
  5. Schätze Fortschritt nicht nach einer einzigen Kennzahl ein, sondern danach, was Menschen selbst als Gewinn sehen.

Quellen: WHO (2021): Health Promotion Glossary of Terms / WHO (2009): Milestones in Health Promotion, mit Ottawa-Charta 1986 und Bangkok-Charta 2005 / UN Women (2014): Beijing Declaration and Platform for Action, Nachdruck der Fassung von 1995 / Kabeer (1999): Resources, Agency, Achievements, Development and Change / Zimmerman (1995): Psychological empowerment, American Journal of Community Psychology / Rappaport (1981): In praise of paradox, American Journal of Community Psychology / Solomon (1976): Black Empowerment, Columbia University Press (bibliografischer Nachweis) / Freire: Pedagogy of the Oppressed, Jubiläumsausgabe 2005 (Digitalisat) / § 1 AGG / § 5 AGG


Wie viel Kraft kollektives Handeln entfalten kann: Zusammen in die Pedale: Was Stadtradeln so besonders macht.


Das könnte dich auch interessieren

  • Allyship: die Solidarität anderer, die individuelles Empowerment strukturell unterstützen kann
  • Intersektionalität: der Rahmen, der zeigt, warum Empowerment nie nur eine Dimension von Ungleichheit betrachten sollte
  • Marginalisierung: der Zustand, dem Empowerment als Gegenprozess entgegenwirkt
  • Aktivismus: die kollektive Form, in der sich Empowerment politisch äußert
  • Weißes Privileg: einer der strukturellen Vorteile, deren Fehlen individuelles Empowerment erschwert
  • Sich organisieren: wie Gruppen dauerhaft handlungsfähig werden
  • Mutual Aid: gegenseitige Hilfe unter Gleichen statt Wohltätigkeit von oben
  • Safe Space: Räume mit Regeln, in denen sich marginalisierte Menschen möglichst sicher aufhalten können

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Front Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen