Queeres ABC

Disability Justice

Disability Justice einfach erklärt: Herkunft, die zehn Prinzipien von Sins Invalid und der Unterschied zu Behindertenrechten.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Rahmen und Bewegung, die Behinderung gemeinsam mit Rassismus, Sexismus, Klassismus und Queerfeindlichkeit denkt
Ursprung
Ab 2005 von behinderten People of Color in den USA entwickelt, getragen vom Projekt Sins Invalid
Kern
Zehn Prinzipien, darunter Interdependenz, kollektiver Zugang und die Führung der am stärksten Betroffenen
Abgrenzung
Ergänzt und kritisiert die Behindertenrechtsbewegung, ersetzt Barrierefreiheit aber nicht
Sprache
Deutsch meist „Disability Justice“, wörtlich etwa „Behindertengerechtigkeit“

Einfach erklärt

Disability Justice ist ein Denkrahmen und zugleich eine politische Praxis. Er stammt von behinderten Menschen, die von mehreren Formen der Unterdrückung zugleich betroffen sind: behinderte Menschen of Color, queere, trans und nichtbinäre behinderte Menschen, arme und eingewanderte behinderte Menschen. Die Grundidee: Behinderung gibt es nie allein. Wie jemand sie erlebt, hängt davon ab, ob er, sie oder dey zugleich Rassismus, Armut, Sexismus oder Queerfeindlichkeit erfährt.

Die klassische Behindertenrechtsbewegung kämpft vor allem für rechtliche Gleichstellung und Zugang, etwa zu Gebäuden, Arbeit und Bildung. Disability Justice teilt dieses Ziel, fragt aber weiter: Wessen Erfahrungen stehen im Mittelpunkt? Und warum soll Unabhängigkeit das Ideal sein, wenn kein Mensch allein zurechtkommt?

Der Rahmen geht auf das Jahr 2005 zurück. Patricia Berne, Mia Mingus und Stacey Milbern begannen damals mit der Arbeit an dem, was sie als „zweite Welle“ der Behindertenrechte beschrieben. Sein bekanntester Träger ist das Performance- und Bewegungsprojekt Sins Invalid aus der San Francisco Bay Area.

Merke

Disability Justice ersetzt Behindertenrechte nicht. Mia Mingus schreibt selbst, ohne Zugänglichkeit gebe es keine Disability Justice. Der Rahmen will aber verhindern, dass Befreiung auf Logistik wie Rampen und Untertitel schrumpft.


Ausführlich erklärt

Woher der Rahmen kommt

Die wichtigste Primärquelle zur Entstehung ist ein Text von Patricia Berne vom 10. Juni 2015, den sie als Arbeitsentwurf auf dem Blog von Sins Invalid veröffentlichte. Berne schreibt dort, im Jahr 2005 hätten behinderte People of Color, ursprünglich queere Frauen of Color aus Bewegungen, die Ableismus nicht systematisch behandelten, über eine „zweite Welle“ der Behindertenrechte gesprochen und schließlich den Rahmen Disability Justice gestartet. Genannt werden Berne selbst, Mia Mingus und Stacey Milbern, später kamen Leroy Moore, Eli Clare und Sebastian Margaret dazu. Berne nennt den Rahmen 2015 „noch jung“.

Sins Invalid selbst beschreibt sich als Projekt für Bewegungsarbeit und Performance, das auf Disability Justice beruht. Es wird von behinderten Schwarzen, Indigenen und anderen People of the global majority sowie von queeren, trans und nichtbinären behinderten Menschen geleitet.

Die zehn Prinzipien

Sins Invalid hat zehn Prinzipien formuliert:

  • Intersektionalität: Ableismus hängt mit Rassismus, Kapitalismus und Heteropatriarchat zusammen.
  • Führung der am stärksten Betroffenen: Geführt wird von denen, die diese Systeme am besten kennen.
  • Antikapitalistische Politik: Wer Menschen und Land als Profitquelle behandelt, wertet abweichende Körper und Geister ab.
  • Bewegungsübergreifende Organisierung: Andere Bewegungen sollen Ableismus mitdenken.
  • Ganzheit anerkennen: Menschen haben einen Wert außerhalb von Warenbeziehungen und Produktivität.
  • Nachhaltigkeit: Das Tempo muss langfristig tragbar bleiben.
  • Solidarität über Behinderungsarten hinweg: Behinderungsarten werden nicht gegeneinander ausgespielt.
  • Interdependenz: Bedürfnisse werden gegenseitig erfüllt, statt auf staatliche Lösungen zu setzen, die Kontrolle ausweiten.
  • Kollektiver Zugang: Zugangsbedürfnisse sind kein Makel, sondern eine geteilte Aufgabe.
  • Kollektive Befreiung: Kein Körper und kein Geist wird zurückgelassen.
2005beginnen Berne, Mingus und Milbern mit dem Rahmen Disability Justice
10Prinzipien nennt Sins Invalid für Disability Justice
16 %der Weltbevölkerung leben nach WHO-Schätzung mit erheblicher Behinderung

Was sich gegenüber den Behindertenrechten ändert

Berne würdigt die Behindertenrechtsbewegung in den USA als historisch und radikal, nennt aber ihre „Cliffhanger“: Sie sei auf eine einzelne Identität ausgerichtet gewesen, ihre Führung habe weiße Erfahrungen in den Mittelpunkt gestellt, und sie habe Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bevorzugt. Ihre Strategie habe auf Klagen und dem Aufbau eines Behinderten-Sektors beruht, nicht auf einer breiten Volksbewegung. Der Americans with Disabilities Act von 1990, das große Gleichstellungsgesetz der USA, steht für diesen rechtsbasierten Weg. Sein Gesetzestext hält fest, dass behinderte Menschen historisch ausgegrenzt und abgesondert wurden. Lebenslagen an den Schnittstellen mehrerer Unterdrückungen blieben nach Berne trotzdem unsichtbar.

Mia Mingus formulierte 2010 einen Perspektivwechsel: weg von einer Gleichheit, die behinderte Menschen als „genauso wie alle“ darstellt, hin zu einem Modell, das Verschiedenheit zulässt, Privilegien benennt und infrage stellt, was als „normal“ gilt. Statt Unabhängigkeit zu fordern, setzt sie auf Interdependenz: Der „Mythos der Unabhängigkeit“ sei ein Mythos, niemand schaffe es allein. Das passt zu Mutual Aid und zu Empowerment.

Fürsorge und kollektiver Zugang

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha beschreibt in „Care Work: Dreaming Disability Justice“ (2018) laut Verlag, wie kranke und behinderte queere und trans People of Color einander finden und Gemeinschaft aufbauen. Zugang gilt dort nicht als lästige Pflicht, sondern als gemeinsame Verantwortung und Freude.

Auch Berne bindet Zugang an Gemeinschaft: Zugangsbedürfnisse müssten nicht mit Scham verbunden sein und könnten in einer Gruppe benannt und privat oder kollektiv erfüllt werden. Auch Neurodivergenz und Neurodiversität gehören in diesen Kreis: Berne nennt neurodiverse Menschen ausdrücklich unter den Gruppen, zwischen denen Solidarität entstehen soll.

Behinderung, Geschlecht und Queerness

Für trans und nichtbinäre Menschen mit Behinderung ist der Rahmen besonders wichtig, denn Berne und Mingus benennen ihre Lage ausdrücklich. Berne zählt trans und gender non-conforming behinderte Menschen ausdrücklich zu den Gruppen, die die Behindertenrechtsbewegung unsichtbar gemacht habe. Mingus beschreibt die Beteiligten 2010 als behinderte Menschen, die auch Frauen, genderqueer und transgender sind. Sins Invalid benennt in der Mission queere, trans und nichtbinäre behinderte Menschen als Teil der Leitung.

Die Gruppe lehnt außerdem die Vorstellung ab, alle müssten sich entweder als „Mann“ oder „Frau“ verstehen. Im Spanischen verwendet sie dafür die geschlechtsneutrale Endung „e“. Gemeint sind damit trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen. Mehr dazu in den Einträgen zu trans, Transidentität und nichtbinär. Dass viele Behinderungen nicht sichtbar sind, behandelt der Eintrag zu unsichtbaren Behinderungen.

Disability Justice fragt nicht, wie behinderte Menschen in eine unveränderte Gesellschaft passen, sondern wie eine Gesellschaft aussieht, in der kein Körper und kein Geist zurückgelassen wird.

Kerngedanke

Zahlen und Rechtslage in Deutschland

Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation erleben rund 1,3 Milliarden Menschen erhebliche Behinderungen, das sind etwa 16 Prozent der Weltbevölkerung oder jeder sechste Mensch.

In Deutschland zählte das Statistische Bundesamt zum Jahresende 2025 gut 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen, das sind 9,4 Prozent der Bevölkerung. Als schwerbehindert gilt, wem das Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von mindestens 50 zuerkannt und einen gültigen Ausweis ausgestellt hat. Gut 91 Prozent der schweren Behinderungen gehen auf eine Krankheit zurück, nur 3 Prozent sind angeboren oder treten im ersten Lebensjahr auf. Behinderung entsteht also meist im Lauf des Lebens. Die Pressemitteilung unterscheidet beim Geschlecht nur Männer und Frauen, Aussagen zu trans oder nichtbinären Menschen lassen sich daraus nicht ableiten.

Rechtlich definiert § 2 Absatz 1 SGB IX Menschen mit Behinderungen als Menschen mit Beeinträchtigungen, die sie „in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren“ an gleichberechtigter Teilhabe hindern können. Behinderung gilt hier also als gesellschaftlich mitverursacht. Die UN-Behindertenrechtskonvention gilt in Deutschland seit dem 26. März 2009 und erkennt in Artikel 6 an, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen mehrfach diskriminiert werden.

Klima und Kapitalismus

Sins Invalid ordnet Disability Justice auch in Klimafragen ein. In einem Text der Gruppe heißt es, Kapitalismus beruhe auf der Behauptung, Behinderung sei individuell tragisch und kollektiv eine Last. Als Beispiel nennt sie behinderte Menschen, die beim Hurrikan Katrina von medizinischem Personal getötet statt evakuiert worden seien. Das ist eine Aussage der Gruppe selbst, keine unabhängig geprüfte Zahl. Zu den Machtstrukturen dahinter gehören Patriarchat und Kolonialismus.

Was der Begriff nicht sagt

Disability Justice ist kein Gegner von Barrierefreiheit und kein Ersatz für Gesetze. Der Begriff „Crip“ wird von Sins Invalid als Quelle von Kraft und Verbundenheit zurückerobert. Wer nicht selbst behindert ist, übernimmt ihn besser nicht ungefragt.

Was du tun kannst

  1. Frage bei Veranstaltungen vorab nach Zugangsbedürfnissen und biete mehrere Wege an, sie mitzuteilen, ohne Nachweise zu verlangen.
  2. Prüfe Projekte darauf, wer geführt wird: Haben behinderte Menschen, besonders mit Mehrfachbetroffenheit, Entscheidungsmacht oder nur eine Rolle als Zielgruppe?
  3. Plane Pausen und Vertretungen ein, damit Engagement langfristig tragbar bleibt.

Quellen: Berne, P. (10.06.2015): Disability Justice, a working draft. Sins Invalid, Blog (Archivkopie, Volltext gelesen) / Sins Invalid: 10 Principles of Disability Justice / Sins Invalid: About Sins, Mission und Vision / Sins Invalid: About Our Language / Sins Invalid: Disability Justice is Climate Justice / Mingus, M. (2011): Changing the Framework: Disability Justice. Leaving Evidence (zuerst im RESIST Newsletter, November 2010) / Piepzna-Samarasinha, L. L. (2018): Care Work: Dreaming Disability Justice. Arsenal Pulp Press, Verlagsseite / Weltgesundheitsorganisation (07.03.2023): Disability, Fact Sheet / Statistisches Bundesamt (13.07.2026): 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland, Pressemitteilung Nr. 246 / § 2 Sozialgesetzbuch IX, Begriffsbestimmungen / Deutsches Institut für Menschenrechte: Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention / Vereinte Nationen: UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 6 / U.S. Department of Justice: Americans with Disabilities Act of 1990, As Amended


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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