Kompakt erklärt
Neurodivergenz ist ein Oberbegriff für Gehirne, die anders funktionieren als das gesellschaftlich als „normal“ geltende Muster – die sogenannte Neurotypikalität. Dazu gehören unter anderem Autismus, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), Legasthenie, Dyskalkulie, das Tourette-Syndrom und weitere neurologische Varianten.
Wichtig: Neurodivergenz ist keine Krankheit, sondern eine Beschreibung von Varianz. Neurodivergente Menschen erleben die Welt, verarbeiten Informationen und interagieren sozial auf eine Art, die von einer Mehrheitsgesellschaft abweicht – die ihrerseits meist nach neuronormativen Standards ausgerichtet ist. Das schafft Barrieren, nicht weil Neurodivergenz ein Problem ist, sondern weil Strukturen, Kommunikation und Räume selten auf Vielfalt ausgelegt sind.
Der Begriff wurde 1998 von der australischen Soziologin Judy Singer geprägt und von der Selbstvertretungsbewegung aufgegriffen. Er ist heute ein zentrales Konzept in der Disability Justice-Bewegung.
Für Neugierige
Der Begriff Neurodivergenz wird unterschiedlich weit gefasst. Die engere Definition umfasst neurologische Varianten mit wissenschaftlich beschriebenen Profilen (Autismus, ADHS, Legasthenie). Manche Gemeinschaften zählen auch Erkrankungen mit neurobiologischen Komponenten wie ME/CFS dazu.
Entscheidend in aktivistischen Perspektiven ist der Unterschied zwischen dem medizinischen Modell von Behinderung (das Individuum ist das Problem und muss „geheilt“ werden) und dem sozialen Modell (die Gesellschaft schafft Barrieren durch ihre Strukturen). Neurodivergenz-Bewegungen stehen in starker Tradition des zweiten Modells.
Masking – das bewusste oder unbewusste Verbergen neurodivergenter Züge, um in einer neuronormativen Gesellschaft zu funktionieren – ist ein verbreitetes und kraftzehrendes Phänomen, das insbesondere bei autistischen Frauen und FLINTA*-Personen lange unerkannt bleibt.
Forschung zeigt, dass späte Diagnosen häufig mit Depression, Burnout und einem geschwächten Selbstbild einhergehen. Eine frühe und würdevolle Diagnostik ist daher nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftspolitisch relevant.
Quelle: Young, S., et al. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement. BMC Psychiatry, 20, 404. | Singer, J. (1999). Why can’t you be normal for once in your life? In M. Corker & S. French (Eds.), Disability Discourse. Open University Press.
Verwandte Begriffe: Masking (Neurodivergenz) · Ableismus · ME/CFS · Medical Gaslighting · Stimming



