Klassismus


Kompakt erklärt

Klassismus beschreibt die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Klasse – ihrer wirtschaftlichen Situation, Bildungsherkunft und dem Milieu, in dem sie aufgewachsen sind. Wie Rassismus oder Sexismus ist Klassismus kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles: Gesellschaftliche Institutionen, Sprache und kulturelle Normen bevorzugen systematisch Menschen aus der Mittel- und Oberschicht.

Konkrete Beispiele: Bewerbungsgespräche, in denen Dialekte als „unprofessionell“ gelten. Hochschulsysteme, die auf implizitem Kulturwissen aus bürgerlichen Haushalten aufbauen. Sozialsysteme, die Armut als persönliches Versagen rahmen – statt als strukturelles Problem anzuerkennen. Selbst in progressiven Kreisen wird Klassismus oft wenig diskutiert, obwohl soziale Herkunft maßgeblich beeinflusst, welche Ressourcen, Netzwerke und kulturellen Codes einem Menschen zugänglich sind.

Klassismus verschränkt sich mit anderen Formen der Diskriminierung: Armut trifft überproportional People of Color (PoC, Sammelbegriff für nicht-weiße Personen), Frauen*, Menschen mit Behinderungen und queere Menschen. Wer klassistisch diskriminiert wird, trägt häufig mehrere Benachteiligungen gleichzeitig.


Für Neugierige

Der Begriff stammt aus dem englischen „classism“ und wurde im deutschsprachigen Aktivismus als eigenständiges Diskriminierungskonzept erst in den letzten Jahrzehnten etabliert. Soziologe Pierre Bourdieu analysierte in „Die feinen Unterschiede“ (fr. 1979, dt. 1987), wie kulturelles Kapital – Sprache, Geschmack, Bildungsabschlüsse – soziale Klassen reproduziert, ohne dass ökonomisches Kapital allein ausschlaggebend ist.

Aus intersektionaler Perspektive ist Klassismus nie isoliert zu betrachten: Soziale Klasse wirkt immer zusammen mit Rassismus, Sexismus und Ableismus. Für People of Color bedeutet das: Klassistische Benachteiligungen kommen zu rassistischen hinzu – und können sich gegenseitig verstärken.

Kritisch diskutiert wird, ob rein kapitalismuskritische Ansätze, die Klasse in den Vordergrund stellen, andere Unterdrückungsformen unsichtbar machen können. Die intersektionale Antwort ist klar: Soziale Gerechtigkeit erfordert, alle Machtverhältnisse gleichzeitig in den Blick zu nehmen – Klassismus eingeschlossen, aber nicht ausschließlich.

Quellen: Bourdieu, P. (1979). La Distinction. Les Éditions de Minuit. | hooks, b. (2000). Where We Stand: Class Matters. Routledge.


Verwandte Begriffe: Intersektionalität · Ableismus · Empowerment · Marginalisierung · Armut