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Klassismus

Klassismus erklärt: Diskriminierung wegen sozialer Herkunft oder Position, Begriffsgeschichte, Zahlen aus Deutschland, Rechtslage und Streitfragen.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Benachteiligung, Ausgrenzung und Abwertung wegen der sozialen Herkunft und/oder der sozialen Position
Betroffen
Zum Beispiel Erwerbslose, Wohnungslose und Menschen aus Arbeiterfamilien
Begriffsgeschichte
US-amerikanische Frauenbewegung der 1970er, im Deutschen durch ein Einführungsbuch von 2009
Rechtlich
Im AGG nicht genannt, in Berlin seit 2020 als „sozialer Status“ geschützt
Wirkt zusammen mit
Rassismus, Sexismus und Ableismus

Einfach erklärt

Klassismus bezeichnet die Benachteiligung, Ausgrenzung und Abwertung von Menschen wegen ihrer sozialen Herkunft und/oder ihrer sozialen Position. So fasst es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in ihrer Handreichung von 2026 zusammen. Betroffen sind Menschen mit vergleichsweise wenig Vermögen, Einkommen, Bildung und Beziehungen, außerdem Erwerbslose, Wohnungslose und Menschen aus Arbeiterfamilien. Dabei zählt nicht nur, was jemand gerade zur Verfügung hat. Es zählt auch, worauf er, sie oder dey in früheren Lebensphasen zurückgreifen konnte.

Wie Rassismus oder Sexismus wirkt Klassismus nicht nur zwischen einzelnen Personen. Er steckt auch in Regeln, Abläufen und Erzählungen von Institutionen. Die bpb nennt als Beispiele abwertende Wörter wie „prollig“ oder „Assi“, Fernsehsendungen, die Erwerbslose als faul und dumm darstellen, und Gewalt gegen Obdachlose. Klassistische Erzählungen deuten Armut zudem als persönliches Versagen, obwohl gesellschaftliche Strukturen entscheidend sind.

Merke

Klassismus ist mehr als ein Vorurteil. Gemeint ist eine Benachteiligung mit Folgen für Arbeit, Bildung, Gesundheit und Wohnen, die auch in Strukturen steckt.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Der Begriff geht auf das englische „classism“ zurück. Nach sekundären Darstellungen, die sich auf das Einführungsbuch von Andreas Kemper und Heike Weinbach stützen, beginnt seine neuere Geschichte 1974 mit Veröffentlichungen der US-amerikanischen Lesbengruppe The Furies. Deren Mitglieder berichteten, in der Frauenbewegung wegen ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse ausgegrenzt worden zu sein. Die Originaltexte wurden hier nicht eingesehen.

Im deutschsprachigen Raum erschien 2009 beim Unrast Verlag „Klassismus. Eine Einführung“ von Kemper und Weinbach. Laut bpb gibt es das Buch inzwischen in der sechsten überarbeiteten Auflage (2025). Die bpb selbst gibt in ihrer Handreichung keine feste Begrifflichkeit vor: Ihre Autorinnen und Autoren sprechen teils von Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, teils vom sozialen Status oder der sozialen Position, einige ausdrücklich von Klassismus.

Wie Benachteiligung funktioniert: drei Kapitalarten

Die bpb erklärt strukturelle Benachteiligung mit der Kapitaltheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, dessen Werk „Die feinen Unterschiede“ 1979 auf Französisch und 1987 auf Deutsch erschien. Danach entsteht Ungleichheit durch fehlenden Zugang zu Kapital, und es gibt drei wichtige Sorten:

  • Ökonomisches Kapital: Geld und Vermögen. Es lässt sich vielfach in andere Kapitalformen umwandeln, etwa in eine Privatschule, Nachhilfe oder Zeit und Sicherheit für den akademischen Erfolg.
  • Kulturelles Kapital: Bildung im weiten Sinne, also Abschlüsse, Wissen, Umgangsformen sowie kulturelle und sprachliche Codes. Die Kultur armutsbetroffener Menschen gilt nach der bpb dagegen oft als „prollig“, grob und dumm.
  • Soziales Kapital: Beziehungen und Netzwerke, im Alltag oft „Vitamin B“ genannt. Berufliche Netzwerke liefern Insiderwissen.

Was Zahlen aus Deutschland zeigen

Mehrere Datensätze zeigen, wie eng soziale Lage und Chancen zusammenhängen. Sie messen Ungleichheit, keine einzelnen Diskriminierungsakte.

Das Robert Koch-Institut wertete 2019 Daten des Sozio-oekonomischen Panels (einer jährlichen Haushaltsbefragung) von 1992 bis 2016 aus. Die mittlere Lebenserwartung bei Geburt lag bei Männern in der niedrigsten Einkommensgruppe (unter 60 % des mittleren Einkommens) bei 71,0 Jahren, in der höchsten Gruppe (150 % und mehr) bei 79,6 Jahren: ein Unterschied von 8,6 Jahren. Bei Frauen betrug der Unterschied 4,4 Jahre. Von den Männern der niedrigsten Gruppe starben 27 % vor dem 65. Geburtstag, in der höchsten Gruppe 14 %.

Beim Bildungsweg zeigt ein Diskussionspapier des Stifterverbands von 2021: Nur 27 % der Grundschulkinder aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium, bei Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil sind es 79 %. Kinder aus Nichtakademikerhaushalten stellen 72 % der Schulkinder, aber nur 47 % der Studierenden. Nichtakademikerkinder sind dabei Personen, deren Eltern nicht studiert haben. Die Quoten bis zum Studienbeginn entsprechen etwa den Geburtskohorten 1992 bis 1998 und sind deshalb nicht die jüngsten.

8,6 Jahreweniger Lebenserwartung bei Geburt für Männer in der niedrigsten gegenüber der höchsten Einkommensgruppe (Frauen: 4,4 Jahre)
27 %der Kinder aus Nichtakademikerhaushalten beginnen später ein Studium, bei Akademikerkindern sind es 79 %
36 %stimmen der Aussage zu, Langzeitarbeitslose machten sich „auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben“

Auch Armut ist ungleich verteilt. Laut Statistischem Bundesamt galten 2025 nach ersten Ergebnissen 16,1 % der Bevölkerung als armutsgefährdet, das sind rund 13,3 Millionen Menschen. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 % des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Die Schwelle lag für eine alleinlebende Person bei 1.446 Euro netto im Monat. Unter Arbeitslosen war die Quote mit 64,9 % am höchsten, bei Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten betrug sie 28,7 %.

Einstellungen: Abwertung in der Mitte

Dass Abwertung kein Randphänomen ist, zeigt die repräsentative Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2024/25 unter der Leitung von Andreas Zick. 36 % der Befragten stimmen zu, Langzeitarbeitslose seien eine Belastung und machten sich „auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben“. 17 % stimmen der Aussage zu, bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden. Insgesamt äußern 15 % klassistische Einstellungen gegenüber Langzeitarbeitslosen, Menschen mit Sozialhilfe oder Bürgergeld, obdachlosen Menschen und Menschen mit Behinderung. Mehr als die Hälfte der rassistisch eingestellten Befragten ist laut Studie auch klassistisch eingestellt.

Armut ist keine Charakterfrage, sondern eine Frage von Mitteln, Zugängen und Strukturen.

Kerngedanke

Rechtslage: Lücken beim Schutz

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) nennt in Paragraf 1 Rasse und ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität. Soziale Herkunft und sozialer Status stehen nicht darin. Das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz führt dagegen seit 2020 in Paragraf 2 ausdrücklich den „sozialen Status“ auf. Es gilt allerdings nur für öffentlich-rechtliches Handeln, etwa der Berliner Verwaltung. Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union verbietet in Artikel 21 Diskriminierungen unter anderem wegen der sozialen Herkunft und des Vermögens.

Was die Rechtslage nicht sagt

Dass der soziale Status im AGG fehlt, heißt nicht, dass Klassismus nicht vorkäme. Das Bundesgesetz bietet Betroffenen dafür nur keinen eigenen Diskriminierungsgrund.

Zusammenspiel mit anderen Diskriminierungsformen

Nach der bpb tritt Klassismus oft gemeinsam mit anderen Formen auf. Die Intersektionalität beschreibt dieses Zusammenwirken: Die Benachteiligung ist mehr als die Summe der einzelnen Teile, und Sexismus kann durch Klassismus und Rassismus deutlich verstärkt werden. Die bpb verweist außerdem auf den Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani. Nach seinem Buch „Mythos Bildung“ hat der soziale Hintergrund eines Schulkindes größeren Einfluss auf den Schulerfolg als eine Migrationsgeschichte. Das heißt nicht, dass Klassismus wichtiger ist als Rassismus. Hilfreich ist, beides zusammen zu betrachten.

Streitpunkte und Grenzen

Offen ist, wie der Begriff genau gefasst wird: als Diskriminierung wegen Herkunft oder Status oder als Teil einer umfassenderen Kritik an Klassenverhältnissen. Wie der Klassenbegriff selbst gebraucht wird, erklärt der Eintrag Klassenkampf. Wer Klassismus als Diskriminierung versteht, fragt außerdem nach sozialer Gerechtigkeit im Alltag und nach Folgen von Kürzungen wie beim Sozialabbau.

Die Quellen dieses Eintrags stammen überwiegend von Bundesbehörden, Stiftungen und Forschungseinrichtungen in Deutschland. Die Stimmen armutsbetroffener Menschen selbst kommen hier nur vermittelt vor, etwa über die bpb-Handreichung, die Selbsterzählungen als Methode nutzt. Der amerikanische Blick auf Klasse, etwa von bell hooks in „Where We Stand: Class Matters“ (2000), wurde für diesen Eintrag nicht neu gelesen.

Was du tun kannst

  1. Hinterfrage Wörter wie „prollig“ oder „Assi“, wenn du sie hörst oder selbst nutzt, und sprich an, wen sie treffen.
  2. Teile Wissen, das nicht jede und jeder hat, etwa zu Bewerbungen, Förderungen oder Behörden. Das ist soziales und kulturelles Kapital im Alltag.
  3. Informiere dich oder engagiere dich bei Initiativen wie ArbeiterKind.de, die seit 2008 Menschen unterstützen, die als Erste in ihrer Familie studieren.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung (2026): Kritische Auseinandersetzung mit Klassismus. Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und/oder sozialen Position (Reihe Gekonnt handeln 04, Redaktionsschluss Februar 2026) / Lampert, T., Hoebel, J. und Kroll, L. E. (2019): Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung in Deutschland. Journal of Health Monitoring 4 (1), DOI 10.25646/5868 / Stifterverband (2021): Vom Arbeiterkind zum Doktor. Der Hürdenlauf auf dem Bildungsweg der Erststudierenden, Diskussionspapier 2 (korrigierte Fassung des Papiers vom 19. Oktober 2021) / Friedrich-Ebert-Stiftung (2025): Mitte-Studie 2024/25 „Die angespannte Mitte“, Ergebniszusammenfassung / Statistisches Bundesamt (2026): Pressemitteilung Nr. 039 vom 3. Februar 2026, Armutsgefährdung (Erstergebnisse EU-SILC 2025) / § 1 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) / Landesantidiskriminierungsgesetz Berlin, Gesetz- und Verordnungsblatt für Berlin Nr. 29 vom 20. Juni 2020 (§ 2) / Charta der Grundrechte der Europäischen Union, Artikel 21 / ArbeiterKind.de: Geschichte / Bourdieu, P.: Die feinen Unterschiede (frz. La Distinction, Éditions de Minuit, 1979; dt. Suhrkamp, Erstveröffentlichung 1987) / Rezension zu Kemper, A. und Weinbach, H. (2009): Klassismus. Eine Einführung. Unrast (Sekundärquelle für die Begriffsgeschichte, das Buch selbst wurde nicht gelesen) / hooks, b. (2000): Where We Stand: Class Matters. Routledge


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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