Queeres ABC

Misgendering

Misgendering einfach erklärt: Was es ist, was Studien zu Pronomen und Wohlbefinden zeigen und was in Deutschland rechtlich gilt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 27.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Eine Person wird mit einem Geschlecht angesprochen oder bezeichnet, das nicht ihrem entspricht
Betrifft vor allem
trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen
Formen
Falsches Pronomen, falsche Anrede, geschlechtlich festgelegte Wörter, abgelegter Name
Verwandt
Deadnaming (der abgelegte Name) und Cissexismus (der strukturelle Hintergrund)
Rechtlich
Im SBGG nicht geregelt, im Arbeitsleben über das AGG relevant

Einfach erklärt

Misgendering bedeutet, dass eine Person mit einem Geschlecht angesprochen oder über sie gesprochen wird, das nicht ihrem Geschlecht entspricht. Das geschieht über ein falsches Pronomen, eine falsche Anrede oder geschlechtlich festgelegte Wörter. Betroffen sind vor allem trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen, deren Geschlechtsidentität nicht anerkannt oder übersehen wird.

Beispiele: Ein trans Mann wird mit „sie“ bezeichnet, obwohl er „er“ nutzt. Eine trans Frau wird mit „er“ angesprochen, obwohl sie „sie“ nutzt. Eine nichtbinäre Person nutzt „dey“ oder „xier“, bekommt aber „er“ oder „sie“. Auch wer gar kein Pronomen nutzt und nur mit dem Namen angesprochen werden möchte, wird oft übergangen. Hinzu kommen Anreden wie „Herr“ oder „Frau“ in Mails und Formularen, die nicht zur Person passen.

Versehentliches Misgendering entsteht oft aus Gewohnheit oder Unkenntnis, vor allem bei weniger bekannten Pronomen. Absichtliches Misgendering stellt eine Identität bewusst infrage. Betroffene unterscheiden beide Fälle, wie Interviews bei Gunn et al. (2026) zeigen.

Merke

Welches Pronomen und welche Anrede stimmen, weiß nur die Person selbst. Aussehen, Stimme oder Name verraten es nicht. Nachfragen und das Genannte durchgängig nutzen ist die verlässlichste Form von Respekt.


Ausführlich erklärt

Formen und Abgrenzung zu Deadnaming

Misgendering ist der weitere Begriff: Er umfasst Pronomen, Anrede, Wörter wie „Mädchen“, „Junge“ oder „Kollegin“ und Kategorien in Formularen oder Software. Deadnaming meint etwas Engeres, nämlich den abgelegten Vornamen einer Person zu nutzen. Beides tritt oft zusammen auf, ist aber nicht dasselbe: Wer eine nichtbinäre Person mit dem richtigen Namen, aber mit „sie“ anspricht, misgendert, ohne zu deadnamen. Den strukturellen Hintergrund beschreibt der Eintrag zu Cissexismus, kleine Alltagsabwertungen dieser Art der Eintrag zu Mikroaggressionen.

Was Studien zeigen

Inhaltshinweis

Dieser Abschnitt nennt Suizidalität als Teil der Forschungslage. Er darf übersprungen werden. Wer akut Unterstützung sucht, hat mehrere Wege: die Terminservicestelle und den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117, die Telefonseelsorge unter 116 123, queere Beratungsstellen oder in akuter Gefahr den Notruf 112. Nicht jeder Weg ist für alle gleich zugänglich.

Die Forschung ist jung und beschreibt Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen. In zwei Online-Studien mit 115 und 134 Personen aus dem trans Spektrum (McLemore (2015)) hing häufigeres Misgendering mit mehr negativen Gefühlen, weniger Authentizität, weniger Identitätsstärke und -kohärenz sowie mehr erlebtem Stigma zusammen. Das Muster war nicht durchgehend negativ: Soziales Selbstwertgefühl und die Bedeutung der Identität lagen höher.

Eine Studie mit 129 trans und gender nonkonformen Jugendlichen aus drei US-Städten (Russell et al. (2018)) untersuchte den gewählten Namen. Wer ihn in mehr Lebensbereichen nutzen konnte, hatte weniger depressive Symptome, weniger Suizidgedanken und weniger suizidales Verhalten, nach Berücksichtigung persönlicher Merkmale und sozialer Unterstützung. Am niedrigsten waren die Werte, wenn der gewählte Name in allen vier erfassten Bereichen galt. Gemessen wurde der Name, nicht das Pronomen.

Zu Pronomen liefert das Trevor Project Zahlen. In der Auswertung von Trevor Project (2025) (US-Umfrage 2024, 12.174 trans und nichtbinäre junge Menschen) gaben 46 Prozent an, dass ihre Pronomen von vielen, den meisten oder allen Personen im Umfeld respektiert werden. Wer ausschließlich „he/him“ oder „she/her“ nutzte, nannte das häufiger (62 Prozent) als Jugendliche mit anderen Pronomen (38 Prozent). Wer respektierte Pronomen hatte, berichtete seltener von einem Suizidversuch im vergangenen Jahr (11 gegenüber 17 Prozent), nach Berücksichtigung weiterer Faktoren um 31 Prozent niedrigere Odds (Chancenverhältnis). Schon der Kurzbericht Trevor Project (2020) mit 40.001 LGBTQ-Jugendlichen stellte fest, dass trans und nichtbinäre Jugendliche, deren Pronomen von allen oder den meisten Personen im Umfeld respektiert wurden, halb so oft einen Suizidversuch angaben. Beide Befragungen liefen über Anzeigen in sozialen Medien und zeigen einen Zusammenhang.

46 %der befragten trans und nichtbinären jungen Menschen erleben respektierte Pronomen im Umfeld (Trevor Project 2025)
59 %der nichtbinären Befragten in Kanada wurden täglich misgendert (Jacobsen et al. 2023)
31 %niedrigere Odds für einen Suizidversuch bei respektierten Pronomen (Trevor Project 2025)

trans Männer, trans Frauen, nichtbinäre Personen

Betroffen sind alle drei Gruppen, die Daten unterscheiden sich aber. Beim Trevor Project berichteten trans Jungen und Männer zu 52 Prozent, trans Mädchen und Frauen zu 48 Prozent und nichtbinäre Jugendliche zu 37 Prozent von respektierten Pronomen. Selbst in der am besten gestellten Gruppe berichtet damit fast die Hälfte nicht davon. Die Auswertung nennt als mögliche Erklärung, dass Umfeld und Fachpersonen weniger bekannte Pronomen oft nicht kennen und deshalb unabsichtlich falsch ansprechen. Für nichtbinäre Personen kommt hinzu, dass das Deutsche keine allgemein etablierte neutrale Form kennt, wie der Eintrag zu Pronomen erklärt.

In Kanada wurden nichtbinäre Personen im Datensatz Trans PULSE Canada befragt (Jacobsen et al. (2023), 1.091 Personen). 59 Prozent wurden täglich misgendert, 30 Prozent wöchentlich oder monatlich, 11 Prozent höchstens jährlich. 58 Prozent waren dadurch sehr oder ziemlich aufgebracht, 13 Prozent korrigierten andere meistens oder immer. Täglich betroffen waren häufiger Personen unter 25 (64 Prozent), Personen mit sichtbarer Behinderung (74 Prozent), bei Geburt weiblich zugewiesene (61 Prozent) sowie rassifizierte, bei Geburt männlich zugewiesene Personen (65 Prozent). Wer wöchentlich oder monatlich statt täglich misgendert wurde, hatte einen niedrigeren Angstwert, über Ursache und Wirkung sagt das wenig. Wie sich solche Lagen überschneiden, beschreibt Intersektionalität.

Misgendering zeigt, ob ein Umfeld die Selbstauskunft einer Person gelten lässt.

Kerngedanke

In einer Interviewstudie beschreiben Gunn et al. (2026) nach 14 Gesprächen mit trans und gender diversen Personen, dass das Erleben von Kontext und Vorgeschichte abhängt. Ob Betroffene korrigieren, entscheiden sie je nach Situation. Die Studie ordnet Misgendering als bedeutsamen Minderheitenstressor ein, also als Belastung, die aus der Benachteiligung einer Minderheit entsteht. Die herangezogenen Studien stammen von Forschungsteams aus den USA und Kanada und lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen.

Rechtslage in Deutschland

Das Bundesverfassungsgericht stellte im Beschluss vom 10. Oktober 2017 fest, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht die geschlechtliche Identität schützt. Entschieden wurde über den Personenstand, nicht über die Ansprache im Alltag. Das Selbstbestimmungsgesetz gilt seit dem 1. November 2024 und regelt Geschlechtseintrag und Vornamen. Pronomen und Anrede kommen in seinen Paragrafen nicht vor. Als Ziel nennt § 1 das Recht jeder Person auf Achtung und respektvolle Behandlung in Bezug auf die Geschlechtsidentität. Nach § 6 Absatz 2 bleiben beim Zugang zu Einrichtungen und Räumen Vertragsfreiheit und Hausrecht unberührt. Das Offenbarungsverbot für frühere Angaben (§ 13) und das Bußgeld bis 10.000 Euro bei Offenbarung mit Schädigungsabsicht (§ 14) betreffen frühere Angaben, nicht das Pronomen.

Im Arbeitsleben und bei Alltagsgeschäften wie Restaurantbesuchen greift das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Nach der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gilt das Diskriminierungsverbot für alle Geschlechtsidentitäten und Geschlechter, der Schutzgrund Geschlecht umfasst auch trans und intergeschlechtliche Personen. Nach der Gesetzesbegründung gilt der Schutz über die sexuelle Identität. Eine Belästigung liegt nach § 3 Absatz 3 AGG vor, wenn unerwünschte Verhaltensweisen die Würde verletzen und ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld schaffen. Arbeitgeber müssen nach § 12 Schutz vor Benachteiligung sicherstellen und bei Verstößen geeignete Maßnahmen wie Abmahnung, Umsetzung, Versetzung oder Kündigung ergreifen. Hartnäckiges Misgendering kann deshalb relevant sein. Ob ein Fall diese Schwelle erreicht, hängt vom Einzelfall ab.

Was der Begriff nicht sagt

Nicht jede falsche Ansprache ist eine rechtliche Diskriminierung, und nicht jeder Fehler kommt aus Ablehnung. Studienzahlen beschreiben Gruppen, nicht einzelne Personen. Dieser Eintrag ist keine Rechtsberatung: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet eine kostenlose juristische Erstberatung an.

Was bei Fehlern und im Alltag hilft

Das Trevor Project empfiehlt, den von Personen genannten Pronomen zu folgen und das Teilen und Erfragen von Pronomen zu normalisieren, etwa in Schulen, Gesundheitseinrichtungen und digitalen Räumen. Weil nur 13 Prozent der nichtbinären Befragten in Kanada meistens oder immer korrigierten, sollte die Last nicht bei den Betroffenen liegen. Nach einem Versehen reicht es meist, kurz zu korrigieren und weiterzusprechen, mehr dazu steht im Eintrag zu Pronomen.

Quellen: McLemore (2015), Self and Identity 14 / Russell et al. (2018), Journal of Adolescent Health 63 / Jacobsen et al. (2023), International Journal of Transgender Health 25 / Gunn et al. (2026), American Journal of Orthopsychiatry 96 (online 2025) / Trevor Project (2020), Pronouns Usage Among LGBTQ Youth / Trevor Project (2025), Pronoun Usage and Mental Health Impacts of Pronoun Respect in TGNB Young People / BVerfG, Beschluss vom 10.10.2017, 1 BvR 2019/16 / Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) / Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) / Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Fragen und Antworten zu trans

Wie viel Mut es kosten kann, die eigene Identität öffentlich zu leben: Deine Geschichte, dein Tempo: Was Coming out von Outing unterscheidet.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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