Queeres ABC

Cissexismus

Cissexismus einfach erklärt: Was der Begriff bedeutet, woher er stammt, wie er im Recht wirkte und warum er kein Vorwurf an cis Personen ist.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 31.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Annahme und Praxis, dass die Geschlechter von cis Personen natürlicher und legitimer seien als die von trans Personen
Begriff
Nach Julia Serano 2007 erstmals gedruckt („Whipping Girl“), von ihr nicht erfunden
Ebene
Struktur: Gesetze, Medizin, Formulare, Sprache
Betrifft
Trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen
Nicht gemeint
Ein Vorwurf an einzelne cis Personen

Einfach erklärt

Cissexismus bezeichnet die Annahme, dass die Geschlechter, Körper und Ausdrucksformen von cis Personen natürlicher und legitimer seien als die von trans Personen. So fasst es die Autorin Julia Serano zusammen. Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beschreibt Cissexismus als Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung von trans Personen durch Menschen, deren Geschlechtsidentität zum Geburtseintrag passt oder die ihre Geschlechtsidentität nie hinterfragt haben. Im Unterschied zur persönlichen Transfeindlichkeit betont der Begriff die strukturelle Verankerung des Zweigeschlechtersystems.

Gemeint ist also nicht die einzelne Beleidigung, sondern die Ordnung dahinter: Ein Formular kennt nur „weiblich“ oder „männlich“. Ein Amt verlangte lange Gutachten über das eigene Geschlecht. Betroffen sind trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen, jede Gruppe auf eigene Weise. Für intergeschlechtliche Menschen geht es zusätzlich um Körpermerkmale, dafür gibt es eigene Begriffe.

Merke

Cissexismus beschreibt eine Struktur, in der cis zum Maßstab wird. Er ist keine Aussage über die Haltung einzelner cis Personen.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Julia Serano schreibt, ihr Buch „Whipping Girl“ von 2007 sei nach ihrem besten Wissen die erste gedruckte Veröffentlichung gewesen, die das Wort cissexism enthalte. Erfunden habe sie es nicht: Trans Aktivistinnen und Aktivisten hätten es vor ihr, wenn auch selten, benutzt. Für „cisgender“ fand sie später einen früheren Druckbeleg (Eli R. Green, 2006). Mehr zur Wortgeschichte steht im Eintrag Cisgender.

Anfangs fasste Serano den Begriff enger: In „Whipping Girl“ habe sie Cissexismus auf transsexuelle Menschen bezogen, die im anderen als dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht leben. Heute nutzten trans Menschen das Wort breiter für Doppelstandards, nach denen trans Körper, Identitäten und Ausdrucksformen als weniger legitim gelten, und Serano folgt dem selbst.

Ein verwandtes Wort ist Cisgenderismus (englisch „cisgenderism“). Ansara und Hegarty beschreiben ihn als Ideologie, die selbst gewählte Geschlechter abwertet oder pathologisiert, wenn sie von äußeren Zuschreibungen abweichen. In 94 psychologischen Fachartikeln zu Kindern (1999 bis 2008) fanden sie pathologisierende Sprache häufiger als falsche Geschlechtszuschreibung. Verwandt ist die Cisnormativität, die Annahme, alle Menschen seien cis. Sie hängt eng mit Heteronormativität zusammen.

Wie Cissexismus wirkt

Eine Übersichtsarbeit zu Stigma gegenüber trans Personen in den USA unterscheidet drei Ebenen: individuell, zwischenmenschlich und strukturell. Stigma begrenze Chancen und den Zugang zu Ressourcen, etwa bei Arbeit und Gesundheitsversorgung, und wirke dauerhaft auf die körperliche und psychische Gesundheit. Der ursächliche Zusammenhang muss laut dem Forschungsteam um White Hughto weiter erforscht werden.

Cissexismus ist mit anderen Machtverhältnissen verflochten. Serano beschreibt, wie sich die Abwertung des Weiblichen und die Abwertung geschlechtlicher Abweichung zur Transmisogynie verbinden, die trans Frauen und andere trans feminine Personen trifft. Wie er sich mit Rassismus oder Ableismus überlagert, beschreibt die Intersektionalität. Alltägliche Formen sind Misgendering und Deadnaming.

Cissexismus im deutschen Recht

Das Transsexuellengesetz (TSG) trat am 1. Januar 1981 in Kraft. Das Bundesverfassungsgericht hat laut Gesetzentwurf der Bundesregierung in sechs Entscheidungen Teile davon für verfassungswidrig erklärt. Am 11. Januar 2011 beschloss es (1 BvR 3295/07), dass die Pflichten zu einer Operation und zur dauerhaften Fortpflanzungsunfähigkeit mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind; schon 2008 hatte es die Ehelosigkeit als Voraussetzung für unvereinbar mit dem Grundgesetz erklärt. Die rechtliche Anerkennung im erlebten Geschlecht dürfe nicht vom Verzicht auf körperliche Unversehrtheit abhängen.

Für die Änderung des Geschlechtseintrags verlangte das TSG zudem zwei Sachverständigengutachten (§ 4 Absatz 3). Laut Gesetzentwurf der Bundesregierung empfinden viele Betroffene dies als entwürdigend und diskriminierend, dem TSG liege ein veraltetes, pathologisierendes Verständnis zugrunde. Der Bundesgerichtshof verwies nichtbinäre Personen 2020 auf eine entsprechende Anwendung des TSG, mit denselben zwei Gutachten.

1981tritt das Transsexuellengesetz in Kraft
2011erklärt das Bundesverfassungsgericht die Pflicht zu Operation und Fortpflanzungsunfähigkeit für unvereinbar mit dem Grundgesetz
2024löst das Selbstbestimmungsgesetz das TSG am 1. November ab

Seit dem 1. November 2024 gilt das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG). Ziel ist nach § 1, die Zuordnung von der Einschätzung dritter Personen zu lösen. Nötig ist eine Erklärung beim Standesamt (§ 2), die drei Monate vorher anzumelden ist (§ 4). Gutachten oder Diagnose sieht das Gesetz nicht vor. Es regelt den Geschlechtseintrag, nicht alle Lebensbereiche: Hausrecht und Vertragsfreiheit bleiben unberührt (§ 6 Absatz 2), und im Spannungs- und Verteidigungsfall gilt für den Dienst mit der Waffe unter bestimmten Bedingungen weiter die Zuordnung zum männlichen Geschlecht (§ 9). Frühere Angaben dürfen ohne Zustimmung nicht offenbart werden (§ 13), bei absichtlicher Schädigung drohen bis zu 10.000 Euro Bußgeld (§ 14).

In der Medizin führt die WHO Geschlechtsinkongruenz in der ICD-11 nicht mehr unter den psychischen Störungen, sondern bei den Zuständen mit Bezug zur sexuellen Gesundheit. In Deutschland führt die ICD-10-GM (Version 2025) weiterhin „Störungen der Geschlechtsidentität“ (F64) bei den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Mehr dazu unter Genderdysphorie.

Was Zahlen zeigen können

Inhaltshinweis

Der folgende Abschnitt nennt Zahlen zu Diskriminierung, Belästigung und Gewalt gegen trans Personen.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) befragte 2019 online 139.799 LSBTIQ-Personen ab 15 Jahren in den EU-Staaten, Nordmazedonien und Serbien. Solche offenen Befragungen erheben keinen Anspruch, repräsentativ zu sein. In einer Trendauswertung (EU-28, ab 18 Jahren) fühlten sich 60 Prozent der trans Befragten in den zwölf Monaten vor der Befragung in den abgefragten Lebensbereichen diskriminiert, in der Erhebung von 2012 waren es 43 Prozent. Am Arbeitsplatz stieg der Anteil von 22 auf 36 Prozent. Trans Personen nannten mit 48 Prozent die höchste Belästigungsrate aller Gruppen (insgesamt 38 Prozent). Von den trans Befragten, die den letzten Fall körperlicher oder sexueller Gewalt nicht der Polizei meldeten, nannten 32 Prozent die Angst vor transfeindlichen Reaktionen der Polizei als Grund. In diesen Zahlen sind trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen als eine Gruppe zusammengefasst.

In Deutschland erfasste die Polizei 2023 laut Bundesinnenministerium und BKA 1.785 Straftaten, die sich gegen LSBTIQ-Personen richteten, 2022 waren es 1.188. Die Zahlen betreffen alle queeren Gruppen gemeinsam. Der Bericht geht von einer hohen Dunkelziffer aus, das BKA vermutet zudem eine langsam steigende Anzeigebereitschaft.

Cissexismus heißt: Das Geschlecht der einen gilt als gegeben, das der anderen muss bewiesen werden.

Kerngedanke

Cissexismus, Privilegien und Schuld

Serano zufolge dient die Unterscheidung zwischen cis und trans nicht nur dazu, Identitäten zu beschreiben, sondern vor allem dazu, Unterschiede in gesellschaftlicher Legitimität sichtbar zu machen. Cis Personen hätten Vorteile, nicht weil sie mit ihrem Geschlechtsstatus rundum zufrieden seien oder keine geschlechtsbezogene Unterdrückung erlebten, sondern weil sie bestimmten Hürden nicht begegnen. „Cis“ sei zudem keine Identität, sondern beschreibe, wie eine Person wahrgenommen werde. Manche genderqueere oder intergeschlechtliche Menschen fühlten sich durch die Zuordnung zu „cis“ übergangen, berichtet sie, und eine scharfe Linie zwischen den Gruppen gebe es nicht.

Was der Begriff nicht sagt

Cissexismus ist kein Vorwurf an einzelne cis Personen und kein Urteil über ihr Leben. Auch cis Personen können diskriminiert werden, etwa wegen ihrer Orientierung oder durch Misogynie. Der Begriff benennt eine Schieflage in Strukturen.

Was du tun kannst

  1. Frage nach Namen und Pronomen (zum Beispiel er, sie oder dey) und verwende sie durchgängig, statt sie aus dem Aussehen abzuleiten.
  2. Prüfe Formulare: Ist die Angabe zum Geschlecht nötig? Wenn ja, lass „divers“ und eine Möglichkeit zur Selbstauskunft zu.
  3. Frage nicht nach früherem Namen, Körper oder medizinischen Schritten, wenn der Zweck es nicht verlangt.

Quellen: Serano, J. (2014): Compendium on cisgender, cissexual, cissexism, cisgenderism, cis privilege, and the cis/trans distinction (Blog der Autorin) / Serano, J. (2014): Cissexism and Cis Privilege Revisited, Part 1 / Serano, J.: Terminology (Eintrag Cissexism) / Serano, J. (2007): Whipping Girl. Seal Press (Buch nicht eingesehen, Angaben nach Seranos späteren Texten) / bpb (Sauer 2018): LSBTIQ-Lexikon, Cissexismus / Ansara, Y. G. und Hegarty, P. (2012): Cisgenderism in psychology. Psychology & Sexuality 3, S. 137 bis 160 / White Hughto, J. M., Reisner, S. L. und Pachankis, J. E. (2015): Transgender stigma and health. Social Science & Medicine 147, S. 222 bis 231 / Bundesregierung (01.11.2023): Gesetzentwurf SBGG, Drucksache 20/9049 / Bundesverfassungsgericht (11.01.2011): Beschluss 1 BvR 3295/07 / Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), §§ 1, 2, 4, 6, 9, 13 bis 15 (einzeln unter gesetze-im-internet.de/sbgg) / WHO: Gender incongruence in the ICD / BfArM: ICD-10-GM Version 2025, F60 bis F69 / FRA (2020): A long way to go for LGBTI equality / BKA: Lagebericht Sicherheit von LSBTIQ / BMI und BKA (13.12.2024): Pressemitteilung Lagebericht


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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