- Bedeutung
- Geschlechtsidentität, die sich verändern kann
- Verlauf
- Das Geschlechtsempfinden ändert sich situationsabhängig oder in verschiedenen Lebensabschnitten
- Einordnung
- Wird meist zu den nichtbinären Identitäten gezählt
- Selbstbezeichnung
- Ob jemand sich genderfluid, nichtbinär, trans oder mehreres davon nennt, entscheidet die Person selbst
- Recht
- Seit dem 1. November 2024 gilt das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG)
Kompakt erklärt
Genderfluid (auch: gender fluid oder geschlechtsflüssig) bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich verändern kann. Bei genderfluiden Menschen ändert sich das eigene Geschlechtsempfinden situationsabhängig oder in verschiedenen Lebensabschnitten, manchmal oft, manchmal selten. Der LSVD beschreibt es so, dass die Geschlechtsidentität sich (mehrmals) im Leben ändern kann und genderfluid auch eine eigene Geschlechtsidentität sein kann. Die Bundeszentrale für politische Bildung spricht von „flüssigen“, „liquiden“ Geschlechtsidentitäten, die sich in Bewegung befinden.
Genderfluid wird meist zu den nichtbinären Identitäten gezählt, also zu Identitäten, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich beschreiben lassen. Die internationalen Behandlungsleitlinien der WPATH (Standards of Care, Version 8) führen genderfluid als Geschlecht auf, das sich im Lauf der Zeit ändert. Dort heißt es auch, dass Begriffe für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten können. Ob jemand sich genderfluid, nichtbinär, trans oder mehreres davon nennt, entscheidet die Person selbst. Trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Menschen können genderfluid sein oder auch nicht.
Nicht dasselbe wie Ausprobieren
Genderfluid ist etwas anderes als Fragen und Ausprobieren: Wer sich selbst noch nicht sicher einordnen kann, ist auf der Suche. Bei genderfluiden Menschen ist die Veränderlichkeit selbst die zutreffende Beschreibung. Das betrifft auch Pronomen und Anrede. Sie können gleich bleiben oder wechseln, und am besten fragt man nach, statt zu raten. Die genauen Hintergründe stehen im Hauptartikel zur Geschlechtsidentität und im Artikel zur Genderidentität.
Für Neugierige
Herkunft des Begriffs
Wer das Wort „genderfluid“ zuerst benutzt hat, lässt sich mit den geprüften Quellen nicht klären. Als Selbstbezeichnung wird er vor allem in queeren Communities benutzt. Aus der Wissenschaft gibt es einen verwandten Ausdruck: Volkmar Sigusch (Sexualwissenschaft) hat 2013 in der Zeitschrift für Sexualforschung „Liquid Gender“ eingeführt (Jahrgang 26, Heft 2, Seiten 185 bis 187). Sigusch schrieb, dass es seit einiger Zeit Ratsuchende gebe, die zwischen den beiden großen Kulturgeschlechtern hin und her gleiten und in beiden Rollen überzeugen. Das ist die Beobachtung aus ärztlicher Praxis, keine Selbstbezeichnung der Betroffenen, und der Ausdruck ist nicht der Ursprung des Begriffs „genderfluid“.
Nicht gleichsetzen sollte man genderfluid mit kulturell gebundenen Geschlechtsrollen. Two-Spirit ist ein 1990 geprägter, panindigener Sammelbegriff, den manche indigene Menschen in Nordamerika für sich verwenden. Er wird aber nicht überall genutzt, und viele Kulturen haben eigene Wörter in ihren Sprachen für ihre Traditionen. Two-Spirit ist deshalb keine andere Bezeichnung für genderfluid, und westliche Begriffe sollten nicht auf diese Traditionen gestülpt werden.
Die Flagge
Die am weitesten verbreitete Genderfluid-Flagge hat fünf waagerechte Streifen und stammt von JJ Poole aus dem Jahr 2012. Pink steht für Weiblichkeit, Lila für die Mischung aus Weiblichkeit und Männlichkeit, Blau für Männlichkeit. Bei Weiß und Schwarz gibt es zwei Fassungen, und das ist auch der Grund für abweichende Angaben im Netz. In der ersten Fassung stand Weiß für alle Geschlechter und Schwarz für das Fehlen von Geschlecht. Am 19. Juni 2013 hat JJ Poole das geändert: Weiß steht seitdem für das Fehlen von Geschlecht und Schwarz für alle Geschlechter, einschließlich dritter Geschlechter. Ihre Erklärung für die Flagge als Ganzes lautet, sie stehe für die Schwankungen und die Flexibilität von Geschlecht bei genderfluiden Menschen. Diese Angaben stammen aus dem englischsprachigen Ratgeber von Rainbow & Co, der Pooles Beiträge zitiert. Den ursprünglichen Beitrag auf Tumblr konnten wir nicht selbst einsehen.
Forschung und Medizin
Die Forschung zu genderfluiden Menschen ist noch klein. Lisa Diamond beschreibt 2020 in der Zeitschrift Child Development Perspectives, dass nichtbinäre und genderfluide Jugendliche sich von transgender Jugendlichen darin unterscheiden, dass ihre Geschlechtsidentität oder ihr Ausdruck typischerweise außerhalb der Aufteilung in Mann und Frau liegt. Eine Übersichtsarbeit von Christina Richards und Mitautorinnen und Mitautoren im International Review of Psychiatry (2016) hält fest, dass nichtbinäre Geschlechter für sich genommen keine Störung sind. Populationsstudien zeigten einen kleinen Anteil, aber eine nennenswerte Zahl von Menschen. Wegen Ausgrenzung bestehe für sie ein Risiko für Gewalt und für Minderheitenstress, also die dauerhafte Belastung durch Diskriminierung.
Die WPATH-Leitlinien (Version 8, 2022) räumen ein, dass Forschung zu Geschlechtsfluidität im Jugendalter und zu ihrer Häufigkeit nicht eindeutig ist. Sie raten dazu, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die Bedeutungen und den Ausdruck von Geschlecht weiter zu erkunden, auch nach einer sozialen Transition. Eine Veränderung macht also die frühere Identität nicht unwahr. Sie ist kein Argument dafür, Menschen ihre Geschlechtsidentität abzusprechen.
Recht und Alltag in Deutschland
Seit dem 1. November 2024 gilt in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG). Menschen können damit gegenüber dem Standesamt erklären, dass ihr Geschlechtseintrag durch eine andere Angabe ersetzt oder gestrichen wird (§ 2). Zur Wahl stehen die Angaben aus dem Personenstandsgesetz, also weiblich, männlich, divers oder keine Angabe. Die Änderung muss drei Monate vorher beim Standesamt angemeldet werden (§ 4). Nach einer Erklärung gilt eine Sperrfrist von einem Jahr, in der keine neue Erklärung möglich ist (§ 5).
Für Menschen, deren Geschlechtsidentität sich häufig verändert, bildet das Gesetz die Lebenswirklichkeit nur grob ab: Ein Eintrag kann nicht mit der Identität mitwandern. Der Eintrag „divers“ oder die Streichung der Angabe ist für manche genderfluide Menschen deshalb die passendste Lösung, für andere nicht. Wie jemand im Alltag genannt werden möchte, hängt dagegen nicht am Personenstand. Die Anrede im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder in der Schule lässt sich jederzeit anpassen, und es gehört zum respektvollen Umgang, sie zu übernehmen. Wird sie bewusst ignoriert, spricht man von Misgendering. Das Benutzen des alten Namens heißt Deadnaming.
Wer genderfluide Menschen unterstützen will, nimmt ihre Angaben ernst und hält die Veränderlichkeit nicht für eine Phase oder Unentschlossenheit.
Kerngedanke
Wenn sich die Anrede ändert, lohnt es sich, nachzufragen, welche Form gerade gilt, und Fehler kurz zu korrigieren, ohne daraus ein Drama zu machen.
Quellen: LSVD: Was bedeutet LSBTIQ? Glossar der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt / Bundeszentrale für politische Bildung: Gender-fluid (Sauer, Arn 2018: LSBTIQ-Lexikon) / Sigusch, Volkmar (2013): Liquid Gender, Zeitschrift für Sexualforschung 26(2) / Diamond, Lisa M. (2020): Gender Fluidity and Nonbinary Gender Identities Among Children and Adolescents, Child Development Perspectives 14(2) / Richards, Christina et al. (2016): Non-binary or genderqueer genders, International Review of Psychiatry / Coleman, Eli et al. (2022): Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8, International Journal of Transgender Health / Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), §§ 2, 4, 5, 15 / Rainbow & Co: A Short Guide to Genderfluid Identity (zur Flagge) / Wikimedia Commons: Genderfluid-Flagge / Wikipedia: Two-spirit (zum Begriff von 1990)
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