Queeres ABC

Genderidentität

Genderidentität: das innere Erleben des eigenen Geschlechts. Abgrenzung zu Körper und Eintrag, Hirnforschung, Entwicklung und ICD-11.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Das tief empfundene innere Gefühl, einem, keinem oder mehreren Geschlechtern anzugehören
Abgrenzung
Etwas anderes als Körper, Geschlechtsausdruck und Geschlechtseintrag
Hirnforschung
Zeigt Gruppenunterschiede, aber keine einfache Erklärung und keinen Test für Einzelne
Medizin
Geschlechtsinkongruenz gilt in der ICD-11 nicht als psychische Störung
Hauptartikel
Begriffsgeschichte und Rechtslage: Geschlechtsidentität

Einfach erklärt

Genderidentität bezeichnet das tief empfundene innere Gefühl, einem, keinem oder mehreren Geschlechtern anzugehören. So beschreibt es der LSVD in seinem Glossar. Die Behandlungsleitlinien der WPATH definieren sie als den tief empfundenen, inneren, wesenseigenen Sinn für das eigene Geschlecht (eigene Übersetzung). Dieses Gefühl kann zu dem Geschlecht passen, das bei der Geburt zugewiesen wurde. Dann ist die Person cisgeschlechtlich. Es kann auch davon abweichen. Dann ist sie trans. Dazu gehören trans Frauen, trans Männer und nichtbinäre Menschen, deren Identität außerhalb von „Mann“ und „Frau“ liegt. Auch genderfluide Identitäten gehören dazu, die sich im Lauf der Zeit verändern können.

Genderidentität ist etwas anderes als der Körper, der Geschlechtsausdruck und der Geschlechtseintrag. Sie lässt sich nicht von außen ablesen, sondern nur von der Person selbst beschreiben. Genderidentität und Geschlechtsidentität werden meist gleichbedeutend verwendet. Dieser Eintrag legt den Schwerpunkt auf die Forschung zur Entstehung und auf die Abgrenzung zur Genderdysphorie. Begriffsgeschichte, Cissexismus und deutsche Rechtslage stehen im Hauptartikel.

Ausführlich erklärt

Genderidentität, Körper, Ausdruck und Eintrag

Das Gesundheitsportal Österreich unterscheidet drei Bereiche von Geschlecht. Körperlich sind Chromosomen, Hormone und Geschlechtsmerkmale. Psychosozial sind Geschlechtsidentität und -ausdruck, Geschlechterrollen und Stereotype. Juristisch-administrativ ist der Geschlechtseintrag im Personenstand. Die erlebte Geschlechtszugehörigkeit stimmt nicht unbedingt mit den körperlichen Voraussetzungen überein.

Der LSVD zählt zur geschlechtlichen Identität auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers und Ausdrucksformen wie Kleidung, Sprache und Verhalten. Die WPATH trennt dagegen: Der Geschlechtsausdruck, also wie jemand Geschlecht im Alltag zeigt, kann zur Identität passen oder nicht. In diesem Eintrag gilt deshalb das innere Erleben als Identität und alles Sichtbare als Ausdruck. Auch für intergeschlechtliche Menschen, deren Körpermerkmale nicht in die Kategorien weiblich und männlich passen, ist die Geschlechtsidentität individuell (siehe Intergeschlechtlichkeit).

Was die Hirnforschung zeigt und was nicht

Frühe Befunde stammen aus der Untersuchung einzelner Hirnbereiche. Ein Forschungsteam um Zhou berichtete 1995 in Nature, dass ein Hirnbereich namens BSTc bei Männern größer ist als bei Frauen. Bei den untersuchten trans Frauen, in der Studie als „male-to-female transsexuals“ bezeichnet, war er so groß wie bei Frauen. Kruijver und sein Team zählten 2000 in 42 Gehirnen die Nervenzellen in diesem Bereich und fanden bei trans Frauen ähnliche Zahlen wie bei cis Frauen. Garcia-Falgueras und Swaab beschrieben 2008 an Gehirnen nach dem Tod im Bereich INAH3 ein vergleichbares Muster. In den Studien von 2000 und 2008 stammte je ein Gehirn von einem trans Mann, und es lag im männlichen Bereich. Trans Männer sind in dieser frühen Forschung also kaum vertreten: Es war eine Person unter 42 Gehirnen.

Spätere Arbeiten zeichnen ein weniger glattes Bild. Chung und ihr Team stellten 2002 fest, dass der BSTc-Unterschied zwischen Männern und Frauen erst im Erwachsenenalter deutlich wird. Eine Übersichtsarbeit von Guillamon und Kollegen (2016) beschreibt bei trans Frauen und trans Männern Mischungen aus typisch männlichen, typisch weiblichen und weniger ausgeprägten Regionen, die sich von beiden Vergleichsgruppen unterscheiden. Sie betrachtet allerdings nur eine Untergruppe: trans Personen, die sich zu Menschen ihres zugewiesenen Geschlechts hingezogen fühlen.

Die größte Studie bisher stammt von der ENIGMA-Arbeitsgruppe (Mueller et al., 2021). Sie wertete Aufnahmen von 803 Menschen ohne Hormonbehandlung aus: 214 trans Männer, 172 trans Frauen, 221 cis Männer und 196 cis Frauen. Trans Personen unterschieden sich von cis Personen in Volumen und Oberfläche einzelner Hirnregionen, nicht aber in der Dicke der Hirnrinde. Das Muster hing von der Region und von der Richtung der Genderidentität ab. Das Team schließt, trans Personen schienen ein eigenes Muster der Hirnstruktur zu haben, statt einfach zum anderen Pol verschoben zu sein.

803Menschen ohne Hormonbehandlung in der größten Hirnstudie (ENIGMA, 2021)
1 von 42Gehirnen in der Studie von 2008 stammte von einem trans Mann
2,5 %der 317 untersuchten Kinder und Jugendlichen identifizierten sich nach durchschnittlich fünf Jahren als cisgender

Grenzen der Hirnforschung

Die Befunde beschreiben Durchschnitte von Gruppen, keine Eigenschaft einzelner Personen. Joel und ihr Team zeigten 2015 an mehr als 1.400 Gehirnen, dass sich die Verteilungen von Frauen und Männern stark überlappen und die meisten Gehirne ein Mosaik aus Merkmalen sind. Aus Hirnscans lässt sich deshalb keine Genderidentität feststellen. Nach den Zusammenfassungen unterscheiden die Studien nur trans Männer und trans Frauen, nichtbinäre Identitäten kommen nicht gesondert vor. Umgekehrt braucht sie keinen Beweis: Sie gilt auch ohne Befund. Ob Unterschiede Ursache, Folge oder Begleiterscheinung sind, klären diese Studien nicht.

Wie Genderidentität entsteht

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Polderman und ein großes internationales Forschungsteam werteten 2018 den Forschungsstand aus. Sie vermuten, dass Genderidentität ein vielschichtiges Merkmal ist, zu dem auch ein erblicher Anteil mehrerer Gene gehört. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen das als Hypothese.

Erziehung allein legt sie ebenfalls nicht fest. Diamond und Sigmundson berichteten 1997 über ein Kind mit XY-Chromosomen, dessen Penis versehentlich zerstört wurde und das als Mädchen aufgezogen wurde. Die Person lehnte diese Zuweisung ab und lebte ab der Pubertät als Mann. Der Bericht betrifft einen Einzelfall und sagt nichts über trans Identitäten. Er zeigt aber, dass Erziehung Geschlechtsidentität nicht beliebig festlegen kann.

Auch bei Kindern zeigt sich Genderidentität. Olson und ihr Team verglichen 2015 32 trans Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren, die im Alltag in ihrer Identität lebten, mit cis Kindern. Bei Tests zur Selbstwahrnehmung und zu Vorlieben waren sie von cis Kindern gleicher Genderidentität statistisch nicht zu unterscheiden. Die Folgestudie von 2022 begleitete 317 Kinder und Jugendliche durchschnittlich fünf Jahre nach der sozialen Transition, also dem Leben in der Identität ohne medizinische Schritte. 94 % identifizierten sich danach als binär trans, 3,5 % als nichtbinär und 2,5 % als cisgender. 7,3 % hatten mindestens einmal eine erneute Veränderung vollzogen (Retransition). Das Team folgert, solche Retransitionen seien selten und wer früh sozial gewechselt sei, bleibe meist bei dieser Identität.

Genderidentität, Medizin und Genderdysphorie

In der ICD-10 der WHO standen „Transsexualismus“ und eine „Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters“ unter den psychischen und Verhaltensstörungen. Die ICD-11 ersetzt sie durch „Geschlechtsinkongruenz“ im Jugend- und Erwachsenenalter und im Kindesalter und führt sie im neuen Kapitel „Zustände mit Bezug zur sexuellen Gesundheit“. Die WHO begründet das damit, dass trans und genderdiverse Identitäten keine psychischen Erkrankungen sind und eine solche Einstufung erhebliches Stigma verursachen kann. Die ICD-11 trat am 1. Januar 2022 grundsätzlich in Kraft. In Deutschland bleibt laut BfArM bis zur Einführung die ICD-10 die amtliche Klassifikation, und der Umstieg bei der Diagnosekodierung im Gesundheitswesen werde noch mehrere Jahre dauern.

Von der Genderidentität ist die Genderdysphorie zu trennen. Die WPATH beschreibt sie als Zustand von Leid oder Unbehagen, der entstehen kann, wenn die Genderidentität von dem Geschlecht abweicht, das körperlich oder sozial zugeschrieben wird. Im Diagnosehandbuch DSM-5-TR der American Psychiatric Association ist „Gender Dysphoria“ weiterhin eine Diagnose. Nicht alle trans Personen erleben Genderdysphorie. Genderidentität beschreibt also, wer jemand ist, Genderdysphorie eine mögliche Belastung. Die WPATH nennt als Hintergrund auch historisches und aktuelles Stigma.

Recht und Alltag

Das Bundesverfassungsgericht stellte 2017 fest, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch die geschlechtliche Identität schützt, einschließlich der Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen. Zum Geschlechtseintrag siehe das Selbstbestimmungsgesetz.

Im Alltag zeigt sich Respekt zuerst in Name und Anrede. Die WPATH hält fest, dass in der Gesundheitsversorgung bei Anliegen ohne Bezug zu Geschlecht oft schon genügt, den richtigen Namen und die richtigen Pronomen zu erfragen. Eine bewusst ignorierte Anrede heißt Misgendering, und das Benutzen des alten Namens heißt Deadnaming. Das gilt für trans Männer ebenso wie für trans Frauen und nichtbinäre Menschen: Wie jemand angesprochen wird, entscheidet die Person selbst.

Genderidentität beschreibt, wer ein Mensch ist, und gilt unabhängig davon, ob sich daran im Körper etwas ablesen lässt.

Kerngedanke

Quellen: LSVD: Glossar der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt / Gesundheitsportal Österreich: Geschlechtervielfalt / Zhou et al. (1995), Nature (Zusammenfassung) / Kruijver et al. (2000), J Clin Endocrinol Metab (Zusammenfassung) / Garcia-Falgueras und Swaab (2008), Brain (Zusammenfassung) / Chung et al. (2002), J Neurosci (Zusammenfassung) / Guillamon et al. (2016), Archives of Sexual Behavior (Zusammenfassung) / Mueller et al. (2021), ENIGMA, J Sex Med (Zusammenfassung) / Joel et al. (2015), PNAS (Zusammenfassung) / Polderman et al. (2018), Behavior Genetics (Zusammenfassung) / Diamond und Sigmundson (1997), Arch Pediatr Adolesc Med (Zusammenfassung) / Olson et al. (2015), Psychological Science (Zusammenfassung) / Olson et al. (2022), Pediatrics (Zusammenfassung) / WHO: Gender incongruence and transgender health in the ICD / Reed et al. (2016), World Psychiatry (Zusammenfassung) / Coleman et al. (2022): WPATH Standards of Care 8, Glossar / BfArM: ICD-11 / Bundesverfassungsgericht, Pressemitteilung 95/2017


Das könnte dich auch interessieren

  • Geschlechtsidentität: der Hauptartikel mit Begriffsgeschichte und Rechtslage
  • Genderdysphorie: das Leiden, das mit Inkongruenz einhergehen kann
  • Trans: Menschen, deren Identität vom zugewiesenen Geschlecht abweicht
  • Nichtbinär: Identitäten jenseits von Mann und Frau
  • Cisgender: Menschen, deren Identität zum Geburtseintrag passt
  • Pronomen: wie Menschen angesprochen werden möchten

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Back Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Back Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Zipper

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen