Antifaschismus & Demokratie

Erinnerungskultur

Erinnerungskultur ist der öffentliche Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte. Begriff, deutsche Entwicklung, queere und koloniale Lücken.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 16.10.2026
Auf einen Blick

Begriff
Öffentlicher, nicht fachwissenschaftlicher Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte
Fachliche Fassung
Hans Günter Hockerts, 2001
Schwerpunkt in Deutschland
Nationalsozialismus und Holocaust
Formen
Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenktage, Schulunterricht, öffentliche Debatten
Streitpunkt
Wer erinnert wird und wer lange fehlte

Einfach erklärt

Erinnerungskultur beschreibt, wie eine Gesellschaft öffentlich mit ihrer Vergangenheit umgeht: durch Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenktage, Schulunterricht, Filme und politische Debatten. Der Historiker Hans Günter Hockerts schlug 2001 vor, zwischen drei Zugängen zur Zeitgeschichte zu unterscheiden: der selbst erlebten Erfahrung, der Geschichtswissenschaft und der Erinnerungskultur. Mit Erinnerungskultur ist dabei die Gesamtheit des nicht fachwissenschaftlichen Gebrauchs von Geschichte in der Öffentlichkeit gemeint. So gibt es der Historiker Christoph Kleßmann in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) wieder.

In Deutschland geht es dabei vor allem um den Nationalsozialismus und den Holocaust. Erinnerungskultur ist nie fertig. Welche Opfergruppen ein Denkmal bekommen, wann ein Parlament ihrer gedenkt und welche Verbrechen überhaupt als solche benannt werden, wird immer wieder neu entschieden und oft gegen Widerstand erkämpft. Wer in der Erinnerung vorkommt, ist deshalb das Ergebnis von Auseinandersetzungen.

Erinnerungskultur zeigt, woran eine Gesellschaft sich erinnern will und wer dafür erst Gehör finden musste.

Kerngedanke


Ausführlich erklärt

Inhaltshinweis

Dieser Eintrag nennt Verfolgung, Konzentrationslager und Völkermord. Er enthält keine Gewaltdarstellungen, aber Zahlen und Fakten zu den Verbrechen.

Wer erinnert, und woran?

Hockerts‘ Dreiteilung macht sichtbar, dass Erinnerung und Wissenschaft nicht dasselbe sind. Kleßmann beschreibt zwischen beiden eine Spannung, die sich nicht auflösen lässt: Die Forschung will erklären, persönliche Erinnerung ist oft stark emotional oder moralisch geprägt. Mit Konrad Jarausch betont Kleßmann, eine Wissenschaft, die lebendige Erinnerung ignoriere, laufe Gefahr, der Öffentlichkeit ihre Sprachregelung aufzuzwingen, ohne zu überzeugen.

Auch der Begriff des kollektiven Gedächtnisses ist umstritten. Der Historiker Reinhard Koselleck, so zitiert ihn Kleßmann, wandte ein, wer von kollektiver Erinnerung spreche, setze ein gemeinsames Handlungssubjekt voraus, das es nicht gebe. Er sprach lieber von kollektiven Bedingungen, unter denen sich persönliche Erinnerungen bilden. Was als gemeinsame Erinnerung gilt, ist also immer ein Ergebnis von Auswahl und Auseinandersetzung.

Verdrängen, Wandel und zwei deutsche Wege

Der Historiker Edgar Wolfrum beschreibt die Entwicklung in einem bpb-Beitrag von 2008 so: In der Bundesrepublik fiel 1949 die Entscheidung für die Integration der NS-Funktionseliten statt für eine vorbehaltlose Aufarbeitung, vom Holocaust war bis Ende der 1950er Jahre kaum die Rede. Seit etwa 1958 wandelte sich das Klima, nach antisemitischen Skandalen. Es folgten neue Richtlinien für den Geschichtsunterricht, der Straftatbestand der Volksverhetzung, die Zentrale Stelle zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, und auf Betreiben von Opfergruppen entstanden Gedenkstätten. 1979 erreichte die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ in der Bundesrepublik eine sehr hohe Sehbeteiligung, 1986 stritt der Historikerstreit um die Identität der Bundesrepublik.

In der DDR galt der Nationalsozialismus dagegen mit der „antifaschistisch-demokratischen Umwälzung“ als überwunden. Der Antifaschismus war Staatsdoktrin. Wolfrum betont, bei vielen DDR-Bürgern hätten sich tatsächlich antifaschistische Haltungen ausgebildet, doch der Holocaust passte nicht ins Klassenschema und wurde verschwiegen. Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald machte die SED zum Gedächtnisort des kommunistischen Widerstands. Mehr dazu im Eintrag Antifaschismus.

Wolfrum sieht Deutschland 2008 beim Umgang mit der Vergangenheit als „Exportweltmeister“. Das ist eine Wertung, die Kritik herausfordert, wie die folgenden Abschnitte zeigen. Außerdem hänge es stark von den Massenmedien ab, welche Themen auf die erinnerungspolitische Agenda gelangen: Erinnert werde, was massenmedial präsentabel sei.

Lange vergessen: queere Opfer

Zu Diskriminierung gegen queere Menschen steht mehr im Eintrag Queerfeindlichkeit. Hier geht es um das Erinnern. Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas hält fest: 1935 wurde der Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs verschärft, es gab über 50.000 Verurteilungen, mehrere tausend Männer kamen in Konzentrationslager und mussten dort den Rosa Winkel tragen. Weibliche Homosexualität wurde, außer in Österreich, nicht strafrechtlich verfolgt, lesbische Frauen waren aber ebenfalls Repressionen ausgesetzt. Die homosexuellen Opfer blieben lange aus der Gedenkkultur beider deutscher Staaten ausgeschlossen, in der Bundesrepublik galt der Paragraf 175 unverändert bis 1969.

Das weltweit erste Gedenkzeichen für queere Opfer enthüllten 1984 die Homosexuellen Initiativen Österreichs in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Der Bundestag beschloss am 17. Mai 2002 die Rehabilitierung der NS-Opfer des Paragrafen 175 und am 12. Dezember 2003 den Bau eines Denkmals. Es wurde am 27. Mai 2008 in Berlin übergeben. Der Entwurf stammt vom Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset, Anstoß gaben die Initiative „Der homosexuellen NS-Opfer gedenken“ und der Lesben- und Schwulenverband.

Im Denkmal läuft ein Film, der zunächst zwei küssende Männer zeigte. Nach Protesten, das Denkmal sei so nur schwulen Männern gewidmet, wurde 2007 angekündigt, den Film alle zwei Jahre zu wechseln, über den eine Jury entscheidet. Die Stiftung nennt als ersten neuen Film den vom 26. Januar 2012. Am 7. Oktober 2014 wurde wieder der ursprüngliche Film gezeigt, bis ein neuer Filmwettbewerb ausgeschrieben war. Seit dem 3. Juni 2018 läuft ein Film der Künstlerin Yael Bartana. Zwischen 2014 und 2018 lagen also knapp vier Jahre.

Erst am 27. Januar 2023 hielt der Bundestag eine Gedenkstunde für die wegen sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität verfolgten Opfer des Nationalsozialismus ab. Dabei wurde laut LSVD auch gesagt, dass die Bundesrepublik queere Menschen diskriminiert und verfolgt hat. Ein Beitrag aus der Geschichtswissenschaft der Freien Universität Berlin in der LSVD-Zeitschrift „Respekt“ schreibt, es seien keine Beispiele bekannt, in denen das Gedenken an marginalisierte Gruppen nicht auf die hartnäckige Initiative der Betroffenen selbst zurückgehe. Seit 2017 hebt zudem das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung die Verurteilungen aus der Zeit nach 1945 auf. Es sieht 3.000 Euro Entschädigung je aufgehobenem Urteil und 1.500 Euro je angefangenem Jahr Freiheitsentzug vor.

über 50.000Verurteilungen nach Paragraf 175 im Nationalsozialismus
2023erste Bundestags-Gedenkstunde für queere NS-Opfer
1,1 Mrd. EuroZusage Deutschlands an Namibia im Jahr 2021

Das Institut für Sexualwissenschaft

Ein Beispiel für eine Geschichte, die später in den Blick kam: Das Bundesarchiv beschreibt, dass Studierende am 6. Mai 1933 mit Lastwagen vor dem von Magnus Hirschfeld gegründeten Institut für Sexualwissenschaft in Berlin vorfuhren, es plünderten und vandalisierten. Hirschfeld selbst war auf einer Weltreise. Teile der Bibliothek wurden am 10. Mai 1933 bei der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz in die Flammen geworfen, am 14. Juni 1933 wurde das Institut offiziell geschlossen. Im Institut waren unter anderem Menschen beschäftigt, die damals als „Transvestiten“ und „Intersexuelle“ bezeichnet wurden. Das sind historische Begriffe, die sich nicht eins zu eins mit heutigen Identitäten gleichsetzen lassen.

Das Bundesarchiv benennt auch Widersprüchliches: Das Institut bot ab 1919 eine eugenisch ausgerichtete Ehe- und Sexualberatung an, und Hirschfeld ließ Patienten, die unter ihrer Homosexualität litten und um Konversion baten, Hoden Heterosexueller transplantieren. Erinnerung bedeutet deshalb auch, Vorbilder nicht unkritisch zu überhöhen.

Weitere Lücken: Sinti und Roma, „Asoziale“, Kolonialverbrechen

Weitere Gruppen kamen spät. Das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas des Künstlers Dani Karavan wurde am 24. Oktober 2012 übergeben, nach einem Beschluss der Bundesregierung von 1992. Mehr zur Verfolgung steht im Eintrag Antiziganismus. Am 13. Februar 2020 nahm der Bundestag einen Antrag der Koalition an, der die Bundesregierung auffordert, die von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihnen einen angemessenen Platz im staatlichen Erinnern zu verschaffen. Bis auf die AfD, die sich enthielt, stimmten alle Fraktionen zu.

Auch die Kolonialzeit wurde lange nicht als Völkermord erinnert. Nach der bpb befahl Generalleutnant Lothar von Trotha im Oktober 1904 die Vernichtung der Herero und im April 1905 die der Nama. Schätzungsweise bis zu 100.000 Menschen starben. Noch 2012 erklärte die Bundesregierung, die Niederschlagung des Aufstands lasse sich nicht als Völkermord einstufen. Am 28. Mai 2021 gab das Auswärtige Amt eine Einigung mit Namibia bekannt: Deutschland nenne die Ereignisse nun Völkermord und wolle 1,1 Milliarden Euro für Wiederaufbau und Entwicklung zahlen, ein Anspruch auf Entschädigung lasse sich daraus aber nicht ableiten. Teile der Herero und Nama kritisierten das Abkommen und forderten Reparationen und Landrückgabe. Hintergrund liefert der Eintrag Kolonialismus.

Wie gut ist die deutsche Erinnerung?

Die Bilanz bleibt umstritten. Wolfrum lobte 2008 die Entwicklung, und die vielen späten Denkmäler und Gedenkstunden zeigen Fortschritte. Zugleich erinnert der LSVD-Beitrag daran, dass die Bundesrepublik die Opfer spät rehabilitiert und lange öffentliche Anerkennung verweigert hat. Die hier genannten Quellen stammen überwiegend von staatlichen Stellen, Historikern und einem Verband. Stimmen der Betroffenen kommen nur vermittelt vor.

Quellen: bpb: Erinnerungskultur (Dossier) / Kleßmann: Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung, bpb / Wolfrum (2008): Geschichte der Erinnerungskultur in der DDR und BRD, bpb / Hockerts: Zugänge zur Zeitgeschichte, Aus Politik und Zeitgeschichte B 28/2001, bpb / Stiftung Denkmal: Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen / Stiftung Denkmal: Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas / LSVD: Kleine Geschichte des Gedenkens an die LSBTIQ-Opfer des Nationalsozialismus / § 1 StrRehaHomG / § 5 StrRehaHomG / Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919 bis 1933 / Deutscher Bundestag (2020): Anerkennung weiterer NS-Opfergruppen / bpb: Völkermord an Herero und Nama, Abkommen zwischen Deutschland und Namibia

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Front Print - Organic Tank Top

"Math Rainbow" Front Print – Organic Tank Top

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen