Queeres ABC

Queer

Queer einfach erklärt: Woher das Wort kommt, was es heute bedeutet, wie die Queer Theory entstand und warum nicht alle den Begriff nutzen.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 30.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Sammelbegriff, Selbstbezeichnung und kritische Perspektive auf Normen von Geschlecht und Sexualität
Herkunft
Englisches Schimpfwort, das queere Bewegungen seit den 1990er Jahren selbstbewusst angeeignet haben
Fachfeld
Queer Theory, die Anfang der 1990er Jahre an US-Universitäten entstand
Im Deutschen
Gebräuchlich, aber ohne die Geschichte als Schimpfwort, die das englische Wort trägt
Wichtig
Als Selbstbezeichnung gewählt, als Fremdbezeichnung nur mit Einverständnis

Einfach erklärt

Queer war im Englischen lange ein Schimpfwort für Menschen, die von Normen der Sexualität und des Geschlechts abweichen. Queere Bewegungen haben das Wort angeeignet und zu einer selbstbewussten Bezeichnung gemacht. Heute meint queer drei Dinge: einen Sammelbegriff für alle, die nicht heterosexuell oder nicht cis sind, eine persönliche Identität für Menschen, die sich keiner engen Kategorie zuordnen, und eine Perspektive, die Normen von Geschlecht und Sexualität kritisch untersucht.

Unter dem Dach queer finden sich lesbische, schwule, bisexuelle, trans und nichtbinäre sowie intergeschlechtliche Menschen und viele mehr. Auch trans Männer gehören dazu, wenn sie sich so verstehen: Ein trans Mann ist ein Mann, kann aber zusätzlich queer sein, etwa weil er Männer, Frauen oder mehrere Geschlechter begehrt, weil er nichtbinär denkt oder weil er sich der queeren Gemeinschaft zugehörig fühlt. Nicht alle Menschen, die darunter fallen, nutzen das Wort für sich. Deshalb gilt: Jede Person bestimmt selbst, wie sie sich nennt.

Merke

Queer ist eine Selbstbezeichnung. Wer andere so nennt, ohne zu wissen, wie sie sich selbst bezeichnen, macht aus einem Wort der Befreiung eine Zuschreibung.


Ausführlich erklärt

Vom Schimpfwort zur Selbstbezeichnung

Im englischsprachigen Raum galt „queer“ jahrzehntelang als Beleidigung, bis Teile der Community das Wort für sich übernahmen. So beschreibt es die Bundeszentrale für politische Bildung im Editorial der Ausgabe „Queer“ ihrer Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (21/2025). Gemeint waren zunächst Menschen, die nicht in das Bild von Heterosexualität und zwei Geschlechtern passten. Nach Munier bedeutete das Wort so viel wie „seltsam“ oder „schräg“.

Wann genau die Umdeutung begann, wird unterschiedlich erzählt. Die Bundesstiftung Gleichstellung schreibt in ihrem Glossar, vor allem Schwarze trans Personen hätten das Wort schon in den 1960er Jahren zu einer stärkenden Selbstbezeichnung gemacht. Die Bundeszentrale für politische Bildung verortet den Durchbruch in den 1990er Jahren: Damals sei das Wort in den USA bekannt geworden und nach Europa gelangt. Eine zentrale Rolle spielte die Gruppe Queer Nation aus der Aids-Bewegung, deren Slogan „We’re here, we’re queer!“ bis heute bekannt ist.

Munier vom Projekt LSBTTIQ in Baden und Württemberg vergleicht die Umdeutung mit der Aneignung des Rosa Winkels, mit dem in Konzentrationslagern Häftlinge gekennzeichnet wurden und den die Schwulenbewegung später umdeutete.

1990organisiert Teresa de Lauretis in Santa Cruz die erste Konferenz zur Queer Theory (nach Pines, APuZ 21/2025)
1991trägt die Einleitung eines Sonderhefts der Zeitschrift „differences“ den Titel „Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities“
2022legt die Bundesregierung den Aktionsplan „Queer leben“ mit sechs Handlungsfeldern vor

Queer Theory: Normen sichtbar machen

Aus der Aneignung des Wortes wurde ein Forschungsfeld. Nach Sarah Pines organisierte Teresa de Lauretis 1990 an der University of California in Santa Cruz die erste Konferenz zur Queer Theory. Ein Jahr später erschien ihre Einleitung zu einem Sonderheft der Zeitschrift „differences“ unter dem Titel „Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities“. Paula-Irene Villa nennt in derselben APuZ-Ausgabe Judith Butler, Teresa de Lauretis und Eve Kosofsky Sedgwick als zentrale Stimmen der 1990er Jahre.

Judith Butlers Buch „Gender Trouble“ von 1990 gehört zu den wichtigsten Texten dieses Umfelds, der Begriff Queer Theory stammt aber nicht von Butler. Butler beschreibt Geschlecht als etwas, das nicht Ausdruck einer inneren Wahrheit ist, sondern durch wiederholte kulturelle Handlungen hervorgebracht wird, so fasst Villa das Konzept der Performativität zusammen. Welche Norm dahinter steht, erklärt der Eintrag zur Heteronormativität.

Villa grenzt die Fächer voneinander ab: Die Gender Studies analysieren vor allem die soziale Konstruktion von Geschlecht, die Queer Theory dagegen befragt kritisch Sexualität und Begehren. „Queer“ heißt dort nicht nur „nicht heterosexuell“, sondern bezeichnet eine Perspektive, die normative Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht als Teil sozialer Ordnung untersucht. Butler selbst sagt in einem Interview von 2021, queer sei für sie nie eine Identität gewesen, sondern eine Weise, sich dem Kampf gegen Homophobie anzuschließen. Es habe als Bewegung gegen die polizeiliche Kontrolle von Identitäten begonnen, und mit dem Aufkommen von HIV und ACT UP habe der Kampf eine dramatische Form angenommen.

Drei Bedeutungen im Alltag

Die Bundesstiftung Gleichstellung unterscheidet im Glossar mehrere Verwendungen, die oft ineinanderlaufen:

  • Sammelbegriff: für nicht heteronormative und nicht cisgeschlechtliche Lebensweisen und geschlechtliche Identitäten. Ähnlich wie LGBTQIA+, aber offener, weil keine Liste von Buchstaben nötig ist.
  • Identität: Manche Menschen nutzen queer als eigenständigen Begriff, um auszudrücken, dass sie sich keiner begrenzenden Kategorie von Geschlecht oder Sexualität zuordnen.
  • Kritische Perspektive: In der Queer Theory dient der Begriff dazu, Heteronormativität offenzulegen und zu kritisieren, in Abgrenzung zu einer Identitätspolitik, die feste Gruppen voraussetzt.

Welche Bedeutung gemeint ist, hängt vom Zusammenhang ab.

Queer im Deutschen

Im Deutschen hat das Wort keine eigene Geschichte als Schimpfwort. Munier schreibt, die politische Geschichte der Aneignung sei im deutschsprachigen Kontext auf den ersten Blick verloren gegangen, weshalb queer manchen sogar unpolitisch erscheine. Dennoch ist es längst gebräuchlich, zum Beispiel in Vereinsnamen und Filmfestivals.

Auch der Staat verwendet es. Die Bundesregierung nennt in ihrem Aktionsplan „Queer leben“ vom November 2022 Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans und intergeschlechtliche sowie andere queere Menschen und will damit Queerfeindlichkeit entgegenwirken. Als eine Empfehlung steht dort, Diskriminierung wegen der sexuellen Identität ausdrücklich in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes zu verbieten. Dieser Artikel nennt die sexuelle Identität bis heute nicht. Mehr zur Gewalt, die queere Menschen trifft, steht im Eintrag zu Queerfeindlichkeit.

Queer ist kein feststehender Steckbrief, sondern ein Wort, das je nach Gebrauch eine Gruppe, eine Identität oder eine kritische Perspektive meint.

Kerngedanke

Kritik und offene Fragen

Der Begriff ist umstritten, und das aus mehreren Richtungen. Die Bundeszentrale schreibt, dass manche Menschen das Wort zur Beschreibung der eigenen Homo-, Bi- oder Transsexualität kategorisch ablehnen. Ein trans Mann, der sich schlicht als Mann versteht, muss das Wort nicht für sich übernehmen. Das ist eine ernstzunehmende Haltung, kein Missverständnis.

Aus der Wissenschaft kommt ein anderer Einwand. Sarah Pines schildert in ihrem Beitrag, dass queer aus Sicht von Kritik zunehmend beliebig wirke, weil der Begriff alles und nichts bedeuten könne, und dass er als Lebensstil einer vornehmlich weißen Mittelschicht empfunden werde. Das ist eine Streitposition, keine gesicherte Beschreibung. Villa beschreibt Gender und Queer Studies als dynamische Felder statt eigener Disziplinen und betont, dass dort lebhaft diskutiert werde.

Auch innerhalb queerer Gemeinschaften gibt es Normen, mehr dazu unter Homonormativität. Wie sich queere Erfahrungen mit Rassismus oder Behinderung überlagern, behandelt die Intersektionalität.

Was der Begriff nicht sagt

Queer ist kein Synonym für „homosexuell“. Der Begriff nennt auch nicht, welche Identität jemand genau hat, sondern allenfalls, dass jemand sich von Normen abgrenzt. Er ersetzt außerdem keine genaue Selbstbezeichnung: Wer sich als schwul, trans, bisexuell oder nichtbinär versteht, will oft genau so benannt werden. Manche queere Menschen nutzen das Wort gar nicht.

Respektvoll sprechen

Im Zweifel gilt: fragen, wie sich ein Mensch bezeichnet, und diese Bezeichnung übernehmen, auch bei Pronomen, die je nach Person er, sie oder dey lauten können. Einen trans Mann als „queer“ zu bezeichnen, obwohl er sich schlicht als Mann versteht, übergeht seine Selbstbezeichnung.

Was du tun kannst

  1. Nutze „queer“ für dich selbst nur, wenn es für dich stimmt, und für andere nur, wenn sie das Wort selbst verwenden.
  2. Frage bei Unsicherheit offen nach Selbstbezeichnung und Pronomen, statt zu raten.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung (2025): Aus Politik und Zeitgeschichte 21/2025 „Queer“, darin Editorial, Bühner/Gammerl (S. 4 bis 12), Pines (S. 34 bis 39), Villa (S. 41 bis 47) (Volltext gelesen) / Bundeszentrale für politische Bildung: Bist du schwul oder was? (gelesen) / Bundesstiftung Gleichstellung: Glossar, Eintrag „Queer“ (gelesen) / Munier, J. N. (2017): Schräg sein, seltsam und verqueren. Queer und Queering. LSBTTIQ in Baden und Württemberg (gelesen) / Gleeson, J. (2021): „We need to rethink the category of woman“. Interview mit Judith Butler, The Guardian, 7.9.2021 (gelesen) / de Lauretis, T. (1991): Queer Theory: Lesbian and Gay Sexualities. An Introduction. differences 3 (2), S. iii bis xviii (nur bibliografisch geprüft) / Butler, J. (1993): Critically Queer. GLQ 1 (1), S. 17 bis 32 (nur bibliografisch geprüft) / Butler, J. (1990): Gender Trouble. Routledge (dt. 1991: Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp) / Bundesregierung (2022): Aktionsplan für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, Queer leben. Drucksache 20/4573 des Bundestags (gelesen) / Artikel 3 Grundgesetz (gelesen)

Wie queere Perspektiven in einem größeren nachhaltigkeitspolitischen Rahmen oft übersehen werden: Queere Menschen in der Agenda 2030: Der blinde Fleck der Nachhaltigkeit.


Das könnte dich auch interessieren

  • trans: eine der Identitäten, die unter den Begriff queer fallen können
  • Heteronormativität: die Norm, die queere Kritik offenlegt
  • Intersektionalität: das Analysewerkzeug, das Queer Theory maßgeblich prägt
  • LGBTQIA+: der Sammelbegriff, der oft neben queer verwendet wird
  • Queerfeindlichkeit: Feindlichkeit und Gewalt gegen queere Menschen
  • Queere Flaggen: Symbole, mit denen sich queere Identitäten sichtbar machen
  • Demisexuell: eine Orientierung im asexuellen Spektrum, bei der sexuelle Anziehung erst nach einer engen emotionalen Bindung entsteht
  • Lesbisch: Frauen, die sich emotional und/oder sexuell zu Frauen hingezogen fühlen, mit Herkunft des Begriffs und Selbstbezeichnung
  • Bisexualität: Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, mit Bi+ als Überbegriff, Bi Visibility Day und Flagge

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Front Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen