Queeres ABC

Othering

Othering einfach erklärt: Wie Menschen zu „den Anderen“ gemacht werden, woher der Begriff stammt und welche Folgen das hat.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Prozess, in dem Gruppen als wesentlich „anders“ markiert werden, während die eigene Gruppe als normal gilt
Systematisch beschrieben
Gayatri Chakravorty Spivak, 1985, im Aufsatz „The Rani of Sirmur“
Kern
Machtgefälle: Wer die Norm setzt, bestimmt, wer als „anders“ gilt
Wirkt in
Alltagssprache, Medien, Ämtern, Gesundheitsversorgung und Statistik
Nicht gemeint
Das bloße Benennen von Unterschieden

Einfach erklärt

Othering beschreibt einen Mechanismus, bei dem bestimmte Menschen als grundlegend „fremd“ oder „anders“ markiert werden, während die eigene Gruppe als normal gilt. Der Begriff kommt vom englischen „other“ (das Andere). Aus dem Unterschied zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe entsteht so eine Rangordnung: Die einen sind der Maßstab, die anderen sind die Abweichung, die sich erklären muss.

Ein alltägliches Beispiel ist die Frage, woher jemand „wirklich“ kommt, obwohl die Person in Deutschland geboren ist. Sie macht die Person zur Ausnahme, während andere sich nie erklären müssen. Dasselbe passiert, wenn Nachrichtenbilder immer wieder dieselben Gruppen mit Problemen verknüpfen oder wenn ein Schulbuch nur eine Perspektive als „normal“ zeigt.

Entscheidend ist das Machtgefälle. Wer zur gesellschaftlichen Mehrheit gehört oder Definitionsmacht hat, bestimmt meist, was als normal gilt. Das betrifft rassifizierte Menschen, aber auch queere Menschen, Menschen mit Behinderung oder Menschen in Armut. Othering ist deshalb ein Schlüssel, um zu verstehen, wie Ausgrenzung sprachlich vorbereitet wird, bevor sie sichtbar wird.

Merke

Othering ist kein bloßes Benennen von Unterschieden. Es entsteht dort, wo ein Unterschied zur Abweichung gemacht wird und die Person ihn ständig erklären muss.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Als theoretisches Konzept führte die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak den Begriff 1985 systematisch ein, im Aufsatz „The Rani of Sirmur“. Dort untersucht sie Archivmaterial der britischen Kolonialmacht in Indien. Sune Qvotrup Jensen fasst in seinem Überblick drei Dimensionen zusammen, die Spivak in den Quellen findet: Die Machthabenden machen die Beherrschten ihre Unterordnung bewusst, sie beschreiben sie als moralisch unterlegen, und sie halten Wissen und Technik als Besitz der Herrschenden von ihnen fern. Erste Verwendungen findet Jensen schon 1980 in einer Rezension Spivaks zu Derrida.

Der Gedanke hat Vorläufer. Nach Jensen greift das Konzept Hegels Herr-Knecht-Dialektik auf, in der sich das Selbst über die Gegenüberstellung mit dem Anderen bildet. Simone de Beauvoir beschrieb in „Das andere Geschlecht“, wie Männer als Norm und Frauen als das Andere gelten. Edward Said zeigte 1978 in „Orientalism“, wie der „Orient“ im westlichen Denken als fremd und zugleich als schematisch einordenbar entworfen wurde. Said veröffentlichte sein Buch also sieben Jahre vor Spivaks Aufsatz und gilt damit als Wegbereiter, nicht als späterer Anwender des Begriffs.

Spivak selbst verband Othering mit mehreren Ebenen zugleich. Nach Jensen ist der Prozess im Fall der Rani von Sirmur klassenbezogen, rassifiziert und vergeschlechtlicht, lässt sich also mit Intersektionalität zusammendenken. Othering ersetzt dabei nicht die Begriffe Rassismus, Sexismus oder Klassismus, sondern beschreibt einen Aspekt davon: die symbolische Abwertung und ihre Folgen für das Selbstbild der Abgewerteten.

Wie Othering funktioniert

Akbulut und Razum verstehen Othering in ihrem Aufsatz im Bundesgesundheitsblatt als gesellschaftlichen Prozess, der Unterschiede so konstruiert und einordnet, dass bestimmte Gruppen als wesentlich Andere sichtbar werden. Zwei Dinge gehören für sie zusammen: eine diskursive Praxis, die Differenzen markiert, und eine Machtasymmetrie, die diese Markierung durchsetzbar macht. Othering beruht demnach nicht allein auf ablehnenden Einstellungen einzelner Personen, sondern auf einem historisch gewachsenen System von Überzeugungen, das durch Machtverhältnisse Glaubwürdigkeit erhält.

Ihr Beispiel ist die Unterscheidung zwischen „Migranten“ und „Nicht-Migranten“. Die Kategorie wird mit ausgewählten Themen verknüpft, etwa Integration, kulturelle Differenz, Gewalt oder Kriminalität. Dadurch erscheint eine Gruppe als abweichend, während das Nicht-Migrantische als unmarkierte Normalität gilt. Die Forschenden betonen außerdem: Die Andersheit muss immer wieder neu hergestellt werden, und ihr Wirken liegt in der Wiederholung. Dabei kann Othering abwertend sein, aber auch idealisierend oder beides zugleich.

Jensen ergänzt eine zweite Seite. Spivaks ursprüngliche Fassung kenne die Anderen immer als minderwertig, nicht als faszinierend. In seiner Studie zu jungen Männern mit Migrationsgeschichte in Dänemark beschreibt er dagegen auch exotisierende Faszination als Teil des Othering. Zwei Reaktionen der Betroffenen unterscheidet er: Sie machen die zugeschriebene Rolle zum Statuswert, oder sie lehnen die Rolle ab und beanspruchen Normalität. Gerade deshalb zeigt sich: Wer ausgegrenzt wird, ist nicht bloß passives Objekt, auch wenn das Konzept diese Gefahr in sich trägt.

1985erscheint Spivaks Aufsatz „The Rani of Sirmur“ in „History and Theory“
2.002Personen, die in Deutschland ambulant Psychotherapie anbieten, nahmen an der Vignettenstudie von Dumke und Neuner teil
2005wird im Mikrozensus erstmals nach Migrationshintergrund unterschieden

Folgen: Beispiele aus Gesundheit und Statistik

Othering bleibt nicht abstrakt. Dumke und Neuner legten 2.002 ambulant tätigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Deutschland fiktive Fallbeschreibungen vor, in denen Menschen aus dem Nahen Osten mit und ohne Fluchthintergrund als Patientinnen und Patienten vorkamen. Die Einstellungen gegenüber den geflüchteten Menschen waren deutlich therapiehinderlicher, und je stärker sie ausfielen, desto seltener boten die Befragten Therapie für Geflüchtete an. Die Forschenden werten das als Hinweis, dass Geflüchtete als von der Norm abweichend wahrgenommen werden und dass dies mit Versorgungsunterschieden zusammenhängen kann.

Auch Unterbringung gehört in diese Debatte. Eine Auswertung von Dudek, Razum und Sauzet zeigt, dass Geflüchtete in Privatunterkünften eine bessere psychische Gesundheit hatten als solche in Gemeinschaftsunterkünften, bei der körperlichen Gesundheit zeigte sich dieser Unterschied nicht. Akbulut und Razum lesen Sammelunterkünfte als Teil einer räumlichen Trennung, die Andersheit festschreibt. Das ist deren Deutung, die Studie von Dudek et al. selbst belegt nur den Zusammenhang zwischen Wohnform und Gesundheit.

Selbst Statistik kann Kategorien festlegen. Seit 2005 unterscheidet der Mikrozensus zwischen Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund. Das Statistische Bundesamt zählt zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund alle Personen, die die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen oder mindestens ein Elternteil haben, auf das das zutrifft. Die Kategorie schließt also in Deutschland geborene Nachkommen ein. Akbulut und Razum raten deshalb, solche Kategorien in amtlichen und wissenschaftlichen Erhebungen nur zur Untersuchung von Diskriminierung zu nutzen, weil kategoriale Unterscheidungen die Vorstellung nähren, soziale Gruppen seien naturgegeben.

Othering fragt nicht, wie verschieden Menschen sind, sondern wer festlegt, welche Unterschiede zählen und wer sie erklären muss.

Kerngedanke

Grenzen des Begriffs

Der Begriff ist nicht unumstritten. Jensen nennt Kritikpunkte: Das Konzept arbeite mit einem Gegensatz aus Erstem und Anderem und sehe das Dazwischen schlecht. Außerdem erscheinen die Anderen darin eher als Objekt denn als handelnde Subjekte. Wer Othering benutzt, sollte deshalb nicht jede Abgrenzung darunter fassen und die Handlungsmacht der Betroffenen mitdenken.

Was der Begriff nicht sagt

Othering heißt nicht, dass jede Erwähnung von Unterschieden verboten wäre. Unterschiede zu benennen kann nötig sein, etwa um Diskriminierung nachzuweisen. Kritisch wird es, wenn ein Unterschied dauerhaft zur Abweichung erklärt und die Betroffenen zur Erklärung gezwungen werden. Der Begriff beschreibt Strukturen, er ist kein Urteil über einzelne Menschen. Er ist außerdem breiter als Rassismus: Er lässt sich auch auf Heteronormativität oder Ableismus anwenden.

Wie Othering im Alltag wirkt, zeigen auch Mikroaggressionen, die oft in kleinen Fragen und Bemerkungen stecken. Eine Verbindung zur Kolonialgeschichte erklärt der Eintrag zum Kolonialismus. Ein verwandter Mechanismus ist Tokenismus, bei dem einzelne Personen als Beleg für Vielfalt herhalten.

Was du tun kannst

  1. Stelle Fragen, die nicht schon eine Herkunft unterstellen, und frage nicht, woher er, sie oder dey „wirklich“ kommt. Wer von sich erzählen will, tut es von selbst.
  2. Prüfe in Texten, Bildern und Formularen, wer als Normalfall gilt und wessen Merkmale ständig extra genannt werden.
  3. Höre zu, wenn Betroffene Othering beschreiben, und erkläre es nicht weg. Gib Sprechzeit ab, statt für sie zu sprechen.

Quellen: Akbulut, N. und Razum, O. (2023): Othering am Beispiel von Migration. Bundesgesundheitsblatt 66 (10), S. 1109 bis 1116 (Volltext gelesen) / Jensen, S. Q. (2011): Othering, identity formation and agency. Qualitative Studies 2 (2), S. 63 bis 78 (Volltext gelesen) / Spivak, G. C. (1985): The Rani of Sirmur. An Essay in Reading the Archives. History and Theory 24 (3), S. 247 bis 272 (Nachweis über Crossref, Inhalt nach Jensen 2011 und Akbulut/Razum 2023) / Dumke, L. und Neuner, F. (2023): Othering refugees. Psychotherapy Research 33 (5), S. 654 bis 668 (Zusammenfassung gelesen) / Dudek, V., Razum, O. und Sauzet, O. (2022): Association between housing and health of refugees and asylum seekers in Germany. BMC Public Health 22, 48 (Zusammenfassung gelesen) / Statistisches Bundesamt: Personen mit Migrationshintergrund, Definition (abgerufen 15.10.2026) / Said, E. W. (1978): Orientalism. New York (zitiert nach Akbulut/Razum 2023 und Jensen 2011) / Beauvoir, S. de: Das andere Geschlecht, und Hegel, G. W. F.: Phänomenologie des Geistes (beide nach Jensen 2011, nicht im Original gelesen)


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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