Queeres ABC

Kolonialismus

Kolonialismus erklärt: Begriff, Gewalt, Versklavung, Berliner Konferenz, deutsche Kolonien, Dekolonisation und Nachwirkungen.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Dauerhafte Fremdherrschaft, bei der eine fremde Minderheit über das Leben einer Gesellschaft entscheidet
Zeitraum
Europäische Expansion ab dem 15. Jahrhundert, Dekolonisation vor allem 1945 bis 1975
Deutschland
Kolonien ab 1884 bis zum Ersten Weltkrieg
Heute
17 Gebiete auf der UN-Liste der Gebiete ohne Selbstregierung

Einfach erklärt

Kolonialismus bezeichnet die Herrschaft über ein fremdes Gebiet und seine Bevölkerung. Eine kulturell fremde Minderheit trifft dabei die grundlegenden Entscheidungen über das Leben der Kolonisierten und setzt sie durch, vorrangig im Interesse der Kolonialmacht. So definiert es der Historiker Jürgen Osterhammel (nach der Bundeszentrale für politische Bildung, bpb). Kolonialmächte waren Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, die Niederlande, Belgien, das Deutsche Reich, aber auch die USA und Japan.

Kolonialismus ist keine abgeschlossene Geschichte. Viele Staatsgrenzen, Amtssprachen und Wirtschaftsstrukturen ehemaliger Kolonien stammen aus der Kolonialzeit, und die koloniale Trennung in „Zivilisierte“ und „Unzivilisierte“ lebt in Gegensätzen wie „entwickelt“ und „unterentwickelt“ fort. Mehr dazu: Dekolonisierung und Rassismus.


Ausführlich erklärt

Kolonialismus: Begriff und Abgrenzung

Das OME-Lexikon der Universität Oldenburg nennt als Merkmale nach Osterhammel die Herrschaft über eine Gesellschaft samt Fremdsteuerung ihrer Entwicklung und eine konstruierte kulturelle Fremdheit zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten.

Daron Acemoglu, Simon Johnson und James Robinson argumentierten 2001, dass Europäer dort, wo sie hohe Sterblichkeit erlebten, nicht siedelten und eher ausbeuterische Institutionen einrichteten, die bis heute fortwirken. Patrick Wolfe beschrieb 2006 den Siedlerkolonialismus, bei dem Europäer dauerhaft siedeln, als Kampf um Land und damit oft um Leben. Die deutschen Kolonien waren laut dem Deutschen Historischen Museum (LeMO) als Siedlungsgebiet unbedeutend: Bis zum Ersten Weltkrieg ließen sich dort nur etwa 23.000 Menschen aus Deutschland nieder. Die bpb nennt Namibia die einzige Siedlerkolonie unter den deutschen Kolonien in Afrika.

Koloniale Gewalt und dünne Herrschaft

Inhaltshinweis

Dieser und die folgenden Abschnitte beschreiben Gewalt, Versklavung und Völkermord.

Der Historiker Fabian Klose nennt Gewalt einen elementaren Bestandteil des europäischen Kolonialismus, von der Eroberung bis in den Alltag. Die Kolonialmächte hielten Schutzregeln für Kriege zwischen Staaten von ihren Kolonien fern: Die Haager Friedenskonferenz ächtete 1899 Giftgas und Dumdum-Geschosse (Munition mit schweren Wunden) für Kriege zwischen „zivilisierten“ Staaten, Kolonialkonflikte blieben ausgenommen.

Zugleich war koloniale Herrschaft dünn besetzt, wie der Historiker Andreas Eckert schreibt, und auf lokale Vermittler angewiesen. Kolonisierte leisteten Widerstand: Emir Abd el-Kader kämpfte von 1835 bis 1847 gegen die französische Besetzung Algeriens, und die Truppen von Menelik II. schlugen 1896 bei Adua die italienische Invasion zurück.

Merke

Koloniale Herrschaft war dünn und stützte sich auf Gewalt und Vermittler: In Nigeria kam im Schnitt eine Person der britischen Kolonialverwaltung auf 54.000 Menschen vor Ort, im Kongo regierten kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nur 728 Verwaltende.

Versklavung und Atlantikhandel

Sklaverei gab es lange vor dem europäischen Kolonialismus. Die transatlantische Form machte laut dem Historiker Sebastian Jobs aber einen Menschen und seine Nachkommen zur Ware. Die Datenbank SlaveVoyages schätzt, dass zwischen 1501 und 1866 rund 12,5 Millionen Menschen in Afrika an Bord von Sklavenschiffen gebracht wurden. Jobs nennt eine geschätzte Sterblichkeit von etwa 15 Prozent auf der Überfahrt und eine Überlebenszeit von nur sieben Jahren auf Plantagen in der Karibik und in Brasilien im 18. Jahrhundert. Versklavte Menschen wehrten sich auf vielen Wegen, am bekanntesten ist der Aufstand von 1791 in Saint-Domingue, dem heutigen Haiti.

Die Berliner Konferenz und die deutschen Kolonien

Vom 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 tagten in Berlin auf Einladung von Reichskanzler Otto von Bismarck 14 Staaten zur Kongokonferenz. Oft heißt es, dort sei Afrika aufgeteilt worden. Das Auswärtige Amt widerspricht: Die Konferenz zog keine konkreten Grenzen, sondern setzte einen völkerrechtlichen Rahmen für die Aufteilung unter den Kolonialmächten, afrikanische Vertretungen wurden nie gehört. Die Artikel 34 und 35 der Generalakte, des Abschlussdokuments, verlangten, neue Besitznahmen an der Küste den anderen Mächten anzuzeigen und tatsächlich Herrschaft auszuüben. Die meisten Grenzen legten die Mächte erst danach bilateral fest. Am Rande der Konferenz wurde der Kongo-Freistaat als Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. anerkannt.

Das Deutsche Reich stellte 1884 und 1885 Südwestafrika, Togo, Kamerun, Ostafrika und Gebiete in Neuguinea unter „Schutz“. Im Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika ab 1905, ausgelöst unter anderem durch Kopfsteuer und Zwangsarbeit, gelten 180.000 Opfer auf afrikanischer Seite als wahrscheinlich.

Die schwerste Gewalt traf die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Nach Landverlust, Enteignungen und Unterdrückung erhoben sich die Herero im Januar 1904 gegen die Kolonialherrschaft. Generalleutnant Lothar von Trotha erließ am 2. Oktober 1904 einen Vernichtungsbefehl gegen die Herero, im April 1905 folgte einer gegen die Nama. Gefangene kamen in Lager, die der Reichskanzler „Konzentrationslager“ nannte. Die Schätzungen der Todesopfer gehen auseinander: LeMO nennt für die Herero ein bis zwei Drittel der Bevölkerung, die bpb bis zu 80 Prozent, bei den Nama starb etwa die Hälfte.

Das Auswärtige Amt bezeichnet die Ereignisse seit 2015 als Völkermord. Am 28. Mai 2021 meldete es eine Einigung: Deutschland will 1,1 Milliarden Euro für Wiederaufbau und Entwicklung zahlen, leitet daraus aber keinen Entschädigungsanspruch ab. Teile der Herero und Nama fordern Reparationen.

Stand der Aufarbeitung

Nach Genocide Alert war die Gemeinsame Erklärung im Juli 2025 nicht unterzeichnet, eine Klage gegen sie in Namibia war anhängig. Was danach geschah, ist hier nicht ausgewertet. Die Darstellung stützt sich überwiegend auf deutsche und internationale Institutionen, Stimmen von Herero- und Nama-Organisationen kommen nur vermittelt vor.

Queere Spuren: Strafgesetze und Geschlechterbilder

Auch Strafgesetze sind koloniales Erbe. Laut Human Rights Watch führten britische Kolonialbehörden 1860 Paragraf 377 in das indische Strafgesetzbuch ein, der Verkehr „gegen die Ordnung der Natur“ bestrafte, Versionen davon verbreiteten sich im Empire. Die Gesetzgeber hielten die Kulturen der Kolonisierten für zu nachsichtig. 2008 kriminalisierten laut dem Bericht mehr als 80 Länder einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Sex, mehr als die Hälfte davon frühere britische Kolonien. Ein Gesetz von 1897 stellte zudem Hijras, in Indien eine Gemeinschaft von Menschen, die als männlich geboren wurden und als Frauen oder im dritten Geschlecht leben, unter Überwachung. Indiens Oberster Gerichtshof hob Paragraf 377 am 6. September 2018 einstimmig auf, soweit er einvernehmliche Handlungen unter Erwachsenen betrifft. Robert Kramm zeigt, dass Geschlecht und Sexualität in Kolonien meist verschränkt mit „Rasse“ und Klasse wirkten, die Perspektive der Intersektionalität. Mehr: Queerfeindlichkeit.

Dekolonisation und Gegenwart

Dekolonisation ist keine klare Zäsur, sondern Teil der weiteren Geschichte des Kolonialismus.

Kerngedanke

Nach Harald Fischer-Tiné nahmen abhängige Gebiete am Ende des Zweiten Weltkriegs noch die Hälfte der Landoberfläche ein, bis 1975 schrumpfte ihre Ausdehnung um mehr als 90 Prozent. Die UNO wuchs von 51 Mitgliedern im Jahr 1945 auf 144 im Jahr 1975. Die Generalversammlung forderte am 14. Dezember 1960 in Resolution 1514 ein schnelles und bedingungsloses Ende des Kolonialismus, mangelnde Vorbereitung dürfe kein Vorwand für aufgeschobene Unabhängigkeit sein. Heute stehen noch 17 Gebiete auf der UN-Liste (Stand 9. Mai 2024).

über 90 %Rückgang der abhängigen Gebiete zwischen 1945 und 1975
144UN-Mitglieder 1975, gegenüber 51 im Jahr 1945
17Gebiete ohne Selbstregierung auf der UN-Liste

Unabhängigkeit löste nicht alles. Der Südasienhistoriker Dietmar Rothermund schreibt, die Grenzen seien meist willkürlich gezogen worden, und viele neue Staaten behielten die Kolonialsprache. Die Theorie nahm das früh auf: Frantz Fanon beschrieb 1952 die Verinnerlichung europäischer Maßstäbe durch Kolonisierte, Edward Said 1978 den Orientalismus als westlichen Stil, den Orient zu beherrschen, umzugestalten und Autorität über ihn auszuüben. Die Abwertung nichtwestlichen Wissens, auch epistemische Gewalt genannt, erkannte laut bpb schon Benoy Kumar Sarkar.

Die Benin-Bronzen wurden 1897 von britischen Truppen aus dem Palast des Königreichs Edo erbeutet, rund 1.100 befinden sich in deutschen Museen. Am 20. Dezember 2022 übergab die Bundesregierung in Abuja die ersten 20. Wie Gesellschaften mit solcher Vergangenheit umgehen, behandelt der Eintrag Erinnerungskultur.

Auch die Klimakrise ist ungleich verursacht. Laut dem Weltklimarat IPCC verursachten die am wenigsten entwickelten Länder von 1850 bis 2019 nur 0,4 Prozent aller CO2-Emissionen zusammengerechnet. Zusammenhänge behandeln die Einträge Klimagerechtigkeit und Klimakolonialismus.

Quellen: bpb: Herrschaft und Verwaltung (Eckert) / OME-Lexikon: Kolonialismus / bpb: Koloniale Gewalt (Klose) / bpb: Sklaverei und Sklavenhandel (Jobs) / SlaveVoyages: Estimates / Auswärtiges Amt: Generalakte der Berliner Westafrika-Konferenz / Generalakte 1885, Volltext / LeMO: Kolonialpolitik / LeMO: Herero-Krieg 1904 / LeMO: Maji-Maji-Krieg / bpb: Abkommen Deutschland und Namibia / Genocide Alert: Politik der Entschuldigung / Human Rights Watch (2008): This Alien Legacy / Supreme Court Observer: Navtej Singh Johar / bpb: Geschlecht und Sexualität (Kramm) / bpb: Dekolonisation im 20. Jahrhundert (Fischer-Tiné) / bpb: Antikolonialismus (Fischer-Tiné) / bpb: Postkoloniales Erwachen (Rothermund) / OHCHR: Resolution 1514 (XV) / UN: Non-Self-Governing Territories / BKM: Rückgabe der ersten Benin-Bronzen / IPCC AR6 WGIII, Kapitel 2, Abschnitt 2.2.3 / Acemoglu, Johnson und Robinson (2001), American Economic Review / Wolfe (2006), Journal of Genocide Research / Said (1978): Orientalism, Pantheon Books / Fanon (1952): Peau noire, masques blancs, Seuil / Fanon (1961): Les damnés de la terre, Maspero; deutsch 1966 bei Suhrkamp / Césaire (1950): Discours sur le colonialisme


Wer die Klimakrise historisch verursacht hat und wer ihre Folgen trägt, hängt eng mit globaler Vermögensungleichheit zusammen: Wessen Planet brennt? Wie extreme Vermögensungleichheit die Klimakrise antreibt.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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