Einfach erklärt
Dekolonisierung bezeichnet den langfristigen Prozess der Überwindung kolonialer Herrschaft in ihren politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Dimensionen. Er unterscheidet sich von Dekolonisation: Dekolonisation beschreibt das formalrechtliche Ende, also die staatliche Unabhängigkeit. Dekolonisierung bezeichnet den tieferen Ablösungsprozess, der wirtschaftliche Abhängigkeiten, kulturelle Überschreibungen und mentale Prägungen einschließt. Und der vielleicht nie abgeschlossen sein kann.
Zwischen 1945 und 1975 erlangten die meisten ehemals kolonisierten Staaten formale Unabhängigkeit. Die UN wuchs von 51 auf 144 Mitgliedsstaaten. Dieser Prozess verlief sehr unterschiedlich: Manche Unabhängigkeiten wurden verhandelt, viele erkämpft. Frankreich führte bis 1962 Krieg in Algerien. Portugal hielt bis 1974 an seinen Kolonien fest.
Formale Souveränität beendete den Kolonialismus nicht in allen Dimensionen. Neu entstandene Staaten erbten Grenzen, die europäische Verwaltungen ohne Rücksicht auf ethnische, sprachliche oder kulturelle Zusammenhänge gezogen hatten. Wirtschaftliche Abhängigkeiten, politische Einmischung und stereotype Wissensordnungen bestehen bis heute fort. Dieser Zustand wird Neokolonialismus genannt.
Ausführlich erklärt
Dekolonisierung ist auch ein intellektuelles und kulturelles Projekt. Postkoloniale Denker*innen wie Frantz Fanon, Aimé Césaire und später Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak und Achille Mbembe haben gezeigt, wie koloniale Wissenssysteme Bilder von „Zivilisation“ und „Rückständigkeit“ erzeugten. Diese Bilder wirken bis heute in Medien, Schulbüchern und Selbstverständlichkeiten nach.
Die Frage „Wessen Wissen gilt als Wissen?“ ist dabei zentral. Dekolonisierung von Bildung bedeutet, Lehrpläne und wissenschaftliche Kanons auf ihre kolonialen Grundlagen zu befragen und Perspektiven aus dem Globalen Süden strukturell einzubeziehen, nicht als Ergänzung, sondern als Ausgangspunkt.
Deutschland hat eine eigene Kolonialgeschichte: in Namibia, Tansania, Kamerun, Togo sowie Teilen Ozeaniens und Asiens. Der Völkermord an den Herero und Nama (1904 bis 1908) wurde erst 2021 von der Bundesregierung offiziell als Genozid anerkannt. Die Forderungen nach Restitution geraubter Kulturgüter und Menschengebeine kommen primär aus den betroffenen Communities in Namibia und Tansania. Der Prozess ist nicht abgeschlossen.
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung: Dekolonisierung (Politiklexikon). / Bundeszentrale für politische Bildung: Dekolonisation im 20. Jahrhundert.
Verwandte Begriffe: Kolonialismus · Rassismus · Struktureller Rassismus · Globaler Süden · Intersektionalität



