- Das reichste Prozent der Welt verursacht nach Oxfam-Rechnung rund 75 Tonnen CO₂ pro Kopf und Jahr, mehr als das 35-Fache des mit 1,5 Grad vereinbaren Durchschnittswerts von 2,1 Tonnen.
- Besonders groß ist der Hebel über Eigentum: 308 Milliardär*innen verantworten über ihre Firmenanteile mehr Emissionen als 118 Länder zusammen, und das World Inequality Lab ordnet dem reichsten Prozent 41 Prozent der Emissionen aus privatem Kapitalbesitz zu.
- Diskutiert werden ein Verbot neuer fossiler Investitionen, Steuern auf Vermögen, Gewinne und Kohlenstoffgehalt von Anlagen sowie öffentliche Investitionen in klimafreundliche Infrastruktur.
Am 10. Januar 2026 hatte das reichste Prozent der Weltbevölkerung rechnerisch seinen Anteil am Klimabudget für das ganze Jahr aufgebraucht. Oxfam nennt diesen Tag „Pollutocrat Day“.[1] Gemeint ist ein Rechenmodell: Verteilt sich der Ausstoß, der 2030 mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar wäre, gleichmäßig auf alle, bleiben 2,1 Tonnen CO₂ pro Kopf und Jahr. Das reichste Prozent verursacht laut Oxfam 75,1 Tonnen (Daten für 2023) und braucht deshalb nur etwa 10,2 Tage für diese 2,1 Tonnen.[2] Für die Debatte um Klimagerechtigkeit ist das ein Brennglas: Es geht um die Emissionen der Superreichen, um die Frage, wer sie verursacht, und darum, wer die Folgen trägt.
Dieses Budget ist eine Veranschaulichung, keine Messung. Oxfam weist selbst darauf hin, dass die Gleichverteilung keine faire Aufteilung wäre, weil historische Emissionen und Handlungsspielräume dabei unberücksichtigt bleiben.[3] Der Artikel ordnet ein, was die Daten von Oxfam und dem World Inequality Lab belegen, wo ihre Grenzen liegen und was daraus für Klimagerechtigkeit folgt.
Die Zahlen: Konsum und Kapital
Oxfams Bericht „Climate Plunder“ (29.10.2025) rechnet den Konsum nach Einkommensgruppen durch, gestützt auf Daten des Stockholm Environment Institute. Seit 1990 hat das reichste Prozent der Weltbevölkerung demnach 15 Prozent des Kohlenstoffbudgets verbraucht. Seit dem Pariser Abkommen von 2015 war es mehr als doppelt so viel wie bei der gesamten ärmeren Hälfte.[4] Die Pro-Kopf-Emissionen des reichsten 0,1 Prozent stiegen zwischen 1990 und 2023 um 92 Tonnen, bei der ärmeren Hälfte um 0,1 Tonne.[4]
Anschaulicher wird es pro Tag: Eine Person aus dem reichsten 0,1 Prozent verursacht über 800 Kilogramm CO₂, eine Person aus der ärmeren Hälfte der Welt im Schnitt 2 Kilogramm.[5] Würden alle so viel verursachen wie das reichste 0,1 Prozent, wäre das globale CO₂-Budget laut Oxfam in weniger als drei Wochen aufgebraucht.[5]
Frühere Oxfam-Zahlen setzen den Rahmen größer: Das reichste Prozent, nach Oxfams Definition 77 Millionen Menschen mit mehr als 140.000 US-Dollar Jahreseinkommen (kaufkraftbereinigt), verursachte 2019 rund 16 Prozent aller CO₂-Emissionen.[6]
Das eigentliche Problem: Wo das Geld hinfließt
Privatjets und Superjachten sind das sichtbare Symbol. In „Carbon Inequality Kills“ (28.10.2024) untersuchte Oxfam 50 der reichsten Milliardär*innen: Im Schnitt flogen sie 184-mal pro Jahr und verbrachten 425 Stunden in der Luft, womit sie so viel CO₂ erzeugten wie ein Durchschnittsmensch in 300 Jahren. Ihre Jachten kamen auf den Wert von 860 Jahren.[6] Die Emissionen aus ihren Investitionen lagen jedoch im Durchschnitt rund 340-mal höher als die aus Jets und Jachten zusammen.[6]
„Climate Plunder“ aktualisiert diese Rechnung: Untersucht wurden 308 Milliardär*innen, die mindestens 10 Prozent an 470 Unternehmen halten. Deren anteilig zugerechnete Emissionen (Scope 1 und 2, also direkte und eingekaufte Energie-Emissionen der Firmen) betrugen 2024 insgesamt 586 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das ist mehr als die Emissionen von 118 Ländern zusammen, und wären die 308 ein Land, stünde es auf Platz 15, vor Südafrika.[4] Im Durchschnitt entfallen auf eine Person 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr, das 346.000-Fache eines durchschnittlichen Menschen.[4]
Rechnet Oxfam die Emissionen der gesamten Lieferketten mit ein (Scope 3), ergeben sich bei 222 Personen 1,85 Milliarden Tonnen, rund 4 Prozent der weltweiten Emissionen.[4] Fast 60 Prozent der Milliardärsinvestitionen liegen in Sektoren mit hoher Klimawirkung wie Bergbau oder Öl und Gas. Zum Vergleich: Beim Index S&P Global 1200 sind es 49 Prozent. Pro investierter Million US-Dollar verursachen die Anlagen der Milliardär*innen mehr als das 2,5-Fache der Emissionen dieses Index.[4]
Wer die Zahlen gegenlesen will, sollte beachten, dass sie nicht über Berichte hinweg vergleichbar sind. „Carbon Inequality Kills“ nannte für 50 Milliardär*innen knapp 40 Prozent der Investitionen in stark umweltbelastende Branchen wie Öl, Bergbau, Schifffahrt und Zement.[6] „Climate Plunder“ hat eine andere Stichprobe und eine andere Abgrenzung. Eine noch ältere Studie von 2022 fand unter 125 untersuchten Milliardär*innen genau eine Person mit einer Beteiligung an einem Unternehmen für erneuerbare Energien.[7]
Hinzu kommt politischer Einfluss: Laut Oxfam steigerten 20 Prozent der Unternehmen aus der Milliardärsstichprobe ihre Emissionsintensität seit 2020, zwei Drittel passen nicht zum 1,5-Grad-Ziel.[4] Beim Klimagipfel COP30 in Brasilien stellten fossile Lobbyist*innen nach Oxfam-Angaben mit 1.600 Personen mehr Teilnehmende als jede andere Delegation außer dem Gastgeberland.[2]
Eine zweite Rechnung: Emissionen nach Eigentum
Das World Inequality Lab (Herausgebende des Berichts: Lucas Chancel und Cornelia Mohren) kommt mit anderer Methode zu einem ähnlichen Bild. Sein Climate Inequality Report 2025 unterscheidet zwei Zurechnungen. Nach dem Konsum stehen das reichste Prozent der Welt für 15 Prozent der Emissionen. Nach dem Eigentum, also den Emissionen von Firmen und Anlagen in privater Hand, sind es 41 Prozent, während die ärmere Hälfte der Welt auf 3 Prozent kommt.[8]
Diese 41 Prozent beziehen sich nicht auf alle Emissionen. Private Eigentumsemissionen machen laut dem Bericht rund 60 Prozent der Gesamtemissionen aus, Staatsbesitz und direkte Haushaltsemissionen sind nicht enthalten.[8] Auch für Deutschland ist der Unterschied groß: Das reichste Prozent kommt beim Konsum auf 2 Prozent der Emissionen, beim Eigentum auf 45 Prozent.[8]
Zwei Rechnungen, zwei Fragen
Die Konsumrechnung ordnet Emissionen denen zu, die Güter und Dienstleistungen nutzen. Die Eigentumsrechnung ordnet die Emissionen von Unternehmen denen zu, die sie besitzen. Beide beschreiben dieselbe Welt aus verschiedenen Blickwinkeln, deshalb lassen sich ihre Prozentwerte nicht zusammenzählen.
Auch die Oxfam-Zahlen zu Milliardär*innen beruhen auf Annahmen: Berücksichtigt werden nur Beteiligungen ab 10 Prozent, und die Emissionen eines Unternehmens werden nach Kapitalanteil verteilt. Die Zurechnung zeigt, wo Einfluss besteht, nicht, wer allein entscheidet.
Warum „individuelle Verantwortung“ zu kurz greift
Der persönliche CO₂-Fußabdruck gilt als Maß der eigenen Verantwortung. Laut einer Recherche von Mashable (2020) beauftragte der Ölkonzern BP die Agentur Ogilvy & Mather mit einer Kampagne, die Klimawandel als Frage individuellen Verhaltens rahmte, und stellte 2004 einen eigenen Fußabdruck-Rechner vor. Damit habe BP den Begriff populär gemacht.[9] Das bedeutet nicht, dass persönliche Entscheidungen bedeutungslos sind, Suffizienz bleibt ein wichtiger Baustein. Sie erklären aber nicht, warum Eigentumsverhältnisse bei Emissionen so wenig diskutiert werden.
Wer Unternehmen besitzt, entscheidet über deren Emissionen mit, und das reicht weit über den privaten Lebensstil hinaus.
Kerngedanke
Hinzu kommt: Der Handlungsspielraum ist ungleich verteilt. Laut Oxfam Deutschland sanken die Pro-Kopf-Emissionen der ärmeren Hälfte der Deutschen zwischen 1990 und 2022 um durchschnittlich 36 Prozent, die des reichsten Prozents nur um 25 Prozent. Wer zur Miete wohnt, kann kaum beeinflussen, ob die Wohnung fossil oder erneuerbar beheizt wird.[3]
Global und lokal: Wer die Folgen trägt
Global tragen Länder, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, die schwersten Folgen. Oxfam schätzt, dass die Emissionen des reichsten Prozents seit 1990 die weltweite Wirtschaftsleistung um 2,9 Billionen US-Dollar gedrückt haben. Länder mit niedrigem und unterem mittlerem Einkommen verlieren demnach zwischen 1990 und 2050 etwa 2,5 Prozent ihrer kumulierten Wirtschaftsleistung. Von den hitzebedingten Zusatztodesfällen bis 2120, die Oxfam diesen Emissionen zuschreibt, sollen 78 Prozent in diesen Ländern auftreten.[6]
Das sind Modellrechnungen mit Annahmen, keine gemessenen Schäden. Oxfam schätzt außerdem, dass die Emissionen des reichsten Prozents aus nur einem Jahr bis Ende des Jahrhunderts rund 1,3 Millionen hitzebedingte Todesfälle verursachen werden.[2] Das World Inequality Lab ergänzt, dass die ärmere Hälfte der Welt nur etwa 3 Prozent des globalen Vermögens besitzt und kaum Mittel hat, in Klimaschutz oder Anpassung zu investieren, während die reichsten 10 Prozent rund 74 Prozent halten.[8]
In Deutschland verursacht eine Person aus dem reichsten 0,1 Prozent laut Oxfam mit 307 Tonnen CO₂ jährlich 52-mal so viel wie eine Person aus der ärmeren Hälfte (5,9 Tonnen).[5] Die einkommensstärksten 10 Prozent stehen für 28 Prozent der CO₂-Emissionen, fast so viel wie die ärmere Hälfte mit 30 Prozent. Fünfzehn der reichsten deutschen Milliardär*innen verantworten über ihre Unternehmensanteile jährlich 33 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente.[3]
Soziale Gerechtigkeit ist deshalb keine Zugabe, sondern Voraussetzung: Klimapolitik, die vor allem über Verbrauchspreise wirkt, trifft Haushalte mit wenig Geld stärker als solche mit großen Vermögen.
Was politisch gefordert wird
Das World Inequality Lab nennt drei Optionen und betont, dass es sich nicht um fertige Gesetzentwürfe handelt: ein globales Verbot neuer fossiler Investitionen, eine Steuer auf den Kohlenstoffgehalt von Vermögen und einen öffentlichen Investitionsschub in kohlenstoffarme Infrastruktur.[8] Für Deutschland rechnet der Bericht vor, dass eine Abgabe von 150 Euro pro Tonne auf den Kohlenstoffgehalt von Vermögen rund 74 Milliarden Euro einbringen könnte, auf Basis von Daten aus 2017 bis 2019 und unter der Annahme, dass niemand ausweicht.[8]
Eine weitere Überlegung betrifft die Verteilung: Würde das reichste Prozent alle nötigen Klimainvestitionen finanzieren und die Anlagen behalten, könnte sein Anteil am Weltvermögen bis 2050 von 38,4 auf rund 46 Prozent steigen. Bei Finanzierung über eine Steuer auf die Reichsten und öffentlichem Eigentum an den Anlagen fiele er auf etwa 26 Prozent.[8]
Oxfam fordert zusätzlich eine „Rich Polluter Profits Tax“ auf 585 Öl-, Gas- und Kohleunternehmen, die im ersten Jahr bis zu 400 Milliarden US-Dollar einbringen könnte. Außerdem fordert Oxfam Verbote oder Strafsteuern für Luxusemissionen wie Privatjets und Superjachten.[2] Für Deutschland nennt Oxfam eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf Multimillionär*innen und Milliardär*innen mit geschätzten Einnahmen von 11 bis 28 Milliarden Euro, davon betroffen wären nur etwa 250 bis 5.000 Haushalte, dazu ein sozial gestaffeltes Klimageld.[3] Dass die Einnahmen in dieser Höhe tatsächlich anfallen, hängt von Ausgestaltung und Ausweichverhalten ab.
Was du tun kannst
Zahlen richtig einordnen. Wenn Prozentwerte zu „den Reichen“ kursieren, lohnt die Frage, ob Konsum oder Eigentum gemeint ist und welcher Anteil der Gesamtemissionen. Beide Rechnungen sind legitim, aber nicht austauschbar.
Nachfragen bei Geld und Vorsorge. Bei Bank, Versicherung oder Altersvorsorge kannst du fragen, wie sie fossile Investitionen offenlegen und ob es einen Plan zum Ausstieg gibt. Das ersetzt keine Regulierung, macht das Thema aber sichtbar.
Politisch Druck machen. Die in Deutschland diskutierten Hebel sind Vermögens- und Mindeststeuern, ein sozial gestaffeltes Klimageld und der Abbau fossiler Investitionen. Du kannst Abgeordnete danach fragen, in Verbänden mitarbeiten oder Organisationen unterstützen, die zu Ungleichheit und Klima arbeiten.
Fazit
Die Daten zeigen, dass die Klimakrise auch eine Frage der Verteilung von Kapital und Macht ist. Sie zeigen nicht, dass individuelles Handeln egal wäre, und nicht, dass jede Zahl endgültig gesichert ist. Gute Klimapolitik fragt deshalb gleichzeitig, wie viel emittiert wird, wem die Anlagen gehören und wer die Kosten des Umbaus trägt.
Quellen
[1] Euronews (10.01.2026): Richest 1% have ‘blown through’ their carbon budget for 2026 in just 10 days, experts warn. euronews.com
[2] Oxfam Aotearoa (10.01.2026): Richest 1% Blow Carbon Budget in 10 days, Medienmitteilung zum Pollutocrat Day mit Methodenhinweisen. oxfam.org.nz
[3] Oxfam Deutschland (Oktober 2025): Klimakluft. Wie Reiche das Klima belasten, Factsheet. oxfam.de (PDF)
[4] Oxfam (29.10.2025): Climate Plunder. How a powerful few are locking the world into disaster, Briefing Paper. policy-practice.oxfam.org
[5] Oxfam Deutschland (29.10.2025): Ein Mensch des reichsten 0,1 Prozent verursacht pro Tag mehr CO2-Emissionen als ein Mensch der ärmsten 50 Prozent in einem Jahr, Pressemitteilung. oxfam.de
[6] Oxfam International (28.10.2024): Billionaires emit more carbon pollution in 90 minutes than the average person does in a lifetime, Pressemitteilung zum Bericht „Carbon Inequality Kills“. oxfam.org
[7] Oxfam (07.11.2022): Carbon Billionaires. The investment emissions of the world’s richest people, Briefing Note. oxfam.de (PDF)
[8] World Inequality Lab (Oktober 2025): Climate Inequality Report 2025. Climate Change: A Capital Challenge. Why Climate Policy Must Tackle Ownership (Hrsg. Lucas Chancel, Cornelia Mohren). wid.world (PDF)
[9] Mark Kaufman, Mashable (13.07.2020): The carbon footprint sham. mashable.com



