Wissen & Wissenschaft

Pseudowissenschaft

Pseudowissenschaft erklärt: Definition, Abgrenzungsproblem nach Popper, Warnsignale, Beispiele und der Unterschied zu Wissenschaftsleugnung.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 21.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Lehren oder Behauptungen, die wissenschaftlich auftreten, aber nicht dem verlässlichsten Wissen entsprechen
Typische Merkmale
Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, Abschottung gegen Gegenbelege, äußere Form ohne Qualitätsprüfung
Abgrenzung
Schlechte Wissenschaft irrt, Wissenschaftsleugnung bestreitet Befunde, Desinformation täuscht absichtlich
Offene Frage
Ein einzelnes Merkmal, das alle Fälle trennt, hat die Wissenschaftstheorie bisher nicht gefunden

Einfach erklärt

Pseudowissenschaft bezeichnet Lehren oder Behauptungen, die sich als wissenschaftlich ausgeben, ohne es zu sein. Der Philosoph Sven Ove Hansson beschreibt sie im Überblick der Stanford Encyclopedia of Philosophy über zwei Bedingungen: Die Lehre widerspricht dem verlässlichsten verfügbaren Wissen zu ihrem Thema, und ihre wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter erwecken den Eindruck, sie sei genau dieses Wissen.

Das Wort ist nach Hansson durchgehend abwertend gemeint und bezieht sich meist auf ganze Lehren oder einzelne Behauptungen. In der Fachwelt herrscht trotz offener Grundsatzfragen weitgehend Einigkeit, dass etwa Kreationismus, Astrologie, Homöopathie, Holocaustleugnung und Klimaleugnung Pseudowissenschaften sind. Umstritten ist zum Beispiel der Status psychodynamischer Theorien.

Merke

Der Begriff gilt Lehren und Behauptungen, nicht den Menschen, die ihnen vertrauen. Ein Irrtum oder ein Fehler in der Forschung ist noch keine Pseudowissenschaft.


Ausführlich erklärt

Das Abgrenzungsproblem

Die Frage, wo Wissenschaft endet, heißt Abgrenzungsproblem. Karl Popper führte den deutschen Begriff 1933 ein. In der „Logik der Forschung“ (1935) ging es ihm laut Hansson um die Trennung von Erfahrungswissenschaft und Metaphysik, also von Aussagen, die sich an Beobachtungen prüfen lassen, und solchen, die das nicht tun. Die Pseudowissenschaft nennt er als Ziel erst im Vortrag von 1957 und im Aufsatz von 1962. Sein Kriterium ist die Falsifizierbarkeit: Eine Aussage gilt als wissenschaftlich, wenn sie mit möglichen Beobachtungen in Konflikt geraten kann. Als Beispiele dienten ihm die Astrologie sowie die Theorien von Freud und Adler.

Die Kritik: Viele Pseudowissenschaften sind nicht unprüfbar, sondern geprüft und widerlegt. Für die Astrologie nennt Hansson unter anderem den Doppelblindtest von Carlson (1985). Thomas Kuhn sah das Kennzeichen der Wissenschaft im Lösen von Rätseln innerhalb einer anerkannten Theorie, Imre Lakatos im Fortschritt eines Forschungsprogramms. Fasce (2017) wertete 21 frühere Abgrenzungsversuche aus und fand seit 1964 keinen Fortschritt, aus den Listen kamen nach Hansson 70 Einzelkriterien zusammen.

Woran sich Pseudowissenschaft erkennen lässt

Einen sicheren Test gibt es nicht, Listen von Warnsignalen helfen aber. Eine Liste von Hansson aus dem Jahr 1983 nennt unter anderem:

  • Autoritätsglaube: Bestimmte Personen sollen besser wissen, was wahr ist, die anderen müssen es hinnehmen.
  • Handverlesene Beispiele: Gezeigt werden Fälle, die für das Ganze nicht typisch sind.
  • Unwille zu testen: Eine prüfbare Theorie wird nicht geprüft.
  • Missachtete Gegenbelege: Widersprechende Beobachtungen werden übergangen.
  • Eingebaute Ausweichmanöver: Tests sind so angelegt, dass die Theorie nur bestätigt werden kann.

Dazu kommt der äußere Anschein: Konferenzen, Zeitschriften und Verbände, die Wissenschaft nachahmen, ohne ihre Qualitätsmaßstäbe zu erfüllen. Naomi Oreskes nennt das „facsimile science“. Wer sich in der Forschung irrt, diskutiert Gegenargumente und lässt sich in der Regel von starken überzeugen. Pseudowissenschaft bringt dagegen Abwehrstrategien gegen Gegenbelege mit (Hansson, nach Boudry und Braeckman). Einzelne Warnsignale beweisen noch nichts, denn auch etablierte Wissenschaft ist nach Derksen nicht frei von solchen Mängeln.

Pseudowissenschaft zeigt sich weniger an ihrem Thema als daran, wie sie mit Gegenbelegen umgeht.

Kerngedanke

Beispiele und was sie zeigen

Inhaltshinweis

Die Beispiele nennen Verfolgung und Gewalt gegen Menschengruppen, Konversionsversuche und im Abschnitt Folgen ein höheres Sterberisiko bei Krebs. Einzelne Absätze dürfen übersprungen werden.

Homöopathie: Samuel Hahnemann schuf sie 1796. EASAC, der Zusammenschluss der Wissenschaftsakademien der EU-Staaten, hält ihre Wirkaussagen 2017 für unplausibel und sieht keine Krankheit, für die robuste, reproduzierbare Belege einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus vorliegen. Ein Placebo-Effekt könne bei einzelnen Patientinnen und Patienten auftreten. Mukerji und Ernst (2022) begründen die Einordnung als Pseudowissenschaft damit, dass Vertreterinnen und Vertreter Wissenschaftlichkeit beanspruchen und die Lehre mit Aussagen verteidigen, bei denen es an Sorgfalt gegenüber der Wahrheit fehlt: Belege werden einseitig ausgewählt, die Beweislast wird verschoben. Das setzt keine Lüge voraus, auch wer ernsthaft nach Wahrheit sucht, kann nachlässig prüfen.

Dieses Urteil gilt der Lehre, nicht den Menschen, die bei Krankheit Hilfe suchen. Eine Erkrankung ist nicht weniger real, nur weil die Medizin sie noch nicht heilen oder vollständig erklären kann. Die britische Leitlinie NICE (2021) beschreibt ME/CFS als komplexe, chronische medizinische Erkrankung, deren Pathophysiologie (die körperlichen Abläufe) noch erforscht wird, und stellt fest, dass es derzeit keine Heilung gibt. Sie rät zudem von Bewegungsprogrammen mit festen Steigerungen ab, zu denen die Fassung von 2007 noch Empfehlungen enthielt. Anerkannte Medizin korrigiert sich also, das ist kein Merkmal von Pseudowissenschaft.

Phrenologie: Franz Joseph Gall glaubte, Charaktereigenschaften ließen sich an der Kopfform ablesen. Parker Jones und Team (2018) verglichen die Kopfform von 5.724 Personen aus MRT-Daten der UK Biobank mit Lebensmerkmalen, die sie Galls Fähigkeiten zuordneten, und fanden keinen Beleg für die Annahme. Die Studie weist auch darauf hin, dass sich die Phrenologie auf Stereotype über soziale Gruppen stützte.

Sogenannte Rassenkunde und Eugenik: Pseudowissenschaft kann Ausgrenzung begründen helfen. Die Jenaer Erklärung (2019) nennt Rassenkunde und Rassenhygiene, auch Eugenik, scheinbar wissenschaftliche Disziplinen und führt für die Universität Jena unter dem Nationalsozialismus vier aufeinanderfolgende Professuren für Rassenkunde an. Die Erklärung, vom Vorstand der Deutschen Zoologischen Gesellschaft unterstützt, hält fest: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ Eine biologische Begründung für menschliche „Rassen“ gebe es nicht und habe es nie gegeben, die Einteilung habe zu Verfolgung, Versklavung und Ermordung von Abermillionen Menschen geführt (siehe Rassismus).

Sogenannte Konversionstherapie: Sie tritt als Behandlung auf. Nach dem Bundesgesundheitsministerium sind Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit laut WHO keine Krankheit und kein Grund für eine Therapie. Keine bekannte Studie zeige, dass sich die sexuelle Orientierung dauerhaft verändern lässt, schwere gesundheitliche Schäden seien dagegen nachgewiesen (siehe Konversionstherapie).

21frühere Abgrenzungsversuche wertete Fasce 2017 aus
5.724Personen: ihre MRT-Daten stützen die Phrenologie nicht
2,50Hazard Ratio für Tod bei alleiniger Alternativmedizin statt üblicher Krebsbehandlung

Folgen

Hansson nennt als Folgen wirkungslose oder gefährliche Behandlungen, Impfverzicht und verzögerten Klimaschutz. EASAC warnt, dass Homöopathie wirksame Versorgung hinauszögern kann. Eine US-Beobachtungsstudie (Johnson et al., 2018) verglich 280 Menschen mit Brust-, Prostata-, Lungen- oder Darmkrebs ohne Metastasen, die als einzige Krebsbehandlung Alternativmedizin wählten, mit 560 üblich Behandelten. Das Sterberisiko war mit Alternativmedizin rechnerisch 2,5-mal so hoch (Hazard Ratio 2,50, Konfidenzintervall 1,88 bis 3,27). Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis für eine Ursache. Solche Fälle ganz ohne übliche Behandlung sind laut Studie selten, Ergänzungen zur üblichen Behandlung untersucht sie nicht.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

  • Schlechte Wissenschaft: Einzelne Fehler, Schlampereien oder Betrug gelten nach Hansson meist nicht als Pseudowissenschaft, weil keine abweichende Lehre dauerhaft vertreten wird.
  • Wissenschaftsleugnung: bestreitet gut belegte Befunde. Hansson (2017) zählt sie neben der Werbung für eigene Pseudotheorien wie die Homöopathie zu den zwei großen Formen der Pseudowissenschaft. Kennzeichnend seien erfundene Kontroversen.
  • Desinformation: falsche Inhalte, die absichtlich zum Schaden geschaffen werden (Wardle und Derakhshan, 2017). Wer eine pseudowissenschaftliche Behauptung gutgläubig weitergibt, verbreitet nach dieser Einteilung Fehlinformation.
  • Verschwörungserzählungen: deuten Ereignisse als geheimen Plan Mächtiger und gelten nach dem Conspiracy Theory Handbook als immun gegen Belege, weil Gegenbelege zur Verschwörung umgedeutet werden. Echte Verschwörungen gibt es, etwa den Abgasbetrug von Volkswagen. Nach Hansson verbinden sich viele Pseudowissenschaften mit solchen Erzählungen, etwa um zu erklären, warum die Fachwelt widerspricht.
  • Glaube und Metaphysik: Nicht alles Nichtwissenschaftliche ist pseudowissenschaftlich. Hansson grenzt Wissenschaft auch gegen Metaphysik und Religion ab, ohne diese als Pseudowissenschaft zu behandeln.

Eine Behauptung prüfen

  1. Frage, welche Beobachtung die Aussage widerlegen würde.
  2. Achte darauf, ob Gegenbelege besprochen oder übergangen werden.
  3. Beurteile die Lehre und nicht die Menschen, die ihr vertrauen oder von ihr betroffen sind.

Einordnung

Die Definition folgt einer von mehreren Fassungen bei Hansson. Poppers Texte wurden über Hansson und Thornton gelesen, von Carlson (1985) war nur die Zusammenfassung zugänglich, Johnson et al. (2018) wurde als Abstract gelesen. Die Quellen zu Rassenkunde und Konversionstherapie nennen diese nicht durchgängig Pseudowissenschaft, die Einordnung folgt Hanssons Kriterien. Ob eine Lehre pseudowissenschaftlich ist, beurteilt am Ende die jeweilige Fachwelt.

Quellen: Hansson: Science and Pseudo-Science, Stanford Encyclopedia of Philosophy (Überarbeitung Juli 2025) / Thornton: Karl Popper, Stanford Encyclopedia of Philosophy / Fasce (2017): What do we mean when we speak of pseudoscience?, Disputatio / Carlson (1985): A double-blind test of astrology, Nature 318 / Mukerji und Ernst (2022): Why homoeopathy is pseudoscience, Synthese 200 / EASAC (2017): Homeopathic products and practices / NICE (2021): ME/CFS, Leitlinie NG206 / Parker Jones et al. (2018): An empirical, 21st century evaluation of phrenology, Cortex 106 / Jenaer Erklärung (2019) / Bundesgesundheitsministerium: Verbot von Konversionstherapien / Johnson et al. (2018): Use of alternative medicine for cancer and its impact on survival, JNCI 110 / Hansson (2017): Science denial as a form of pseudoscience, Studies in History and Philosophy of Science 63 / Wardle und Derakhshan (2017): Information Disorder, Europarat / Lewandowsky und Cook (2020): The Conspiracy Theory Handbook


Das könnte dich auch interessieren

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Basic Unisex Sweatshirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Basic Unisex Sweatshirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Oversize Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Oversize Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen