- Bedeutung
- Die Tendenz, Informationen so zu suchen, zu deuten und zu behalten, dass sie die eigene Annahme stützen
- Fachbegriff
- Confirmation Bias
- Klassische Studien
- Wason 1960 (Hypothesentest), Lord, Ross und Lepper 1979 (Bewertung von Studien)
- Wirkt bei
- Informationssuche, Deutung von Belegen und Erinnerung
- Nicht gemeint
- Ein Zeichen von Dummheit oder bösem Willen
Einfach erklärt
Der Bestätigungsfehler (englisch: Confirmation Bias) beschreibt die Tendenz, Informationen bevorzugt so zu suchen, wahrzunehmen und zu deuten, dass sie die eigene Meinung bestätigen. Widersprechende Fakten werden dabei eher übersehen oder kleingeredet. Nickerson fasst den Begriff in seinem Überblick von 1998 so: Belege werden in einer Weise gesucht oder gedeutet, die bestehende Überzeugungen, Erwartungen oder eine gerade verfolgte Hypothese begünstigt.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Wer überzeugt ist, montags seien alle schlecht gelaunt, bemerkt an Montagen jede genervte Person. Freundliche Begegnungen fallen nicht auf. Am Ende scheint sich die Annahme zu bestätigen, obwohl nur selektiv hingeschaut wurde. Dasselbe passiert bei Nachrichten, Studien und politischen Debatten: Wer von einer Position überzeugt ist, prüft Texte dafür oft wohlwollender als Texte dagegen.
Nickerson nennt ihn im Titel seines Überblicks ein allgegenwärtiges Phänomen. Er fällt kaum auf, weil die einseitig gewonnene Einschätzung sich wie gesunder Menschenverstand anfühlt.
Merke
Der Bestätigungsfehler ist kein Zeichen von Dummheit oder bösem Willen. Die Forschung beschreibt ihn als verbreitetes Denkmuster. Er ist laut Meta-Analyse stärker, wenn Überzeugungen für die eigenen Werte wichtig sind.
Ausführlich erklärt
Wasons Experiment: wenig Gegenprüfung
Der Psychologe Peter Wason veröffentlichte 1960 im „Quarterly Journal of Experimental Psychology“ ein Experiment, das bis heute mit dem Thema verbunden wird. Seine Frage: Suchen junge Erwachsene bei einer einfachen Begriffsaufgabe mit Zahlen nur nach Bestätigung (enumerative Induktion) oder auch nach Widerlegung (eliminative Induktion)? Die Aufgabe war so gebaut, dass reines Bestätigen fast sicher zu falschen Schlüssen führt.
Laut Zusammenfassung kamen 6 von 29 Teilnehmenden ohne vorherigen Fehlschluss zur richtigen Lösung, 13 hatten einen falschen Schluss, neun zwei oder mehr, eine Person kam zu keinem Schluss. Wason deutete das so: Wer mehrere falsche Schlüsse zog, konnte oder wollte die eigene Hypothese nicht prüfen. Die Arbeit wird häufig als Ursprung der Forschung zum Thema genannt. Dass Wason selbst den Begriff „Confirmation Bias“ geprägt hat, belegt die Zusammenfassung allerdings nicht.
Wenn Belege nicht überzeugen: Lord, Ross und Lepper
Eine zweite Linie betrifft nicht die Suche, sondern die Bewertung. Lord, Ross und Lepper zeigten 1979 Befürworterinnen und Gegnern der Todesstrafe zwei angebliche Studien, eine zur Abschreckung dafür, eine dagegen. Beide Gruppen hielten die Ergebnisse und das Vorgehen, die zur eigenen Meinung passten, für überzeugender und berichteten entsprechende Verschiebungen ihrer Überzeugungen. Die Autorinnen und Autoren vermuteten, dass dieselbe gemischte Beleglage eher Polarisierung als Annäherung erzeugen kann.
Der letzte Teil ist umstritten. Miller und Kolleginnen und Kollegen untersuchten 1993 in vier Studien, wie verallgemeinerbar diese Polarisierung ist. Die verzerrte Bewertung der Aufsätze fanden sie deutlich. Eine Polarisierung zeigte sich aber nur bei der selbstberichteten Einstellungsänderung zur Todesstrafe, nicht bei einem Vorher-Nachher-Design und nicht bei der Frage zur Förderung benachteiligter Gruppen. Die Autorinnen und Autoren sehen die oft gezogenen weitreichenden Schlüsse nicht bestätigt.
Ein Fehler oder eine brauchbare Strategie?
Klayman und Ha argumentierten 1987, dass viele Befunde, die als Bestätigungsfehler gelten, besser als „positive Teststrategie“ zu verstehen sind: Es werden bevorzugt Fälle geprüft, bei denen die Eigenschaft erwartet wird, statt solche, bei denen sie fehlen sollte. Diese Strategie kann unter realistischen Bedingungen ein gutes Verfahren sein, aber auch zu systematischen Fehlern und Ineffizienz führen. Es hängt von der Aufgabe ab.
Der Begriff bündelt also mehrere Dinge: einseitige Suche, einseitige Bewertung und einseitiges Erinnern. Nickerson nennt in seinem Überblick Beispiele aus mehreren praktischen Bereichen und diskutiert Erklärungen sowie die Frage, wozu der Effekt nützlich oder schädlich ist. Nicht jede Form lässt sich auf einen einzigen Mechanismus zurückführen.
Informationen auswählen: was die Meta-Analyse zeigt
Wie stark ist die Vorliebe für passende Informationen? Hart und Kolleginnen und Kollegen werteten 2009 Studien zur selektiven Informationsauswahl in einer Meta-Analyse aus. Das Ergebnis war eine moderate Vorliebe für Informationen, die mit der eigenen Einstellung, Überzeugung oder dem eigenen Verhalten übereinstimmen (d = 0,36). Diese Vorliebe war schwächer, wenn die Einstellung vorher bestätigt worden war, wenn sie für die eigenen Werte nicht wichtig war, wenn die verfügbaren Informationen von geringer Qualität waren oder wenn die Offenheit für andere Sichtweisen hoch war. Außerdem fanden die Autorinnen und Autoren den umgekehrten Effekt: Wenn unpassende Informationen für ein aktuelles Ziel nützlich waren, wurden sie sogar bevorzugt.
Das zeigt: Der Bestätigungsfehler ist keine feste Eigenschaft, die immer gleich stark wirkt. Er hängt von Motiven ab. Geht es um das Gefühl, recht zu haben, ist er stärker. Geht es um ein Ziel, das Genauigkeit verlangt, kann er sich umkehren.
Algorithmen, Filterblasen und eigene Entscheidungen
In sozialen Netzwerken wird der Bestätigungsfehler oft mit Echokammern und Filterblasen zusammengebracht. Wie viel davon auf Algorithmen und wie viel auf eigene Entscheidungen zurückgeht, ist eine empirische Frage. Bakshy, Messing und Adamic untersuchten 2015 Daten von 10,1 Millionen Facebook-Nutzenden in den USA. Sie fanden in diesen Daten, dass die eigenen Entscheidungen der Nutzenden die Begegnung mit Inhalten aus dem anderen politischen Lager stärker einschränkten als die algorithmische Sortierung des News Feeds. Der Befund gilt für diese Plattform, diese Zeit und diese Auswahl von Daten, nicht für alle Netzwerke und alle Jahre.
Verwandt ist auch die kognitive Dissonanz: das unangenehme Spannungsgefühl bei widersprüchlichen Überzeugungen. Hart und Kolleginnen und Kollegen sprechen in diesem Zusammenhang von Verteidigungsmotiven, die zu passender Information führen. Der Bestätigungsfehler gehört zu den kognitiven Verzerrungen und teilt mit dem Dunning-Kruger-Effekt eine wichtige Eigenschaft: Beide sind aus der Forschung bekannt, aber nicht jede einzelne Aussage zu ihnen trägt, wie sie im Alltag weitergegeben wird.
Der Bestätigungsfehler zeigt nicht, dass Menschen Fakten ignorieren wollen, sondern dass Urteilen ohne Gegenprüfung schnell einseitig wird.
Kerngedanke
Folgen und Grenzen des Begriffs
Gesellschaftlich ist das Thema für den Umgang mit Desinformation und Wissenschaftsleugnung wichtig, weil sich falsche Behauptungen leichter halten, wenn sie zur eigenen Überzeugung passen. Zugleich sollte der Begriff nicht als Allzweckvorwurf dienen.
Was der Begriff nicht sagt
Der Bestätigungsfehler erklärt nicht, warum eine bestimmte Person eine bestimmte Meinung vertritt, und er ist kein Beweis dafür, dass die Gegenseite recht hat. Die Forschung zeigt außerdem, dass seine Stärke von Motiven, Aufgabe und Situation abhängt und dass nicht jede viel zitierte Folge, etwa die Polarisierung durch gemischte Belege, überall bestätigt wurde. Wer den Begriff nur benutzt, um Gespräche zu beenden, hat ihn selbst verzerrt angewendet.
Was du tun kannst
- Suche gezielt nach der stärksten Fassung der Gegenposition, nicht nach ihrer schwächsten.
- Frage vor dem Teilen oder Zitieren einer Studie: Hätte ich dieselbe Methode auch dann für überzeugend gehalten, wenn das Ergebnis meiner Meinung widerspräche?
- Halte vorab fest, welcher Beleg die eigene Annahme widerlegen würde, und prüfe ihn dann auch.
Quellen: Nickerson, R. S. (1998): Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises. Review of General Psychology 2 (2), S. 175 bis 220 (Zusammenfassung geprüft über OpenAlex, 15.10.2026) / Wason, P. C. (1960): On the Failure to Eliminate Hypotheses in a Conceptual Task. Quarterly Journal of Experimental Psychology 12 (3), S. 129 bis 140 (Zusammenfassung geprüft) / Lord, C. G., Ross, L. und Lepper, M. R. (1979): Biased assimilation and attitude polarization. Journal of Personality and Social Psychology 37 (11), S. 2098 bis 2109 (Zusammenfassung geprüft) / Miller, A. G., McHoskey, J. W., Bane, C. M. und Dowd, T. G. (1993): The attitude polarization phenomenon. Journal of Personality and Social Psychology 64 (4), S. 561 bis 574 (Zusammenfassung geprüft) / Klayman, J. und Ha, Y.-W. (1987): Confirmation, disconfirmation, and information in hypothesis testing. Psychological Review 94 (2), S. 211 bis 228 (Zusammenfassung geprüft) / Hart, W., Albarracín, D., Eagly, A. H. und Brechan, I. (2009): Feeling validated versus being correct: A meta-analysis of selective exposure to information. Psychological Bulletin 135 (4), S. 555 bis 588 (Zusammenfassung geprüft) / Bakshy, E., Messing, S. und Adamic, L. A. (2015): Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook. Science 348 (6239), S. 1130 bis 1132 (Zusammenfassung geprüft)
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