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Fibromyalgie

Fibromyalgie: chronisches Schmerzsyndrom mit Erschöpfung. Kriterien, Forschungsstand, Geschlecht und Diagnosebias, trans und inter Personen, Leitlinie.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 19.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Chronisches Schmerzsyndrom mit Schmerzen in mehreren Körperregionen, Erschöpfung und Konzentrationsproblemen
Auch genannt
Fibromyalgiesyndrom (FMS), so die deutsche S3-Leitlinie
Häufigkeit
2,1 % der Erwachsenen in Deutschland (Befragung 2012)
Leitlinie
S3-Leitlinie von 2017, Gültigkeit seit 2022 abgelaufen, in Überarbeitung (Stand 20.10.2026)

Einfach erklärt

Fibromyalgie ist ein chronisches Schmerzsyndrom. Betroffene haben seit mindestens drei Monaten Schmerzen in mehreren Körperregionen, dazu kommen oft starke Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf und Probleme mit Konzentration und Gedächtnis, auch Fibro-Fog genannt. Die deutsche S3-Leitlinie spricht vom Fibromyalgiesyndrom, einem Symptomenkomplex mit ungeklärter Ursache. Der Name Fibromyalgie könne ein entzündlich rheumatisches Krankheitsbild nahelegen, das es nicht gibt.

In einer repräsentativen Befragung erfüllten 2012 in Deutschland 2,1 % der Erwachsenen die Kriterien (Wolfe et al. 2013). Von außen ist Fibromyalgie nicht zu sehen. Als Behinderung gilt nach § 2 SGB IX eine Beeinträchtigung, die Menschen in Wechselwirkung mit Barrieren mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate an gleichberechtigter Teilhabe hindern kann. Das kann auf Fibromyalgie zutreffen, eine der unsichtbaren Behinderungen.

Merke

Eine ungeklärte Ursache heißt nicht, dass Beschwerden eingebildet sind. Fibromyalgie ist ein gut beschriebenes Beschwerdebild, nur die Entstehung ist noch nicht verstanden.


Ausführlich erklärt

Diagnose: Kriterien statt Bluttest

Die Diagnose stellen Ärztinnen und Ärzte klinisch. Die Kriterien des American College of Rheumatology (ACR) von 1990 verlangten Schmerz in allen Körperregionen und Druckschmerz an mindestens 11 von 18 Tastpunkten (Wolfe et al. 1990). Etwa ein Viertel der bereits Diagnostizierten erfüllte diese Kriterien nicht. 2010 folgten Kriterien ohne Tastuntersuchung (Wolfe et al. 2010). Seit der Revision von 2016 gilt: Schmerz in mindestens vier von fünf Körperregionen, ein ausreichend hoher Wert aus Schmerzindex und Symptomskala, Beschwerden seit mindestens drei Monaten. Eine andere Erkrankung schließt die Diagnose nicht aus (Wolfe et al. 2016).

Laut S3-Leitlinie dienen Basis-Blutwerte wie Entzündungswerte (BSG, CRP), Blutbild und Schilddrüsenhormon dazu, andere Ursachen auszuschließen. Ein Test, der Fibromyalgie nachweist, wird nicht genannt. Bei typischem Bild und unauffälligen Basiswerten empfiehlt sie keine weitere Technik wie Bildgebung. Eine reine Fragebogen-Diagnose hält sie nicht für möglich. Fibro-Fog beschreiben Kravitz und Katz (2015) als Beschwerde, die manche Betroffene mehr belastet als den Schmerz.

Was zur Entstehung bekannt ist

Die S3-Leitlinie hält fest, dass die Studienlage keine eindeutigen Aussagen zur Entstehung erlaubt. Möglich sei, dass bei Untergruppen eine veränderte zentrale Schmerzverarbeitung (zentrale Sensibilisierung), veränderte Botenstoffe, eine Störung des sympathischen Nervensystems oder eine Kleinfaserpathologie eine Rolle spielen. Offen bleibt, ob diese Befunde Ursache oder Folge sind.

Fitzcharles und Kolleginnen und Kollegen (2021) ordnen Fibromyalgie als nozizeptiv-plastischen Schmerz ein, eine dritte Schmerzart neben Gewebe- und Nervenschmerz: Er ist stärker oder ausgedehnter, als Gewebe- oder Nervenschäden erklären. Die Mechanismen seien nicht vollständig verstanden, auf Entzündungshemmer und Opioide spreche diese Schmerzart schlechter an. Eine Übersicht von Grayston et al. (2019) fand bei 49 % (Unsicherheitsspanne 38 bis 60 %) der Untersuchten Auffälligkeiten an kleinen Nervenfasern, allerdings in nur acht Studien mit 222 Personen. Goebel et al. (2021) übertrugen Antikörper von Betroffenen auf Mäuse, die daraufhin schmerzempfindlicher wurden. Das ist ein Tierversuch und noch keine Therapie.

Geschlecht und Diagnosebias

Fibromyalgie wird häufig als Frauenerkrankung wahrgenommen. In einer Stichprobe überwiesener Betroffener lag der Frauenanteil über 90 %. Unter Menschen mit rheumatoider Arthritis, die ohne Vorauswahl auf Fibromyalgie untersucht wurden, waren 58,7 % der Fälle Frauen. Eine Neuauswertung der deutschen Bevölkerungsstudie mit den Kriterien von 2016 ergab 59,2 % (Wolfe et al. 2018). In der Befragung von 2012 lag die Häufigkeit bei Frauen bei 2,4 %, bei Männern bei 1,8 %, ein statistisch nicht gesicherter Unterschied (Wolfe et al. 2013). Die Autorinnen und Autoren schließen, dass die klinische Diagnose Männer unterschätzt und Frauen überschätzt.

Samulowitz et al. (2018) werteten 77 Artikel aus. Sie fanden Geschlechternormen, die schon der Titel nennt: tapfere Männer, emotionale Frauen. Außerdem zeigten sich Verzerrungen bei der Schmerzbehandlung, im Gespräch wie in Behandlungsentscheidungen. Das betrifft Frauen und Männer unterschiedlich. Wird Schmerz abgetan, nennt sich das Medical Gaslighting. Die Leitlinie selbst schreibt durchgehend von Patientinnen, weil in klinischen Einrichtungen die meisten Betroffenen Frauen sind. Ihre Zielgruppe benennt Männer und Frauen, nicht binäre Personen kommen nicht vor (AWMF-Register). Auch die hier zitierten Auswertungen berichten nur Frauen und Männer. Wie trans, inter und nicht binäre Teilnehmende erfasst wurden, geben die Zusammenfassungen nicht an.

2,1 %der Erwachsenen in Deutschland erfüllten 2012 die Kriterien (Wolfe et al. 2013)
über 90 %Frauenanteil in einer Stichprobe überwiesener Menschen mit Fibromyalgie (Wolfe et al. 2018)
59,2 %Frauenanteil bei Neuauswertung der deutschen Bevölkerungsstudie nach den Kriterien von 2016

Trans, inter und nicht binäre Personen

Die Datenlage ist dünn. Eine Übersichtsarbeit von Stocking et al. (2025) hält fest, dass zu chronischem Schmerz bei trans Personen kaum Literatur existiert, und vermutet Diskriminierung und Stress als Risikofaktoren. In der US-Studie von Merchant et al. (2026) mit 103 trans und gender-expansiven Erwachsenen gaben 50,5 % chronischen Schmerz an und 15,5 % erfüllten die Kriterien für Fibromyalgie. Trans Männer und gender-expansive Personen berichteten stärkere Schmerzen und mehr fibromyalgie-typische Beschwerden als trans Frauen. Mit Stress hing der Schmerz zusammen, mit der Art der Hormontherapie nicht.

Querschnittsdaten aus einer kleinen Stichprobe zeigen keine Ursachen, und 15,5 % lassen sich nicht direkt mit den 2,1 % aus Deutschland vergleichen. Eine Auswertung von US-Versicherungsdaten (Medicare, Babbs et al. 2025) fand bei trans und gender-diversen Versicherten gegenüber cis Versicherten mit dem Alter wachsende Unterschiede bei Muskel-Skelett-Erkrankungen und chronischem Schmerz.

Zu intergeschlechtlichen Personen fand die Suche für diesen Eintrag in Europe PMC (20.10.2026) keine Studie zu Fibromyalgie. Auch für lesbische, schwule, bisexuelle und andere queere Menschen fanden sich keine belastbaren Häufigkeiten. Die frühere Aussage dieses Eintrags, queere Personen seien überproportional betroffen, ist deshalb nicht belegt. Das heißt nicht, dass es diese Betroffenen nicht gibt, sondern dass sie in der Forschung kaum erfasst werden.

Mit Traumaerfahrungen hängt die Erkrankung statistisch zusammen. Afari et al. (2014) werteten 71 Studien aus: Bei Menschen, die von Trauma berichteten, war ein funktionelles somatisches Syndrom wie Fibromyalgie 2,7-mal wahrscheinlicher (Chancenverhältnis). Bei Fibromyalgie war der Zusammenhang schwächer als beim Chronic-Fatigue-Syndrom. Das belegt keine Ursache, und es erklärt nicht jeden Fall.

Behandlung laut Leitlinien

Die Leitlinie empfiehlt eine multimodale Therapie: mindestens ein aktivierendes Verfahren wie Ausdauertraining mit mindestens einem psychotherapeutischen Verfahren, über mindestens 24 Therapiestunden. Ausdauertraining mit geringer bis mittlerer Intensität, zwei- bis dreimal pro Woche mindestens 30 Minuten, und kognitive Verhaltenstherapie sind starke Empfehlungen. Starke Opioide sollen nicht eingesetzt werden. Einige Medikamente kommen befristet in Frage, etwa Amitriptylin. Duloxetin und Pregabalin nennt sie nur bei bestimmten Begleiterkrankungen. Über Medikamente entscheiden Betroffene gemeinsam mit ärztlichem Fachpersonal.

Die europäische Fachgesellschaft EULAR (Macfarlane et al. 2017) gibt als einzige starke Empfehlung Bewegung, die Effekte der meisten Behandlungen seien eher gering. Bewegung ist dabei keine Schuldfrage. Beschwerden sind schwankend, Pausen und Anpassungen gehören dazu, wie die Spoon-Theorie beschreibt. Die Empfehlungen zielen auf weniger Schmerz, besseren Schlaf und mehr Alltagsfunktion. Eine Therapie, die Fibromyalgie nachweislich beseitigt, beschreibt die deutsche Leitlinie nicht.

Krankheit, Syndrom oder Kontinuum?

Wolfe et al. (2013) finden Hinweise, dass Fibromyalgie keine scharf abgegrenzte Krankheit ist, sondern ein Spektrum körperlicher Beschwerdelast. Ob das zutrifft, ist Fachstreit. Der Streit ändert nichts daran, dass Betroffene Hilfe verdienen.

Recht und Gesellschaft

Die Versorgungsmedizinischen Grundsätze nennen Fibromyalgie in Teil B, Nr. 18.4, ausdrücklich. Sie ist wie das chronische Fatigue-Syndrom im Einzelfall nach den funktionellen Auswirkungen zu beurteilen. Eine feste Einstufung nennen sie nicht. Wessen Schmerz Glauben findet, wenn er sich nicht messen lässt, ist auch eine Frage von Ableismus.

Ob Schmerz geglaubt wird, darf nicht davon abhängen, ob er sich messen lässt.

Kerngedanke

Stand der Recherche: 20.10.2026. Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen: AWMF-Register: S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom (145-004), Stand 2017, abgerufen 20.10.2026 / S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom, Langfassung (2017) / Macfarlane et al. (2017), Annals of the Rheumatic Diseases (EULAR) / Wolfe et al. (1990), Arthritis & Rheumatism / Wolfe et al. (2010), Arthritis Care & Research / Wolfe et al. (2016), Seminars in Arthritis and Rheumatism / Wolfe et al. (2013), Arthritis Care & Research / Wolfe et al. (2018), PLOS ONE / Samulowitz et al. (2018), Pain Research and Management / Merchant et al. (2026), Pain / Stocking et al. (2025), The Journal of Pain / Babbs et al. (2025), Transgender Health / Afari et al. (2014), Psychosomatic Medicine / Fitzcharles et al. (2021), The Lancet / Woolf (2011), Pain / Grayston et al. (2019), Seminars in Arthritis and Rheumatism / Goebel et al. (2021), Journal of Clinical Investigation / Kravitz und Katz (2015), Rheumatology International / § 2 SGB IX / Versorgungsmedizinische Grundsätze, Teil B, Nr. 18.4


Was neue Forschung über oft übersehene chronische Erkrankungen zeigt: ME/CFS: Was neue Forschung jetzt zeigt und was das für Betroffene bedeutet.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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