Wissenschaftsleugnung / Science Denial


Kompakt erklärt

Wissenschaftsleugnung, englisch auch Science Denial, bezeichnet die systematische Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die durch breiten Forschungskonsens gestützt werden. Das Besondere: Die Ablehnung erfolgt nicht aufgrund neuer Evidenz, sondern aus ideologischen, politischen oder wirtschaftlichen Motiven.

Bekannte Beispiele sind die Leugnung des menschengemachten Klimawandels trotz eindeutiger Datenlage, die Ablehnung der Evolutionstheorie, die Verbreitung von Impfskepsis trotz umfangreicher Sicherheitsnachweise oder die Verharmlosung wissenschaftlich belegter Gesundheitsrisiken.

Wichtig ist die Unterscheidung: Wissenschaftsleugnung ist nicht dasselbe wie kritisches Hinterfragen. Wissenschaft lebt von Skepsis, Peer-Review und dem Revidieren von Erkenntnissen bei neuer Datenlage. Wissenschaftsleugnung dagegen täuscht wissenschaftliche Argumentation vor, lehnt aber Ergebnisse unabhängig von der Beweislage ab. Ein Kennzeichen ist die selektive Nutzung von Studien, die das eigene Bild bestätigen, sogenanntes Cherry-Picking.


Für Neugierige

Die Kognitionswissenschaftler Stephan Lewandowsky und John Cook identifizieren fünf Kernstrategien der Wissenschaftsleugnung, zusammengefasst unter dem Akronym FLICC: Fake Experts (vorgetäuschte Expertise), Logical Fallacies (logische Fehlschlüsse), Impossible Expectations (unrealistische Anforderungen an Belege), Cherry Picking (selektive Datenauswahl) und Conspiracy Theories (Verschwörungsdenken). Diese Muster finden sich von der Tabakindustrie der 1950er Jahre bis zur heutigen Klimaleugnung.

Wissenschaftsleugnung ist häufig kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis gezielter Desinformationskampagnen. Die Fossil-Fuel-Industrie, also der Sektor der fossilen Energieträger wie Öl, Gas und Kohle, hat über Jahrzehnte Klimaleugnung finanziert, um regulatorische Einschränkungen zu verhindern. Dieses Muster ist durch interne Dokumente belegt (Oreskes & Conway, 2010, Merchants of Doubt).

Aus intersektionaler Perspektive ist Wissenschaftsleugnung nicht neutral: Die Folgen, verschleppte Klimapolitik und schlechtere Gesundheitsversorgung, treffen Menschen im sogenannten Globalen Süden (ein Begriff für Länder, die historisch durch Kolonialismus und ungleiche Wirtschaftsverhältnisse benachteiligt wurden) und marginalisierte Gruppen überproportional.

Wissenschaftliche Grundbildung ist kein blinder Institutionenglauben, sondern die Fähigkeit, Evidenz von Manipulation zu unterscheiden.

Quellen: Lewandowsky, S. & Cook, J. (2020). The Conspiracy Theory Handbook. Center for Climate Change Communication, George Mason University. Oreskes, N. & Conway, E. M. (2010). Merchants of Doubt. Bloomsbury Press.


Verwandte Begriffe: Desinformation · Greenwashing · Klimawandel · Kipppunkte · Systemwandel