Wissen & Wissenschaft

Wissenschaftsleugnung / Science Denial

Wissenschaftsleugnung lehnt belegte Befunde ab. Was FLICC bedeutet, wie Tabak- und Ölindustrie Zweifel säten und was dagegen hilft.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Begriff
Wissenschaftsleugnung, englisch Science Denial
Kernmerkmal
Ablehnung gut belegter Befunde, ohne dass neue Belege vorliegen
Techniken
FLICC: fünf Muster der Leugnung, benannt von John Cook (2013)
Belegte Kampagnen
Tabakindustrie ab den 1950er-Jahren, ExxonMobil und weitere Fälle im Klimabereich
Gegenmittel
Techniken erkennen und erklären (Inokulation)

Kompakt erklärt

Wissenschaftsleugnung bezeichnet die dauerhafte Ablehnung gut belegter wissenschaftlicher Befunde, ohne dass dafür neue Belege vorliegen. Wissenschaft lebt von Zweifel: Ergebnisse werden geprüft, angegriffen und bei besserer Datenlage korrigiert. Leugnung ahmt diese Form nach, hält aber an einem gewünschten Ergebnis fest, egal wie die Beweislage aussieht.

Typisch sind drei Merkmale. Erstens richtet sich die Ablehnung gegen einen breiten Forschungskonsens. Zweitens arbeitet sie mit wiederkehrenden Argumentationsmustern statt mit neuen Daten. Drittens stehen oft wirtschaftliche, politische oder weltanschauliche Interessen im Hintergrund. Nicht jede Person, die solche Aussagen weitergibt, steht dabei hinter einer Kampagne.

Bekannte Felder sind der menschengemachte Klimawandel (Klimaleugnung), der Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs sowie die Ursache von AIDS. Die Aussagen sind häufig gezielte Desinformation, also absichtlich verbreitete Falschinformation, aber nicht immer.

Merke

Skepsis folgt den Belegen, Leugnung folgt dem Wunschergebnis. Entscheidend ist also nicht, wie kritisch eine Frage klingt, sondern wie mit Gegenbelegen umgegangen wird.


Für Neugierige

Skepsis und Leugnung unterscheiden

Die Klimaforschung zeigt, wie groß der Abstand zwischen Konsens und öffentlichem Streit sein kann. Cook und weitere Forschende werteten 2013 insgesamt 11.944 Fachartikel-Abstracts aus den Jahren 1991 bis 2011 aus. 66,4 % nahmen keine Position zur menschengemachten Erwärmung ein. Unter den Texten mit Position stimmten 97,1 % dem Konsens zu. Lynas, Houlton und Perry zogen 2021 aus 88.125 klimabezogenen Fachartikeln seit 2012 eine Zufallsstichprobe von 3.000 Texten. Nur vier waren skeptisch. Daraus folgern sie mit hoher statistischer Sicherheit, dass der Konsens bei über 99 % liegt. Die Zahlen unterscheiden sich, weil Zeiträume und Auswahlverfahren verschieden sind.

Cook, Ellerton und Kinkead prüften 2018 zudem 42 verbreitete Behauptungen der Klimaleugnung auf ihre Argumentationsstruktur. Alle 42 enthielten fehlerhafte Schlüsse und widerlegen den Konsens nicht.

99 %Konsens zur menschengemachten Erwärmung in der Fachliteratur seit 2012 (Lynas et al. 2021)
42geprüfte Behauptungen der Klimaleugnung mit fehlerhafter Argumentation (Cook et al. 2018)
330.000in Südafrika verlorene Leben laut Modellrechnung, 2000 bis 2005 (Chigwedere et al. 2008)

Die fünf Techniken: FLICC

Die Liste hat eine nachvollziehbare Herkunft. Laut John Cook beschrieb Mark Hoofnagle 2007 fünf Taktiken, die Leugnung in Klimaforschung, Evolution und HIV/AIDS gemeinsam hatte. Pascal Diethelm und Martin McKee führten sie 2009 im European Journal of Public Health weiter aus. Cook machte daraus 2013 für einen Workshop das Kürzel FLICC. Die folgenden Beschreibungen stammen aus seiner Darstellung auf Skeptical Science:

  • Fake Experts: eine unqualifizierte Person oder Institution wird als glaubwürdige Quelle präsentiert.
  • Logical Fallacies: logische Fehlschlüsse, zum Beispiel Angriffe auf die Person statt auf das Argument.
  • Impossible Expectations: unrealistische Gewissheit wird verlangt, bevor gehandelt wird.
  • Cherry Picking: nur Daten, die zur eigenen Position passen, werden ausgewählt.
  • Conspiracy Theories: es wird ein geheimer Plan unterstellt, der die Wahrheit verbergen soll.

Häufig verwechselt wird das Kürzel mit dem Conspiracy Theory Handbook von Lewandowsky und Cook (2020). Es beschreibt aber sieben Merkmale verschwörungstheoretischen Denkens (CONSPIR). Es unterscheidet auch ausdrücklich zwischen Verschwörungstheorien und echten Verschwörungen: Als echte Fälle nennt es den Abgasbetrug von Volkswagen und die Täuschung der Öffentlichkeit durch die Tabakindustrie.

Wenn Zweifel organisiert wird: Tabak, Öl und Gas

Allan Brandt beschreibt 2012, dass die Tabakindustrie ab den 1950er-Jahren mit Public-Relations-Methoden die entstehende Forschung zu den Schäden des Rauchens untergrub. Sie schuf eine wissenschaftliche Kontroverse, indem sie Interessenkonflikte zwischen Industrie und Wissenschaft herstellte. Andere Branchen hätten dieses Vorgehen später übernommen.

Für den Klimabereich liegen mehrere Analysen vor. Supran und Oreskes untersuchten 2017 insgesamt 187 Kommunikationen von ExxonMobil von 1977 bis 2014. 83 % der Fachaufsätze und 80 % der internen Dokumente erkannten den Klimawandel als real und menschengemacht an. In bezahlten Zeitungsanzeigen taten das nur 12 %, 81 % der Anzeigen äußerten stattdessen Zweifel. Eine zweite Studie (Supran, Rahmstorf und Oreskes, 2023) wertete die Erwärmungsprognosen von Exxon-Forschenden zwischen 1977 und 2003 aus. Die meisten Projektionen trafen die spätere Erwärmung, die öffentlichen Aussagen des Unternehmens widersprachen aber seinen eigenen Daten. Das belegt Verhalten eines Unternehmens und nicht das jeder Firma.

Zur Finanzierung wertete Robert Brulle 2014 Steuerdaten aus. 91 Organisationen der US-amerikanischen Klima-Gegenbewegung (Climate Change Counter-Movement) hatten zwischen 2003 und 2010 ein jährliches Einkommen von rund 900 Millionen US-Dollar. Im Schnitt stammten 64 Millionen Dollar pro Jahr aus nachweisbarer Stiftungsförderung, meist konservativer Stiftungen. Brulle fand zudem Hinweise auf zunehmende Verschleierung der Geldgeber.

Wer Leugnung glaubt

Eine Befragung von Besuchenden von Klimablogs (Lewandowsky, Oberauer und Gignac, 2013) zeigte: Wer freie Märkte stark befürwortete, lehnte Klimaforschung eher ab, ebenso andere gesicherte Befunde wie den Zusammenhang von HIV und AIDS oder Rauchen und Lungenkrebs. Zusätzlich sagte der Glaube an Verschwörungstheorien die Ablehnung voraus. Wer die Wissenschaft akzeptierte, nahm einen Konsens unter Forschenden deutlicher wahr.

Einordnung

Die Studie von Lewandowsky, Oberauer und Gignac zeigt Zusammenhänge in einer bestimmten Gruppe, nämlich Besuchenden von Klimablogs, und keine Ursachen. Die Befunde zu Kampagnen und Konsens stammen überwiegend aus englischsprachiger Forschung und beziehen sich häufig auf die USA. Wie sich Leugnung in anderen Ländern organisiert, ist hier nur vermittelt abgebildet.

Folgen: Das Beispiel Südafrika

Wissenschaftsleugnung bleibt nicht folgenlos. Chigwedere und weitere Forschende untersuchten 2008 den Fall Südafrika. Die Regierung bestritt entgegen dem wissenschaftlichen Konsens, dass HIV die Ursache von AIDS sei und dass antiretrovirale Medikamente, also HIV-Medikamente, nützen. Sie lehnte außerdem frei gespendetes Nevirapin, ein HIV-Medikament, und Gelder des Global Fund ab. Die Modellrechnung der Studie kommt für 2000 bis 2005 auf mehr als 330.000 verlorene Leben. Hinzu kommen rund 35.000 Kinder, die mit HIV geboren wurden, weil ein Programm zur Verhinderung der Mutter-Kind-Übertragung fehlte. Es handelt sich um eine Schätzung auf Basis eines Modells und nicht um gezählte Todesfälle. Die Studie schlüsselt die Zahlen nicht nach Gruppen auf. Wer innerhalb des Landes am stärksten betroffen war, bleibt daher offen.

Auch beim Klima geht es um Folgen für Dritte. Wie ungleich Ursachen und Folgen der Klimakrise verteilt sind, beschreibt der Begriff Klimagerechtigkeit.

Was gegen Leugnung hilft

Cook, Lewandowsky und Ecker testeten 2017 in einem Experiment, wie sich Falschinformation zum Klima auswirkt. Eine künstliche Ausgewogenheit in Medienberichten, bei der Gegenpositionen gleich viel Raum bekamen wie Klimaforschende, senkte den wahrgenommenen Konsens. Eine Erklärung der fehlerhaften Argumentationstechnik oder ein Hinweis auf den Konsens hoben diese Wirkung auf. Dieser Ansatz heißt Inokulation, also gewissermaßen Impfung gegen Falschinformation: Wer die Technik kennt, lässt sich schwerer täuschen. Das ist eine Studie zum Klima und kein Beweis für alle Themenfelder.

Eine einzelne Behauptung lässt sich widerlegen, eine Technik lässt sich erkennen.

Kerngedanke

Quellen: Cook (2020): A history of FLICC: the 5 techniques of science denial, Skeptical Science / Lewandowsky und Cook (2020): The Conspiracy Theory Handbook, George Mason University / Brandt (2012): Inventing conflicts of interest: a history of tobacco industry tactics, American Journal of Public Health / Supran und Oreskes (2017): Assessing ExxonMobil’s climate change communications (1977-2014), Environmental Research Letters / Supran, Rahmstorf und Oreskes (2023): Assessing ExxonMobil’s global warming projections, Science / Brulle (2014): Institutionalizing delay, Climatic Change / Lewandowsky, Oberauer und Gignac (2013): NASA faked the moon landing, therefore (climate) science is a hoax, Psychological Science / Cook et al. (2013): Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature, Environmental Research Letters / Lynas, Houlton und Perry (2021): Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature, Environmental Research Letters / Cook, Ellerton und Kinkead (2018): Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors, Environmental Research Letters / Chigwedere et al. (2008): Estimating the lost benefits of antiretroviral drug use in South Africa, JAIDS / Cook, Lewandowsky und Ecker (2017): Neutralizing misinformation through inoculation, PLOS ONE. Die Arbeit von Diethelm und McKee (2009) ist nur nach Cook (2020) wiedergegeben, der Volltext war nicht zugänglich.


Wie hartnäckig sich Fehlannahmen trotz besserer Faktenlage halten können: Vegane Mythen im Faktencheck: Was wirklich stimmt.


Das könnte dich auch interessieren

  • Desinformation: das gezielte Werkzeug, mit dem Wissenschaftsleugnung oft verbreitet wird
  • Klimaleugnung: die bekannteste Ausprägung von Wissenschaftsleugnung
  • Klimawandel: das am besten untersuchte Beispielfeld für organisierte Leugnung
  • Greenwashing: eine verwandte Taktik, die Umweltwirkungen beschönigt statt Forschung zu leugnen
  • Bestätigungsfehler: die Neigung, Bestätigendes stärker zu gewichten, die Cherry Picking begünstigen kann
  • Klimagerechtigkeit: wer die Folgen verschleppter Klimapolitik am stärksten trägt

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Tote-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Tote-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen