Hitze trifft nicht alle gleich: Warum chronisch Kranke, Ältere und Menschen in Armut besonders leiden

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Als die Stadt Paris nach dem verheerenden Sommer 2003 ein nationales Hitzeschutzprogramm einführte (mit Meldeketten für alleinlebende ältere Menschen, Hitzetelefonen und gekühlten Notunterkünften), sank die hitzeassoziierte Sterblichkeit bei späteren Hitzewellen erheblich.[1] Das zeigt: Hitzeschutz funktioniert. Aber nur dann, wenn er die Betroffenen in den Blick nimmt, die am stärksten gefährdet sind.

Der Klimawandel macht heiße Sommer zur neuen Normalität. Was dabei zu oft übersehen wird: Hitze ist kein demokratisches Risiko. Sie trifft nicht alle Menschen gleich schwer. Wer chronisch krank ist, wer wenig Geld hat oder wer allein und alt ist, und besonders wer mehrere dieser Merkmale gleichzeitig trägt, ist einem ungleich größeren gesundheitlichen Risiko ausgesetzt.

Diese Ungleichheit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen in Stadtplanung, Sozialpolitik und Gesundheitsversorgung. Sie hat einen Namen: Klimagerechtigkeit.

Warum Hitze nicht für alle gleich wirkt

Der menschliche Körper reguliert seine Temperatur durch Schwitzen und die Erweiterung der Hautgefäße. Das kostet Energie, und funktioniert nur, wenn bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllt sind: Flüssigkeitszufuhr, Kühlung, Ruhe.

Doch genau diese Grundvoraussetzungen sind keine Selbstverständlichkeit. Laut Umweltbundesamt (UBA) gehören zu den am stärksten hitzegefährdeten Personengruppen unter anderem[2]:

  • Menschen mit Herz-Kreislauf-, Nieren- oder neurologischen Erkrankungen
  • Menschen, die Medikamente einnehmen, die die Wärmeregulation beeinflussen (z. B. Diuretika, bestimmte Antidepressiva oder Antihistaminika)
  • Ältere Menschen ab etwa 65 Jahren
  • Menschen in einkommensarmen Verhältnissen ohne Zugang zu Kühlung
  • Personen, die in schlecht belüfteten oder überhitzten Räumen wohnen oder arbeiten

Diese Gruppen überschneiden sich häufig, und das ist kein Zufall. Hitze-Vulnerabilität ist eine intersektionale Frage: Sie ist zugleich eine Gesundheitsfrage, eine Einkommensfrage und eine Frage des Zugangs zu Ressourcen.

3 Gruppen, die strukturell stärker belastet sind

Chronisch kranke Menschen

Menschen mit Erkrankungen wie ME/CFS, Fibromyalgie, multipler Sklerose, Lupus oder Herzerkrankungen reagieren oft extrem empfindlich auf Temperaturveränderungen. Hitze kann Symptome drastisch verschlimmern: Erschöpfung, Schmerzen, kognitive Einbrüche oder Kreislaufprobleme sind häufige Folgen.

Hinzu kommt: Viele dieser Menschen sind auf Medikamente angewiesen, die die körpereigene Wärmeregulation beeinflussen. Bestimmte Anticholinergika, Betablocker oder psychotrope Substanzen vermindern das Schwitzen oder verengen die Blutgefäße, genau jene Mechanismen, die der Körper bei Hitze braucht. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist darauf hin, dass Medikament-Hitze-Wechselwirkungen in Deutschland systematisch unterschätzt werden.[3]

Menschen in einkommensarmen Verhältnissen

Sozioökonomische Faktoren entscheiden maßgeblich darüber, wo jemand wohnt, und ob dieses Zuhause bei Hitze zumutbar ist. Menschen mit niedrigem Einkommen wohnen statistisch häufiger in dicht bebauten Stadtteilen mit wenig Grünflächen, in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen oder in Räumen ohne Querbelüftung. Klimaanlagen sind für viele finanziell nicht erschwinglich; mietrechtliche Einschränkungen kommen oft hinzu.

Studien aus Frankreich und Deutschland belegen, dass hitzeassoziierte Sterblichkeit in Stadtteilen mit hohem Armutsanteil systematisch höher ist als in wohlhabenderen Vierteln.[4] Hitzeschutz ist damit auch eine Frage wirtschaftlicher Teilhabe.

Ältere Menschen

Das Thermoregulationssystem verändert sich mit dem Alter: Das Durstempfinden nimmt ab, die Nieren reagieren träger auf Dehydration, die Hautdurchblutung funktioniert weniger effizient. Ältere Menschen sind daher physiologisch stärker gefährdet und leben gleichzeitig häufiger allein, ohne soziales Netz, das im Notfall einspringen könnte.

Die Hitzewelle 2015 kostete in Deutschland nach RKI-Schätzungen rund 6.100 Menschen das Leben, die große Mehrheit davon waren ältere Personen.[5]

Stadtplanung ist Klimaschutz und Klassismuskritik

Wer durch die Innenstadt einer deutschen Großstadt geht, sieht das Problem mit eigenen Augen: versiegelte Flächen, kaum Bäume, wenig Schatten, kaum Wasser. Hitzeinseln entstehen, weil Asphalt und Beton Sonnenenergie speichern und nachts wieder abgeben, was die nächtliche Erholungsphase sabotiert, auf die der Körper angewiesen ist.

Dabei ist das kein Naturgesetz. Es ist ein Planungsproblem, und eines, das bestehende Ungleichheiten reproduziert. Grüne, baumbestandene Stadtteile mit Parks, Gewässern und Schatten finden sich statistisch häufiger in wohlhabenderen Wohngebieten. Das UBA nennt dieses Phänomen Umweltgerechtigkeit und stellt in seinem Bericht fest, dass es in deutschen Städten erhebliche Lücken gibt.[6]

Stadtplanung ist damit keine neutrale technische Disziplin. Sie entscheidet darüber, wer im Sommer leidet, und wer nicht.

Was bereits funktioniert, und was möglich ist

Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Ansätze, die zeigen, dass Hitzeschutz funktioniert, wenn er ernst genommen wird.

Frankreich hat nach dem katastrophalen Sommer 2003 ein nationales Hitzeschutzplan-System etabliert: Meldeketten für isoliert lebende ältere Menschen, öffentliche Kühlangebote, Hitzetelefone und standardisierte Frühalertierung.[1] Spätere Hitzewellen verursachten dort trotz ähnlicher Temperaturen deutlich weniger Todesfälle.

In Deutschland fordern Fachleute des UBA und des Deutschen Instituts für Urbanistik konkrete Maßnahmen: mehr Trinkbrunnen im öffentlichen Raum, gezielte Begrünung von Hitzeinseln, Kühlangebote in Bibliotheken und Gemeindezentren, und explizit Quartiersmanagement, das sozial isolierte Menschen aktiv erreicht.

Einige Städte machen es vor: Wien hat ein umfassendes Klimaanpassungskonzept erarbeitet, München baut Grünachsen aus, Berlin hat erste öffentliche „Kühloasen“ eingerichtet. Das sind keine Selbstverständlichkeiten, aber sie sind Beweise, dass Veränderung möglich ist.

Und auch im direkten Umfeld lässt sich etwas tun: Wer weiß, dass chronisch kranke Freund*innen oder ältere Nachbar*innen bei Hitze besonders belastet sein könnten, kann nachfragen. Gemeinschaft ist eine der wirksamsten Schutzmaßnahmen, und sie kostet nichts.

Die Klimakrise ist gerecht zu gestalten, das ist möglich.

Die Forschung zu Hitze und gesundheitlicher Ungleichheit wächst. Städte experimentieren mit mehr Grün, mehr Schatten, mehr sozialer Infrastruktur. Und der Diskurs über Klimagerechtigkeit gewinnt an Fahrt, das Bewusstsein dafür, dass der Klimawandel bestehende Ungerechtigkeiten nicht nur spiegelt, sondern verstärkt.

Hitzeschutz ist kein Luxusproblem. Er ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Und er fängt damit an, genau hinzuschauen: Wer in deinem Umfeld hat keinen Balkon, keine kühlen Räume, kein dichtes Netz? Diese Fragen zu stellen ist der erste Schritt.

Was du tun kannst

Wenn die nächste Hitzewelle angekündigt wird: Denk an die Menschen in deinem Umfeld, die es schwerer haben könnten, und frag nach. Ein kurzer Check-in kann viel bedeuten. Und wenn du tiefer einsteigen möchtest: Das Löwenwurzel-Lexikon erklärt Klimagerechtigkeit und weitere Begriffe, die helfen, das große Bild zu verstehen.


Quellen

  1. Pascal, M. et al. (2006): France’s heat health watch warning system. International Journal of Biometeorology, 50(3), 144-153.
  2. Umweltbundesamt (UBA): Wirkungskomplex Hitze
  3. Robert Koch-Institut (RKI) (2023): Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: RKI.
  4. Rey, G., Jougla, E., Fouillet, A. et al. (2007): The impact of major heat waves on all-cause and cause-specific mortality in France from 1971 to 2003. International Archives of Occupational and Environmental Health, 80(7), 615-626.
  5. An der Heiden, M. et al. (2019): Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. Bundesgesundheitsblatt, 62, 571-579.
  6. Umweltbundesamt (UBA) (2022): Umweltgerechtigkeit in Deutschland: Praxisbeispiele und strategische Perspektiven. Dessau-Roßlau: UBA.

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