- Bedeutung
- Anziehung zu Personen mehr als eines Geschlechts
- Überbegriff
- Bi+ (auch pansexuell, omnisexuell, multisexuell, polysexuell)
- Aktionstag
- Bi Visibility Day am 23. September
- Flagge
- Rosa, Lila und Blau, vorgestellt am 5. Dezember 1998
Einfach erklärt
Bisexualität ist eine sexuelle Orientierung. Als bisexuell bezeichnen sich Personen, die sich zu Personen mehr als eines Geschlechts hingezogen fühlen. Die Anziehung kann sexuell, romantisch oder emotional sein und muss für verschiedene Geschlechter nicht gleich stark oder gleich geartet sein. Kurz heißt es „bi“.
Die Vorsilbe „bi“ bedeutet „zwei“, deshalb wird der Begriff oft so verstanden, als gehe es um genau zwei Geschlechter. Nach dem Queer Lexikon schließt Bisexualität die Anziehung zu nichtbinären Personen jedoch nicht aus. Bisexuell können cis, trans und nichtbinäre Personen sein, denn Geschlechtsidentität und Orientierung sind zwei getrennte Eigenschaften.
Ein Beispiel: Eine Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, kann bisexuell sein, ebenso ein Mann in einer Beziehung mit einem Mann. Am Geschlecht der Partnerperson lässt sich die Orientierung deshalb nicht ablesen.
In der Community steht für das gesamte Spektrum der Überbegriff Bi+, der auch Pansexualität einschließt. Relevant ist das Thema, weil Bisexualität häufig übersehen oder angezweifelt wird, obwohl sich in Befragungen viele Personen so bezeichnen. Das geschieht nach dem LSVD⁺ nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch in der queeren Community. In den USA ist Bisexualität laut Gallup die häufigste Identität unter queeren Erwachsenen. Der Eintrag erklärt außerdem, woher das Wort stammt, was der 23. September und die Flagge bedeuten und was eine Langzeitstudie zum Vorurteil der „Phase“ zeigt.
Ausführlich erklärt
Bisexualität beschreibt Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, die Definitionen unterscheiden sich im Detail
Das Queer Lexikon definiert Bisexualität als Anziehung zu Personen zweier oder mehrerer Geschlechter. Teilweise wird sie auch so gefasst, dass sich eine Person zum eigenen und zu einem oder mehreren anderen Geschlechtern hingezogen fühlt. Eine dritte Variante versteht Bisexualität als Anziehung unabhängig vom Geschlecht.
Das Bisexual Resource Center, eine US-Organisation, beschreibt Bisexualität als Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, die körperlich, romantisch oder emotional sein kann. Sie kann sich je nach Geschlecht unterschiedlich anfühlen und im Lauf der Zeit verändern. Das Wörterbuch Merriam-Webster hält fest, dass Bildungs- und Interessenverbände den Begriff weit fassen. Die ältere, engere Bedeutung als Anziehung zu Männern und Frauen bestehe fort, gestützt durch die Vorsilbe „bi“.
Eine in der Bi+-Community häufig genutzte Definition stammt von Robyn Ochs. Danach beschreibt Bisexualität das Potenzial, sich zu Personen mehr als eines Geschlechts hingezogen zu fühlen, nicht unbedingt gleichzeitig, nicht unbedingt auf dieselbe Art und nicht unbedingt im selben Maß. Laut LSVD⁺ verwenden Selbstorganisationen wie BiNe, BiBerlin und Bi & Friends HH diese Definition.
Merke
Welche Bezeichnung passt, entscheidet jede Person selbst. Für das gesamte Spektrum steht der Überbegriff Bi+.
Der Überbegriff Bi+ (gesprochen „Bi Plus“) umfasst nach dem Queer Lexikon in aktivistischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen Bisexualität, Pansexualität, Omnisexualität, Multisexualität und Polysexualität. BiBerlin versteht das Plus als Platzhalter für weitere Bezeichnungen und Bi+ als Gegenstück zur Monosexualität, bei der sich die Anziehung auf ein Geschlecht richtet. Homosexuelle und heterosexuelle Personen gelten in dieser Sprache als monosexuell.
Pansexuell und bisexuell überlappen nach dem Bisexual Resource Center mit feinen Unterschieden, und manche Personen nutzen beide Begriffe. Die Abgrenzung beschreibt der Eintrag zur Pansexualität. Bi+ versteht der LSVD⁺ in einem weiten Sinn, der ausdrücklich trans und nichtbinäre Personen einschließt.
Das Wort stammt aus der Biologie, die ersten Bi+ Treffen in Deutschland gab es ab 1988
Merriam-Webster belegt die erste bekannte Verwendung von „bisexual“ für das Jahr 1793, und zwar in der biologischen Bedeutung: Ein Lebewesen besitzt Merkmale beider Geschlechter, etwa Blüten mit männlichen und weiblichen Fortpflanzungsorganen. Der LSVD⁺ schreibt unter Verweis auf die Autorin Julia Shaw, der Begriff stamme aus der naturwissenschaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts, bevor er für menschliche Sexualität genutzt wurde. Wann das Wort erstmals für Anziehung stand, geben die geprüften Quellen nicht an.
Die Vorsilbe „bi“ verwies nach dem LSVD⁺ ursprünglich auf ein zweigeschlechtliches System, und der Begriff lenkt den Blick auf die sexuelle Ebene. Die romantische oder emotionale Seite von Beziehungen gerät dabei in den Hintergrund. Für romantische Anziehung gibt es den Begriff Biromantik, den BiBerlin zufolge vor allem asexuelle Personen nutzen.
In Deutschland waren bi+ Personen nach dem LSVD⁺ schon an der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees 1897 in Berlin beteiligt, wurden aber lange nicht als solche sichtbar. Für die Zeit bis in die 1980er Jahre gibt es demnach keine Belege für eigene bi+ Vereine, Zeitschriften oder Treffpunkte. Zu den ersten organisierten Treffen zählt der „Gesprächskreis Bisexualität“ im Ost-Berliner Sonntags-Club, der seit 1988 stattfand. 1992 folgte in Potsdam die Gründung des Bisexuellen Netzwerks BiNe e. V.
BiNe versteht sich heute als Netzwerk von Bi+ Personen, Gruppen und Vereinen im deutschsprachigen Raum und als Bundesverband Bi+. Zum 23. September 2026 ging die gemeinsame Kampagne „BICONIC“ von BiBerlin, Bi+Pride und BiNe online, im Rahmen der Präventionskampagne „IWWIT“ der Deutschen Aidshilfe. Sie klärt über Bi+ Geschichte, Vorurteile und Lebensrealitäten auf.
Der 23. September und die Bi-Flagge geben der Community Sichtbarkeit
Der Bi Visibility Day am 23. September geht nach der Website bivisibilityday.com auf den International Celebrate Bisexuality Day zurück, der 1999 begann. Drei bisexuelle Aktivist*innen aus den USA riefen ihn aus: Wendy Curry, Michael Page und Gigi Raven Wilbur. Der Name „Bi Visibility Day“ entstand in Großbritannien. Er steht bewusst für „bi“ und nicht für „Bisexualität“, damit auch biromantische Personen mitgemeint sind, etwa asexuelle Personen, die Beziehungen unabhängig vom Geschlecht wünschen. 1999 wurde der Tag in den USA, Großbritannien, Kanada, Japan und Südafrika begangen, heute in mehr als 30 Ländern. Der Bi+ Kalender von BiBerlin nennt zusätzlich die Bisexual Awareness Week vom 16. bis 23. September.
Die Bi-Flagge entwarf Michael Page. Nach seinen Angaben in einer Korrespondenz vom März 1999, die Flags of the World wiedergibt, wurde sie am 5. Dezember 1998 auf der ersten Jahresfeier des BiCafe vorgestellt. Sie besteht aus drei waagerechten Streifen in Magenta, Lavendel und Königsblau im Verhältnis 2 zu 1 zu 2. Page beschreibt sie als Weiterentwicklung der rosa und blauen Dreiecke, eines früheren Symbols der Community, deren Überlappung Lila ergibt.
Der LSVD⁺ gibt eine andere Deutung des Queer Lexikons wieder: Rosa stehe für gleichgeschlechtliche Liebe, Blau für die Liebe zu einem anderen Geschlecht und Lila für die Liebe unabhängig vom Geschlecht. Die Jahresangabe 1988 beim LSVD⁺ weicht von Pages eigener Darstellung ab, dieser Eintrag folgt Page. Weitere Flaggen stellt der Eintrag zu queeren Flaggen vor.
In Deutschland nennen sich 4 Prozent bisexuell, in den USA ist es die häufigste queere Identität
In der Ipsos-Umfrage „LGBT+ Pride 2024“ bezeichneten sich 4 Prozent der Befragten in Deutschland als bisexuell. Weitere 1 Prozent gaben pan- oder omnisexuell an, und 5 Prozent fühlten sich zum selben Geschlecht hingezogen. Insgesamt ordneten sich 12 Prozent der LGBTQIA+-Gruppe zu. Die Onlinebefragung lief vom 23. Februar bis 8. März 2024, in Deutschland mit rund 1.000 Personen zwischen 16 und 74 Jahren.
In den USA fragt Gallup nach der Selbstbezeichnung. 2025 nannten sich dort 5,3 Prozent der Erwachsenen bisexuell, 2020 waren es 3,1 Prozent. Bisexuelle stellen damit mehr als die Hälfte der Erwachsenen, die sich als LGBTQ+ bezeichnen. Der höhere LGBTQ+-Anteil unter Frauen geht laut Gallup vor allem darauf zurück, dass Frauen sich deutlich häufiger bisexuell nennen als Männer. Grundlage waren Telefoninterviews mit 13.454 Erwachsenen im Jahr 2025.
Beide Umfragen beruhen auf Selbstauskünften. Wie viele Personen sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, ohne das Wort für sich zu nutzen, zeigen sie nicht. Eine amtliche Zählung für Deutschland haben die geprüften Quellen nicht ergeben.
Eine Langzeitstudie spricht gegen das Vorurteil, Bisexualität sei nur eine Phase
Zu den verbreiteten Vorurteilen gehört der Vorwurf, bisexuelle Personen seien unentschlossen oder wollten sich aus „beiden Welten“ das Beste heraussuchen. Dazu verweist der LSVD⁺ auf Julia Shaw und schreibt, dass dieser Vorwurf auch innerhalb der queeren Community vorkomme. Ein verwandtes Vorurteil lautet, Bisexualität sei nur eine Übergangsphase auf dem Weg zur Homosexualität oder Heterosexualität.
Lisa Diamond prüfte das 2008 in der Fachzeitschrift „Developmental Psychology“. Die Studie begleitete 79 lesbische, bisexuelle und label-lose Frauen über 10 Jahre in 5 Befragungsrunden. Zwei Drittel wechselten in dieser Zeit mindestens einmal die Selbstbezeichnung, ein Drittel mindestens zweimal. Das Modell der Übergangsphase fand trotzdem keine Unterstützung: Mehr Frauen übernahmen eine bisexuelle oder label-lose Bezeichnung, als sie ablegten, und nur wenige bisexuelle oder label-lose Frauen bezeichneten sich am Ende als lesbisch oder heterosexuell.
Die Anziehung schwankte bei bisexuellen und label-losen Frauen von Befragung zu Befragung stärker als bei lesbischen, ihre Gesamtverteilung blieb aber stabil. Nach Diamond ist der Unterschied zwischen lesbisch und bisexuell deshalb eher eine Frage des Grades als der Art. Die Studie umfasste nur 79 Frauen und erlaubt keine Aussagen über bisexuelle Männer.
Auch eine bestehende Beziehung ändert die Orientierung nicht. BiBerlin beschreibt Beziehungen mit gemischter Ausrichtung, ob mit gleichem oder anderem Geschlecht, in denen die bisexuellen Beteiligten bisexuell bleiben. Wird die Orientierung am Geschlecht der Partnerperson abgelesen, bleibt Bisexualität unsichtbar. BiBerlin nennt das Bisexual Erasure oder Bi-Erasure: die Unsichtbarmachung und Delegitimierung von Bisexualität, die in der Mehrheitsgesellschaft und in der queeren Community vorkommt.
Die spezifische Diskriminierung nichtmonosexueller Personen heißt Bifeindlichkeit oder Biphobie. Beides gehört zur Queerfeindlichkeit, und der IDAHOBIT am 17. Mai richtet sich auch gegen Biphobie.
Bisexualität beschreibt, wer als Gegenüber infrage kommt, und lässt sich nicht an der aktuellen Beziehung ablesen.
Kerngedanke
Quelle: Queer Lexikon: Bisexuell (aktualisiert 05.07.2024) / Queer Lexikon: Bi+sexualität (aktualisiert 05.07.2024) / Bisexual Resource Center: What is Bisexuality? (abgerufen 30.10.2026) / BiBerlin e. V.: Bi+ Glossar (abgerufen 30.10.2026) / LSVD⁺: Fragen und Antworten zu Bi+-Sexualität (abgerufen 30.10.2026) / Merriam-Webster: bisexual (abgerufen 30.10.2026) / Bi Visibility Day: About (abgerufen 30.10.2026) / Flags of the World: BiPride flag, Korrespondenz mit Michael Page (1999) / BiNe e. V. (06.10.2026): BICONIC, Aufklärungskampagne gestartet / Ipsos (2024): Studie zum Pride Month, LGBTQIA+-Rechte weltweit unter Druck / Gallup (16.02.2026): LGBTQ+ Identification Holds at 9% in U.S. / Diamond (2008), Developmental Psychology 44: Female bisexuality from adolescence to adulthood
Wer die Begriffe jenseits von bi vergleichen möchte, findet im Blog eine Einordnung: Pansexualität vs. Omnisexualität: Worin sich die Begriffe wirklich unterscheiden.
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