- Bedeutung
- Die Annahme, dass die Artzugehörigkeit allein bestimmt, wie viel ein Wesen moralisch zählt
- Geprägt von
- Richard Ryder, 1970 in Oxford; bekannt gemacht hat den Begriff Peter Singer
- Vergleich
- In der Philosophie parallel zu Rassismus und Sexismus gedacht: Interessen werden wegen einer Gruppenzugehörigkeit geringer gewichtet
- Gegenbegriff
- Antispeziesismus
- Streitpunkt
- Ist die Artzugehörigkeit nie ein zulässiger Grund für Ungleichbehandlung, und trägt der Vergleich mit Rassismus?
Einfach erklärt
Speziesismus bezeichnet die Haltung, Lebewesen allein wegen ihrer Artzugehörigkeit unterschiedlich zu behandeln und ihnen unterschiedlich viel moralisches Gewicht zu geben. Wer sagt, ein Mensch zähle mehr als ein Tier, weil er ein Mensch ist, und nicht, weil er etwas Bestimmtes kann oder empfindet, argumentiert aus dieser Haltung. Der Begriff ist bewusst nach dem Muster von Rassismus und Sexismus gebildet. Er stellt eine Frage: Ist die Art allein ein guter Grund, Interessen geringer zu gewichten?
Ein Alltagsbeispiel liefert die Forschung: Viele Menschen im Westen lehnen Hundefleisch empört ab, essen aber Schweinefleisch, obwohl beide Tiere als sehr intelligent gelten (Piazza und Loughnan 2016). Hier zählt offenbar weniger, was die Tiere empfinden, als wie vertraut sie den Menschen sind. Genau diese Spannung beschreibt der Begriff.
Merke
Speziesismus kritisiert nicht, dass Arten verschieden sind. Er kritisiert, dass die Artzugehörigkeit allein als Grund gilt, die Interessen eines Wesens weniger zu zählen.
Ausführlich erklärt
Wer den Begriff geprägt hat
Oft heißt es, Peter Singer habe den Begriff geprägt. Das stimmt nicht. Der Psychologe Richard Ryder erfand das Wort 1970 in Oxford, wie er selbst schreibt: „I invented the word Speciesism in 1970“ (Ryder 2023). Laut Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP) bezeichnete er damit ein weit verbreitetes, menschenzentriertes Vorurteil, das er dem Rassismus ähnlich fand. Singer machte den Begriff bekannt und räumt die Herkunft selbst ein: In seinem Aufsatz „All Animals Are Equal“ (1974) schreibt er in einer Fußnote, er verdanke das Wort Richard Ryder. Sein Buch „Animal Liberation“ folgte 1975.
Ryder versteht Speziesismus als menschliche Arroganz und als irrationales Vorurteil, vergleichbar mit Rassismus und Sexismus, das auf moralisch unerheblichen Unterschieden wie Größe, Komplexität oder fehlender Ähnlichkeit zum Menschen beruht. Als Maßstab setzt er Schmerzfähigkeit, nicht Vernunft oder Intelligenz. Aus dieser Überlegung entwickelte er 1990 die Theorie des „Painism“.
Das Argument im Kern
Singer erklärt den Gedanken mit einem Vergleich: Wer rassistisch ist, gewichtet bei Interessenkonflikten die Interessen der eigenen „Rasse“ höher. Wer speziesistisch ist, gewichtet die der eigenen Art höher. Das Muster sei in beiden Fällen gleich. Die SEP fasst den Kern so zusammen: Die Artzugehörigkeit sei, moralisch betrachtet, Glückssache, ähnlich wie der Geburtsort, und könne deshalb keine Sonderstellung begründen.
Singer nennt drei Felder: das Essen von Tieren, Tierversuche und die Philosophie selbst, die ihre Annahmen über Tiere selten hinterfrage. Sein Urteil von 1974 lautet: „Most human beings are speciesists.“ Tierversuche und Fleischessen seien die beiden größten Formen. Mehr dazu unter Massentierhaltung und Tierversuche. Wie die Gegenseite aussieht, zeigt der Artikel Antispeziesismus.
Was die Psychologie zeigt
Die Psychologie misst Speziesismus inzwischen als Einstellung. Caviola, Everett und Faber (2019) entwickelten in fünf Studien eine Speciesism Scale. Sie erwies sich über vier Wochen als stabil. Wer höhere Werte hatte, zeigte tendenziell auch mehr Rassismus, Sexismus und Homophobie sowie stärkere soziale Dominanzorientierung, also die Haltung, Rangordnungen zwischen Gruppen zu befürworten. Speziesismus sagte außerdem Spenden für Tiere und Essensentscheidungen voraus. Das deutet auf ähnliche Mechanismen wie bei anderen Vorurteilen hin.
Dhont, Hodson und Leite (2016) fanden in drei Studien in Belgien, Großbritannien und den USA, dass die soziale Dominanzorientierung der wichtigste Faktor ist, der ethnische Vorurteile mit speziesistischen Einstellungen verbindet. Das beschreibt einen Zusammenhang, keine Aussage über einzelne Personen. Wer Fleisch isst, ist nicht automatisch vorurteilsbehaftet.
Caviola und Kollegen (2022) fragten in sechs Studien mit 2.217 Teilnehmenden, ob Menschen nur deshalb Menschen bevorzugen, weil sie ihnen mehr geistige Fähigkeiten zuschreiben. Das war nicht der Hauptgrund: Die Artzugehörigkeit selbst war der Haupttreiber, wobei die geistige Fähigkeit zusätzlich Gewicht hatte. In zehn Studien mit 4.662 Teilnehmenden hielten dieselben Forschenden außerdem fest (Caviola et al. 2020): Es galt als eher zulässig, wenige Tiere zu opfern, um mehr Tiere zu retten, als bei Menschen. Das lag teils an Speziesismus. Wie Essen die Haltung verschieben kann, zeigten Loughnan, Haslam und Bastian (2010): Wer Rindertrockenfleisch aß statt Nüsse, räumte Tieren danach weniger moralischen Anspruch ein und schrieb einer Kuh weniger der geistigen Zustände zu, die für Leiden nötig sind. Das passt zum Konzept der kognitiven Dissonanz und zu dem, was als Karnismus beschrieben wird.
Wo der Begriff umstritten ist
Drei Einwände
Erstens beruht Speziesismus auf einem Artbegriff, den die Tierethik laut Murphy (2024) kaum geprüft hat: Was Artzugehörigkeit biologisch ist, sollten Fachleute der Philosophie der Biologie einbeziehen. Zweitens halten manche an der menschlichen Sonderstellung fest, weil sie bestimmte Fähigkeiten für eine Frage des Menschseins halten; die SEP nennt diese Position Human Exceptionalism. Drittens streiten sich die Positionen über den Vergleich mit Rassismus.
Dieser dritte Punkt braucht Sorgfalt. Die SEP verweist auf Denkende wie Jackson, Kim und Ko, nach deren Lesart Rassismus nicht nur Vorurteil, sondern ein Mechanismus ist, Schwarze Menschen zu entmenschlichen. Danach ist Speziesismus weniger eine Einstellung als ein Werkzeug, menschliche (und weiße) Überlegenheit herzustellen. Diese Sicht warnt davor, die Kategorie „Mensch“ als neutral zu behandeln, und davor, Rassismuserfahrungen als bloße Analogie zu verwenden. Der Vergleich ist deshalb mit Rücksicht zu führen, und er ersetzt keine Auseinandersetzung mit Rassismus.
Die SEP hält außerdem fest, dass Speziesismus nach Oscar Horta nicht nur eine individuelle Einstellung ist, sondern ein kollektives Phänomen, das aus Weltbildern entsteht und Institutionen prägt. Auch feministische Ansätze setzen hier an: Carol J. Adams verbindet in „The Sexual Politics of Meat“ (1990) laut Verlagsbeschreibung Fleischkonsum mit Männlichkeit und Frauenfeindlichkeit. Mehr zu Machtverhältnissen: Patriarchat und Intersektionalität.
Speziesismus fragt nicht, ob Menschen und Tiere gleich sind, sondern ob die Art allein als Grund reicht.
Kerngedanke
Was du tun kannst
- Frage dich bei Entscheidungen über Tiere: Würde ich dieselbe Begründung gelten lassen, wenn es um einen Menschen mit denselben Interessen ginge?
- Achte auf Unterschiede in der Wahrnehmung: Warum erscheint Leid bei manchen Tieren selbstverständlich, bei anderen unsichtbar?
- Lies die Quellen selbst, etwa Singers Aufsatz „All Animals Are Equal“ (Link in den Quellen).
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Moral Status of Animals (Revision 12.08.2024) / Ryder, R. D. (2023): Speciesism and Painism: Some Further Thoughts. Etyka / Singer, P.: All Animals Are Equal (1974; Nachdruck in Regan und Singer, Animal Rights and Human Obligations, 1989) / Caviola, L., Everett, J. A. C. und Faber, N. S. (2019): The moral standing of animals: Towards a psychology of speciesism. Journal of Personality and Social Psychology 116 / Dhont, K., Hodson, G. und Leite, A. C. (2016): Common ideological roots of speciesism and generalized ethnic prejudice. European Journal of Personality 30 / Caviola, L., Schubert, S., Kahane, G. und Faber, N. S. (2022): Humans first: Why people value animals less than humans. Cognition 225 / Caviola, L., Kahane, G., Everett, J. A. C. et al. (2020): Utilitarianism for animals, Kantianism for people? Journal of Experimental Psychology: General / Piazza, J. und Loughnan, S. (2016): When meat gets personal, animals’ minds matter less. Social Psychological and Personality Science 7 / Loughnan, S., Haslam, N. und Bastian, B. (2010): The role of meat consumption in the denial of moral status and mind to meat animals. Appetite / Murphy, A. (2024): A Species-Focused Approach to Assessing Speciesism. Journal of Applied Philosophy / Adams, C. J. (1990): The Sexual Politics of Meat (Bibliografieeintrag und Verlagsbeschreibung)
Wie kleine Veränderungen im Konsumverhalten Tierleid schon reduzieren können: Jeder Schritt zählt: Tierleid vermeiden als Prozess.
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