Sentience


Kompakt erklärt

Sentience – auf Deutsch oft als „Empfindungsvermögen” oder „Leidensfähigkeit” übersetzt – bezeichnet die Fähigkeit eines Lebewesens, subjektive Erfahrungen zu machen: Schmerz zu fühlen, Freude zu empfinden, zu leiden oder Wohlbefinden zu erleben. Der Begriff ist zentral für die Tierethik: Wenn ein Tier leidensfähig ist, hat dieses Leid moralische Bedeutung – unabhängig davon, ob es sich sprachlich ausdrücken kann, ob es uns ähnlich sieht oder ob es wirtschaftlich nützlich ist. Sentience ist kein Schwarz-Weiß-Konzept: Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass Empfindungsvermögen graduell ist – verschiedene Tiere erleben Schmerz und Wohlbefinden in unterschiedlicher Intensität. Gleichzeitig ist Sentience bei vielen Tierarten wissenschaftlich gut belegt: von Säugetieren über Vögel bis hin zu Fischen und bestimmten Wirbellosen.


Für Neugierige

Das Konzept der Sentience geht auf den Philosophen Jeremy Bentham zurück, der im 18. Jahrhundert formulierte: Die entscheidende Frage sei nicht, ob ein Tier denken oder sprechen könne, sondern ob es leiden könne. Heute ist Sentience auch rechtlich relevant: Die EU erkennt Tiere seit 1997 im Amsterdamer Vertrag als empfindungsfähige Wesen an (Art. 13 AEUV). Das Schweizer Tierschutzgesetz und mehrere andere nationale Rechtssysteme orientieren sich ebenfalls daran. In der Neurowissenschaft ist die Cambridge Declaration on Consciousness (Low et al., 2012) ein viel zitiertes Dokument: Führende Neurowissenschaftler*innen bestätigten darin, dass nicht-menschliche Tiere – darunter alle Säugetiere, Vögel und Oktopusse – die neurologischen Substrate für Bewusstsein besitzen. Die Debatte über Sentience ist keine philosophische Randnotiz, sondern hat direkte Konsequenzen dafür, wie wir Tierhaltung, Tierversuche und Nutztierschutz gesetzlich regeln.

Quellen: Low et al. (2012), Cambridge Declaration on Consciousness; Art. 13 AEUV (Amsterdamer Vertrag, 1997); Jeremy Bentham, An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789).


Verwandte Begriffe: Speziesismus · Antispeziesismus · Massentierhaltung · Tierschutzgesetz