- Bedeutung
- Fähigkeit von Bakterien, sich gegen Antibiotika zu behaupten
- Mechanismus
- Evolution durch natürliche Selektion, beschleunigt durch häufigen und unsachgemäßen Einsatz
- Bedrohung
- Die WHO stuft sie als eine der größten globalen Gesundheitsbedrohungen ein
- Treiber
- Unter anderem die industrielle Tierhaltung, auch mit vorbeugendem Einsatz
- Ansatz
- „One Health“: Human-, Tier- und Umweltgesundheit gemeinsam betrachten
Einfach erklärt
Antibiotikaresistenz bezeichnet die Fähigkeit von Bakterien, sich gegen Antibiotika zu behaupten: Medikamente, die eigentlich entwickelt wurden, um sie abzutöten oder ihr Wachstum zu hemmen. Der Mechanismus dahinter ist Evolution durch natürliche Selektion. Sobald Bakterien einem Antibiotikum ausgesetzt sind, überleben jene, die zufällig eine schützende Eigenschaft besitzen, vermehren sich und geben diese Eigenschaft weiter. Je häufiger und unsachgemäßer Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller beschleunigt sich dieser Prozess.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Antibiotikaresistenz als eine der größten globalen Gesundheitsbedrohungen ein: Infektionen werden dadurch schwer oder gar nicht mehr behandelbar. Betroffen ist dabei weit mehr als die Behandlung akuter Infektionskrankheiten. Auch scheinbar routinemäßige Eingriffe wie Kaiserschnitte, Hüftoperationen oder Chemotherapien sind auf wirksame Antibiotika angewiesen, um die dabei entstehenden Infektionsrisiken beherrschbar zu halten. Ohne sie würden solche Standardbehandlungen deutlich gefährlicher. Wie gravierend die Lage bereits heute ist, zeigt die bislang umfassendste Studie zum Thema. Laut der 2022 im Fachjournal The Lancet veröffentlichten GRAM-Studie (Global Research on Antimicrobial Resistance) starben 2019 weltweit 1,27 Millionen Menschen direkt an Infektionen durch resistente Bakterien, weitere 4,95 Millionen Todesfälle standen damit in Verbindung, mehr als durch HIV und Malaria zusammen.
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die industrielle Tierhaltung. 2020 wurden weltweit rund 99.500 Tonnen Antibiotika in der Nutztierhaltung eingesetzt, nicht nur zur Behandlung kranker Tiere, sondern auch prophylaktisch, um Bestände unter beengten Haltungsbedingungen gesund zu halten. Laut einem Bericht der Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) nutzten 2020/21 noch 40 von 155 gemeldeten Mitgliedstaaten Antibiotika sogar als reine Wachstumsförderer, eine Praxis, die längst als unverantwortlich gilt.
Prognose bis 2050
Ohne entschlossenes Gegensteuern droht sich die Lage weiter zu verschärfen: Aktuelle Prognosen gehen von fast zwei Millionen jährlichen AMR-Todesfällen bis 2050 aus.
Ausführlich erklärt
Wie Resistenz entsteht
Gewarnt wurde davor bereits sehr früh. Alexander Fleming, der Entdecker des Penicillins, wies schon in seiner Nobelpreisrede 1945 darauf hin, dass sich Mikroben im Labor leicht resistent gegen das Mittel machen lassen, wenn man sie Konzentrationen aussetzt, die nicht zum Abtöten ausreichen. Genau das passiere gelegentlich auch im menschlichen Körper, warnte er, und formulierte als Fazit sinngemäß: Wer Penicillin einsetzt, sollte es ausreichend dosieren, sonst drohe eine Ära des Missbrauchs. Wissenschaftlich unterscheidet man heute zwischen natürlicher (intrinsischer) und erworbener Resistenz. Manche Bakterienarten sind von Natur aus unempfindlich gegen bestimmte Wirkstoffe, weil ihnen etwa die passende Angriffsfläche fehlt. Erworbene Resistenz entsteht dagegen entweder durch zufällige Mutation der bakteriellen DNA oder durch horizontalen Gentransfer: Bakterien tauschen Resistenzgene direkt untereinander aus, teils sogar über Artgrenzen hinweg. Die US-Gesundheitsbehörde CDC beschreibt fünf konkrete Abwehrstrategien, mit denen resistente Keime Antibiotika unschädlich machen: Sie blockieren den Zugang zur Zelle, pumpen den Wirkstoff aktiv wieder hinaus, bauen ihn enzymatisch ab, verändern seine Zielstruktur oder umgehen den betroffenen Zellprozess komplett über einen alternativen Stoffwechselweg. Allein in den USA verursachen resistente Keime laut CDC inzwischen mehr als 2,8 Millionen Infektionen pro Jahr.
Multiresistente Erreger
Besonders gefährlich sind multiresistente Erreger (MRE), gegen die mehrere Antibiotikaklassen gleichzeitig wirkungslos sind. Bekanntestes Beispiel ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), ein Stamm eines Bakteriums, das laut CDC etwa ein Drittel aller Menschen unbemerkt auf der Haut oder in der Nase trägt. MRSA tritt sowohl in Krankenhäusern und Pflegeheimen als auch außerhalb des Gesundheitswesens auf, etwa bei Sportler*innen oder in Gemeinschaftseinrichtungen. Ähnlich bedrohlich sind CRE (Carbapenem-resistente Enterobacterales), eine Gruppe von Darmbakterien wie Escherichia coli oder Klebsiella pneumoniae, gegen die selbst Carbapeneme versagen: jene Reserveantibiotika, die eigentlich für besonders schwere, sonst unbehandelbare Infektionen vorgesehen sind. Die GRAM-Studie identifizierte sechs Erreger als Haupttreiber der weltweiten Krankheitslast, neben E. coli und S. aureus auch Klebsiella pneumoniae, Streptococcus pneumoniae, Acinetobacter baumannii und Pseudomonas aeruginosa. Am schwersten wiegen dabei untere Atemwegsinfektionen: Sie allein waren 2019 für mehr als 1,5 Millionen resistenzbedingte Todesfälle verantwortlich, mehr als jedes andere Infektionssyndrom.
Die Rolle der Tierhaltung
Wie stark Antibiotika in der Landwirtschaft eingesetzt werden, zeigen aktuelle Modellrechnungen. Laut einer 2023 veröffentlichten Studie von Mulchandani, Wang, Gilbert und Van Boeckel lag der globale Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung 2020 bei rund 99.502 Tonnen, bis 2030 wird ein weiterer Anstieg auf etwa 107.472 Tonnen erwartet. Fast zwei Drittel dieses Verbrauchs, 67 Prozent, entfallen auf Asien, allein China, Brasilien, Indien, die USA und Australien stehen zusammen für 58 Prozent des weltweiten Einsatzes. Der bereits erwähnte WOAH-Bericht zeigt zudem: 21 der 155 gemeldeten Staaten setzten 2020/21 sogar Wirkstoffe ein, die die WHO als für die Humanmedizin höchste Priorität eingestuft hat, obwohl deren Einsatz in der Tierhaltung besonders riskant ist. Solche Praktiken verwandeln Tierbestände in Reservoirs für resistente Bakterienstämme und Resistenzgene, die sich über Fleisch, Gülle, Abwasser und direkten Kontakt auch auf Menschen übertragen können. Die EU hat auf dieses Risiko reagiert und den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer bereits 2006 komplett verboten, seit 2022 gilt zusätzlich ein EU-weites Verbot des routinemäßigen prophylaktischen Einsatzes in Tiergruppen. International verfolgen WHO, FAO und WOAH deshalb einen gemeinsamen „One Health“-Ansatz, der Human-, Tier- und Umweltgesundheit als untrennbar zusammenhängend behandelt, weil sich Resistenzen ohne eine solche gemeinsame Betrachtung nicht wirksam eindämmen lassen. Wie sich problematische Haltungsbedingungen konkret gestalten, beschreibt der Artikel zu Massentierhaltung, wie Krankheitserreger dabei von Tieren auf Menschen überspringen, der Artikel zu Zoonosen.
Globale Ungleichheit und Zukunftsprognose
Die Krankheitslast durch Antibiotikaresistenz ist weltweit extrem ungleich verteilt. Laut der GRAM-Studie verzeichnete das westliche Subsahara-Afrika 2019 mit 27,3 Todesfällen pro 100.000 Einwohner*innen die höchste Rate weltweit, deutlich vor wohlhabenderen Weltregionen mit besserem Zugang zu wirksamen Reserveantibiotika. Die Prognose für die kommenden Jahrzehnte liefert eine im Herbst 2024 veröffentlichte Folgestudie desselben Forschungsnetzwerks: Bis 2050 könnten demnach 1,91 Millionen Menschen jährlich direkt an AMR sterben, ein Anstieg von 67,5 Prozent gegenüber 2021 mit damals 1,14 Millionen direkten Todesfällen. Zwischen 2025 und 2050 wird der Studie zufolge insgesamt mit mehr als 39 Millionen direkten Todesfällen gerechnet. Auffällig ist dabei eine gegenläufige Entwicklung nach Altersgruppen: Während die AMR-Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren seit 1990 dank besserer medizinischer Versorgung bereits um mehr als die Hälfte gesunken ist, stieg sie bei Menschen ab 70 Jahren im selben Zeitraum um über 80 Prozent und soll bis 2050 noch einmal deutlich zunehmen, eine Folge alternder Gesellschaften und zunehmend wirkungsloser Reserveantibiotika.
Einzelmaßnahmen allein werden diesen Trend nicht umkehren, dafür braucht es koordiniertes globales Handeln bei Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen.
Kerngedanke
Quelle: WHO: Antimicrobial resistance, Fact sheet (2025) / Antimicrobial Resistance Collaborators (2022): Global burden of bacterial antimicrobial resistance in 2019, The Lancet 399(10325) / GBD 2021 Antimicrobial Resistance Collaborators (2024): Global burden of bacterial antimicrobial resistance 1990–2021, mit Prognosen bis 2050, The Lancet 404(10459) / CDC: About Antimicrobial Resistance / CDC: About MRSA / CDC: About Carbapenem-resistant Enterobacterales / Mulchandani, Wang, Gilbert, Van Boeckel (2023): Global trends in antimicrobial use in food-producing animals, PLOS Global Public Health / WOAH: Observatory-Bericht zu Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung 2020/21 / EUR-Lex: Verordnung (EU) 2019/6 über Tierarzneimittel / Fleming, A. (1945): Penicillin, Nobel Lecture