Nachhaltigkeit

Jeder Schritt zählt: Tierleid vermeiden als Prozess

Vegane Ernährung als Richtung statt Pflicht: Was Klimaszenarien, Gutachten und Studien zu kleinen Schritten sagen und wie du heute anfängst.

10 Min. Lesezeit24. April 2026
A fast-paced chase between a dog and a cow in a rural forest field.
Das Wichtigste in Kürze
  • Laut WWF-Szenarien für Deutschland sinken die ernährungsbedingten Treibhausgase bei flexitarischer Ernährung um 27 Prozent, bei veganer um 48 Prozent: Die flexitarische Variante bringt mehr als die Hälfte des veganen Effekts.
  • 2024 wurden in Deutschland 48,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde geschlachtet, dazu 693,3 Millionen Hühner, Puten und Enten.
  • In einer Studie aßen nach einer einwöchigen Testphase alle Gruppen weniger Fleisch als zuvor, egal wie streng die Vorgabe gewesen war.

Es gibt eine Frage rund um vegane Ernährung, die schnell in eine Sackgasse führt: Bist du vegan oder nicht? Als ob es nur diese zwei Zustände gäbe. Dabei ist die ehrlichere, wirkungsvollere Frage eine andere: Wie viel Tierleid kannst du heute weniger unterstützen als gestern? Das ist kein Freifahrtschein für Untätigkeit. Es ist eine Einladung, einen Prozess zu beginnen.

Dieser Artikel prüft, was an dieser Haltung dran ist: Was sagen Klimaszenarien für Deutschland über kleine Schritte, was staatliche Gutachten über die Tierhaltung und was eine Studie, in der Menschen Ernährungsweisen ausprobierten?

Was die Zahlen sagen: Viele kleine Schritte wiegen mehr

Ein Gedankenexperiment: Von 10 Personen in Deutschland wird eine vegan, die anderen 9 ändern nichts. Oder: 9 von 10 essen flexitarisch, verzichten also nicht komplett auf tierische Produkte. Welches Szenario spart mehr Emissionen?

Eine Antwort liefert die WWF-Studie „So schmeckt Zukunft“ von 2021, die Szenarien für Deutschland nach den Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission durchrechnet. Die heutige Ernährung verursacht demnach jedes Jahr fast 210 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, Landnutzung und Landnutzungsänderungen eingerechnet.[1] Bei einer flexitarischen Ernährung sinkt dieser Wert um 27 Prozent auf 154 Millionen Tonnen, bei vegetarischer Ernährung um 47 Prozent und bei veganer um 48 Prozent auf 108 Millionen Tonnen.[1] Flexitarisch heißt in der Studie: der nach EAT-Lancet maximal mögliche Fleischkonsum, ergänzt um mehr Hülsenfrüchte und Nüsse.[1] Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) fasst das als Halbierung des Verzehrs tierischer Lebensmittel zusammen.[2]

27 %weniger ernährungsbedingte Treibhausgase bei flexitarischer Ernährung (WWF-Szenario für Deutschland)
48 %weniger bei veganer Ernährung

Auf das Gedankenexperiment umgerechnet: 9 Personen mit je 27 Prozent Einsparung ergeben zusammen 243 Prozentpunkte, eine vegane Person kommt auf 48. Die flexitarische Gruppe spart damit gut fünfmal so viel (eigene Überschlagsrechnung, bei gleicher Ausgangsmenge pro Person). Auch absolut ist der Abstand zwischen den Varianten kleiner, als viele erwarten: Die flexitarische Variante spart 56 Millionen Tonnen, die vegane 102 Millionen Tonnen.[1]

Grenzen der Szenarien

Die Werte sind Modellrechnungen nach den EAT-Lancet-Empfehlungen, keine Messungen. Der WWF ist eine Umweltorganisation mit eigener Agenda, seine Studie wird aber vom BZL und vom Umweltbundesamt zitiert. Das Umweltbundesamt nennt für die flexitarische Variante der Planetary Health Diet eine Verringerung um etwa die Hälfte: Die Zahlen hängen offenbar stark von den Annahmen ab.

Laut Umweltbundesamt gehen 66 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen in Deutschland auf tierische Lebensmittel zurück, größtenteils wegen des Futtermittelanbaus. Der WWF kommt auf 69 Prozent.[3][1] Eine Auswertung von Daten aus 38.700 Betrieben zeigte außerdem, dass die Umweltwirkung desselben Produkts zwischen Erzeugern um das 50-Fache schwanken kann. Selbst die tierischen Produkte mit der geringsten Wirkung übersteigen aber typischerweise die pflanzlichen Ersatzprodukte.[4]

Tierleid ist real und wird offiziell anerkannt

Zum Stichtag 3. November 2024 hielten die Betriebe in Deutschland 10,5 Millionen Rinder und 21,2 Millionen Schweine.[5] Das sind Stichtagswerte, Geflügel ist darin nicht enthalten. Die Zahl der Tiere, die über ein Jahr geschlachtet werden, ist deutlich höher: 2024 waren es 48,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde sowie 693,3 Millionen Hühner, Puten und Enten.[6] Wie diese Haltung im Alltag aussieht, ist Gegenstand der Debatte um Massentierhaltung. Antworten finden sich nicht nur in aktivistischen Quellen, sondern auch in staatlichen Gutachten.

Bereits 2015 hielt der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) beim Bundesministerium fest, die Daten zu Sterblichkeit, Erkrankungen und Behandlungen machten deutlich, dass auf den Betrieben im Durchschnitt „eher unbefriedigende Situationen im Hinblick auf das Tierwohl“ vorherrschen. Die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere hielt er für nicht zukunftsfähig. Zugleich wies der Beirat darauf hin, dass die Betriebsgröße im Vergleich zu anderen Faktoren wie der Managementqualität einen eher geringen Einfluss auf das Tierwohl hat.[7]

2020 kam der Deutsche Ethikrat zu einem ähnlichen Ergebnis: Unter den heute gängigen Zucht-, Haltungs-, Schlacht- und Verwertungsbedingungen würden Tieren „oft routinemäßig Schmerzen und Leid zugefügt“. Er sah einen erheblichen Bedarf an praktischen Reformen.[8] Zwei Gremien, ein ähnlicher Befund.

Hilft weniger Konsum den Tieren? Hier lohnt der genaue Blick. Der Schweinebestand lag im November 2024 bei 21,2 Millionen und damit rund 19 Prozent unter dem Wert vom November 2020 von etwa 26,0 Millionen (eigene Berechnung aus Destatis-Angaben).[9][5] Für den Rückgang bis November 2022, der den größten Teil ausmacht, nannte Destatis vor allem die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Betriebe und gestiegene Energie-, Dünger- und Futtermittelkosten. Verändertes Essverhalten erwähnt die Mitteilung nicht.[9] Der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch lag 2024 nach vorläufigen Zahlen bei 53,2 Kilogramm, 0,3 Kilogramm mehr als im Vorjahr.[10] Sinkende Tierzahlen sind also nicht automatisch ein Zeichen sinkender Nachfrage. Der Hebel bleibt, was auf den Tellern landet.

Tierleid zu vermeiden ist keine Lifestyle-Frage. Es ist eine ethische, die eng mit Speziesismus zusammenhängt. Gleichzeitig ist niemand schuldig, nur weil der Weg noch nicht zu Ende gegangen ist. Veränderung braucht Zeit, und das ist keine Schwäche.

Warum Menschen den Weg gehen und welcher bleibt

Manche entscheiden sich für eine pflanzlichere Ernährung, weil sie ein Tier sehen, das leidet. Andere kommen über Klimadaten oder Gesundheitsfragen dazu, wieder andere über ein einzelnes Gespräch. Der Einstieg ist weniger wichtig als die Richtung.

In der veganen Community gibt es eine Debatte, die manchmal hitzig geführt wird: Soll der Verzicht auf alle tierischen Produkte sofort und vollständig erfolgen, oder ist jeder Schritt gut, solange er in die richtige Richtung geht? Beide Haltungen kommen aus demselben Wunsch, Tierleid zu beenden. Der Unterschied liegt in der Strategie, nicht im Ziel. Beide haben ihre Berechtigung, und beide brauchen einander.

Eine Studie von 2021 hat die Strategiefrage direkt getestet. Omnivor essende Teilnehmende bekamen sieben Tage lang eine von vier Ernährungsweisen vorgegeben: vegetarisch oder eine von drei flexitarischen Varianten (Rind und Lamm begrenzen, auf Huhn verzichten oder insgesamt weniger Fleisch essen). Während der Woche aß die vegetarische Gruppe deutlich weniger Fleisch als die flexitarischen. In den Wochen danach lag der Fleischkonsum aber in allen Gruppen unter dem Ausgangswert, und die Gruppen unterschieden sich dabei nicht signifikant.[11] Sanftere Vorgaben wirkten in dieser Studie nicht nachweislich schlechter nach als strenge.

Was Motivationsforschung zu dauerhaften Verhaltensänderungen zeigt: Eine Meta-Analyse von 2012 wertete 184 Datensätze aus Gesundheitskontexten aus, in denen die Selbstbestimmungstheorie angewandt wurde. Autonome Motivation, also Handeln aus eigener Überzeugung statt aus Druck, hing positiv mit besseren gesundheitsbezogenen Ergebnissen zusammen.[12] Das gilt für Gesundheitsverhalten allgemein, nicht speziell für pflanzliche Ernährung. Es spricht nicht gegen konsequente Positionen, aber dafür, den eigenen Weg ernst zu nehmen.

Was jemand umsetzen kann, hängt auch von Geld, Zeit und Angebot ab. Eine Modellierung für 150 Länder fand, dass gesunde und nachhaltige Ernährungsmuster, darunter flexitarische und vegane, in Ländern mit hohem und oberem mittlerem Einkommen je nach Muster bis zu 22 bis 34 Prozent günstiger sind als die heutige Ernährung. In Ländern mit niedrigem und unterem mittlerem Einkommen waren sie bei heutigen Preisen mindestens 18 bis 29 Prozent teurer. Vegetarische und vegane Varianten waren meist am günstigsten.[13] Über einzelne Produkte im Supermarkt sagt das nichts. Moralischer Druck ist trotzdem kein gerechtes Instrument: Der Wandel, den Tiere und Klima brauchen, entsteht eher durch Zugänglichkeit als durch Schuld.

Was du tun kannst

Der erste Schritt muss kein großer sein.

  1. Ersetzen, nicht streichen. Statt „kein Fleisch mehr“ lieber: heute Abend Linsensuppe statt Hackfleisch. Ersetzen fühlt sich nicht nach Verzicht an. Hafermilch im Kaffee oder Hummus statt Wurst aufs Brot funktionieren genauso.
  2. Die größten Klimatreiber zuerst. Laut WWF-Studie verursacht ein Kilogramm Rindfleisch 25,5 Kilogramm CO₂-Äquivalente, Schweinefleisch 10,3 und Geflügel 9,2. An anderer Stelle nennt die Studie für Rindfleisch sogar mehr als 36 Kilogramm, die Werte sind also Näherungen.[1] Wer hier reduziert, hat den stärksten Hebel auf dem Teller.
  3. Klima und Tierleid zusammen denken. Geflügel hat den kleineren Klima-Fußabdruck als Rind, aber 2024 wurden 3,0 Millionen Rinder und 693,3 Millionen Hühner, Puten und Enten geschlachtet. Rechnerisch stehen mehr als 300 Kilogramm Rindfleisch je Rind gut 2 Kilogramm Geflügelfleisch je Tier gegenüber (eigene Berechnung aus Destatis-Angaben).[6] Ein Wechsel von Rind zu Huhn spart also CO₂, betrifft aber weit mehr Tiere. Hülsenfrüchte verbessern beide Bilanzen.
  4. Einen fleischfreien Tag pro Woche. Über das Jahr sind das 52 Tage, mehr als 7 Wochen ohne Fleisch. Multipliziert mit vielen Beteiligten wird daraus etwas Messbares.
  5. Mehr Hülsenfrüchte. Bohnen, Linsen und Kichererbsen sind eiweißreich: Laut einer Übersichtsarbeit reichen proteinreiche pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen aus, um den Proteinbedarf von Erwachsenen mit vegetarischer oder veganer Ernährung zu decken.[14]

Vegane Ernährung als Horizont

Eine vegane Ernährung ist die konsequenteste Form, Tierleid aus dem eigenen Alltag herauszuhalten. Sie ist als Richtung sinnvoll, nicht als Pflicht. Die US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics hält gut geplante vegetarische und vegane Ernährung für gesundheitsförderlich und für alle Lebensphasen geeignet.[15] Wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Lage seit 2024 sieht und welche Nährstoffe Planung brauchen, steht im Artikel Vegane Mythen im Faktencheck.

Vitamin B12

Wer sich ganz vegan ernährt, braucht eine verlässliche Vitamin-B12-Quelle, etwa Präparate oder angereicherte Lebensmittel.

Der Weg dorthin ist nicht für alle gleich lang oder gleich steil. Er wird geprägt von wirtschaftlichen Möglichkeiten, kulturellen Gewohnheiten und persönlichen Lebensumständen. Das anzuerkennen bedeutet nicht, die Dringlichkeit kleinzureden. Es bedeutet, realistisch zu sein darüber, wie Veränderung wirklich passiert.

Fazit

Wer diesen Weg geht, in welchem Tempo auch immer, tut etwas, das zählt: für die Tiere, für das Klima und für das eigene Verhältnis zu dem, was auf dem Teller landet. Die Szenarien zeigen, dass schon die flexitarische Variante mehr als die Hälfte der Einsparung einer veganen erreicht. Und die Studie zur Fleischreduktion zeigt, dass auch sanfte Vorgaben nachwirken.

Es braucht keine perfekte Entscheidung. Es braucht eine Richtung.

Kerngedanke

Quellen

[1] WWF Deutschland (2021): So schmeckt Zukunft. Ein kulinarischer Kompass für eine gesunde Erde. Klimaschutz, landwirtschaftliche Fläche und natürliche Lebensräume. Studie einer Umweltorganisation mit eigener Agenda, Szenarien nach den EAT-Lancet-Empfehlungen, eigene Berechnung. wwf.de

[2] Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL): Wie klimaschädlich sind tierische Lebensmittel? Fasst die WWF-Studie von 2021 zusammen. landwirtschaft.de

[3] Umweltbundesamt: Klimafreundliche Ernährung, fleischreduziert, vegetarisch oder vegan. umweltbundesamt.de

[4] Poore, J., Nemecek, T. (2018): Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science 360(6392), 987 bis 992. doi.org

[5] Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 490 vom 20. Dezember 2024: Viehbestandserhebung zum Stichtag 3. November 2024 (vorläufige Ergebnisse). destatis.de

[6] Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 050 vom 7. Februar 2025: Fleischproduktion im Jahr 2024 um 1,4 % gestiegen (vorläufige Ergebnisse). destatis.de

[7] Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim BMEL (2015): Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung. Gutachten, März 2015. bmleh.de

[8] Deutscher Ethikrat (2020): Tierwohlachtung, Zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren. Stellungnahme vom 16. Juni 2020. ethikrat.org

[9] Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 557 vom 22. Dezember 2022: Schweinebestand seit 2020 um 18,2 % gesunken. destatis.de

[10] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) (2025): Bericht zur Markt- und Versorgungslage mit Fleisch 2025 (Pro-Kopf-Verzehr 2024, vorläufige Zahlen). ble.de

[11] Dakin, B. C., Ching, A. E., Teperman, E., Klebl, C., Moshel, M., Bastian, B. (2021): Prescribing vegetarian or flexitarian diets leads to sustained reduction in meat intake. Appetite 164, 105285. doi.org

[12] Ng, J. Y. Y., Ntoumanis, N., Thøgersen-Ntoumani, C., Deci, E. L., Ryan, R. M., Duda, J. L., Williams, G. C. (2012): Self-Determination Theory Applied to Health Contexts, A Meta-Analysis. Perspectives on Psychological Science 7(4), 325 bis 340. doi.org

[13] Springmann, M., Clark, M. A., Rayner, M., Scarborough, P., Webb, P. (2021): The global and regional costs of healthy and sustainable dietary patterns, a modelling study. The Lancet Planetary Health 5(11), e797 bis e807. doi.org

[14] Mariotti, F., Gardner, C. D. (2019): Dietary Protein and Amino Acids in Vegetarian Diets, A Review. Nutrients 11(11), 2661. doi.org

[15] Melina, V., Craig, W., Levin, S. (2016): Position of the Academy of Nutrition and Dietetics: Vegetarian Diets. Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics 116(12), 1970 bis 1980. doi.org

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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