Intersektionalität

International Pronouns Day: Wie ein kleines Wort Respekt zeigt

International Pronouns Day am 21.10.2026: Was Studien zu Pronomen und Wohlbefinden zeigen, wie Neopronomen entstehen und was das Gesetz regelt.

10 Min. Lesezeit21. Oktober 2026
pride card with pronouns
Das Wichtigste in Kürze
  • Nur 46 Prozent der befragten trans und nichtbinären Jugendlichen in den USA sehen ihre Pronomen im Umfeld respektiert, bei nichtbinären Jugendlichen sind es 37 Prozent.
  • Wer respektiert wird, berichtet seltener von einem Suizidversuch. Das sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen.
  • Das singuläre „they“ gibt es seit dem 14. Jahrhundert. Das Selbstbestimmungsgesetz regelt Pronomen nicht, nennt aber das Recht auf respektvolle Behandlung.

Am dritten Mittwoch im Oktober ist International Pronouns Day, 2026 also der 21. Oktober.[1] Der Tag will erreichen, dass Pronomen selbstverständlich respektiert, genannt und erklärt werden.

Woher der Tag kommt

Shige Sakurai gründete den Tag 2018 und bildete dafür ein Executive Board, das zunächst gemeinsam mit Genny Beemyn geleitet wurde. Beide arbeiteten damals in LGBTQIA+-Zentren an US-Hochschulen.[2] Der erste Aktionstag war der 17. Oktober 2018.[3] 2019 stand #pronounsday nach Angaben der Kampagne auf Platz 1 der weltweiten Twitter-Trends.[2] Heute gibt es weder ein Komitee noch eine feste Organisation. Was am Aktionstag passiert, entscheiden Gruppen vor Ort, und weil manche Sprachen keine geschlechtlichen Pronomen kennen, lässt sich der Tag auf inklusive Sprache insgesamt übertragen.[1]

Pronomen und Geschlechtsidentität

Geschlechtsidentität und körperliches Geschlecht sind zwei verschiedene Dinge. Pronomen drücken die Geschlechtsidentität aus, also die Frage, als wer sich jemand versteht.[4] Welche Pronomen jemand nutzt, sagt deshalb nichts Verlässliches über Körper oder Aussehen, es hilft nur, die Person zu fragen.[5]

Wie unterschiedlich Pronomen gewählt werden, zeigt eine US-Befragung des Trevor Project unter 12.174 trans und nichtbinären Jugendlichen zwischen 13 und 24 Jahren: 32 Prozent nutzten ausschließlich „he/him“ oder „she/her“, 26 Prozent eine Kombination wie „he/they“, 15 Prozent „they/them“, 17 Prozent „alle oder beliebige“ und 10 Prozent ein anderes Pronomen.[4]

Respektiert werden die Pronomen längst nicht überall. Nur 46 Prozent gaben an, dass viele, die meisten oder alle Menschen im Umfeld sie respektieren. Bei trans Jungen und Männern waren es 52 Prozent, bei trans Mädchen und Frauen 48 Prozent, bei nichtbinären Jugendlichen 37 Prozent. Befragte aus dem Nahen Osten und Nordafrika (57 Prozent) und weiße Befragte (48 Prozent) berichteten häufiger von Respekt als andere ethnische Gruppen. Als mögliche Erklärung nennt der Bericht, dass Umfeld und Fachpersonen weniger verbreitete Pronomen oft nicht kennen und deshalb unabsichtlich falsch ansprechen.[4]

46 %der Befragten sagen, dass viele, die meisten oder alle im Umfeld ihre Pronomen respektieren
52 %bei trans Jungen und Männern
37 %bei nichtbinären Jugendlichen

Was Studien über Pronomen und Wohlbefinden sagen

Wird eine Person mit falschem Namen, falschem Pronomen oder falscher gegenderter Sprache angesprochen, heißt das Misgendering. Für viele nichtbinäre Personen ist es Alltag: In der kanadischen Befragung Trans PULSE gaben von 1.091 nichtbinären Teilnehmenden 59 Prozent an, täglich misgendert zu werden, 30 Prozent wöchentlich oder monatlich und 11 Prozent höchstens jährlich. 58 Prozent waren dabei sehr oder ziemlich aufgebracht, aber nur 13 Prozent korrigierten andere meistens oder immer. Wer wöchentlich oder monatlich statt täglich misgendert wurde, hatte etwas niedrigere Angstwerte. Die Forschenden verweisen selbst darauf, dass künftige Studien Ursachen stärker prüfen sollten.[6]

Dieser und der folgende Absatz nennen Zahlen zu Suizidalität. Mit dem Namen statt dem Pronomen befasst sich eine Studie, auf die zum ersten Aktionstag ein Mitglied der Gründungsgruppe verwies.[3] Unter 129 trans und gender-nonkonformen Jugendlichen in drei US-Städten hatten 74 einen gewählten Namen. Bei ihnen sank mit jedem weiteren Bereich (zu Hause, Schule, Arbeit, Freundeskreis), in dem sie ihn nutzen konnten, der erwartete Wert für Suizidgedanken um 29 Prozent und für suizidales Verhalten um 56 Prozent.[7]

Zu Pronomen selbst: Befragte der Trevor-Studie, deren Pronomen respektiert wurden, berichteten seltener von einem Suizidversuch im vergangenen Jahr (11 gegenüber 17 Prozent). Nach Berücksichtigung von Alter, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und ethnischer Zugehörigkeit lagen die Odds, also die Chancenverhältnisse, für einen Suizidversuch um 31 Prozent niedriger.[4] Auch bei 453 trans Beschäftigten in Australien hing inklusive Sprache am Arbeitsplatz deutlich mit mehr Wohlbefinden zusammen.[8]

Einordnung

Das sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen. Die Daten stammen aus Nordamerika und Australien, und ein unterstützendes Umfeld kann beides begünstigen.

Die Teilnehmenden der Trevor-Studie wurden über Anzeigen in sozialen Medien gewonnen.[4] Die Unsicherheit ist trotzdem kein Argument gegen die Praxis.

Ein Pronomen zu respektieren kostet nichts, es zu ignorieren kostet die Betroffenen.

Kerngedanke

Singular „they“: älter als die Debatte

Ein verbreitetes Argument lautet, neutrale Pronomen seien eine Erfindung der Gegenwart. Im Englischen gibt es das singuläre „they“ aber seit dem 14. Jahrhundert. Den frühesten bekannten Beleg sieht ein Beitrag von Dennis Baron für das Oxford English Dictionary im Gedicht „William and the Werewolf“ von 1375, so gibt es Mental Floss wieder.[9]

Später taucht die Form bei Shakespeare auf. In „Hamlet“ rät Polonius, dass „some more audience than a mother“ das Gespräch belauschen solle, „since nature makes them partial“: Das „them“ steht für „a mother“, also für eine einzelne Person im Singular.[10] Jane Austen lässt in „Mansfield Park“ (1814) Mary Crawford sagen: „I would have everybody marry if they can do it properly.“[11] Erst im 18. Jahrhundert erklärten Grammatikerinnen und Grammatiker die Form für falsch, obwohl auch „you“ vom Plural zum Singular gewandert war.[9] Die Regel ist also jünger als die Form.

Neue Pronomen im Deutschen

Für Personen, die weder „er“ noch „sie“ nutzen, gibt es im Deutschen mehrere Vorschläge. Illi Anna Heger warb 2010 für „sier“, eine Verschmelzung aus „sie“ und „er“, und schlug 2012 „xier“ vor, weil „sier“ zu sehr nach „sie“ klang. „En“ wurde 2018 auf dem österreichischen LGBTIQA+-Kongress in St. Pölten entwickelt, dazu kommt „dey“, eine Eindeutschung von „they“.[12]

Der Verein für geschlechtsneutrales Deutsch ließ abstimmen. Anfang 2021 bewerteten 500 Teilnehmende 20 Grundformen, am beliebtesten waren „dey“, „hen“, „em“, „sier“ und „en“.[12] Im Oktober 2022 lag „en“ bei 899 Teilnehmenden knapp vor „hen“. Statistisch war der Abstand nicht eindeutig und könnte Zufall sein, die Irrtumswahrscheinlichkeit lag knapp über der Schwelle von 5 Prozent, die der Verein ansetzt.[13] Daraufhin nahm die Mitgliederversammlung am 26. November 2022 nur „en“ ins Formensystem auf.[12]

Die Umfragen liefen über Foren und soziale Netzwerke und sind nicht repräsentativ.[13] Wer tatsächlich welches Pronomen nutzt, zeigen sie nur für ihre Teilnehmenden: Von 167 mit Neopronomen nannten 62 „dey“.[12] Eine verbindliche Standardform gibt es nicht, der Verein betont, dass jede Person ihr Pronomen selbst wählt.[13]

Einen anderen Weg ging Schweden: Die Schwedische Akademie nahm „hen“ in die neue, für April 2015 angekündigte Ausgabe ihrer Wortliste auf. Es kann für trans Personen stehen oder benutzt werden, wenn das Geschlecht unbekannt oder unwichtig ist.[14]

Was das Recht in Deutschland regelt

Bis Ende Oktober 2024 galt für trans Personen das Transsexuellengesetz. Es verlangte zwei Sachverständigengutachten und ein Gerichtsverfahren, dessen Kosten laut Gesetzentwurf der Bundesregierung durchschnittlich rund 1.900 Euro betrugen. Auch nichtbinäre Personen waren nach einem Beschluss des Bundesgerichtshofs von 2020 darauf verwiesen. Für intergeschlechtliche Personen galt daneben § 45b des Personenstandsgesetzes mit ärztlichem Attest.[15]

Seit dem 1. November 2024 gilt das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG).[16] Wer Geschlechtseintrag und Vornamen ändern möchte, meldet das drei Monate vorher beim Standesamt an und gibt dort eine Erklärung ab. Darin versichert die Person, dass der gewählte Eintrag ihrer Geschlechtsidentität am besten entspricht. Für eine erneute Erklärung gilt grundsätzlich eine Sperrfrist von einem Jahr.[17]

Pronomen regelt das Gesetz nicht, in den Paragrafen 1 bis 15 kommen sie nicht vor. Als Ziel nennt § 1 aber das Recht jeder Person auf Achtung und respektvolle Behandlung in Bezug auf die Geschlechtsidentität. Die früheren Vornamen und der frühere Eintrag dürfen nach einer Änderung nicht ohne Zustimmung offenbart werden. Wer sie absichtlich schädigend offenbart, riskiert nach § 14 ein Bußgeld bis zu 10.000 Euro.[17]

Wie viele das Verfahren nutzen, zeigt die Statistik: 2024 wurden 10.589 Änderungen des Geschlechtseintrags im Geburtenregister gemeldet, davon 596 bis Oktober nach dem alten Recht. 2025 waren es 15.688, von Januar bis Juli 2026 vorläufig 4.620. Am häufigsten war 2025 der Wechsel von „weiblich“ zu „männlich“ (42 Prozent), gefolgt von „männlich“ zu „weiblich“ (27 Prozent) und dem Wechsel zu „divers“ oder „ohne Angabe“ (29 Prozent zusammen). Das Thema betrifft trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Personen. Die Gesamtzahl der Erklärungen liegt höher, weil nur Personen mit Eintrag im deutschen Geburtenregister erfasst sind.[16]

Politisch steht das Gesetz unter Beobachtung: Der Koalitionsvertrag von 2025 sieht eine Evaluation bis spätestens 31. Juli 2026 vor, mit Blick auf Kinder und Jugendliche, die Fristen und den Schutz von Frauen.[18] In den geprüften Quellen fand sich noch kein veröffentlichtes Ergebnis.

Was das im Alltag heißt

Aus alldem folgt für den Alltag keine große Geste, sondern ein paar Gewohnheiten.

Pronomen anbieten, nicht verlangen. Wer die eigenen Pronomen nennt, etwa in der Vorstellungsrunde oder in der E-Mail-Signatur, macht das Nennen normal. Wer selbst nicht von Misgendering betroffen ist, kann so Allyship üben. Niemand muss das tun: Manche möchten nur mit dem Namen angesprochen werden. Wichtiger ist laut Kampagne, die Pronomen anderer zu respektieren.[1]

Nachfragen statt raten. Wer unsicher ist, fragt, etwa mit „Wie soll ich dich ansprechen?“ Gefragt wird als Einladung und nie als Pflicht.[5]

Fehler kurz korrigieren. Rutscht ein falsches Pronomen heraus, reicht es meist, den Satz richtig zu wiederholen und weiterzusprechen. Eine lange Entschuldigung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Person, die sich geirrt hat. Absichtliches Falschansprechen, um jemanden zu verletzen, ist etwas anderes und braucht andere Reaktionen.[19] Das Gegenstück beim Namen heißt Deadnaming, die Verwendung des abgelegten Vornamens.

Bei Fehlern anderer vorsichtig eingreifen. Spricht jemand eine Person falsch an, hilft oft, selbst die richtige Form zu nutzen, statt vor allen zu erklären. Offen zu korrigieren ist sinnvoll, wenn die betroffene Person das wünscht, denn nicht alle haben ihre Pronomen überall mitgeteilt.[19]

Was daraus folgt

Pronomen zu respektieren ist keine Frage des guten Geschmacks. Die Studienlage ist nicht lückenlos, aber sie zeigt in eine Richtung. Weil nur 46 Prozent der befragten Jugendlichen ihre Pronomen respektiert sehen, empfiehlt der Trevor-Bericht unter anderem Schulungen und mehr Übung im Nennen und Nachfragen.[4] Das spricht für Formulare, Signaturen und Anreden, die Pronomen mitdenken, und für Schulen, Betriebe und Behörden, die das organisieren. Die Verantwortung allein bei den Betroffenen abzuladen, greift zu kurz.

Ein neues Pronomen zu lernen dauert Minuten. Dass es trotzdem so oft nicht passiert, ist keine Sprachfrage mehr.

Quellen

[1] pronouns.org: International Pronouns Day, Fragen und Antworten. pronouns.org

[2] Sakurai, S. (2021): International Pronouns Day. In: The SAGE Encyclopedia of Trans Studies, S. 441 bis 442, DOI 10.4135/9781544393858.n152 (PDF-Kopie). pronouns.org (PDF)

[3] Maurer, L. (17.10.2018): Why We Created International Pronouns Day. The Advocate. advocate.com

[4] The Trevor Project (10.12.2025): Pronoun Usage and Mental Health Impacts of Pronoun Respect in TGNB Young People. thetrevorproject.org

[5] pronouns.org: How do I ask someone their personal pronouns? pronouns.org

[6] Jacobsen, K. et al. (2024): Misgendering and the health and wellbeing of nonbinary people in Canada. International Journal of Transgender Health 25(4), S. 816 bis 830. pmc.ncbi.nlm.nih.gov

[7] Russell, S. T. et al. (2018): Chosen Name Use Is Linked to Reduced Depressive Symptoms, Suicidal Ideation, and Suicidal Behavior Among Transgender Youth. Journal of Adolescent Health 63(4), S. 503 bis 505. pmc.ncbi.nlm.nih.gov

[8] Perales, F. et al. (2022): Exposure to Inclusive Language and Well-Being at Work Among Transgender Employees in Australia, 2020. American Journal of Public Health 112(3), S. 482 bis 490. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

[9] Mental Floss: The 600-Year History of the Singular „They“ (zitiert Dennis Baron, Oxford English Dictionary). mentalfloss.com

[10] Shakespeare, W.: Hamlet, 3. Akt, 3. Szene (Project Gutenberg). gutenberg.org

[11] Austen, J. (1814): Mansfield Park, Band 1, Kapitel 4 (Project Gutenberg). gutenberg.org

[12] Verein für geschlechtsneutrales Deutsch: Pronomen. geschlechtsneutral.net

[13] Verein für geschlechtsneutrales Deutsch: Ergebnisse der zweiten öffentlichen Umfrage (Oktober 2022). geschlechtsneutral.net

[14] ORF (29.07.2014): Schwedisch erhält offiziell geschlechtsneutrales Fürwort. orf.at

[15] Deutscher Bundestag (01.11.2023): Drucksache 20/9049, Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Selbstbestimmungsgesetz. dserver.bundestag.de (PDF)

[16] Statistisches Bundesamt (Stand 09.10.2026): Daten zur Änderung des Geschlechtseintrags für die Jahre 2024 und 2025 und vorläufige Ergebnisse für 2026. destatis.de

[17] Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG), §§ 1 bis 15. gesetze-im-internet.de

[18] CDU, CSU und SPD (2025): Verantwortung für Deutschland, Koalitionsvertrag, Abschnitt Selbstbestimmungsgesetz. koalitionsvertrag2025.de (PDF)

[19] pronouns.org: What if someone makes a mistake and mispronouns someone else? pronouns.org

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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