Intersektionalität

Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: Was die Zahlen zeigen und was jetzt zählt

Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: 2.377 Straftaten 2025. Was die BKA-Zahlen zeigen, wo das Dunkelfeld liegt und was hilft.

10 Min. Lesezeit12. September 2026
photo of colorful flag
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Polizei registrierte 2025 bundesweit 2.377 queerfeindliche Straftaten, 12,8 Prozent mehr als 2024.
  • Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich höher: Laut einer EU-Befragung wurden nur 14 Prozent der körperlichen oder sexuellen Angriffe auf LGBTI-Personen der Polizei gemeldet.
  • Die Statistik zeigt das Ausmaß der registrierten Taten, nicht ihre Ursachen. Verbände fordern vor allem eine bessere Erfassung und mehr Prävention.

Inhaltshinweis

Dieser Artikel beschreibt einen Anschlag mit einer Toten und mehreren Verletzten sowie Gewalt und Hass gegen queere Menschen.

Am Abend des 25. Juli 2026 war ich selbst beim Christopher Street Day in Berlin. Gegen 22 Uhr fuhr im Tiergarten ein Van in mehrere Personen am Rand der CSD-Parade, danach soll der 21-jährige Tatverdächtige mit einer Machete auf Passanten losgegangen sein. Eine Frau starb, 29 weitere Menschen wurden nach den ersten Angaben verletzt, einige davon schwer.[1][2] Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem islamistischen Terroranschlag.[1]

Der Anschlag war die Tat mit den schwersten Folgen. Die Statistik zeigt, was 2025 daneben registriert wurde: Nach den Zahlen des Bundeskriminalamts waren es bundesweit 2.377 queerfeindliche Straftaten, ein Anstieg von 12,8 Prozent gegenüber 2024.[3] Der Anschlag vom Juli 2026 steckt in diesen Zahlen noch nicht.

Dieser Artikel ist deshalb anders aufgebaut als meine sonstigen Blogartikel. Es geht hier nicht um einen positiven Ausblick zum Abschluss, sondern erst einmal um Klarheit: Was zeigen die Zahlen zu queerfeindlicher Gewalt in Deutschland, was zeigen sie nicht, und was lässt sich trotzdem tun?

Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: Die Zahlen im Überblick

Das Bundeskriminalamt erfasst queerfeindliche Taten in der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität in zwei Unterthemenfeldern. „Sexuelle Orientierung“ umfasste 2025 insgesamt 2.070 Straftaten, davon 284 Gewaltdelikte. „Geschlechtsbezogene Diversität“ umfasste 1.294 Straftaten, davon 112 Gewaltdelikte.[4] Das zweite Feld richtet sich nach der Definition des BKA gegen trans, nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen, also auch gegen trans Männer und trans Frauen.[4] Ein eigenes Feld dafür gibt es erst seit dem 1. Januar 2022. Davor liefen trans- und interfeindliche Taten teils unter „sexuelle Orientierung“ und zeitweise in einem Mischfeld, das sich nicht sauber von frauenfeindlichen Taten trennen ließ. Ob die Opfer lesbisch, schwul oder bisexuell waren, schlüsselt die Statistik ebenfalls nicht auf.[5]

Warum 2.070 plus 1.294 nicht 2.377 ergibt

Die beiden Felder ergeben zusammen 3.364 Straftaten, die Gesamtzahl queerfeindlicher Straftaten liegt aber bei 2.377. Der Unterschied entsteht, weil einzelne Fälle mehreren Unterthemenfeldern zugeordnet wurden. Die beiden Zahlen dürfen deshalb nicht addiert werden.

Die 2.377 Straftaten machen rund ein Zehntel der 22.159 Fälle von Hasskriminalität aus, die 2025 insgesamt registriert wurden.[3] Im Feld „sexuelle Orientierung“ stieg die Zahl von 870 Straftaten im Jahr 2021 über 1.005 (2022), 1.499 (2023) und 1.765 (2024) auf 2.070 im Jahr 2025. Im Feld „geschlechtsbezogene Diversität“ lagen die Werte bei 417 (2022), 854 (2023), 1.152 (2024) und 1.294 (2025).[5] Von 2024 auf 2025 ist das ein Plus von 17,3 beziehungsweise 12,3 Prozent. Das Bundesinnenministerium und das BKA hielten im Dezember 2024 fest, dass sich die Zahl der Straftaten in beiden Feldern seit 2010 nahezu verzehnfacht hat, damals mit Daten bis 2023.[6] Seitdem ging es weiter nach oben.

Auffällig ist der Anteil der Gewaltdelikte, auch wenn sich die beiden Felder 2025 unterschiedlich entwickelten. Im Feld „sexuelle Orientierung“ stieg die Zahl der Gewaltdelikte auf 284 (2024: 253), im Feld „geschlechtsbezogene Diversität“ sank sie auf 112 (2024: 128).[4] Gemessen an allen Straftaten des jeweiligen Feldes sind das 13,7 beziehungsweise 8,7 Prozent. Unter allen politisch motivierten Straftaten liegt der Anteil bei 4,8 Prozent, das sind 4.156 Gewaltdelikte bei 85.837 Straftaten.[3] Die Anteile habe ich aus den amtlichen Zahlen selbst berechnet.

2.377queerfeindliche Straftaten 2025, 12,8 Prozent mehr als im Vorjahr
13,7 %Gewaltanteil im Feld „sexuelle Orientierung“
4,8 %Gewaltanteil bei allen politisch motivierten Straftaten

Politische Zuordnung: Rechts, religiös oder unklar

Die Polizei ordnet jede politisch motivierte Straftat einem Phänomenbereich zu. Im Feld „sexuelle Orientierung“ entfielen 2025 870 Straftaten (42,0 Prozent) auf „rechts“ und 1.039 (50,2 Prozent) auf „sonstige Zuordnung“, dazu kamen 72 aus „ausländischer Ideologie“, 56 aus „religiöser Ideologie“ und 33 aus „links“. Im Feld „geschlechtsbezogene Diversität“ waren es 589 Taten (45,5 Prozent) im Bereich „rechts“ und 630 (48,7 Prozent) in „sonstige Zuordnung“.[4] Rund die Hälfte der Taten lässt sich also keinem politischen Lager klar zuordnen, mehr als vier von zehn gelten als rechts motiviert. Nach der Auswertung des BKA beobachten die Sicherheitsbehörden zudem, dass rechtsextremistische Gruppierungen verstärkt gegen die queere Community mobilisieren.[5]

Queerfeindliche Gewalt hat damit unterschiedliche Hintergründe, und die Statistik kann nicht jede Tat sauber einordnen.

Das Dunkelfeld: Die echte Zahl liegt vermutlich höher

Die Statistik ist eine Eingangsstatistik: Sie zählt nur Taten, die der Polizei gemeldet und als politisch motiviert erkannt werden.[5] Das Bundesinnenministerium und das BKA gehen trotz steigender Fallzahlen weiter von einer hohen Dunkelziffer aus.[6] Wie groß die Lücke sein kann, zeigt eine Befragung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. An der Erhebung von 2019 beteiligten sich 139.799 LGBTI-Personen aus der EU, Nordmazedonien und Serbien. Elf Prozent wurden in den fünf Jahren davor wegen ihrer Identität körperlich oder sexuell angegriffen, bei trans Befragten waren es 17 Prozent, bei intergeschlechtlichen 22 Prozent. Nur 21 Prozent dieser Angriffe wurden irgendeiner Stelle gemeldet, nur 14 Prozent der Polizei.[7]

Für Deutschland, wo über 16.000 Personen teilnahmen, nennt der LSVD⁺ aus derselben Erhebung: Nur 13 Prozent gingen nach einem körperlichen Angriff oder sexualisierter Gewalt zur Polizei, im EU-Durchschnitt waren es 14 Prozent. Als Gründe nannten die Befragten am häufigsten, nicht an einen Nutzen zu glauben (40 Prozent), den Vorfall für nicht schlimm genug zu halten (37 Prozent), Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen bei der Polizei (23 Prozent) und fehlendes Vertrauen in die Polizei (21 Prozent).[5] Auch die gesundheitlichen Folgen sind belegt: Nach Hasskriminalität hatten 38 Prozent der Betroffenen psychische Probleme wie Depression oder Angst, bei trans Befragten 55 Prozent. 22 Prozent trauten sich danach nicht mehr aus dem Haus oder an bestimmte Orte, bei trans Befragten 31 Prozent.[5]

Eine Statistik, die nur Angezeigtes zählt, zeigt das Mindestmaß der Gewalt und nicht ihr Ausmaß.

Kerngedanke

Nicht alle trifft es gleich. Belltower.News berichtet über eine Studie von Les Migras e.V., nach der queere trans Personen of Color, besonders mit Fluchterfahrung, die verwundbarste Gruppe sind, weil Rassismus, Sexismus und Transfeindlichkeit zusammenwirken. Das Berliner Monitoring zu trans- und homophober Gewalt von 2020 lasse Aspekte der Mehrfachdiskriminierung unberührt, die tatsächlichen Zahlen lägen deshalb vermutlich höher.[8] Wie solche Überschneidungen funktionieren, erklärt das Lexikon unter Intersektionalität.

Aus der Statistik allein lässt sich nicht trennen, ob mehr Taten passieren, mehr angezeigt oder genauer erfasst werden. Der LSVD⁺ weist darauf hin, dass Berlin regelmäßig ein bis zwei Drittel der bundesweit gemeldeten Fälle stellt, und vermutet dahinter eher die sensiblere Erfassung der Berliner Polizei als mehr Taten dort. Der Verband fordert deshalb eine Reform der polizeilichen Erfassungssysteme.[5]

Politik und Symbolik: Was belegt ist und was nicht

Wer nach Gründen für die Entwicklung fragt, stößt schnell auf politische Debatten. Belegen lässt sich dabei weniger, als manche Schlagzeile nahelegt. Zwei Beispiele zeigen das.

Der Aktionsplan „Queer leben“ stammt von der Vorgängerregierung. Auf eine Anfrage des Abgeordneten Maik Brückner (Die Linke) verwies die Bundesregierung Anfang 2026 nur auf die vergangene Legislaturperiode. Der LSVD⁺ las das als Zeichen, dass sie den Plan als abgeschlossen begreift, und fordert, die Umsetzung weiterzuführen. Er erinnert zugleich daran, dass sich Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli 2025 im Bundestag zum Schutz queerer Menschen bekannt hat.[9]

Das zweite Beispiel ist die Regenbogenflagge. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner lässt sie nicht zum Berliner CSD hissen, sondern nur am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Sie begründet das mit der Neutralität staatlicher Institutionen und bekräftigte im Mai 2026 diese Linie. Bundesratspräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sah das 2025 anders und ließ vor dem Bundesrat die Fahne wehen.[10] Human Rights Watch hält fest, dass Klöckner damit von einer seit 2022 üblichen Praxis abwich und die Bundestagsverwaltung im Juli 2025 die Abgeordneten anwies, Regenbogenfahnen aus ihren Büros zu entfernen.[11]

Ob solche Entscheidungen die Gewalt beeinflussen, lässt sich mit keiner dieser Quellen belegen. Sie zeigen, wie umstritten staatliche Symbolik ist.

Was Polizei und Politik ändern könnten

Die Innenministerkonferenz setzte 2021 erstmals Hasskriminalität gegen queere Menschen auf ihre Agenda. Der daraufhin eingerichtete Arbeitskreis legte am 16. Juni 2023 Handlungsempfehlungen vor, darunter Fallbeispiele für die Erfassung, ein bundesweites Lagebild, niedrigschwellige Online-Anzeigen, unabhängige Beschwerdestellen, der Schutz der Adresse anzeigender Personen und verpflichtende Fortbildungen für die Polizei.[5] Der LSVD⁺ fordert darüber hinaus eine unabhängige Expert*innen-Kommission und eine bundesweite Meldestelle für queerfeindliche Straftaten. Das sind Forderungen eines Interessenverbands, keine amtlichen Beschlüsse.[5]

Einen Fortschritt gab es im Strafrecht: Seit der Ergänzung 2023 nennt § 46 StGB bei der Strafzumessung ausdrücklich auch geschlechtsspezifische und gegen die sexuelle Orientierung gerichtete Beweggründe.[12][5]

Was du tun kannst

  • Bei einem Angriff Anzeige erstatten, wenn es möglich ist, und das queerfeindliche Motiv ausdrücklich nennen. Ein nicht erkanntes Motiv landet nicht in der Hasskriminalitätsstatistik. Du kannst auch verlangen, dass die Ansprechpersonen für queere Menschen bei der Polizei einbezogen werden.[5]
  • Dich unabhängig von einer Anzeige beraten lassen. In Berlin bietet etwa MANEO, das schwule Anti-Gewalt-Projekt, ein Überfalltelefon an, vor Ort helfen lokale Beratungsstellen.[13]
  • Betroffene nach einem Vorfall nicht allein lassen: ansprechen, begleiten, zur Beratung oder Anzeige mitgehen.
  • Bei Bundestags- und Landtagsabgeordneten nachfragen, ob die Empfehlungen von 2023 im eigenen Bundesland umgesetzt werden.
  • Organisationen unterstützen, die Betroffene beraten und sich für bessere Erfassung einsetzen.

Fazit

Der Christopher Street Day geht auf die Stonewall-Proteste 1969 in New York zurück, bei denen sich queere Menschen gegen Polizeigewalt und Willkür wehrten.[8] Gemeinsam sichtbar zu bleiben, bei CSDs, in Nachbarschaften und im Alltag, ist deshalb mehr als ein Fest.

Diese Zahlen sind schwer auszuhalten, und das dürfen sie auch sein. Sie zeigen, wie viele Taten die Polizei 2025 als queerfeindlich erfasst hat, und sie zeigen, wie viele vermutlich nie in einer Statistik auftauchen. Sie sind ein Grund, informiert zu bleiben statt wegzuschauen, und sich mit anderen zusammenzutun statt allein zu bleiben. Wer eine queere Person im Umfeld hat, kann einfach fragen, wie es dieser Person gerade geht.

Transparenzhinweis: Die Zahlen zu den Straftaten stammen aus dem Fact Sheet und der Pressemitteilung des Bundeskriminalamts. Der LSVD⁺ ist ein queerpolitischer Interessenverband und bereitet diese amtlichen Zahlen auf; seine Forderungen und Einschätzungen sind im Text als Position des Verbands gekennzeichnet. Anteile und Veränderungen, die nicht in den Quellen stehen, habe ich selbst berechnet und als solche benannt.

Quellen

[1] taz (26.07.2026): Anschlag auf CSD in Berlin, der Täter war den Behörden gut bekannt. taz.de

[2] Euronews (26.07.2026): What we know so far about the attack at Berlin CSD, killing one and injuring 29. euronews.com

[3] Bundeskriminalamt (09.06.2026): Pressemitteilung, Politisch motivierte Gewalt erreicht neuen Höchststand. bka.de

[4] Bundeskriminalamt: Fact Sheet Bundesweite Fallzahlen 2025 Politisch motivierte Kriminalität, Seiten 19 bis 21. bka.de (PDF)

[5] LSVD⁺: Queerfeindliche Gewalt, Zahlen und Statistik (Aufbereitung amtlicher Daten, abgerufen im Oktober 2026). lsvd.de

[6] BMI und BKA (13.12.2024): Sicherheit von LSBTIQ* Menschen in Deutschland, Pressemitteilung zum Lagebericht. bka.de (PDF)

[7] Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (2020): A long way to go for LGBTI equality, EU-LGBTI-II-Erhebung 2019. fra.europa.eu (PDF)

[8] Belltower.News (2021): Gewalt gegen queere Menschen, Transfeindlichkeit im Kontext von Mehrfachdiskriminierung. belltower.news

[9] LSVD⁺ (16.01.2026): Bundesregierung begreift Aktionsplan „Queer leben“ als abgeschlossen. lsvd.de

[10] Legal Tribune Online (04.05.2026): Klöckner, keine Regenbogenflagge am Bundestag zum CSD. lto.de

[11] Human Rights Watch: World Report 2026, Deutschland. hrw.org

[12] Strafgesetzbuch (StGB), § 46 Grundsätze der Strafzumessung. gesetze-im-internet.de

[13] MANEO, das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin. maneo.de

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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