Klima & Erde

Ein Elefant, ein Name und ein Markt, der beides nicht versteht

EU-Kommission plant Nature Credits für Biodiversität. Warum sich Natur nicht einfach ausgleichen lässt und was Verbände und Indigene kritisieren.

8 Min. Lesezeit22. Juli 2026
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⏱ Lesezeit: ca. 8 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Die EU-Kommission legte am 7. Juli 2025 einen Fahrplan für Nature Credits vor: handelbare Einheiten für zertifizierte Naturschutzmaßnahmen.
  • Naturschutzverbände warnen vor Greenwashing und Offsetting, und eine Auswertung zeigt, wie schwer sich Natur wiederherstellen lässt.
  • Indigene Gemeinschaften sind besonders betroffen: Ihre Landrechte und ihr Zugang zu Geldern entscheiden mit, ob Naturschutz gerecht wird.

Afrikanische Elefanten rufen einander offenbar mit individuellen Lauten an, die wie Namen funktionieren. Ein Forschungsteam um Michael Pardo von der Colorado State University wertete dafür Aufnahmen wilder Elefanten in Kenia aus, unter anderem aus dem Amboseli-Nationalpark und den Reservaten Samburu und Buffalo Springs.[1][2] Mit maschinellem Lernen ließ sich aus der Akustik eines Rufs vorhersagen, an wen er gerichtet war, auch wenn er dem Ruf des angesprochenen Tieres kaum ähnelte. In Playback-Versuchen reagierten Elefanten anders auf Rufe, die ursprünglich an sie gerichtet waren, als auf Rufe an andere.[1]

Die Studie erschien 2024 in Nature Ecology & Evolution. Im Juli 2025 folgte eine Korrektur, weil einzelne Messwerte des Playback-Versuchs falsch übertragen worden waren. Die Ergebnisse änderten sich dadurch qualitativ nicht.[3]

Einordnung

Die Studie liefert Hinweise, keinen Beweis für Namen im menschlichen Sinn. Die Autor*innen schreiben von „name-like calls“ und davon, dass Elefanten Angesprochene wahrscheinlich nicht imitieren.

Warum steht das in einem Artikel über Biodiversitätskredite? Weil ein Ökosystem mehr ist als eine Summe von Arten und Flächen: Es besteht aus Beziehungen, die über Jahre wachsen. Genau hier setzt die Frage an die „Nature Credits“ an, die die EU gerade aufbaut: Wie viel davon passt in eine handelbare Einheit?

Was Nature Credits versprechen

Am 7. Juli 2025 legte die EU-Kommission ihren Fahrplan für Nature Credits vor.[4][5] Nach der Roadmap ist ein Nature Credit eine Einheit für ein naturpositives Ergebnis. Sie stammt aus einer zertifizierten, unabhängig geprüften Maßnahme und wird mit einem anerkannten Biodiversitätsindikator gemessen. Vorgesehen sind zwei Schritte: erst die Zertifizierung einer Maßnahme, dann die Ausgabe von Credits, sobald Ergebnisse belegt sind. Die Instrumente sollen freiwillig sein und öffentliche Finanzierung ergänzen.[4]

Hintergrund ist eine Finanzierungslücke. Die Kommission schätzt den Investitionsbedarf für Naturschutz und Wiederherstellung in der EU auf 65 Milliarden Euro im Jahr, die öffentliche Finanzierung reicht dafür nicht aus. Weltweit beziffert das Kunming-Montreal-Rahmenwerk die Finanzierungslücke für Biodiversität auf 700 Milliarden US-Dollar jährlich.[4]

65 Mrd. €jährlicher Investitionsbedarf für Naturschutz und Wiederherstellung in der EU (Schätzung der Kommission)
700 Mrd. $geschätzte globale Finanzierungslücke für Biodiversität pro Jahr
26 %geringere biologische Struktur in renaturierten Feuchtgebieten, selbst ein Jahrhundert danach

Käufer können laut Roadmap Unternehmen, Finanzinstitute, öffentliche Stellen oder Bürger*innen sein.[4] Die Idee ist vom Klimaschutz bekannt, wo handelbare Zertifikate seit Jahren im Einsatz sind. Die Kommission nennt selbst Lehren aus dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt als Ziel.[5]

Ausgleich oder Zusatz? Der Streit um den Begriff

Ob Nature Credits Kompensation sind, ist der Kern der Auseinandersetzung. Die Roadmap grenzt sie ab: Belohnt werden sollen Maßnahmen, die über gesetzliche Pflichten und die sogenannte Vermeidungshierarchie hinausgehen. Diese verlangt in der EU, Schäden zuerst zu vermeiden, dann zu verringern und nur als letzten Ausweg auszugleichen.[4]

Kritiker*innen bezweifeln, dass diese Abgrenzung im Markt hält. Lukas Traup vom NABU weist darauf hin, dass die Roadmap offenlässt, ob ein verbindliches EU-Regelwerk kommt oder nur freiwillige Leitlinien. Die geplante Handelbarkeit samt Bündelung, Ansparen und Sekundärmarkt erinnere stark an den freiwilligen CO₂-Markt.[6]

Clara Bourgin von Friends of the Earth Europe nennt Naturzertifikate einen „Greenwashing-Shortcut“, der Konzernen erlaube, „die Natur weiter zu zerstören, solange sie dafür bezahlen“. Carbon Market Watch warnt, die komplexe Natur von Millionen Arten auf wenige Kennzahlen zu verdichten, berge die Gefahr grober Vereinfachung.[5] Was Greenwashing im Kern ausmacht, erklärt das Lexikon.

Warum die Rechnung nicht aufgeht

Ökolog*innen sprechen vom Äquivalenzproblem: Ein Stück Natur ist nicht beliebig durch ein anderes ersetzbar. Wie schwer Wiederherstellung ist, zeigt eine Auswertung von 621 Feuchtgebieten weltweit. Selbst ein Jahrhundert nach der Wiederherstellung lagen die biologische Struktur im Schnitt 26 Prozent und die biogeochemische Funktion 23 Prozent unter denen von Referenzflächen.[7] Eine Renaturierung kann also ein Gewinn sein, ersetzt aber nicht automatisch, was an anderer Stelle verloren geht.

Dazu kommt die Frage der Maßeinheit. Eine Übersicht der Pollination Group vom Oktober 2023 zählte rund 26 private Biodiversitätskredit-Programme, die jeweils eigene Methoden nutzen. Bei einem Anbieter entsteht ein Kredit durch ein Foto eines Jaguars auf einem Hektar, bei einem anderen durch eine einprozentige Verbesserung gegenüber einer Referenzfläche.[8] Von einer gemeinsamen Währung für Biodiversität ist das weit entfernt.

Auch die EU hat die Standards noch nicht gesetzt. Laut Bellona tagte die Expertengruppe zuletzt am 18. Mai 2026, Konzepte und Definitionen liegen als Entwurf vor. Offen sind die Haftung bei ausbleibender Wirkung, Doppelzählung und die Frage, ob Credits in Pflichtkontexten oder rein freiwillig genutzt werden. Bellona unterstützt kein Offsetting mit Biodiversitätskrediten.[9]

Wer wirklich betroffen ist

Indigene Völker verwalten oder haben Landrechte über mindestens rund 38 Millionen Quadratkilometer in 87 Ländern. Das ist über ein Viertel der Landfläche, und sie überschneidet sich mit etwa 40 Prozent der Schutzgebiete und ökologisch intakten Landschaften.[10] Mindestens 36 Prozent der letzten intakten Waldlandschaften liegen auf dem Land Indigener Völker, und die Verlustraten sind dort deutlich niedriger als auf anderen Flächen.[11] Häufig wird daraus abgeleitet, rund 80 Prozent der verbleibenden Biodiversität lägen in Regionen, in denen Indigene und lokale Gemeinschaften leben. Mongabay nennt das eine Schätzung.[8]

Naturschutz bedeutete lange das Gegenteil von Anerkennung. „Fortress Conservation“ bezeichnet Schutzgebiete, die Menschen ausschließen. Eine Analyse im Fachjournal Land argumentiert, dass dieser Ansatz Indigenen Gemeinschaften real schadet und auf kolonialen Landvorstellungen beruht.[12] Die Rights and Resources Initiative spricht von chronischen Mustern von Übergriffen und Menschenrechtsverletzungen.[13] Hintergründe liefern die Lexikon-Einträge zu Kolonialismus und Dekolonisierung.

Was heißt das für Nature Credits? Die Roadmap verlangt, Indigene und lokale Gemeinschaften sinnvoll einzubeziehen und ihre Rechte zu achten.[4] Die Praxis anderer Programme sieht laut Pollination-Übersicht anders aus: Die Mehrheit legt keine umfassenden Anforderungen an freie, vorherige und informierte Zustimmung fest. Zudem erreichen nur etwa 17 Prozent der internationalen Naturschutzgelder Organisationen, die von Indigenen oder lokalen Gemeinschaften geführt werden. Joan Carling von Indigenous Peoples Rights International sagte Mongabay, ein solcher Markt sei in der Praxis für Offsets gedacht.[8]

Was stattdessen helfen würde

Das ist keine Absage an private Finanzierung für Naturschutz. Entscheidend ist, ob sie zusätzlich ist oder Schäden legitimiert. Der NABU betont, dass Naturschutz in Europa auf Ordnungsrecht und eine substanzielle öffentliche Finanzierung angewiesen bleibt.[6] Friends of the Earth Europe fordert, das Umweltrecht zu stärken, die Wiederherstellung angemessen zu finanzieren und schädliche Subventionen umzulenken.[5]

Verbindlich ist bereits die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur vom 24. Juni 2024. Sie setzt als Unionsziel, bis 2030 mindestens 20 Prozent der Land- und der Meeresfläche abzudecken und bis 2050 alle Ökosysteme, die es brauchen. Die Mitgliedstaaten mussten bis zum 1. September 2026 einen Entwurf ihres nationalen Wiederherstellungsplans vorlegen.[14] Die Roadmap nennt diese Verordnung selbst als Bezugspunkt: Staaten könnten mit Nature Credits Beiträge zu ihren Verpflichtungen anerkennen.[4] An dieser Schnittstelle sieht Bellona Risiken bei der Abgrenzung zu gesetzlichen Pflichten.[9]

Für den Schutz Indigener Gebiete lohnt der Blick auf die Studien selbst: Beide folgern, dass die Anerkennung Indigener Landrechte zentral für Naturschutzziele ist.[10][11] Wo Rechte und Geld direkt bei den Gemeinschaften ankommen, braucht es keinen Umweg über Zertifikate, um Schutz zu belegen.

Was du tun kannst

  1. Bei Werbung mit „naturpositiv“ oder Biodiversitätskrediten nachfragen: Wird ein Schaden vermieden oder nur ausgeglichen? Nach der Vermeidungshierarchie der EU kommt der Ausgleich zuletzt.
  2. Spenden an Organisationen prüfen, die von Indigenen oder lokalen Gemeinschaften geführt werden. Gerade sie erreichen laut Mongabay nur einen kleinen Teil der Naturschutzgelder.
  3. Beim zuständigen Landesumweltministerium oder einem Naturschutzverband nachfragen, wie der Entwurf des Wiederherstellungsplans für deine Region aussieht und wie Beteiligung möglich ist.

Fazit

Nature Credits könnten zusätzliche Mittel für den Naturschutz bringen. Ob das gelingt, hängt nach Einschätzung des NABU von der konkreten Ausgestaltung und Regulierung ab.[6] Stand Oktober 2026 sind die Kernfragen offen, und die Erfahrung mit dem Kohlenstoffmarkt mahnt zur Vorsicht. Wie du Umweltversprechen von Unternehmen prüfst, zeigt der Beitrag zu den sieben Warnsignalen bei nachhaltiger Mode.

Die Grundfrage an jeden Ausgleichsmechanismus lautet: Ist das, was zerstört wird, wirklich ersetzbar?

Kerngedanke

Quellen

[1] Pardo et al. (2024): African elephants address one another with individually specific name-like calls. Nature Ecology & Evolution 8, 1353 bis 1364. nature.com

[2] Pardo et al. (27.08.2023): Preprint der Studie mit Methodenteil zu den Aufnahmeorten. bioRxiv. biorxiv.org

[3] Pardo et al. (17.07.2025): Author Correction zu dieser Studie. Nature Ecology & Evolution 9, 1527 bis 1528. nature.com

[4] Europäische Kommission (07.07.2025): Roadmap towards Nature Credits, COM(2025) 374 final. environment.ec.europa.eu (PDF)

[5] Deutscher Naturschutzring (09.07.2025): EU-Kommission legt Fahrplan für „Nature Credits“ vor. dnr.de

[6] Lukas Traup, NABU, im Deutschen Naturschutzring (26.06.2025): EU-Nature Credits, Hype oder Flop? dnr.de

[7] Moreno-Mateos et al. (2012): Structural and functional loss in restored wetland ecosystems. PLoS Biology 10(1), e1001247. doi.org

[8] Shreya Dasgupta, Mongabay (19.03.2024): Are biodiversity credits just another business-as-usual finance scheme? news.mongabay.com

[9] Bellona Europa (29.06.2026): Takeaways from the 3rd Expert Group meeting on Nature Credits (Sitzung vom 18.05.2026). eu.bellona.org

[10] Garnett et al. (2018): A spatial overview of the global importance of Indigenous lands for conservation. Nature Sustainability 1, 369 bis 374. nature.com

[11] Fa et al. (2020): Importance of Indigenous Peoples‘ lands for the conservation of Intact Forest Landscapes. Frontiers in Ecology and the Environment. doi.org

[12] Domínguez und Luoma (2020): Decolonising Conservation Policy. Land 9(3), 65. doi.org

[13] Rights and Resources Initiative (2018): Cornered by Protected Areas. doi.org

[14] Verordnung (EU) 2024/1991 über die Wiederherstellung der Natur vom 24. Juni 2024, Artikel 1, 16 und 28. eur-lex.europa.eu

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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