CO₂-neutral per Zertifikat: Was Carbon Credits wirklich leisten

Power plant emitting smoke with a waterfront view of a lake and reeds.

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Wer bei Lufthansa ein „Green Fare“ buchte, zahlte einen Aufpreis und bekam das Versprechen, dass der Flug klimaneutral sei. 80 Prozent des Aufpreises flossen in Carbon Credits. Ein Kölner Gericht untersagte diese Werbung 2024 auf Klage der Deutschen Umwelthilfe als irreführend: Flugreisen können durch Zertifikatskäufe nicht klimaneutral werden. Lufthansa ist kein Einzelfall. Der Markt, der diese Versprechen trägt, hat strukturelle Probleme.

Was Carbon Credits sind und wie der Markt funktioniert

Carbon Credits sind Zertifikate, die eine Tonne vermiedenes oder gespeichertes CO₂ repräsentieren sollen. Unternehmen kaufen sie, um eigene Emissionen zu „kompensieren“ und sich als klimaneutral zu vermarkten. Der größte Anbieter auf dem freiwilligen Markt ist Verra mit Sitz in Washington, D.C., der etwa drei Viertel aller weltweit ausgegebenen Credits zertifiziert.

Die beliebteste Kategorie: „Avoided Deforestation“, auf Englisch REDD+. Das Prinzip: Ein Projekt schützt Wald, der sonst abgeholzt worden wäre. Wie viel Wald „gerettet“ wurde, bemisst sich an einem Vergleichsszenario: Was wäre passiert, wenn das Projekt nicht existiert hätte? Genau hier liegt das Problem.

Was die Forschung zeigt

Im Januar 2023 veröffentlichten Guardian, Die Zeit und das Recherchebüro SourceMaterial eine neunmonatige Untersuchung zu Verras Regenwald-Credits. Der Befund, den die LSE aufbereitet hat: Mehr als 90 Prozent der ausgegebenen Zertifikate sind wahrscheinlich „Phantom-Credits“, die keine realen Emissionsreduktionen abbilden. Verras Projekte hatten die Bedrohung für die Wälder im Durchschnitt um rund 400 Prozent überschätzt.

Einige Monate später erschien im Fachmagazin Science eine Peer-reviewed-Studie mit ähnlichen Ergebnissen: Nur 6,2 Prozent der untersuchten Verra-Credits repräsentierten tatsächlich zusätzliche, real erbrachte Emissionsreduktionen. 94 Prozent der Zertifikate deckten also keine CO₂-Einsparungen, die ohne das Projekt nicht eingetreten wären. Mongabay fasst zusammen: REDD+-Projekte hielten erheblich weniger, als sie versprachen.

Das Grundproblem heißt auf Fachsprache „Additionality“: War der Wald wirklich bedroht? Oder wäre er auch ohne das Projekt stehen geblieben? Das Vergleichsszenario ist manipulierbar. Und es wird von Projektentwickler*innen und Zertifizierern festgelegt, die beide ein finanzielles Interesse am Ergebnis haben.

Wer am System verdient

Verra erhielt 10 Cent pro zertifiziertem Credit, unabhängig von der Qualität. Projektentwickler*innen verkaufen Credits. Unternehmen kaufen sie, um Klimaneutralität zu kommunizieren. Niemand im System hat einen strukturellen Anreiz, auf Probleme hinzuweisen.

Auf der Käuferseite stehen Fluggesellschaften, Modemarken, Streaming-Plattformen und Banken. Das Versprechen, das sie kaufen: weiterzumachen wie bisher, während die Emissionen anderswo „aufgewogen“ werden. Das Kölner Urteil gegen Lufthansa ist ein seltener Moment, in dem dieses Versprechen rechtlich als das eingestuft wurde, was es ist: irreführend.

Was im Globalen Süden passiert

Die Projekte selbst liegen fast immer im Globalen Süden. Was das für die Menschen vor Ort bedeutet, ist in mehreren Fällen dokumentiert.

Beim Kasigau-Corridor-Projekt in Kenia, das 200.000 Hektar und 360.000 Menschen betrifft, dokumentierten SOMO und die Kenya Human Rights Commission über Jahre sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch durch Projektmitarbeitende. Beim Southern-Cardamom-Projekt in Kambodscha wurden Chong-Indigene von ihrem angestammten Land vertrieben, Besitztümer zerstört. In Kenia wurden Mitglieder der Ogiek-Gemeinschaft aus dem Mau-Wald gedrängt: im Namen des Klimaschutzes. In Uganda brachte das Kikonda-Forstprojekt, an dem die Fluggesellschaft KLM beteiligt war, Vorwürfe der Verletzung lokaler Landnutzungsrechte.

Die gemeinsame Struktur: Unternehmen im Globalen Norden kaufen sich durch Zertifikate frei. Gemeinschaften im Globalen Süden tragen die Kosten. Das System der freiwilligen Kohlenstoffkompensation reproduziert koloniale Machtgefälle, ohne es im Marketing zu benennen.

Was stattdessen helfen würde

Carbon Credits lösen das Emissionsproblem nicht. Sie verschieben es, und in vielen Fällen nur auf dem Papier.

Was die Forschung fordert: echte Emissionsreduktionen an der Quelle, keine Kompensation. Wer weiteremittiert und Zertifikate kauft, hat seine Emissionen nicht reduziert. Das klingt banal, ist aber der Kernunterschied, den das gesamte Marketing der Carbon-Credit-Industrie verwischt.

Für Verbraucher*innen bedeutet das: „Klimaneutral“ auf einem Produkt oder in einer Flugoption ist kein verlässlicher Standard. Das Kölner Urteil hat das für den deutschen Markt zumindest für Lufthansa festgestellt. Ob ein Unternehmen seine Emissionen tatsächlich senkt oder nur seine Kommunikation, lässt sich an den Carbon Credits nicht ablesen.


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