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Kurkuma heilt Wunden. Das wissen Menschen in Indien seit Jahrtausenden. 1995 ließ eine US-amerikanische Universität genau das patentieren. Nicht weil sie es entdeckt hätten. Sondern weil das Patent-System es erlaubte. Dieser Fall hat einen Namen: Biopiraterie. Und er ist kein Einzelfall.
Was Biopiraterie ist
Biopiraterie bezeichnet die Aneignung von Pflanzen, genetischen Ressourcen oder kollektivem Wissen, das indigene oder lokale Gemeinschaften seit Generationen entwickelt und genutzt haben, ohne deren Zustimmung und ohne Ausgleich. Meistens läuft das über Patente: Eine Forschungseinrichtung oder ein Unternehmen im Globalen Norden identifiziert eine Pflanze oder ein Verfahren, das anderswo bereits bekannt ist, und lässt es als eigene Erfindung schützen. Die Gemeinschaften, die dieses Wissen entwickelt und weitergegeben haben, müssten plötzlich zahlen oder werden davon ausgeschlossen.
Den Begriff geprägt hat Pat Mooney von der ETC Group, einem internationalen Forschungsinstitut zu Technologiepolitik und Biodiversität, in den frühen 1990er Jahren.
3 Fälle, die zeigen, wie es läuft
Kurkuma. 1995 erteilte das US-Patentamt der University of Mississippi ein Patent auf die wundheilende Wirkung von Kurkuma. In Indien seit Jahrhunderten dokumentiert: in Sanskrit-Texten, in medizinischen Fachartikeln, in gelebter Heilpraxis. Das indische Council of Scientific and Industrial Research (CSIR) focht das Patent 1996 an und legte historische Belege vor. 1997 wurde es widerrufen. Es war das erste Mal, dass ein US-Patent erfolgreich auf Basis überlieferten Wissens gekippt wurde.
Neem. Der Niembaum wird auf dem indischen Subkontinent seit mindestens 2000 Jahren als Pestizid, Heilmittel und Dünger genutzt. 1994 patentierte das US-Unternehmen W.R. Grace zusammen mit dem US-Landwirtschaftsministerium beim Europäischen Patentamt eine Methode zur Pilzbekämpfung aus Neemsamen. 2000 widerrief das EPO das Patent, nachdem die Umweltaktivistin Vandana Shiva, Greenpeace und andere Einspruch eingelegt und Belege für die jahrhundertelange Nutzung geliefert hatten. Der GRAIN-Bericht zum Urteil dokumentiert den Fall bis zur finalen Bestätigung 2005.
Quinoa. 1994 erhielten 2 Agrarforscher der Colorado State University ein US-Patent auf eine männlich-sterile Andenvariante der Quinoa-Pflanze, die Bäuerinnen und Bauern in Bolivien über Generationen gezüchtet hatten. Das Patent beanspruchte Kontrolle über Pflanzenmaterial, das nicht aus westlicher Forschung, sondern aus dem kollektiven Wissen der Andengemeinschaften stammte. Nach internationalem Druck und Protesten der bolivianischen Regierung ließen die Forscher das Patent 1998 verfallen.
Warum das kein Zufall ist
Diese Fälle folgen einem Muster. Das Patentsystem verlangt Neuheit und Erfindungshöhe. Was als „neues Wissen“ gilt und was als nicht schutzwürdiger „Stand der Technik“, entscheidet sich dabei überwiegend nach westlichen Archivierungsstandards. Wissen, das mündlich weitergegeben wurde oder in Sprachen dokumentiert ist, die Patentämter nicht lesen, gilt als nicht existent.
Das ist keine technische Panne des Systems. Es ist Konsequenz davon, wessen Wissensformen als formal anerkannt gelten und wessen nicht. Koloniale Strukturen bestimmen bis heute, welches Wissen schutzwürdig ist und welches abschöpfbar bleibt.
Das Nagoya-Protokoll und seine Grenzen
2010 wurde das Nagoya-Protokoll verabschiedet, 2014 trat es in Kraft. Es regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen und die faire Aufteilung des Nutzens, auf Englisch Access and Benefit Sharing (ABS). Unternehmen sollen die Zustimmung der Herkunftsgemeinschaften einholen und Erträge mit ihnen teilen.
In der Praxis hat das Protokoll Wirkung gezeigt, hat aber erhebliche Lücken. Eine der größten: Digitale Sequenzinformationen, also DNA-Daten aus öffentlichen Datenbanken, fallen nicht darunter. Wer genetische Sequenzen abruft und damit forscht oder Produkte entwickelt, braucht keine Zustimmung und teilt keine Erträge. Da moderne Biotechnologie und Pharmaindustrie überwiegend mit diesen Daten arbeiten, umgeht ein Großteil der relevanten Aktivitäten das Protokoll. Eine Analyse zum zehnjährigen Jubiläum des Protokolls benennt diese Lücke als eine der dringendsten offenen Fragen.
Grundsätzlicher gesagt: Das Protokoll reguliert innerhalb der bestehenden Eigentumslogik. Es stellt nicht infrage, dass Wissen überhaupt privatisiert werden kann. Es versucht nur, die Bedingungen dieser Privatisierung gerechter zu gestalten.
Was das mit Konsum zu tun hat
Superfoods wie Quinoa, Açaí oder Moringa. Kurkuma im Latte. Neem in der Naturkosmetik. Viele dieser Produkte, die als nachhaltig und natürlich vermarktet werden, haben Lieferketten, die Fragen offenlassen. Wer hat die Pflanzenzüchtung über Generationen geleistet? Wer verdient an der Vermarktung?
Das ist keine Aufforderung, auf Kurkuma zu verzichten. Es ist eine Einladung, die Lieferkette und die dahinterstehenden Machtverhältnisse nicht auszublenden, wenn von Nachhaltigkeit gesprochen wird. Fair Trade prüft Arbeitsbedingungen. Ob überliefertes Wissen fair entlohnt wird, prüft kaum jemand.







