- Gemeint
- Bewegung aus Kunst, Literatur, Design und Aktivismus, die nachhaltige und gerechte Zukünfte entwirft
- Herkunft
- Blogbeitrag von 2008, brasilianische Literaturszene ab 2011
- Wichtige Texte
- Flynns Entwurf für ein Manifest (2014), kollektives Manifest (veröffentlicht Anfang 2020)
- Gegenbild zu
- Cyberpunk und dystopischen Klimaerzählungen
- Streitpunkte
- geringe Vielfalt unter den Schreibenden, grüner Kolonialismus bei Energieprojekten
Einfach erklärt
Solarpunk ist eine Bewegung aus Literatur, Kunst, Design und Aktivismus, die Zukünfte entwirft, in denen Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit gelungen sind. Der Name besteht aus „Solar“ und „Punk“. Nach Kati Struckmeyer (2024) steht „Solar“ für ökologische Nachhaltigkeit und „Punk“ für Rebellion, Inklusion, Diversität und ein Alternativmodell zum Kapitalismus. Der Begriff lehnt sich an den Cyberpunk an, ein düsteres Science-Fiction-Genre aus den 1980er-Jahren.
Solarpunk setzt dem Untergang bewusst Hoffnung entgegen. Zu den Beispielen zählen Häuser und Dörfer, die sich mit Solaranlagen selbst versorgen, Gemeinschaftsgärten und Kleidung, die Strom erzeugt. Struckmeyer beschreibt als Ziel, Menschen zum Handeln zu bewegen und dem Ohnmachtsgefühl entgegenzuwirken, das aus der Angst vor der Klimakrise entsteht. Das knüpft an die Klimaangst an. Die erneuerbaren Energien bilden das technische Fundament, im Zentrum stehen aber Gemeinschaft, Gerechtigkeit und ein gutes Leben.
Merke
Das kollektive Manifest nennt Solarpunk zugleich eine Vision der Zukunft, eine Provokation, eine Lebensweise und eine Sammlung erreichbarer Vorschläge. Es kann utopisch sein oder bloß optimistisch, aber nie dystopisch.
Ausführlich erklärt
Ein Frachtschiff und ein Blogbeitrag: 2008
Das Wort taucht am 30. April 2008 in einem Beitrag des Blogs Republic of the Bees auf, der den Energieumbau in Kalifornien begleitet. Anlass war die Beluga Skysail, ein Frachtschiff, das zusätzlich zum Motor ein Segelsystem nutzt. Das deutsche Unternehmen SkySails erwartete laut seiner Pressemitteilung je nach Route und Wetter zwischen 10 und 35 Prozent Kraftstoffersparnis. Bei der ersten Fahrt im März 2008 seien es 20 Prozent gewesen. Der Autor John-Robert schlug daraufhin „Solarpunk“ als neues literarisches Genre vor und grenzte es vom Steampunk ab, einem Science-Fiction-Genre mit Dampftechnik und viktorianischer Ästhetik: Dort leitet die alte Technik die erfundene Welt. Im Solarpunk werden ältere Techniken wiederbelebt, die auf Sonne und Wind beruhen, weil Öl nicht mehr billig ist. Solarpunk-Texte und -Techniken müssten deshalb nicht erfunden sein.
Von Brasilien zum Manifest
Als literarische Szene entstand Solarpunk nach Reina-Rozo (2021) in Brasilien. 2011 gab es dort die erste Ausschreibung für Erzählungen, in einer anderen Sprache als Englisch, der in der Science-Fiction vorherrschenden. Die Anthologie (ein Sammelband mit Kurzgeschichten) „Solarpunk: Histórias ecológicas e fantásticas em um mundo sustentável“, herausgegeben von Gerson Lodi-Ribeiro (erschienen 2012 oder 2013), versammelt neun Geschichten über alternative Energienutzung. Nach Piechota (2022) sind die brasilianischen Schreibenden weniger optimistisch als die US-amerikanischen: Sie sehen in der Energiewende auch Gefahren wie bewaffnete Konflikte, unmoralische Experimente oder Biowaffen.
Am 4. September 2014 veröffentlichte Adam Flynn im Projekt Hieroglyph der Arizona State University „Solarpunk: Notes toward a manifesto“. Reina-Rozo nennt den Text einen Gründungstext. Flynn versteht Solarpunk als Gegenbild zum Cyberpunk, der nihilistisch sei, also von Sinnlosigkeit geprägt. Stattdessen gehe es um Einfallsreichtum, Eigenständigkeit und Gemeinschaft. Das „Punk“ liegt laut Flynn im Widerstand durch Infrastruktur: Lokale Energieversorgung stärke die Verhandlungsposition gegenüber jenen, die Anschlüsse abstellen könnten. Die Ästhetik beschreibt der Text als Mischung aus Segelschiffzeit mit mehr Fahrrädern, kreativer Wiederverwendung vorhandener Infrastruktur, dem Erfindungsgeist des Jugaad aus Ländern außerhalb des Westens und Hightech im Hintergrund mit schlichter Bedienung. Statt Smart Cities setzt Flynn auf eine kluge Bürgerschaft.
Aus Flynns Entwurf und einem Referenzleitfaden entstand das kollektive „Solarpunk Manifesto“, das nach Reina-Rozo Anfang 2020 auf der Seite ReDes erschien. Es nennt Rebellion, Gegenkultur, Postkapitalismus und Dekolonialismus als Bedeutung des „Punk“. Außerdem hält es fest, die Solarpunk-Kultur umfasse alle Kulturen, Religionen, Fähigkeiten, Geschlechter und sexuellen Identitäten. Queere Bezüge sind sichtbar: Eine Linkliste der Simmons University verzeichnet selbst gestaltete Solarpunk-Pride-Flaggen und queere Webcomics (2020). Wie Queerness und Natur zusammengedacht werden, erklärt der Eintrag zur Queeren Ökologie.
Erzählen, Basteln, Feiern: wie Solarpunk gelebt wird
Die wichtigste literarische Form ist die Kurzgeschichte. Nach Lynall (2022) werden erneuerbare Energien in den Erzählungen als selbstverständlich dargestellt. Bekannt ist die Anthologie „Sunvault“, 2017 herausgegeben von Phoebe Wagner und Brontë Wieland. Die beiden schreiben 2020, ein typischer Solarpunk-Roman fehle noch, am nächsten komme vielen Cory Doctorows „Walkaway“ von 2017. Solarpunk-Erzählungen wollen nach Wagner und Wieland nicht nur zeigen, dass eine bessere Welt möglich ist, sondern auch, wie sich darauf hinarbeiten lässt.
Daneben gibt es Praxis. Reina-Rozo nennt Veranstaltungen in Portland, Barcelona und Berlin, darunter das Solar Punk Festival des Ellery Studios 2018 in Berlin. Die Künstlergruppe Solarpunk Surf Club entwickelte seit 2020 das Kartenspiel „Solarpunk Futures“, in dem Spielende gemeinsam Zukünfte erzählen. Nicole Pohl (2022) verbindet es mit der „Futures Literacy“ der UNESCO, also der Fähigkeit, Zukünfte zu entwerfen. Die Karten sind laut Pohl kostenlos herunterzuladen.
Wissenschaftlicher Blick und Kritik
Die Forschung betrachtet Solarpunk in Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Nachhaltigkeitsforschung. W. Kees Schuller (2024) beschreibt es als Gegenmittel zu Klimaangst und Klimatrauer: Solarpunk stelle den Klimawandel als Werkzeug und Ergebnis des Spätkapitalismus dar, was ihn emotional handhabbarer mache. Zugleich sieht Schuller große Ausschlüsse und möglicherweise gravierende Schwächen. Reina-Rozo nennt als Kritik die geringe Vielfalt unter den Schreibenden, das Fehlen nicht menschenzentrierter Sichtweisen und fehlende Bezüge zum Afrofuturismus. Als Vorläufer führt Reina-Rozo „Sultana’s Dream“ von Begum Rokeya aus dem Jahr 1905 an, eine feministische Erzählung einer muslimischen Autorin, die nicht als Solarpunk geschrieben wurde.
Einordnung
Das „Solar“ meint nicht nur Solartechnik. Nach Wagner und Wieland erinnert der Bezug zur Sonne an die Verbundenheit von Menschen, Nichtmenschlichem, Sonnenlicht und Stoffen. Solarpunk-Literatur drehe sich nicht nur um Solarenergie.
Die zweite Kritiklinie betrifft Energieprojekte selbst. Reina-Rozo zeigt, dass Konzerne im Globalen Süden (Länder, die oft kolonial geprägt und wirtschaftlich benachteiligt sind) Windparks, Staudämme und Solaranlagen bauen, die Gemeinschaften verdrängen oder Kulturstätten beschädigen, etwa das Windprojekt Jepirachi im Gebiet der Wayuu in Kolumbien oder Solaranlagen, die Geoglyphen (große Bodenbilder) bei Blythe in Kalifornien beschädigten. Reina-Rozo fordert deshalb eine Dekolonisierung der Energie und nennt Energiesouveränität als Ziel: gerechte Erzeugung, Verteilung und Kontrolle von Energie durch organisierte Gemeinschaften. Mehr zu dieser Spannung steht im Eintrag Klimakolonialismus. Reina-Rozo fragt außerdem, was einen lateinamerikanischen Solarpunk auszeichnen würde, und sieht indigene und afrofuturistische Zukunftsentwürfe als wichtig für mehr Vielfalt.
Zukünfte zu erfinden war bisher ein privilegierter Raum, und Solarpunk will ihn für mehr Stimmen öffnen.
Kerngedanke nach Reina-Rozo (2021)
Quellen: John-Robert (30.04.2008): From Steampunk to Solarpunk, Republic of the Bees / Flynn (2014): Solarpunk: Notes toward a manifesto, Project Hieroglyph / ReDes: A Solarpunk Manifesto / Reina-Rozo (2021): Art, energy, and technology: the Solarpunk movement, International Journal of Engineering, Social Justice, and Peace / Struckmeyer (2024): Stichwort Solarpunk, merz medien + erziehung / Wagner und Wieland (2020): Solarpunks & Storytelling in the Capitalocene, American Book Review / Lynall (2022): Solarpunk, The Cambridge Companion to Literature and Climate / Schuller (2024): Solarpunk, Routledge Handbook of Climate Change and Society / Piechota (2022): Solarpunk, Towards a Bright Future, Annales UMCS, sectio FF / Pohl (2022): Solarpunk Futures, Utopian Studies / Simmons University: LibGuide Solarpunk, Queer Solarpunk (2020)
Hinweis zur Quellenlage: Stand 18. Oktober 2026. Reina-Rozo nennt den 27. Mai 2008 als Datum des ersten Blogbeitrags, der Beitrag selbst trägt das Datum 30. April 2008. Die brasilianische Anthologie erscheint bei Wagner und Wieland mit 2012, bei Reina-Rozo und in der Bibliografie von Open Library mit 2013. Die Aussagen zu Energieprojekten im Globalen Süden stützen sich auf die Auswertung von Reina-Rozo. Die Quellen stammen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum und aus Kolumbien, deutschsprachige Forschung ist knapp.
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