Queeres ABC

Queere Ökologie

Queere Ökologie verbindet ökologisches Denken mit queerer Theorie, dem Werkzeug, das Normvorstellungen zu Geschlecht, Sexualität und Körper hinterfragt.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 17.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Verbindung von ökologischem Denken und queerer Theorie
These
Umweltzerstörung und die Unterdrückung queerer Menschen entstammen oft denselben Machtstrukturen
Begriff
Von Catriona Sandilands in den 1990er-Jahren geprägt
Forschungsfeld
2010 durch zwei Schlüsseltexte von Sandilands und Erickson sowie von Timothy Morton etabliert
Argument
Die Berufung auf eine angeblich natürliche Ordnung hält einem Blick in die Tierwelt nicht stand

Einfach erklärt

Queere Ökologie verbindet ökologisches Denken mit queerer Theorie, dem Werkzeug, das Normvorstellungen zu Geschlecht, Sexualität und Körper hinterfragt. Der Kern der These: Umweltzerstörung und die Unterdrückung queerer Menschen entstammen oft denselben Machtstrukturen, Patriarchat, Heteronormativität, Kolonialismus und einem Verständnis von Natur, das bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse als naturgegeben und unveränderlich erscheinen lässt.

Geprägt hat den Begriff die kanadische Wissenschaftlerin Catriona Sandilands in den 1990er-Jahren, heute Professorin an der York University in Toronto. Zu einem eigenständigen akademischen Feld wurde queere Ökologie vor allem 2010, als gleich zwei Schlüsseltexte erschienen: der von Sandilands mit Bruce Erickson herausgegebene Sammelband „Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire“ und der Essay „Guest Column: Queer Ecology“ des Literaturwissenschaftlers Timothy Morton in der Fachzeitschrift PMLA.

Ein zentrales Argument: Die Berufung auf eine angeblich natürliche Ordnung, mit der Zweigeschlechtlichkeit oder Heterosexualität gerechtfertigt werden, hält einem Blick in die Tierwelt nicht stand. Der Zoologe Bruce Bagemihl dokumentierte 1999 in seinem Standardwerk „Biological Exuberance“ gleichgeschlechtliches Verhalten und Geschlechtsvarianz bei über 400 Tierarten.

Praktisch verknüpft sich queere Ökologie zunehmend mit der Klimabewegung: Eine US-Studie von 2024 zeigt, dass Regionen mit einem hohen Anteil queerer Haushalte überdurchschnittlich oft in Gebieten mit hohem Klimarisiko liegen, weil Diskriminierung und Wohnortwahl strukturell zusammenhängen.


Ausführlich erklärt

Begriffsgeschichte: von Sandilands über Morton zum akademischen Feld

Catriona Sandilands, heute Professorin an der Faculty of Environmental and Urban Change der York University in Toronto, entwickelte den Begriff „queer ecology“ nach eigener Aussage in den 1990er-Jahren. Sie baute damit auf ihrer Arbeit zum Ökofeminismus auf, die sie 1999 im Buch „The Good-Natured Feminist: Ecofeminism and Democracy“ veröffentlichte.

Ihr Ausgangspunkt: Ökologisches Denken lässt sich nicht von den gesellschaftlichen Normen trennen, mit denen über natürliche Körper, Geschlechter und Begehrensformen entschieden wird.

Kerngedanke

Zu einem eigenständigen Forschungsfeld verdichtete sich das Thema 2010 mit zwei fast zeitgleich erschienenen Texten. Sandilands gab mit dem Geografen Bruce Erickson den Sammelband „Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire“ heraus (Indiana University Press). Er zeigt: Selbst Umweltbewegungen reproduzieren oft heteronormative Naturvorstellungen, etwa wenn Naturschutz nostalgisch gedacht wird, ohne die koloniale Geschichte von Landnahme mitzudenken. Im selben Jahr veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Timothy Morton in der Fachzeitschrift PMLA (Publications of the Modern Language Association), Ausgabe 125, Heft 2, Seiten 273 bis 282, den vielzitierten Essay „Guest Column: Queer Ecology“, der ökologische Literaturkritik systematisch mit Queer Theory verband. Eine wichtige Vorarbeit dazu leistete bereits 2008 der Sammelband „Queering the Non/Human“ von Noreen Giffney und Myra J. Hird, der grundsätzlicher fragte, was es bedeutet, die Kategorie des Menschen selbst zu queeren.

Natur als politisches Argument: die Unnatürlichkeits-Debatte

Natur als politisches Argument

Ein wiederkehrendes Argument gegen queere Lebensweisen ist der Verweis auf eine angeblich natürliche Ordnung: Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit seien biologisch vorgegeben, alles andere eine Abweichung. Queere Ökologie widerspricht dem auf zwei Ebenen. Historisch diente die Berufung auf Natur wiederholt dazu, bestehende Machtverhältnisse zu legitimieren, von der Kriminalisierung nicht-heterosexueller Lebensweisen bis zur Rechtfertigung kolonialer Landnahme, bei der europäische Kolonialmächte die weniger binären Geschlechterordnungen vieler indigener Gesellschaften aktiv unterdrückten. Bis heute berufen sich indigene Bewegungen in Nordamerika, etwa im Two-Spirit-Aktivismus, gezielt auf solche vorkolonialen Geschlechterordnungen, um koloniale Normen politisch infrage zu stellen.

Empirisch widerlegt Bruce Bagemihls Standardwerk „Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity“ von 1999 die Vorstellung, gleichgeschlechtliches Verhalten sei ein Ausnahmefall in der Natur. Der Zoologe wertete über zwei Jahrhunderte an Beobachtungsdaten aus und dokumentierte gleichgeschlechtliches Verhalten sowie Geschlechtsvarianz bei mehr als 400 Tierarten, von Vögeln und Säugetieren bis zu Insekten, Reptilien, Amphibien und Fischen. Für queere Ökologie ist das kein Beweis dafür, dass Homosexualität „natürlicher“ sei, sondern ein Argument dagegen, Natur überhaupt als Maßstab für Lebensweisen heranzuziehen. Sandilands bringt diesen Gedanken selbst auf den Punkt: Das, was wir als Norm setzen, sei nur ein winziger Ausschnitt eines unfassbar vielfältigen Universums.

Klimakrise und queere Vulnerabilität

Der Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Klimafolgen lässt sich inzwischen auch empirisch zeigen. Eine Studie des Williams Institute an der UCLA School of Law (University of California, Los Angeles) von Lindsay Mahowald und Ari Shaw aus dem Jahr 2024 wertete für die USA aus, in welchen Regionen gleichgeschlechtliche Paare besonders häufig leben. Verglichen wurde das mit Klimarisiko-Daten der US-Raumfahrtbehörde NASA und der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA. Ergebnis: Alle 15 US-Bezirke mit dem höchsten Anteil gleichgeschlechtlicher Paare liegen an Küsten oder in Großstädten.

Steigt der Anteil gleichgeschlechtlicher Paare in einem Bezirk um einen Prozentpunkt, steigt laut der Studie das meteorologische Risiko wie Extremwetter und Hitzewellen im Durchschnitt um 17,17 Perzentile. Das Naturkatastrophenrisiko nach FEMA-Daten steigt um 6,13 Perzentile, die Belastung durch dichte Bebauung und schlechte Infrastruktur um 15,27 Perzentile. Washington, D.C., der Bezirk mit dem bundesweit höchsten Anteil gleichgeschlechtlicher Paare, liegt beim Hitzewellenrisiko im 97., beim Überschwemmungsrisiko im 95. und beim Sturmrisiko im 98. Perzentil.

15US-Bezirke mit dem höchsten Anteil gleichgeschlechtlicher Paare liegen alle an Küsten oder in Großstädten (Williams Institute, 2024)
17,17 Perzentilesteigt das meteorologische Risiko im Durchschnitt, wenn der Anteil gleichgeschlechtlicher Paare in einem Bezirk um einen Prozentpunkt steigt
6,13 Perzentilesteigt das Naturkatastrophenrisiko nach FEMA-Daten

Hinter den Zahlen steht kein Zufall, sondern eine nachvollziehbare Logik: Die Studie erklärt die Häufung nicht mit biologischen Unterschieden, sondern mit struktureller Diskriminierung. Queere Menschen ziehen historisch häufiger in tolerantere, urbane Räume, die zugleich dichter besiedelt, stärker versiegelt und dadurch anfälliger für Hitzeinseln, Überschwemmungen und Sturmschäden sind. Für Deutschland liegen bislang keine vergleichbaren regionalen Auswertungen vor. Das Muster einer indirekten, strukturell bedingten Mehrbelastung deckt sich aber mit dem, was der Begriff Environmental Justice beschreibt: Umweltlasten treffen meist die Gruppen am stärksten, die am wenigsten Mitspracherecht über ihre Verteilung hatten.

Praktische Relevanz: kreativer Widerstand statt reiner Theorie

Sandilands versteht queere Ökologie nicht nur als akademisches Analysewerkzeug, sondern als praktische Haltung. In einem Interview der York University beschreibt sie das Konzept als kreativen Widerstand gegen die Systeme, die die Klimakrise verursachen, konkret durch alternative Formen von Landnutzung und Eigentum sowie durch gegenseitige Unterstützungsnetzwerke, die auf informeller Nachbarschaftshilfe statt auf formalem Recht beruhen.

Solche Ansätze überschneiden sich mit verwandten Konzepten. Intersektionalität denkt verschiedene Diskriminierungsachsen wie Geschlecht, Sexualität, Klasse und Hautfarbe zusammen, Klimagerechtigkeit fordert, dass die Lasten der Klimakrise nicht dieselben Gruppen treffen, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben, und der Ökofeminismus, aus dem Sandilands selbst kommt, verbindet Naturausbeutung und Unterdrückung bereits seit den 1970er-Jahren miteinander, allerdings mit Fokus auf Geschlecht statt auf Sexualität. Der Begriff Klimarassismus wiederum lenkt den Blick auf eine weitere Machtachse, entlang derer sich Klimafolgen ungleich verteilen. Queere Ökologie liest all diese Fragen konsequent als Fragen nach Macht, nicht nach vermeintlich neutraler Natur.

Quelle: York University: An Introduction to Queer Ecology (Interview mit Catriona Sandilands) / York University, Faculty of Environmental and Urban Change: Profil Catriona Sandilands / Morton, T. (2010): Guest Column: Queer Ecology, PMLA 125(2), S. 273-282 / Sandilands, C. & Erickson, B. (Hrsg.) (2010): Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire, Indiana University Press / Giffney, N. & Hird, M. J. (Hrsg.) (2008): Queering the Non/Human, Ashgate / Bagemihl, B. (1999): Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity, St. Martin’s Press / Mahowald, L. & Shaw, A. (2024): Climate Change Risk for LGBT People in the United States, Williams Institute, UCLA School of Law

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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