- Bedeutung
- Rückgang von Insekten in Zahl, Biomasse oder Artenvielfalt
- Bekannteste Studie
- Krefeld-Studie (Hallmann et al., 2017), Naturschutzgebiete in Deutschland, 1989 bis 2016
- Wichtigster Streitpunkt
- Wie stark und wie überall der Rückgang weltweit ist
- Genannte Ursachen
- Verlust von Lebensräumen, Landwirtschaft und Pestizide, Licht, invasive Arten, Klimawandel
Einfach erklärt
Insektensterben bezeichnet den Rückgang von Insekten, gemessen in der Zahl der Tiere, in ihrer Gesamtmasse (Biomasse) oder in der Zahl der Arten. Gemeint sind nicht nur seltene Schmetterlinge, sondern auch Fluginsekten, die früher selbstverständlich waren. Der Begriff ist ein Sammelwort: Hinter ihm stehen viele Messreihen mit unterschiedlichen Methoden und teils unterschiedlichen Ergebnissen.
Insekten erfüllen Aufgaben, auf die Ökosysteme angewiesen sind. Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen organisches Material und dienen anderen Tieren als Nahrung. Nach der Auswertung von Ollerton et al. (2011) werden etwa 87,5 % der Blütenpflanzenarten von Tieren bestäubt, in den Tropen mehr als in gemäßigten Zonen. Bei Nutzpflanzen sieht das Bild gemischter aus: Klein et al. (2007) fanden für 87 der führenden Nahrungspflanzen eine Abhängigkeit von tierischer Bestäubung. Diese Pflanzen liefern aber nur 35 % der weltweit erzeugten Menge, 60 % stammen von Pflanzen ohne diese Abhängigkeit.
Insektensterben ist mit dem Artensterben verwandt, aber enger gefasst: Es betrachtet eine Tiergruppe, die sich über Fallen und Zählreihen vergleichsweise gut messen lässt. Der Eintrag zur Biodiversität beschreibt dagegen das größere Ganze.
Merke
Entscheidend ist, was gemessen wurde. Biomasse, Individuenzahl und Artenzahl können sich unterschiedlich entwickeln, und Studien gelten zunächst nur für ihre Gebiete und Zeiträume.
Ausführlich erklärt
Was die Krefeld-Studie gemessen hat
Die Studie von Hallmann et al. (2017) wertete Daten des Entomologischen Vereins Krefeld aus. Mit standardisierten Malaise-Fallen (zeltartigen Fangvorrichtungen für Fluginsekten) wurde zwischen 1989 und 2016 an 63 Orten in Naturschutzgebieten in Deutschland gefangen und die Masse des Fangs gewogen. Das ergibt 96 Kombinationen aus Ort und Jahr. Die Analyse schätzt einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um 76 % über die Saison und um 82 % im Hochsommer innerhalb von 27 Jahren, unabhängig vom Lebensraumtyp.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens wurde die Biomasse gemessen, nicht die Zahl der Arten. Zweitens ließ sich der Rückgang weder durch Wetter noch durch Landnutzung oder Lebensraummerkmale erklären, die Ursache blieb offen. Die Forschenden nennen die Intensivierung der Landwirtschaft, etwa durch Pestizide, als plausible Möglichkeit, konnten sie aber in ihren Daten nicht prüfen.
Was andere Untersuchungen zeigen
Seibold et al. (2019) werteten mehr als eine Million Gliederfüßer (rund 2.700 Arten) aus, erfasst zwischen 2008 und 2017 auf 150 Grünland- und 140 Waldflächen in drei Regionen Deutschlands. In jährlich beprobten Wiesen sanken Biomasse, Individuenzahl und Artenzahl um 67 %, 78 % und 34 %. Im Wald gingen Biomasse und Artenzahl um 41 % und 36 % zurück, die Individuenzahl nicht. Auffällig: Flächen in Landschaften mit mehr Ackerland verloren stärker. Der Rückgang war unabhängig von der Nutzungsintensität der einzelnen Fläche, trat also auch dort auf, wo vor Ort nicht intensiv gewirtschaftet wurde.
Weltweit ist das Bild uneinheitlicher. van Klink et al. (2020) werteten 166 Langzeiterhebungen an 1.676 Standorten aus. Landinsekten nahmen im Schnitt um etwa 9 % pro Jahrzehnt ab, Süßwasserinsekten legten um etwa 11 % pro Jahrzehnt zu. Beides wurde stark von Nordamerika und einigen europäischen Regionen bestimmt, die Trends schwankten selbst zwischen benachbarten Standorten stark, und in Schutzgebieten waren sie schwächer. Die Studie bestätigt also einen mittleren Rückgang an Land, nicht aber ein überall gleiches Muster.
Ursachen und der Streit um das Ausmaß
Eine Übersichtsarbeit von Sánchez-Bayo und Wyckhuys (2019) wertete 73 Berichte über Insektenrückgänge aus und nannte als wichtigste Treiber in dieser Reihenfolge: Verlust und Umwandlung von Lebensraum durch intensive Landwirtschaft und Verstädterung, Verschmutzung vor allem durch synthetische Pestizide und Dünger, biologische Faktoren wie Krankheitserreger und eingeschleppte Arten sowie den Klimawandel. Das Papier sprach auch von einem Aussterben von 40 % der Insektenarten in den kommenden Jahrzehnten. Diese Zahl ist umstritten: Komonen et al. (2019) halten die Schlussfolgerungen wegen methodischer Mängel für nicht belegt. Sie ist deshalb hier nicht als gesicherter Wert zu lesen.
Eine Gruppe von 25 Autorinnen und Autoren um Cardoso et al. (2020) nennt als Ursachen Lebensraumverlust, Zerstückelung und Verschlechterung, schädliche Stoffe, invasive Arten, Klimawandel und direkte Übernutzung. Owens et al. (2020) ergänzen künstliches Licht bei Nacht als wenig beachteten Faktor: Es stört nach ihrer Darstellung Entwicklung, Bewegung, Nahrungssuche und Fortpflanzung vieler Insektenarten, lässt sich aber vergleichsweise leicht verringern. Wie stark welcher Faktor wirkt, hängt von Region und Artengruppe ab. Meist wirken mehrere zusammen, etwa Flächenverlust durch Bodenversiegelung, der Einsatz von Pestiziden und der Klimawandel.
Was die Zahlen nicht sagen
Die deutschen Studien beschreiben Schutzgebiete und ausgewählte Flächen, nicht ganz Deutschland. Die Weltzahl von etwa 9 % pro Jahrzehnt ist ein Mittelwert über sehr unterschiedliche Trends. Nach van Klink et al. prägten Nordamerika und einige europäische Regionen den Mittelwert, und in Schutzgebieten fielen die Trends schwächer aus.
Was dagegen getan wird und wo Veränderung messbar ist
Hinweise auf Erholung gibt es, aber keine einfache Entwarnung. Süßwasserinsekten nahmen in der Metaanalyse von van Klink et al. (2020) im Schnitt zu. In den rechtlichen Rahmen sind einzelne Schritte eingeflossen: Nach § 30a des Bundesnaturschutzgesetzes ist in Naturschutzgebieten, Nationalparken und gesetzlich geschützten Biotopen der flächige Einsatz von Insektiziden aus der Gruppe der Biozidprodukte verboten, mit Ausnahmen aus Gesundheitsgründen. Auf EU-Ebene änderte die Kommission 2018 die Genehmigungsbedingungen der Neonikotinoide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam (Durchführungsverordnungen 2018/783, 2018/784 und 2018/785); für Imidacloprid darf behandeltes Saatgut seither nur noch in dauerhaft errichteten Gewächshäusern verwendet werden. Ob das den Rückgang an einzelnen Standorten bremst, ist mit diesen Quellen nicht gezeigt.
Der Rückgang ist gut genug belegt, um zu handeln, und zu ungleich verteilt, um ihn mit einer einzigen Zahl zu beschreiben.
Kerngedanke
Wichtig bleibt auch, wer entscheidet: Flächennutzung, Agrarpolitik und Beleuchtung sind politische Fragen. Das Thema Artenschutz beschreibt, wie sich solche Maßnahmen rechtlich und praktisch umsetzen lassen, und der Eintrag zur Artenvielfalt erklärt, was dabei verloren geht.
Quellen: Hallmann et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas, PLOS ONE 12 / Seibold et al. (2019): Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers, Nature 574 / van Klink et al. (2020): Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances, Science 368 / Sánchez-Bayo und Wyckhuys (2019): Worldwide decline of the entomofauna, Biological Conservation 232 / Komonen et al. (2019): Alarmist by bad design, Rethinking Ecology 4 / Cardoso et al. (2020): Scientists‘ warning to humanity on insect extinctions, Biological Conservation 242 / Owens et al. (2020): Light pollution is a driver of insect declines, Biological Conservation 241 / Ollerton et al. (2011): How many flowering plants are pollinated by animals?, Oikos 120 / Klein et al. (2007): Importance of pollinators in changing landscapes for world crops, Proceedings of the Royal Society B 274 / § 30a Bundesnaturschutzgesetz: Ausbringung von Biozidprodukten / Durchführungsverordnung (EU) 2018/783 (Imidacloprid)
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