- Bedeutung
- Boden wird luft- und wasserdicht abgedeckt, etwa durch Gebäude, Asphalt oder Beton
- Anteil in Deutschland
- Etwa 45 % der Siedlungs- und Verkehrsfläche sind versiegelt (UBA)
- Hauptfolgen
- Wasser versickert nicht, Verdunstungskühlung fällt aus, das Bodenleben stirbt ab
- Nicht dasselbe wie
- Flächenverbrauch: neu ausgewiesene Siedlungs- und Verkehrsfläche pro Tag
- Rechtlicher Hebel
- § 1a Abs. 2 BauGB: Versiegelung auf das notwendige Maß begrenzen
Einfach erklärt
Bodenversiegelung bedeutet, dass Boden luft- und wasserdicht abgedeckt wird: durch Gebäude, Beton, Asphalt, Pflaster oder andere Beläge. Regenwasser kann dann nicht oder nur erschwert versickern, und der Austausch von Gasen zwischen Boden und Atmosphäre ist gehemmt. So beschreibt es das Umweltbundesamt (UBA).
In Deutschland sind laut UBA etwa 45 % der Siedlungs- und Verkehrsfläche versiegelt, bezogen auf die gesamte Landesfläche rund 6,6 % (Stand 2023). Versiegelter Boden nimmt kein Regenwasser auf und füllt kein Grundwasser auf. Er kann auch kein Wasser verdunsten und kühlt deshalb im Sommer die Luft nicht, und Pflanzen fehlen als Schattenspender. In dicht versiegelten Stadtteilen entstehen so urbane Wärmeinseln. Unter einer dichten Decke geht außerdem das Bodenleben zugrunde, und mit ihm die natürliche Bodenfruchtbarkeit.
Oft wird Bodenversiegelung mit dem Flächenverbrauch gleichgesetzt. Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Der Flächenverbrauch beschreibt, wie viel Land täglich neu für Siedlung und Verkehr ausgewiesen wird: laut UBA im Durchschnitt 50 Hektar pro Tag von 2021 bis 2024. Versiegelt ist davon nur ein Teil, denn zur Siedlungs- und Verkehrsfläche zählen auch teilweise befestigte Frei- und Erholungsflächen.
Merke
Das Flächenziel der Bundesregierung für 2030 (unter 30 Hektar pro Tag) bezieht sich auf neu ausgewiesene Siedlungs- und Verkehrsfläche, nicht auf versiegelte Fläche. Versiegelt sind laut UBA etwa 45 % der Siedlungs- und Verkehrsfläche insgesamt.
Ausführlich erklärt
Was als versiegelt gilt
Nicht jede Befestigung versiegelt gleich stark. Gebäude und Asphalt dichten den Boden vollständig ab. Lose verlegte Platten, Pflaster oder wassergebundene Decken gelten als teilversiegelt, und gerade ihre Bewertung ist laut UBA mit Unsicherheit behaftet. Eine regelmäßige amtliche Erfassung des Versiegelungsgrads gibt es bislang nicht. Die Werte werden aus der Siedlungs- und Verkehrsfläche geschätzt, nach der Faustregel: Je dichter eine Region besiedelt ist, desto höher ist der Anteil versiegelter Fläche.
Im Stadtstaat Berlin sind etwa 70 % der Verkehrsfläche versiegelt, im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern etwa 50 %. Verkehrsflächen sind insgesamt zu 50 bis 70 % versiegelt, und ihr stetiges Wachstum treibt die Zunahme versiegelter Flächen vor allem an.
Zur Datenlage
Alle Zahlen zur Versiegelung sind Schätzungen. Für 2024 liegen für Nordrhein-Westfalen keine neuen Werte vor, deshalb beziehen sich die Gesamtwerte für Deutschland auf 2023.
Die Daten zu Hitze und sozialer Lage weiter unten stammen aus den USA.
Wie viel Boden in Deutschland versiegelt ist
Ende 2024 wies die amtliche Flächenstatistik 52.266 Quadratkilometer Siedlungs- und Verkehrsfläche aus, das sind 14,6 % der Landesfläche. Ende 1992 waren es 38.669 Quadratkilometer, also 11,5 %. Die versiegelte Fläche wuchs von 1992 bis 2023 um insgesamt 5.594 Quadratkilometer, von 5,3 % auf 6,57 % der Landesfläche.
Das Tempo sank. Von 1993 bis 1996 wuchs die versiegelte Fläche um 201,6 Quadratkilometer pro Jahr, von 2021 bis 2024 um 61,5 Quadratkilometer pro Jahr (für Nordrhein-Westfalen gilt der Zeitraum 2020 bis 2023). Das entspricht rechnerisch etwa 17 Hektar pro Tag. Die oft genannte, größere Zahl meint etwas anderes: Neu für Siedlung und Verkehr ausgewiesen wurden von 2021 bis 2024 im Schnitt 50 Hektar pro Tag.
Politische Ziele gibt es für den Flächenverbrauch. Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie nennt für 2030 weniger als 30 Hektar pro Tag, das Integrierte Umweltprogramm 2030 des Bundesumweltministeriums 20 Hektar pro Tag. Spätestens 2050 soll der Übergang zur Flächenkreislaufwirtschaft gelingen, also zu einer Netto-Null bei der Neuinanspruchnahme. Der aktuelle Wert liegt deutlich darüber.
Folgen für Wasser, Klima und Boden
Das UBA nennt mehrere Folgen. Regenwasser versickert schlechter und füllt die Grundwasservorräte nicht auf. Bei starkem Regen können Kanalisation und Gewässer die oberflächlich abfließenden Wassermassen nicht fassen, das Risiko örtlicher Überschwemmungen steigt. Das Kleinklima leidet, weil versiegelte Böden kein Wasser verdunsten und Pflanzen als Verdunster und Schattenspender ausfallen.
Dazu kommt der Verlust an Bodenfunktionen. Das Bundes-Bodenschutzgesetz zählt zu den natürlichen Funktionen des Bodens unter anderem den Lebensraum für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen sowie die Rolle im Wasser- und Nährstoffkreislauf. Mehrere davon sind unter einer dichten Decke stark eingeschränkt. Eine Übersichtsarbeit (Tobias und weitere, 2018, Land Degradation & Development) bezeichnet Versiegelung für Siedlung und Infrastruktur als die intensivste Form der Landdegradation, die alle Ökosystemleistungen betrifft.
Weil Hitze, Starkregen und Trockenheit zusammen auftreten, setzt das UBA auf das Konzept der Schwammstadt: Eine Stadt soll überschüssiges Wasser aufnehmen, speichern und es durch Verdunstung, Versickerung oder Wiedernutzung verzögert abgeben. Die Nationale Wasserstrategie der Bundesregierung sieht darin einen Weg zu einer klimaangepassten Flächennutzung im städtischen Raum.
Entsiegelung hilft, ersetzt aber keinen Schutz
Versiegelung ist laut UBA nur schwer und mit hohen Kosten wieder zu beseitigen. Auch nach einer Entsiegelung bleibt die natürliche Struktur des Bodens gestört, häufig bleiben Reste wie Beton- oder Asphaltbrocken, Kunststoffsplitter oder Schadstoffe zurück. Eine neue Bodenfauna bildet sich nur über längere Zeiträume, die natürliche Fruchtbarkeit lässt sich oft nicht in der früheren Qualität wiederherstellen.
Die Forschung bestätigt das: Laut Tobias und weiteren sind die Folgen der Versiegelung weit besser untersucht als die Voraussetzungen erfolgreicher Entsiegelung. In einer Fallstudie entwickelten sich die physikalischen Eigenschaften eines rekultivierten Ackerbodens innerhalb von 15 Jahren günstig für das Pflanzenwachstum. Entsiegelte Böden sind aber vom Menschen geprägte Böden mit geringerer Vielseitigkeit. Renaturierung und Entsiegelung bleiben wichtig, besonders auf aufgegebenen Industrieflächen, sie sind aber der zweitbeste Weg.
Natürlichen Boden vor dem Versiegeln zu schützen, ist besser, als ihn später zu entsiegeln.
Kerngedanke
Wer besonders betroffen ist
Hitze trifft nicht alle gleich. Eine Studie in Nature Communications (Hsu und weitere, 2021) verglich die zusätzliche sommerliche Hitzebelastung in bebauter Umgebung mit Bevölkerungsdaten der 175 größten städtischen Gebiete der kontinentalen USA. In allen bis auf sechs dieser Gebiete lebt die durchschnittliche Person of Color in einem Stadtviertel mit höherer Belastung als die durchschnittliche nicht-hispanische weiße Person. Ähnlich ist es bei Haushalten unter der Armutsgrenze im Vergleich zu Haushalten mit mehr als dem Doppelten.
Für Deutschland lässt sich daraus kein gleiches Ergebnis ablesen. Das UBA führt Gerechtigkeit in der Schwammstadt als eigenes Forschungsfeld. Die Frage, wer von Hitze und Überflutung betroffen ist und wer vom Schutz profitiert, gehört zur Debatte um Environmental Justice.
Recht und Politik
Das Baugesetzbuch verlangt von Kommunen, mit Grund und Boden sparsam und schonend umzugehen und Bodenversiegelungen auf das notwendige Maß zu begrenzen (§ 1a Abs. 2 BauGB). Nach § 179 BauGB kann eine Gemeinde Eigentümerinnen und Eigentümer unter bestimmten Voraussetzungen verpflichten, einen Rückbau oder eine Entsiegelung zu dulden. Für Entwürfe von Bauleitplänen gilt laut § 3 BauGB eine Veröffentlichung im Internet für mindestens 30 Tage, in dieser Zeit sind Stellungnahmen möglich.
Auf EU-Ebene ist die Richtlinie zur Bodenüberwachung (Soil Monitoring Law) am 16. Dezember 2025 in Kraft getreten. Sie behandelt unter anderem Bodenversiegelung und verpflichtet die Mitgliedstaaten, die Bodengesundheit zu überwachen und zu bewerten. Die Frist zur Umsetzung in nationales Recht endet am 16. Dezember 2028. Das Gesetz schafft zunächst einen Überwachungsrahmen, seine Wirkung auf die Versiegelung bleibt abzuwarten.
Was du tun kannst
- Schau in die Bekanntmachungen deiner Gemeinde und lies Entwürfe von Bebauungsplänen. Sie stehen nach § 3 BauGB mindestens 30 Tage im Internet, und du kannst in dieser Zeit eine Stellungnahme abgeben.
- Frage in der Stellungnahme, ob die Innenentwicklung geprüft wurde und warum die Versiegelung nötig ist. Beides verlangt § 1a Abs. 2 BauGB.
- Prüfe bei deiner Gemeinde, ob sie Abwassergebühren nach versiegelter Fläche berechnet. Laut UBA erheben viele Gemeinden dafür die Versiegelung von Baugrundstücken.
- Bringe Entsiegelung und Schwammstadt in den Ortsbeirat oder Gemeinderat, etwa für Parkplätze und Schulhöfe, und frage dort nach Förderprogrammen.
Quellen: UBA: Bodenversiegelung / UBA: Siedlungs- und Verkehrsfläche / UBA: Schwammstadt / § 1a BauGB / § 3 BauGB / § 179 BauGB / § 2 BBodSchG / Tobias et al. (2018): Soil sealing and unsealing / Hsu et al. (2021): Disproportionate exposure to urban heat island intensity / Europäische Kommission: Soil Monitoring Law / EU Mission Soil Platform: Amtsblatt
Wie das unsichtbare Leben im Boden direkt mit dem Klima zusammenhängt: Lebendiger Boden: Wie das unsichtbare Mikroleben unter unseren Füßen das Klima schützt.
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