- Bedeutung
- Kontrollierte Aufzucht von Fischen, Krebstieren, Muscheln und Algen in Gewässern
- Weltweit 2024
- 103 Millionen Tonnen Wassertiere und 40 Millionen Tonnen Algen aus Zucht
- Wachstum
- Anteil an der Tierproduktion im Wasser: 4 bis 5 Prozent (1950 bis 1970), 53 Prozent (2024)
- Kernproblem
- Futter für gefütterte Arten wie Lachs enthält zum Teil Fischmehl und Fischöl aus Wildfang
- Nicht gemeint
- Der Fang in freier Natur (Fangfischerei)
Einfach erklärt
Aquakultur bezeichnet die kontrollierte Aufzucht von Wassertieren und Algen. Dazu zählen Karpfen in Teichen, Lachse in Netzkäfigen im Meer, Garnelen in Becken an der Küste, Muscheln an Leinen und Seetang in Flachwasserfeldern. Anders als beim Fang in freier Natur werden die Tiere gezielt vermehrt, gefüttert und geerntet, ähnlich wie Nutztiere an Land.
Der Sektor ist stark gewachsen. Nach dem Welternährungsbericht zur Fischerei der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO (SOFIA 2026) lieferte die Zucht 2024 erstmals mehr als 100 Millionen Tonnen Wassertiere. Das sind 53 Prozent der gesamten Tierproduktion im Wasser. Die Fangfischerei liegt seit Ende der 1980er Jahre stabil zwischen 86 und 94 Millionen Tonnen im Jahr. Fast das gesamte Wachstum der letzten Jahrzehnte kam also aus der Zucht.
Oft heißt es, Aquakultur entlaste die Meere. Das stimmt nur zum Teil. Muscheln und Algen brauchen kein zugefüttertes Futter, Raubfische wie Lachs dagegen erhalten Futter, das teilweise aus Fischmehl und Fischöl besteht. Beides wird aus wild gefangenen Schwarmfischen hergestellt. Der Druck auf die Meere verschiebt sich dann, statt zu verschwinden. Wie groß dieser Effekt ist, hängt stark von der Art, dem Land und dem Futter ab.
Merke
Aquakultur ist kein einheitliches System. Muschel- und Algenzucht kommt ohne Futter aus, Lachszucht ist auf Futter angewiesen, das zum Teil aus wild gefangenem Fisch besteht.
Ausführlich erklärt
Wie groß die Aquakultur heute ist
Laut FAO (SOFIA 2026) erreichte die Zucht von Wassertieren und Algen 2024 zusammen 142 Millionen Tonnen. Davon waren 103 Millionen Tonnen Wassertiere. Sie machten 53 Prozent der Tierproduktion im Wasser aus und mehr als 59 Prozent der Wassertiere, die als Nahrung für Menschen dienten. Hinzu kamen 40 Millionen Tonnen Algen, von denen 97 Prozent aus Zucht stammten.
Von 1950 bis 1970 lag der Anteil bei nur 4 bis 5 Prozent der Tierproduktion im Wasser. Nach der Ausgabe 2026 übertraf die Zucht den Fang erstmals im Jahr 2021. Die Ausgabe 2024 hatte dafür noch 2022 genannt, die Datenreihe wurde also nachträglich überarbeitet.
Die Produktion ist weltweit ungleich verteilt. Rund 89 Prozent der Zuchttiere stammen aus Asien, die fünf größten Erzeugerländer liefern zusammen 82 Prozent. Knapp zwei Drittel (63 Prozent) werden im Süßwasser erzeugt, der Rest im Meer und an der Küste. Afrika spielt bisher eine kleine Rolle, obwohl die FAO dort großes ungenutztes Potenzial sieht.
Mit Futter oder ohne
Für die Folgen kommt es darauf an, was die Tiere fressen. Die FAO unterscheidet gefütterte und nicht gefütterte Zucht. Zu den nicht gefütterten Arten zählen vor allem Muscheln und bestimmte Karpfen, die sich ohne zugegebenes Futter ernähren. Die Ausgabe 2026 beschreibt diese Zucht als in der Regel ökologisch günstiger, weil sie wenig Zusätze braucht, wenig Abfall erzeugt und das Wasser sogar filtert.
Der Anteil der nicht gefütterten Arten an den Zuchttieren sank trotz wachsender Mengen von 28,3 Prozent im Jahr 2022 auf 27,9 Prozent im Jahr 2024. Gefütterte Zucht wächst also schneller. Zu ihr gehören Raubfische wie der Atlantische Lachs. Mit ihr wächst auch der Bedarf an Futtermitteln.
Fischmehl und Fischöl im Futter
Fischmehl ist ein Pulver aus gemahlenen Fischen oder Fischteilen, Fischöl wird aus gekochtem Fisch gepresst. Beide Zutaten gelten als besonders nährstoffreich, Fischöl ist zudem eine Hauptquelle langkettiger Omega-3-Fettsäuren. Die FAO schätzt für 2024, dass mehr als 90 Prozent des Fischmehls und etwa 64 Prozent des Fischöls in der Aquakultur verwendet wurden.
Zwei Entwicklungen bremsen den Druck auf die Wildbestände. Erstens bleibt die Produktion von Fischmehl und Fischöl seit Mitte der 2000er Jahre stabil, bei rund 5 Millionen Tonnen Fischmehl und 1 Million Tonnen Fischöl im Jahr. Zweitens stammten 2024 laut FAO etwa 34 Prozent des Fischmehls und 54 Prozent des Fischöls aus Resten der Fischverarbeitung. Der Anteil von Fischmehl und Fischöl im Futter sinkt, weil Getreide, Soja und andere Zutaten sie ersetzen. In Aufzuchtfutter für Atlantischen Lachs liegt er laut FAO (SOFIA 2024) oft unter 10 Prozent.
Das heißt nicht, dass das Problem gelöst wäre. Die FAO weist darauf hin, dass der Großteil des Fischmehls aus Ganzfischen zwar aus gut verwalteten Fischereien stammt, es in einigen Ländern aber Sorgen um die Nachhaltigkeit gibt.
Das Beispiel Westafrika
Die FAO nennt dafür ausdrücklich westafrikanische Länder. Dort werden zunehmend Fänge zu Fischmehl für den Export verarbeitet. Das konkurriert mit der traditionellen Nutzung als Nahrung vor Ort, erhöht ohne gutes Fischereimanagement den Druck auf die Bestände und schadet laut FAO der Ernährungssicherheit und den Lebensgrundlagen (SOFIA 2024, mit Verweis auf Thiao und Bunting 2022).
Die FAO-Studie von Thiao und Bunting untersuchte neun Länder südlich der Sahara mit Interviews und Gruppendiskussionen. Das Ergebnis: Fischmehl und Fischöl werden überwiegend exportiert und bringen Regierungen und Beschäftigten entlang der Lieferkette Einnahmen. Zugleich sahen die Befragten darin eine Bedrohung für Einkommen und Ernährungssicherheit der örtlichen Gemeinschaften. Wichtige Abnehmer von Fischmehl aus Mauretanien, Senegal, dem Kongo und Gambia sind China, die Türkei und Vietnam. Beim Fischöl sind es häufig europäische Länder. Nach der Bestandsbewertung, die die Studie zitiert, gelten die Sardinella und die Bonga vor Nordwestafrika als überfischt.
Nach Angaben der Organisation Essen mit Zukunft hat sich die registrierte Fangmenge von Schwarmfischen an den westafrikanischen Küsten in 25 Jahren mehr als verdoppelt, von 1,2 auf 2,7 Millionen Tonnen im Jahr. Die Organisation schätzt außerdem, dass in der Region etwa 40 Prozent des Gesamtfangs aus illegaler, nicht gemeldeter oder nicht regulierter Fischerei stammen. Beide Zahlen stammen aus einer Sekundärquelle. Zur Einordnung von Überfischung und zu den rechtlichen Mitteln auf hoher See hilft der Eintrag zum UN-Hochseeabkommen.
Wer trägt die Folgen
In Ländern mit niedrigem Einkommen gehören Wassertiere laut FAO zu den günstigsten und am leichtesten erreichbaren Quellen für hochwertiges Eiweiß. Nach der Ausgabe 2026 liefern Wassertiere in Afrika rund 19 Prozent des tierischen Eiweißangebots, aber die verfügbare Menge pro Kopf liegt dort weit unter dem weltweiten Durchschnitt. Fischmehl für Zuchtfische in anderen Weltregionen steht damit im Spannungsfeld zur örtlichen Versorgung. Das gehört zu den Fragen der Ernährungssouveränität und der Umweltgerechtigkeit, denn die Vorteile der Zucht und die Lasten der Futtergewinnung fallen oft an verschiedenen Orten an.
Auch bei den Arbeitsbedingungen lohnt der Blick. In Fischerei und Aquakultur arbeiteten 2024 etwa 65 Millionen Menschen im Primärsektor. Frauen stellten 27 Prozent der Beschäftigten in der Erzeugung und 56 Prozent in der Verarbeitung, wobei der zweite Wert Bangladesch nicht einschließt (mit Bangladesch sind es 28 Prozent). Die FAO nennt in der Ausgabe 2024 weiterhin Lohnunterschiede, mangelnde Anerkennung der Arbeit von Frauen und geschlechtsspezifische Gewalt.
Ob Aquakultur die Meere entlastet, entscheidet sich nicht bei der Zucht selbst, sondern beim Futter und bei der Frage, wer den Fisch am Ende essen darf.
Kerngedanke
Tierethische und ökologische Fragen
Aquakultur ist inzwischen mehr als die Hälfte der Tierproduktion im Wasser. Damit stellen sich auch Fragen nach dem Wohl der gehaltenen Tiere, nach Besatzdichte, Wasserqualität und Krankheiten, vergleichbar mit der Debatte um Massentierhaltung an Land. Grundsätzliche Fragen behandelt der Eintrag zur Tierethik.
Was der Begriff nicht sagt
Aquakultur ist nicht per se schädlich oder per se nachhaltig. Der Begriff beschreibt eine Produktionsweise, keine Qualität. Die Wirkung hängt von Art, Standort, Futter und Management ab. Auch ein hoher Anteil an der Produktion sagt nichts darüber, ob Menschen in ärmeren Regionen davon satt werden: Die FAO betont selbst, dass der Zugang zu Wassertieren ungleich verteilt ist.
Was du tun kannst
- Beim Kauf auf Art und Herkunft achten: Nicht gefütterte Arten wie Muscheln und bestimmte Karpfen gelten laut FAO als ökologisch günstiger als gefütterte Raubfische wie Lachs.
- Bei Siegeln nachsehen, was sie genau zusichern, zum Beispiel zur Herkunft des Futters, und im Zweifel beim Anbieter nachfragen.
- Pflanzliche Alternativen zu Fisch und Meeresfrüchten ausprobieren, vor allem als Ersatz für Produkte mit hohem Futterbedarf. Mehr dazu unter pflanzliche Ernährung.
Quellen: FAO (2026): The State of World Fisheries and Aquaculture 2026 (Volltext gelesen, abgerufen 15.10.2026) / FAO (2024): The State of World Fisheries and Aquaculture 2024 (Volltext gelesen, abgerufen 15.10.2026) / Thiao, D. und Bunting, S. W. (2022): Socio-economic and biological impacts of the fish-based feed industry for sub-Saharan Africa. FAO Fisheries and Aquaculture Circular Nr. 1236 (Volltext gelesen) / Essen mit Zukunft: Fischverfügbarkeit und Überfischung in Westafrika (Sekundärquelle für die Fangmenge der Schwarmfische und den Anteil illegaler Fischerei; die zugrunde liegenden Studien wurden nicht geprüft)
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